Jørn Andersen im Interview

»Ich bin kein Karnevalist«

Überaus erfolgreich trat Jørn Andersen diese Saison bei Mainz 05 die Nachfolge von Jürgen Klopp an. Ein Gespräch über den langen Schatten seines Vorgängers, Verkleidungen an Karneval und den Job als Co-Trainer von Joachim Löw. Jørn Andersen im InterviewImago

Herr Andersen, Sie leben in der Karnevalsstadt Mainz. Als was haben Sie sich am 11.11. verkleidet?

Ich war als gar nichts verkleidet. Wissen Sie, ich bin kein großer Karnevalist – aber irgendwann werde ich mich in Mainz auch dazu bekennen müssen, das ist mir klar. Wenn der Zeitpunkt stimmt, dann werde ich auch zum Karneval gehen. Im Moment ist mir Fußball aber wichtiger.

Und als was werden Sie sich verkleiden, wenn es soweit ist?

Das weiß ich jetzt noch nicht. Aber ich werde mich so verkleiden, dass mich niemand erkennen wird. (lacht)

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Ihre Mannschaft steht nach 16 Spieltagen an der Tabellenspitze der 2. Bundesliga. Viel besser hätte es für Mainz 05 doch auch unter Ihrem Vorgänger Jürgen Klopp nicht laufen können, oder?

Das ist natürlich schwer zu beantworten. (überlegt) Wir sind froh, dass wir nun schon einige Spieltage an der Tabellenspitze stehen – und wir werden diese Position verteidigen.

Man las, Sie hätten vor der Saison auf ein Angebot des FSV gehofft. Warum wollte Jørn Andersen unbedingt nach Mainz?

Ich dachte einfach, dass ich nach Mainz passen könnte. Es war ja auch nicht so, dass ich um alles in der Welt nach Mainz wollte, die Konstellation hat es schließlich so ergeben. Nach der Zeit mit Jürgen Klopp suchte der Verein einen neuen Trainer – und ich war da.

Warum passt der Anti-Karnevalist Jørn Andersen ausgerechnet nach Mainz?

Ich habe eine ähnliche Denk- und Arbeitsweise wie Jürgen Klopp.

Jeder wusste: Wenn Jürgen Klopp den Verein einmal verlässt, würde es sein Nachfolger schwer haben. Hat Ihnen die Ähnlichkeit zu Jürgen Klopp diese besondere Situation womöglich erleichtert?

Die »besondere Situation«, von der Sie sprechen, hat es in Mainz eigentlich nie gegeben, die wurde in den Medien doch künstlich erschaffen. Ich weiß, was ich kann, und ich bin selbstbewusst genug, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich habe bei der Mannschaft sofort meine Philosophie von Fußball anwenden können und offensiv spielen lassen. Das ist mir doch auch ganz gut gelungen, oder?

Gewiss. Trotzdem war Jürgen Klopp über viele Jahre so etwas wie das Gesicht des Vereins.

Ich wusste natürlich, dass Jürgen Klopp in Mainz eine Legende ist, aber irgendwann musste doch auch er einmal aufhören. Er hat sich jetzt eben für einen besseren Job entschieden, zumindest von den Leistungsbedingungen her. Robin Dutt hat die Nachfolge von Volker Finke doch auch sehr gut hinbekommen. Ich kenne das Geschäft nun schon so lange. Als Spieler und als Trainer habe ich fast jede Situation im Fußball mitgemacht. Ich habe hier in Mainz immer versucht, mein Bestes zu geben, das ist mir nie schwer gefallen.

Können Sie sich vorstellen, ähnlich lange in Mainz zu bleiben?

Das ist eine böse Frage, die ich jetzt noch nicht beantworten mag. (lacht) Aber bis jetzt gefällt es mir sehr gut in Mainz.

Über die Jahre hat Jürgen Klopp gewisse Strukturen im Verein geschaffen. Was haben Sie davon bewusst übernommen?

Der gesamte Verein hat in den letzten Jahren sehr gut gearbeitet, ich kann davon im Moment nur profitieren.

