29.05.2012

Jogi Löw im großen 11FREUNDE-Interview

»Ich kann Siege nicht genießen«

Seit Joachim Löw Bundestrainer ist, sieht alles so leicht aus. Doch wie schwer ist sein Job wirklich? Ein Gespräch über Tunnelblick, Erwartungsdruck und Bierhoffs Organisationsmanie.

Interview: Dirk Gieselmann und Christoph Biermann Bild: Jonas Unger



Die Einheit von Schönheit und Erfolg gab es bei der deutschen Nationalmannschaft zuletzt beim EM-Sieg 1972, als Sie zwölf Jahre alt waren. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Meine ersten Erinnerungen an Fußball liegen noch etwas weiter zurück. Das war die WM 1970 in Mexiko, vor allem die Spiele gegen England und Italien: Beckenbauer mit dem Arm in der Schlinge oder das Hinterkopftor von Uwe Seeler. Das habe ich bei Verwandten gesehen, weil wir noch keinen eigenen Fernseher hatten: 30 Leute, das ganze Wohnzimmer voll und wir Kinder vorne auf dem Boden in der ersten Reihe. Was 1972 betrifft, erinnere ich mich vor allem an den Sieg in Wembley gegen England. Günter Netzer war damals auch mein großes Idol.

Waren Sie beim Kicken daheim in Schönau also immer Netzer?
Das ist lange her ... Netzer war jedenfalls ein Spieler, wie er mir gefallen hat: zwar kein allzu großer Radius, aber fußballerisch genial, einfallsreich und mit einem Schuss Exzentrik.

Könnten Sie Netzer heute in Ihrer Mannschaft noch gebrauchen?
Selbstverständlich nicht. (lacht)

Nicht einmal für Freistöße?
Auch das, glaube ich, ist überholt. Natürlich waren Netzer, Beckenbauer oder Cruyff in ihrer Zeit geniale Spieler. Inzwischen ist der Raum aber enger und die Zeit viel knapper. Unter diesen Bedingungen eine Lösung zu finden, zeichnet die großen Spieler von heute aus. Das begann mit Zidane, der auf engstem Raum unter großer Bedrängnis immer die Orientierung behielt.

Auch in Ihrer Mannschaft sind inzwischen sehr viele Spieler, die das können.
Das stimmt. In den letzten zwei, drei Jahren sind Spieler dazugekommen, die sehr schnell lernen und das Gelernte auch schnell umsetzen. Denn darauf kommt es heute an. Als wir 2004 angefangen haben, war das noch nicht so ausgeprägt.

Woran lag das?
Vor einigen Jahren hatte ich noch das Gefühl, dass Veränderungen mit wahnsinniger Vorsicht und großer Skepsis wahrgenommen wurden. Jeder einzelne kleine Schritt wurde wie eine Revolution gesehen: »Das kann man doch nicht machen, das haben wir noch nie so gemacht.« Heute sind die Spieler froh, wenn man etwas ganz Neues macht. Diese Generation, zumindest die Elite, die es ganz nach oben geschafft hat, ist sicher auch durch die Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga anders auf ihre Karriere vorbereitet. Die Götzes, Hummels, Kroos, Badstubers, Reus oder Benders sind unheimlich zielstrebig, seriös und mögen Veränderungen.

Worauf kommt es im Umgang mit ihnen an?
Man muss sie ernstnehmen und ihnen das Gefühl vermitteln, dass ein Grundvertrauen existiert. Nur dann sind sie auch kritikfähig. Ansonsten ist ein ganz weites Spektrum von Charakteren zu berücksichtigen. Mit allen Spielern muss man sehr sensibel arbeiten, und sie brauchen klare Aufgabenstellungen. Manche reagieren besonders auf Nähe und Vertrauen, andere auf eine klare, rationale Ansprache. Der eine braucht Freiraum, der andere strikte Anweisungen. Das muss ich jeweils herausfinden.

Und dann schlägt auch keiner über die Stränge?
Da bin ich völlig entspannt. Wenn ich einem Schweinsteiger oder Lahm sage, die Mannschaft kann abends bis um eins in die Stadt gehen, dann weiß ich, dass sie sehr bewusst mit dieser Freiheit umgehen. Passiert doch mal ein Fehler, kommen sie selbst und teilen das mit, deshalb brauche ich die Spieler auch nicht groß zu kontrollieren. Natürlich werden sie auch mal während der Saison in die Diskothek gehen oder versuchen, die Grenzen auszutesten. Das ist normal, wenn man so durch Regeln eingeschränkt ist. Aber das Leben der Profifußballer heute ist viel transparenter, da muss man viel vorsichtiger sein. Und eigentlich muss ich mit den Spielern nicht über ihren Lebenswandel sprechen. Das kann ich mir sparen. Die wissen alle, dass sie topfit sein müssen, da waren wir eine andere Generation.

