Jonathan Akpoborie im Interview

»Ich verkaufe keine Kinder«

2001 stand Jonathan Akpoborie unter dem Verdacht mit Kindersklaven zu handeln. Bis heute konnte dem Ex-Bundesligastar nichts bewiesen werden. Jetzt erscheint ein Film, der Akpobories Geschichte nachgeht. Wir sprachen mit ihm. Jonathan Akpoborie im InterviewImago

Lange Zeit machte Jonathan Akpoborie in der Bundesliga lediglich als ausgebuffter Torjäger von sich reden. Zwischen 1990 und 2002 spielte er zwölf Jahre lang in Deutschland, unter anderem für den VfL Wolfsburg, Hansa Rostock und den VfB Stuttgart. Bis die Karriere im April 2001 plötzlich unterbrochen wurde: An Bord eines Passagierschiffs, das der nigerianische Stürmer gekauft hatte, wurden 43 Kinder gefunden, von denen mehrere nach ihrer Ankunft im westafrikanischen Benin als Kindersklaven verkauft werden sollten. Die Medien und sein damaliger Arbeitgeber, der VfL Wolfsburg, sahen Akpobories Schuld schnell als erwiesen an – der Nigerianer wurde entlassen, obwohl ihm bis heute keine Verbindung zum Kinderhandel bewiesen werden konnte. In dem Film »Das Schiff des Torjägers«, der ab Dezember im Kino läuft, gibt die Schweizer Regisseurin Heidi Specogna dem mittlerweile 42-Jährigen nun die Möglichkeit seine Version der Geschichte zu erzählen.

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Jonathan Akpoborie, 2001 warf man Ihnen vor, dass auf Ihrem Schiff Kindersklaven transportiert werden. Wie oft werden Sie noch auf die Geschehnisse von damals angesprochen?

In meiner Heimatstadt Lagos sagen die Leute auf der Straße immer noch, dass ich Kinder verkaufe. Ich versichere Ihnen, dass mein Film nicht nur in Afrika hohe Wellen schlagen wird.

Am 2. Dezember 2010 kommt »Das Schiff des Torjägers« in die Kinos, der sich mit den damaligen Vorfällen beschäftigt. Sie haben an dem Film mitgewirkt. Warum?

Als mich das Filmteam um Heidi Specogna (die Regisseurin des Films, d. Red.) zum ersten Mal kontaktiert hat, habe ich weder zugestimmt noch abgesagt. Ich habe einfach ein wenig abgewartet. Ich war etwas vorsichtig, als sie zu mir kamen, denn sie waren die Ersten, mit denen ich über die ganze Geschichte gesprochen habe. Ein Freund hat mich dann überredet: »Junge, es ist Zeit, dass du mit jemandem über die Sache redest.«

Hatten Sie Angst, dass Ihre Geschichte falsch erzählt wird?

Am Anfang wusste ich nicht genau, was mich erwartet. Aber ich hatte das Gefühl, dass eigentlich nichts schiefgehen konnte, denn ich kannte die Wahrheit schon.

Haben Sie mit dem Film jetzt eine Möglichkeit Ihre Seite der Geschichte zu präsentieren?

Ganz genau. Er ist die Plattform, die ich benötigt habe, um meine Fakten zu präsentieren. Die Berichterstattung wurde damals sehr von den Berichten von UNICEF geprägt. Und diese Berichten entsprachen schlicht nicht der Wahrheit.

Was meinen Sie damit?

Sie haben behauptet, dass mein Schiff 250 Kinder transportiert hat, die in die Sklaverei verkauft werden sollten. UNICEF hatte aber keine Fakten. Sie haben sich diese Geschichte einfach ausgedacht.

Waren Sie für UNICEF nur ein willkommener Name um das Thema publik zu machen?

Absolut. Sie haben meinen Namen benutzt um das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen.

Trotz allem befanden sich an Bord des Passagierschiffs, das Sie 1998 gekauft hatten, 43 Kinder ohne Eltern. Wie erklären Sie sich das?

