Johannes Liebnau im Interview

»Wo bin ich denn gelandet?«

Seit Monaten sorgte die Aufsichtsratswahl beim HSV für Schlagzeilen. Wir sprachen mit Johannes Liebnau, einem der Kandidaten der »Supporters« über die enttäuschende Niederlage, deren Ursachen und die »Bild«-Zeitung. Johannes Liebnau im InterviewImago

Vor der Aufsichtsratswahl wurde in der Presse und rund um den Verein ein derart großes Theater veranstaltet, dass wir uns bereits fragten, ob die Pest über die Hansestadt käme. Johannes Liebnau kandidierte als eines von vier Mitgliedern der »HSV Supporters«. Alle vier erlitten eine herbe Niederlage. Somit sitzt weiterhin nur ein »Supporters«-Vertreter im Aufsichtsrat. Der neue Aufsichtsrat setzt sich aus Vertretern aus Wirtschaft, Politik und altgedienten Vereinsmitgliedern zusammen. Neu im Aufsichtsrat ist Sergej Barbarez, ehemaliger Spieler beim HSV.


Johannes Liebnau, wie geht’s dir einen Tag nach der verlorenen Wahl?


Ich bin sehr enttäuscht und desillusioniert. Ich glaube uns ist deutlich geworden, wie einfach es ist, Massen zu mobilisieren und zu manipulieren. Das war sehr erschreckend. Die Wahl wird sicher Konsequenzen haben, die vielen jetzt noch nicht bewusst sind.
 
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Wie war die Stimmung bei der Wahl?

Die Stimmung war so aufgeheizt, dass man kaum Argumente anbringen konnte. Wir wurden teilweise niedergeschrieen vom aufgeheizten Pöbel, verdiente HSV-ler, die jahrelang für den HSV ehrenamtlich tätig sind, wurden dafür ausgebuht, dass sie eine andere Meinung haben, als der Vorstand sie vertritt. Das war sehr erschreckend. Leute, die sich mit der Thematik beschäftigen, die kann man auch mit Argumenten überzeugen. Den anderen aber – und das waren scheinbar die meisten – ist das im Grunde egal. Da haben sich Leute für den Aufsichtsrat beworben, die einfach nur erzählt haben: »dann hab ich die Firma gekauft, und die Firma verkauft.... «. Und die Leute haben darüber gelacht und die auch noch gewählt. Uns aber wird Machtgeilheit unterstellt. Die eigenen Leute, die auf die »Bild«-Zeitung hereingefallen sind, haben uns da angefeindet. Das ist haarsträubend.

Wie kann das sein?

Der Eindruck, dass die »Supporters« eine eingeschworene Gruppe bilden, ist falsch. Das ist keine kleine Ultragruppierung, sondern die »Abteilung fördernde Mitglieder«. Da sitzen alle möglichen Leute, vom einfachen Angestellten bis zum Anwalt und Politiker, zusammen und jeder kann Mitglied werden, auch der, der einfach nur Karten haben will.

Erstaunt es, dass die »Supporters« offensichtlich nicht die eigenen Kandidaten wählen?

Ja, denn ich bin davon ausgegangen, dass die Leute die eigenen Kandidaten wählen, weil sie uns kennen und wir schon einiges innerhalb des Vereins geleistet haben. Wir haben uns für die Leute den Arsch aufgerissen, nur konnten wir unser Engagement überhaupt nicht populär platzieren. Wir haben in den Medien und bei der Wahl selbst keine positive Rolle gespielt und es gab für uns nicht den Raum, uns überhaupt so darzustellen wie wir sind. Von allen Seiten sind nur immer wieder dieselben Vorwürfe auf uns eingeprasselt und die eigenen Leute haben das aufgenommen, es geglaubt und es noch ausgeschmückt.

Welche Vorwürfe waren das?

