John Langendoen über den Iran

»Die Iraner wollen Freiheit«

Der Physiotherapeut John Langendoen aus Kempten betreute vier Wochen lang die iranische Nationalmannschaft. Wir sprachen mit ihm nach seiner Rückkehr ins Allgäu über die Situation und das Leben in der islamischen Republik. John Langendoen über den IranImago

Herr Langendoen, nur über Umwege gelangen Nachrichten und Bilder aus dem Iran in die westliche Welt. Wie stellt sich die Lage aus Ihrer Sicht dar?

Sie ist extrem alarmierend. Was ich mitbekommen habe, gibt es bislang nicht acht oder zehn Tote, wie offiziell verbreitet wird, sondern circa 200. Das Regime versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass Nachrichten nach außen dringen. Vor meiner Abreise aus Teheran war das Internet blockiert, ich konnte keine E-Mails versenden und auch nicht nach Hause telefonieren. Es war auch nicht mehr möglich, in die Stadt reinzukommen. Trotzdem glaube ich, dass die Demonstrationen weitergehen werden. Die Iraner wollen ihre Freiheit haben.

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Sind Sie von der Entwicklung überrascht worden?

Man hat gemerkt, dass sehr viele Leute nicht mehr Ahmadinedschad als Präsidenten haben wollen. Zwei Tage vor der Wahl stand das Qualispiel gegen die Emirate in Teheran auf dem Programm. Vor dem Stadion gab es Straßensperren und strenge Zugangskontrollen. Es ging wohl die Angst um, die Partie könnte eine politische Demonstration mit vielen Anhängern in den Farben der Opposition werden. Schließlich war das Stadion fast halbleer, viele Leute kamen wegen der Kontrollen zu spät.

Als die Unruhen losgingen, waren Sie mit der Nationalmannschaft beim WM-Qualifikationsspiel in Südkorea. Wie war die Stimmung im Team?

Wir haben alle ständig Nachrichten auf CNN und BBC geschaut. Die politische Entwicklung war die ganze Zeit das große Thema. Eine schwierige Situation, denn für die Mannschaft ging es um die letzte Chance, sich für die WM 2010 zu qualifizieren. Am Ende hat das 1:1 in Südkorea nicht gereicht. Ein Grund war mit Sicherheit auch die Lage zu Hause im Iran. Das hat natürlich die Konzentration gestört.

In der Partie gegen Südkorea liefen einige Spieler mit grünen Tapebändern an den Handgelenken auf und demonstrierten damit ihre Solidarität mit den Anhängern des Reformers Mussawi.

Aus dem Betreuerstab wusste keiner etwas davon, ich auch nicht. Die Spieler haben sich am Abend vor der Partie auf dem Hotelflur getroffen und über eine mögliche Aktion gesprochen. Das war kurz vor Mitternacht. Mit solchen Gedanken sind sie vor der alles entscheidenden Partie ins Bett gegangen.

Gab es Unstimmigkeiten zwischen denjenigen, die sich an dem Protest beteiligten und denen, die nicht mitmachten?

Nein, da ist keine Missstimmung aufgekommen.

Nach der Pause kamen die Spieler ohne die Armbänder aus der Kabine. Wurde von den Verantwortlichen des iranischen Fußballverbandes Druck ausgeübt?

Soweit ich das mitbekommen habe nein. Die Spieler haben die Aktion in dieser Form beschlossen. Ich habe später gesehen, dass Demonstranten die Fotos von Spielern gezeigt haben, die die grünen Bänder trugen. Die Aktion hat den Menschen zu Hause auf jeden Fall viel Mut gemacht. Wohl aus Angst haben aber nur wenige, die im Iran spielen, wie Ali Karimi, mitgemacht. Wobei ich nicht glaube, dass diejenigen, die ihre Solidarität mit den Demonstranten ausgedrückt haben, in Gefahr sind. Zu groß ist die Popularität der Spieler im Land. Trotzdem, die meisten Träger eines grünen Bandes verdienen im Ausland ihr Geld. Die sind das westliche Leben gewohnt und möchten vorerst in Deutschland, England oder Spanien bleiben.

