Jogi Löw im großen 11FREUNDE-Interview
»Ich kann Siege nicht genießen«
Seit Joachim Löw Bundestrainer ist, sieht alles so leicht aus. Doch wie schwer ist sein Job wirklich? Ein Gespräch über Tunnelblick, Erwartungsdruck und Bierhoffs Organisationsmanie.
Das Quartier in Danzig stand auch schon fest, als die Mannschaft noch gar nicht qualifiziert war. Wie wichtig ist die richtige Wahl?
Sie müssen bedenken, dass wir viele Wochen – bei der WM 2010 waren es sogar acht – in einer Gruppe von 70 Leuten verbringen. Das ist eine reine Männergesellschaft, da muss man Ausweichmöglichkeiten schaffen, Aggressionspuffer und Frustrationshalden. Unser Ziel ist es, hart zu arbeiten, aber uns dabei eine gewisse Leichtigkeit zu bewahren. Da sind das Ambiente und die Umgebung entscheidend. So gesehen: Nach Malente würden wir nicht unbedingt gehen.
Das sogenannte »Team hinter dem Team« mit den Trainern, Ärzten, den Physios, dem Psychologen, den Organisations- und Presseleuten usw. ist seit acht Jahren ziemlich unverändert zusammen. Gehen die Ihnen inzwischen nicht manchmal auf den Keks?
Nein, weil jeder selbständig hervorragende Arbeit leistet und alles so eingespielt ist, dass ich mich nicht um jedes Detail kümmern muss. Das ist eine Voraussetzung dafür, dass ich mich auf das Wesentliche konzentrieren kann: die Arbeit mit der Mannschaft.
Auch wenn Sie über Bierhoff spotten, angeblich sollen die Trainingspläne für die EM auch schon fertig sein. Wissen Sie aus dem Kopf, wie die Einheit am 19. Juni aussehen wird?
Das nun nicht, aber natürlich haben wir bereits an den Plänen gearbeitet. Wir sind dabei, die Schwerpunkte fürs Turnier festzulegen.
Nur Ecken und Freistöße kommen wahrscheinlich erneut zu kurz und Ihr Assistent Hansi Flick grämt sich wieder.
Natürlich versuchen wir, die Standards zu optimieren. Aber das tut jede Mannschaft der Welt, und am Ende hat man soviel anderes zu tun, dass man nicht dazu kommt.
Besteht nicht sowieso die Gefahr, sich zu verlieren, weil man so viel machen kann?
Nein. Mir ist inzwischen klar, dass die Trainingseinheiten das Allerwichtigste sind, wenn man weiterkommen will, und nicht nur Gespräche oder die Theorie im Sitzungsraum. Man muss Aktionen wiederholen, nur dann sind die Spieler darin sicher. Es muss zur Normalität werden, nur dann kann es abgerufen werden. Das ist wie beim Vokabellernen.
Ihre Spieler büffeln also. Und wie ergeht es Ihnen während eines Turniers? Ich entwickle schon einen Tunnelblick. Sonst achte ich ja stets auf eine gewisse Lebensqualität, dass ich gelegentlich abschalte, Mountainbike fahre, mich mal mit Freunden treffe oder abends zu Hause mit meiner Frau ein Glas Wein trinke. Aber während eines Turniers sinkt meine Lebensqualität auf ein Minimum. Jeder, wirklich jeder Gedanke ist mit Fußball behaftet. Ich analysiere, diskutiere, plane – alles unter Zeitdruck.
Aber Sie werden, wenn alles gut geht, mit Siegen belohnt.
Ja, nur kann ich sie nicht genießen. Selbst die Freude über einen Sieg wie das 4:0 gegen Argentinien bei der WM in Südafrika hat nur kurz angehalten. Nach fünf Minuten habe ich schon an den nächsten Gegner gedacht und was wir in der Vorbereitung des nächsten Spiels alles beachten müssen.
Wie schade!
Ja, aber die Emotionen sind nicht ganz verloren. Sie kommen später raus, wenn die Anspannung von mir abfällt. Als ich im Fernsehen den Jahresrückblick 2010 sah, habe ich eine Gänsehaut bekommen. Und ich dachte: was für Momente! Schade, dass ich sie damals nicht so wahrgenommen habe.