Das waren immer drei Kernvorwürfe. Erstens: Wir wollen den Vorstandsvorsitzenden stürzen, was völliger Schwachsinn ist. Das hat nie jemand von uns gesagt. Wir haben lediglich inhaltliche Differenzen bei bestimmten Themen, was das Normalste auf der Welt ist. Zweitens: Das Kommerz-Traditions-Thema. Natürlich sind wir diesbezüglich kritisch. Daraus wurde aber gemacht »Die sind kommerzkritisch und wenn die kommen, dann springen Sponsoren ab. Außerdem wollen die nur mit elf Hamburgern spielen, und nehmen so in Kauf, dass wir in die fünfte Liga absteigen«. Das sind alles Sachen, die wir nie gesagt haben, und so auch nicht wollen. Drittens wird uns zur Last gelegt, dass wir uns auch in die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Klubs mischen wollen. Die Aufgaben des Aufsichtsrates sind jedoch ganz klar geregelt mit der wirtschaftlichen Kontrolle und der Wahrnehmung von Vereinsaufgaben. Hierzu wird aber ständig gesagt, der Aufsichtsrat habe sich nicht in vereinspolitische Dinge einzumischen und das finden die Leute offenbar auch noch gut. Ich frage mich: Wer, wenn nicht der Aufsichtsrat, hat den Vorstand dahingehend zu kontrollieren und gegebenenfalls auf Dinge aufmerksam zu machen?

So bleibt der Eindruck, dass das Gerede von den Fans, die an die Macht wollen, bloß heiße Luft war.

Die Leute, die kandidierten, sind ja allesamt keine Idioten, sondern solche, die wirtschaftliche Kompetenz mitbringen und sich darüber hinaus auch noch für Fanthemen einsetzen. Wenn dann die eigenen Leute sagen »Die wollen wir nicht«, dann muss man sich natürlich existenzielle Fragen stellen. Es ist ganz offensichtlich geworden, dass die Leute nicht verstanden haben, worum es geht. Man könnte natürlich aber auch sagen, wir waren nicht in der Lage diese Themen vernünftig zu vermitteln.

Die Berichterstattung im Vorfeld – so polemisch sie war – hätte doch eigentlich die beste Wahlkampfwerbung sein müssen. Eine derart große Aufmerksamkeit hättet ihr ohne die Presse nicht erzielt.

Sie hätte eine Chance sein können. Wir haben alles versucht uns zu unseren Themen zu äußern, es dominierte aber eine negative Darstellung, die uns geschadet hat und der die Leute geglaubt haben. Ich habe das aber auch selbst noch gar nicht verarbeitet. Das ist total paradox was da passiert ist. Man muss sich Folgendes vorstellen: Es gibt einen »inner circle«, das ist der Verein. Jetzt kommen Leute aus diesem Verein, also aus diesem »inner circle« und sagen wir wollen was für den Verein tun. Die eigenen Leute aus dem Verein sagen dann aber »nee, nee, ihr wollt ja nur euren eigenen Willen durchsetzen« und wählen lieber Leute, die bisher gar nichts mit dem Verein zu tun hatten und deren Kandidatur für den HSV x-beliebig ist. Je länger ich darüber nachdenke, desto krasser ist das.

Hättet ihr eure Themen besser präsentieren können?

Im Endeffekt haben wir sicher viele Fehler gemacht, klar. Wir haben sehr viele direkte Gespräche geführt, das war immer sehr gut, da haben die Leute gemerkt, was wir machen wollen, dass wir nicht der Untergang des Vereins sind und es auch eine andere Sichtweisen jenseits der „Bild“ Zeitung gibt. Andererseits ist die Wahl total hochstilisiert worden. Das war ja teilweise wie »Deutschland sucht den Superstar«. Mit mehr als 4.000 Leuten sind so viele gekommen wie noch nie, daran ist generell nichts Negatives zu finden. Negativ ist aber, dass das weitestgehend Leute waren, die zum ersten Mal auf so einer Wahl waren und nur hingegangen sind um zu sagen »Wir wollen euch nicht«. Das wäre so nicht passiert, wenn die mediale Aufmerksamkeit geringer ausgefallen wäre. Sie war somit für uns von Nachteil. Und vor allem hat sie verhindert, dass wir unsere Themen besser präsentieren.

Was wären deine konkreten Anliegen für den Fall deiner Wahl gewesen?

Eigentlich ganz banale Dinge. Zum Beispiel hätte ich das Verständnis davon fördern wollen, dass der Verein seinen Fans und Mitgliedern gehört. Dass die Fans diejenigen sind, die, die ganze Sache am Leben halten und nicht irgendwelche Sponsoren und Investoren, die abspringen wenn man nur den 14. Tabellenplatz belegt. Außerdem, dass die Fans nicht nur das Recht haben sich einzubringen, sondern auch die Pflicht und sich dieser Verantwortung auch bewusst sein müssen. Das wären meine Kernanliegen gewesen.