Ali Karimi hat den Sprung zurück gewagt. Aber so richtig wohl scheint er sich in der alten Heimat nicht zu fühlen.

Er hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Der Druck, der auf ihm lastet, ist riesengroß. Ali Karimi hat kein Privatleben mehr. Er wird auf Schritt und Tritt von den Journalisten verfolgt. Die Sportseiten müssen ja gefüllt werden Man muss sich das mal vorstellen. Im Iran erscheinen jeden Tag 16 Sportzeitungen. Die Iraner sind fußballverrückt.

Umso härter trifft wohl die Leute in diesen schwierigen Zeiten das WM-Aus.

Die Menschen im Iran sind sehr leidenschaftlich und waren nach dem Ausscheiden genauso wie die Spieler sehr, sehr enttäuscht. Aber eine Woche später hat sich das schon wieder gelegt. Es fällt auf, dass die Fans zu Hause dem Trainerstab und den Spielern keine Vorwürfe machen. Die Politik und der Verband werden angegriffen. Der Verbandspräsident ist immer noch eine Marionette und abhängig vom Ministerium, daran hat auch die zwischenzeitliche Fifa-Suspendierung nichts geändert. In den letzten Wochen gab es immer wieder Probleme. Die Spieler haben teilweise ihr Geld nicht bekommen. Das hat zusätzlich für Unruhe gesorgt. Der Vizepräsident wollte mit seinem Privatvermögen einspringen. Es herrscht ganz einfach die komplette Desorganisation.

Verwunderlich war, dass die beiden letzten Begegnungen in der asiatischen WM-Qualifikationsgruppe B nicht zeitgleich ausgetragen wurden. Die Nordkoreaner wussten, dass Ihnen ein Unentschieden gegen die Saudis zur direkten Qualifikation reichen würde.


Das ist in meinen Augen auch absolut unverständlich. Aber der iranische Verband hat im Vorfeld nicht einmal protestiert. Durch den Spielplan waren die Iraner auch sonst benachteiligt. Wir haben zwischen dem 28. Mai und dem 19. Juni vier Nächte im Flugzeug verbracht. Die Spieler mussten in der Zeit viermal mit viereinhalb Stunden Zeitverschiebung zurechtkommen. Nach der Auswärtspartie in Pjöngjang sind wir um 4.30 Uhr in Teheran angekommen, zweieinhalb Stunden später wurde bereits wieder trainiert.

Welche Eindrücke haben Sie von der iranischen Gesellschaft mit nach Hause gebracht?

Das Leben dort hat zwei Seiten: die öffentliche und die private. Der Kontrast ist extrem. In der Öffentlichkeit ist Alkohol strikt verboten, daheim gibt es alles zu trinken, wenn man das nötige Geld dafür hat. Die Frauen gehen mit Kopftuch und Schleier auf die Straße und besorgen sich bizarre Reizwäsche. Man mag es nicht glauben, aber Teheran hat auch ein echtes Drogenproblem, da das meiste Afghanische Opium über Iran zum Golf gelangt und in Iran einiges zurückbleibt.

Wie lautet das Fazit Ihres Iran-Engagements?

Es war eine sehr lehr- und ereignisreiche Zeit. Die Iraner sind überaus liebenswürdige Menschen. Aber leider sind sie oftmals nicht zuverlässig. Man kann ihnen keine böse Absicht unterstellen, wenn sie zuvor versprochene Dinge nicht einhalten. Sie können einfach nicht gut organisieren.

Werden Sie weiterhin für den iranischen Fußballverband arbeiten?


Es gab Gespräche mit dem Cheftrainer Afshin Ghotbi, aber entschieden ist noch nichts. Es besteht unter anderem Interesse daran, dass ich den Vereinsmannschaften dabei helfe, eine funktionierende medizinische Betreuung aufzubauen. Da liegt in den Klubs noch vieles im Argen. Die geben lieber viel Geld für neue Spieler aus, als dass sie in die Infrastruktur und eine adäquate medizinische Betreuung der Spieler investieren. Wir hatten einen Nationalspieler der seit fast einem Jahr mit einem gebrochenen Finger herum lief, ohne dass das jemals richtig untersucht worden ist.

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