Viele unserer Leser beklagen, dass durch die Vernunft der jungen Spielergeneration der Paradiesvogel ausgestorben ist. Können Sie diese Wehmut verstehen?
Ich persönlich sehe das anders, denn in meinen Augen ist es manchmal auch einfach nur unseriöses und egoistisches Verhalten gewesen. Wenn sich jemand damit rühmt, einst nächtelang unterwegs gewesen und am Morgen alkoholisiert zum Training gekommen zu sein, finde ich das im Mannschaftssport heikel. Ein Einzelsportler kann tun und lassen, was er will, aber im Fußball gibt es eine Verantwortung für den Gesamterfolg des Teams.

War Ihnen das als Spieler auch schon bewusst?
In den Achtzigern und Neunzigern ist man generell noch nicht so bewusst mit seinem Beruf umgegangen, wie das hätte sein müssen. Wir haben noch geglaubt, man könne nach einem Sieg mal richtig die Sau rauslassen. Nur wissen wir heute, dass es nach einer hohen Belastung das Schlechteste ist, was man machen kann. Allerdings ist das damals nicht weiter aufgefallen, schließlich haben es alle gemacht.

Und damit war es doch wieder in Ordnung.
Naja, insgesamt gibt es in der Rückschau doch etliche Fehlwahrnehmungen. Etwa von ehemaligen Spielern, die sich bis heute rühmen, früher nur mit halber Kraft gespielt zu haben und trotzdem glauben, dass sie die Besten waren.

Nur, wie häufig haben diese angeblich genialen Fußballer solche Leistungen gebracht?
Vielleicht fünfmal im Jahr, sie glauben aber heute noch, sie wären die Größten überhaupt gewesen.

Welcher Nationalspieler ist denn Ihr bester, Ihr Most Valuable Player?
Den gibt es nicht, besser gesagt: nicht mehr. Heute braucht man mehrere Spieler, die das Konzept einer Mannschaft tragen. Die ein Trainer für seinen Weg gewinnen kann, denen er taktische und soziale Aufgaben überträgt. Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm, Miro Klose und Per Mertesacker sind mindestens so ehrgeizig wie die Platzhirsche oder Leitwölfe vergangener Tage. Aber sie schauen eben nicht nur auf ihre eigene Leistung.

War das früher anders?
In meiner Zeit als junger Profi habe ich diese Leitwölfe jedenfalls allzu oft nur schreien hören, konkrete Anweisungen gab es so gut wie nie. »Du musst aggressiver spielen«, hieß es. Aber wie? Ich wusste es nicht. Im nächsten Spiel habe ich dann eine Rote Karte kassiert.

Auch wenn Sie keinen MVP haben, wer darf sich auf keinen Fall verletzen?
Das ist doch müßig! Selbst wenn sich Schwein­steiger oder Lahm verletzen würden, müsste ich damit leben. Deshalb arbeiten wir ständig mit einer »Wenn, dann«-Strategie: Wenn dieser Spieler sich verletzt, dann ersetzt ihn jener. Es gibt ja auch Spieler, die während eines Turniers, ohne dass man es vorher so erwartet hätte, einen unglaublichen Willen aufbauen und stark aufspielen, wie etwa Arne Friedrich während der WM in Südafrika. Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet.

Das bezweifeln wir nicht, den Europameistertitel für die beste Vorbereitung dürften Sie schon haben.
Aber da ist Oliver Bierhoff die treibende Kraft. Der sitzt mir ohnehin ständig mit seiner Organisationsmanie im Nacken!

»Organisationsmanie«, das sagen wir weiter!
Können Sie ruhig. Es wird Zeit, das mal zu sagen. (lacht) Aber im Ernst: Klar ist, dass seine Arbeit sehr gut und wichtig für uns ist. Er denkt immer über die Turniere hinaus und fragt das Trainerteam schon jetzt, gegen wen wir 2013 und 2014 Testspiele bestreiten wollen. Selbstverständlich fällt uns die Antwort darauf schwer, dafür habe ich doch jetzt noch keinen Kopf. Aber Oliver lässt nie locker.

Und wenn es losgeht, sind Sie doch froh, wenn der Mannschaftsbus pünktlich vorfährt und der Fahrer auch noch weiß, wo es hingeht.
Ja, aber das würde ich niemals zugeben.

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