Ich hatte damals überhaupt keine Zeit, mich mit den Details zu beschäftigen. Mein Geschäft war es, die Passagiere  von A nach B zu transportieren. Dafür haben sie gezahlt. Wenn ein Vater seinem Kind eine Karte kauft, kann ich nicht sicherstellen, das der Erwachsene auch mitreist. Und als Dienstleister kann und darf ich nicht sagen, dass sie nicht mitfahren dürfen, denn sie haben ja gezahlt. Für alles andere bin ich nicht verantwortlich. Mein Schiff sollte sie sicher von Benin nach Gabun (Staaten an der Westküste Afrikas, d. Red.) bringen. Und das ist geschehen.



Nach den Vorwürfen von UNICEF hat Sie Ihr damaliger Arbeitgeber, der VfL Wolfsburg, entlassen. Stimmt es, dass Ihnen am Telefon gekündigt wurde?

Nein. Das haben natürlich meine Anwälte geregelt, nachdem der Verein und ich lange über das Thema geredet hatten. Ich wollte nicht weg. Wolfsburg hat mir und meiner Familie gut gefallen. Aber die sportliche Leitung und Volkswagen haben sich um meine Person gestritten. Volkswagen hatte Angst vor der schlechten PR.

Sie denken, dass Volkswagen die treibende Kraft hinter der Auflösung ihres Vertrags war?

Sicherlich. Daran besteht für mich überhaupt kein Zweifel. Wenn Volkswagen nicht gewesen wäre, hätte der Klub sicherlich eine andere Lösung gefunden. Die Verantwortlichen hätten mir mehr Zeit gegeben zu recherchieren, um meine Seite der Geschichte darzustellen.

Was haben sie Ihren Mannschaftskameraden Ihnen zum Abschied gesagt?

Das ist der Teil, der bis heute weh tut. Am Ende ging alles so schnell, dass ich nicht mehr die Möglichkeit hatte mich zu verabschieden. Ich habe Wolfsburg quasi über Nacht verlassen.

Warum?

Mir lag ein Angebot aus Saarbrücken vor und die Saison war kurz vor dem Start. Die Mannschaft von Wolfsburg war gerade unterwegs und noch bevor sie wieder in der Stadt waren, war ich weg.

War es schwierig einen neuen Klub zu finden?

Es war nicht einfach. Um meinen Hals hing damals ein großes Schild mit der Aufschrift »Sklavenhändler«.  Selbst wenn ich zehn Tore in einem Spiel geschossen hätte, wäre es für mich schwierig gewesen einen neuen Klub zu finden.

Wie haben Sie dann Ihren Vertrag in Saarbrücken bekommen?

Das habe ich meiner damaligen Agentur zu verdanken. Die haben Tag und Nacht für mich gearbeitet, haben alle Presseanfragen bearbeitet, die Sache mit Wolfsburg geregelt und mir einen neuen Klub gesucht. All die Dinge also, für die ich damals keine Zeit hatte, weil ich in Afrika war, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen.

Im Film werden zwei Kinder vorgestellt, die damals an Bord Ihres Schiffs waren. Deren Eltern haben diese Kinder alleine ins Ausland geschickt, damit sie Geld für die Familie verdienen konnten. Sie haben deren ungewisse Zukunft mit der Situation junger Fußballer verglichen. Wo sind die Parallelen?

Es ist natürlich nicht dasselbe, denn der Fußball ist ein Riesengeschäft und die Kinder waren viel jünger, als ich es damals war (Akpoborie war 18, als er in die USA ging, d. Red.). Aber in Afrika gibt es heutzutage so viele reiche Menschen, die denselben schwierigen Weg wie diese Kinder gegangen sind. Daher denke ich: Man hätte ihnen eine Chance geben sollen.

Hatten diese Kinder wirklich die Chance auf ein besseres Leben, wie Sie damals als Fußballer?

Die Chancen stehen 50:50. Man kann immer an die falschen Leute geraten. Als ich damals zum Fußball spielen nach Europa gegangen bin, war das ähnlich. Du kannst viel gewinnen oder alles verlieren. Wenn man sieht, wie die Kinder leben, welches Leben ihnen bevor steht, dann ist es das Risiko manchmal einfach wert. Für mich war es das.

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