Wie hätte deine Zusammenarbeit mit Bernd Hoffmann ausgesehen?

Es wäre das Ziel gewesen, ihn respektive den gesamten Vorstand zu kontrollieren und eigene Themen zu platzieren. Die Zusammenarbeit hätte vernünftig ausgesehen, wir haben ja früher auch schon zusammen gearbeitet ohne uns die Augen auszukratzen. Wir hätten bestimmt Themen kontrovers diskutiert, aber das ist ja kein Problem, solange es im Sinne der Sache, zielgerichtet und fair ist.

Wird sich nun an der Arbeit des Aufsichtsrates irgendetwas ändern?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich hab natürlich nach der Wahl allen Gewählten gratuliert und da haben ausnahmslos alle gesagt, dass man weiter zusammen arbeiten müsse, den Dialog weiterführen solle und dass man die »Supporters« einbinden müsse. Es wurden sehr viele versprechungen und Bekenntnisse abgegeben. Daran müssen sie sich jetzt messen lassen.

Was denkst du vom Ex-Präsidenten Jürgen Hunke?

Ich kann es nicht nachvollziehen, dass er gestern so abgewatscht wurde. Hunke ist jemand der sich besonders in letzter Zeit in den Medien zurückgehalten hat. Nach meinen Eindrücken ist er einer der wenigen aus dem letzten Aufsichtsrat, der seine Pflicht wirklich ausgeübt hat. Die Tatsache, dass er nicht mehr in den Aufsichtsrat gewählt wurde, ist ein herber Verlust. Er eckt halt an und die Leute denken Schwarz-Weiß. Wenn man hinten drin steht, ist alles scheiße und wenn man Vierter ist, dann ist alles super und dann wollen sie niemanden der »schwarz malt«. Das stimmt aber beides nicht. Die Leute haben gestern gezeigt, dass sie das leider nicht verstanden haben.

Hoffmann hat nach der Wahl gesagt, er hoffe, man würde von nun an wieder eine Einheit darstellen.

Wir waren ja immer eine Einheit. Er oder wer auch immer hat es ja geschafft den Eindruck zu vermitteln, unser einziges Ziel sei es, diese Einheit zu zerstören. Bei den aktiven Leuten wird es auf jeden Fall Konsequenzen geben.

Welche?

Da kamen gestern viele deutliche Aussagen von Mitstreitern, zum Beispiel »das ist schlimmer als ein sportlicher Abstieg«. Ganz passend war folgende Beschreibung: »Die Massen haben sich für die vermeintliche Erstklassigkeit entschieden, aber nicht gemerkt, dass sie sich dabei selbst zur Zweitklassigkeit degradiert haben«! Der Punkt ist ja, dass wir es absolut nicht geschafft haben, den eigenen Leuten zu vermitteln, was richtig und was falsch ist. Du kommst da rein und denkst: »Wo bin ich denn hier gelandet«?

Welche Konsequenzen ziehst Du?

Ich weiß es noch nicht. Das ist ein totaler Zwiespalt jetzt. Auf der einen Seite ist das mein Leben. Auf der anderen Seite kamen nach der Wahl Leute auf mich zu, die gefragt haben, warum ich mir das überhaupt antue. »Warum schmeißt Du deine Perlen hier vor die Säue«? Da hab ich gesagt, »ich weiß es nicht mehr. Für wen reiße ich mir hier eigentlich den Arsch auf«?

Zuletzt: War die Uhr, die Bernd Hoffmann dem Sportchef der Hamburger »Bild«-Zeitung geschenkt hat, bei der Wahl noch ein Thema?

Das ist eigentlich ein nie da gewesener Skandal. Als das bekannt wurde dachten wir schon, »jetzt kippt die Stimmung und die Leute kapieren was da abläuft«. Aber das interessiert die Leute einfach nicht, 1156 Euro sind für einige wohl nicht viel genug. Das ist unser Geld was dafür ausgegeben wird. Die 1156 Euro, die die Uhr gekostet hat, sind ja aber nicht alles. Der HSV zahlt ja noch den steuerlichen Vorteil, also im Endeffekt noch ein paar 100 Euro mehr, aber egal. So läuft das jetzt wohl.

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