Freuen Sie sich denn überhaupt auf die kommende EM?
Ja, Vorfreude empfinde ich durchaus. Ich freue mich darauf, die Spieler wiederzusehen, mit ihnen zu arbeiten. Und ich freue mich auch auf die Gegner: Niederlande, Portugal, Spanien – da steckt viel Brisanz drin. Kurz vor dem ersten Turnierspiel aber gerate ich in diesen Tunnel. Der Adrenalinspiegel steigt, ich fokussiere mich immer stärker.
Sind Sie dann reizbarer als sonst?
Nein, ständig gereizt zu sein, liegt nicht in meiner Natur. Ich werde im Stress sogar eher ruhiger. Erst nach dem Turnier beginnt eine Phase der Unruhe, dann rolle ich gewisse Situation noch einmal auf und hinterfrage Entscheidungen. Zum Schluss kommt die Erschöpfung, und dann möchte ich mich vorübergehend nicht mehr mit Fußball befassen. Vor dem Länderspiel in Dänemark, einen Monat nach der Weltmeisterschaft 2010, mussten Olli Bierhoff und Hans Flick mich da wieder rausziehen: »Jogi, wir sollten uns schon mal über den Kader unterhalten.« Da habe ich erst gesagt: »Ladet doch ein, wen ihr wollt!«
Gibt es einen Fehler, den Sie begangen haben und der Sie heute noch quält?
Fehler macht man doch immer. Aber rückgängig machen kann man sie nie. Es geht einzig und allein darum, aus ihnen zu lernen.
Schaffen Sie das?
Meistens. Wissen Sie, ich bin aber auch ein Bauchmensch. Ich kann mir tagelang Gedanken machen – aber die Entscheidung treffe ich dann trotzdem rein intuitiv.
Frank Wormuth sagt, Sie beherrschten sogar die Kunst des Nichtentscheidens.
Richtig ist, dass ich mich nicht zu Entscheidungen drängen lasse. Wenn ich Druck von außen verspüre, lasse ich mir nur umso mehr Zeit.
Haben Sie deshalb eine Entscheidung schon mal zu spät getroffen?
Das auch. Aber das ist kein Grund, die Entscheidungen in Zukunft nicht mehr reifen zu lassen. Insgesamt bin ich gut damit gefahren, mir Zeit zu lassen, wenn sehr wichtige Entscheidungen anstehen.
Würden Sie sich eines Tages gerne noch häufiger entscheiden müssen und wieder als Vereinstrainer arbeiten?
Ich treffe auch heute als Bundestrainer täglich Entscheidungen. Aber ich möchte nicht ausschließen, dass mir die Arbeit als Vereinstrainer auch mal wieder Spaß machen könnte.
Auch in Deutschland?
Wenn Sie mich heute fragen, würde ich sagen, dass es mich eher ins Ausland zieht.
Herr Löw, die Zeit neigt sich dem Ende zu, aber ein paar Fragen hätten wir noch.
Schießen Sie los.
Warum haben wir Sie bei Facebook nicht gefunden, und warum twittern Sie nicht?
Ich halte nichts davon, meine Privatsphäre jedermann zugänglich zu machen. Ich ziehe die persönliche Kommunikation vor.
Darf ein Bundestrainer kostenlose Upgrades in Anspruch nehmen?
Ja. Manchmal habe ich in Hotels das Gefühl, dass sie es machen, ohne mir davon was zu sagen.
Stört es Sie, dass ein ganzes Land Sie beim Spitznamen nennt?
Nein.
Nennt Ihre Frau Sie auch Jogi?
Ja, meistens.
Sie sind derzeit drittbeliebtester Deutscher hinter Helmut Schmidt und Günther Jauch. Wann sind Sie endlich Erster?
Helmut Schmidt und Günther Jauch haben den Vorteil, dass sie in dem Ranking noch lange oben bleiben werden. Aber ich weiß, dass man im Fußball ganz schnell mal der Staatsfeind Nummer eins werden kann.
Sepp Herberger war »der Chef«, Helmut Schön »der Mann mit der Mütze«, und Franz Beckenbauer ist »der Kaiser«. Unter welchem Namen möchten Sie in die Fußballgeschichte eingehen?
Joachim Löw, der ... Zufriedene!