Haben Sie Dinge auch bewusst aufgebrochen oder abgeschafft, die unter Jürgen Klopp wichtig waren?

Nein.

Jürgen Klopp…

Sie sprechen die ganze Zeit nur von Jürgen Klopp. (etwas verstimmt) Seine Zeit in Mainz gehört nun erst einmal der Vergangenheit an. Diese ganzen Vergleiche und Unterschiede haben wir hier in Mainz schon vor drei, vier Monaten abgehakt. Lassen Sie uns lieber über Jørn Andersen und seine Mannschaft reden.

Jørn Andersen, Sie galten als Trainer lange als unbeschriebenes Blatt. Können Sie sich erklären, warum Sie all die Jahre augenscheinlich unterschätzt wurden?

Es ist für einen jungen Trainer immer schwer, in das Trainerkarussell der Bundesliga zu kommen. Man muss am Anfang seiner Karriere gut ankommen, Resultate bringen. Ohne die Anstellungen bei meinen vorigen Vereinen hätte ich den Job in Mainz niemals bekommen. Die Verantwortlichen haben meine Arbeit in Oberhausen, Gladbach und Offenbach geschätzt und sich erst daraufhin entschieden, mich zu verpflichten.

Nach der WM 2006 waren Sie auch als Co-Trainer von Bundestrainer Joachim Löw im Gespräch. Das wäre doch ein Traumjob für Sie gewesen, oder nicht?

Zum damaligen Zeitpunkt dieser Spekulationen wäre das natürlich eine attraktive Aufgabe für mich gewesen, keine Frage. Warum es letztendlich nicht geklappt hat, weiß ich aber bis heute nicht. Im Nachhinein muss ich jedoch sagen: Jørn Andersen arbeitet lieber als Klubtrainer.

Sehen Sie sich auf Augenhöhe mit Trainern wie Jürgen Klopp oder Joachim Löw?

Nein, natürlich nicht. Ich muss mich erst einmal beweisen – und dafür habe ich ja noch Zeit.

Vergangene Saison sind Sie mit Offenbach aus der 2. Liga abgestiegen. Hatten Sie keinen Bammel vor der Übernahme eines ambitionierten Zweitligisten?

Wenn man mit besseren Leuten arbeitet, kann man auch bessere Resultate erzielen. Wir haben in Mainz eine absolut zweitligataugliche Mannschaft.

Sie haben den Aufstieg in die  1. Liga offensiv als Ziel verkündet. Aus innerster Überzeugung? Oder war auch etwas Taktik dabei, um die Fans optimistisch zu stimmen?

Mainz 05 gehört nach wie vor zu fünf, sechs anderen Vereinen, die um den Aufstieg mitspielen werden. Wir haben aber nie gesagt, wir müssen aufsteigen. Wir wollen aufsteigen.

An der Kabinenwand hängt Ihr Motto: »Es ist egal, wer spielt, Hauptsache, die Mannschaft gewinnt.«

Das war das Motto einer meiner Spieler, er sprach mir damit aus der Seele.

Wie schaffen Sie es, dass dieser Satz zum Motto all Ihrer Spieler wird?

Das ist natürlich eine meiner schwersten Aufgaben als Trainer. Jeder Mensch ist anders. Ich bin in meinem Beruf gleichzeitig Psychologe, Mental- und Motivationstrainer. Ich muss mich jeden Tag aufs Neue mit den Spielern beschäftigen, die dieses Motto noch nicht verinnerlicht haben.

Das Motto ordnet sich dem Leistungsprinzip unter?

Ich bin jedem Spieler gegenüber korrekt. Bei mir zählt allein die Leistung, das wissen die Spieler. Der gesunde Konkurrenzkampf ist enorm wichtig für unseren Leistungsdruck. Nur die Mannschaft zählt, nicht der Einzelne.
 
Jørn Andersen, Sie sagen von sich selbst, Sie müssen sich erst noch beweisen. Was haben Sie sich diese Saison von Ihren Trainerkollegen in der Bundesliga bereits abschauen können?

Ich habe nichts von anderen lernen können. Wie jeder andere Trainer habe auch ich meine eigene Linie – und so versuche ich zu arbeiten.

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