29.05.2012

Jogi Löw im großen 11FREUNDE-Interview

»Ich kann Siege nicht genießen«

Seit Joachim Löw Bundestrainer ist, sieht alles so leicht aus. Doch wie schwer ist sein Job wirklich? Ein Gespräch über Tunnelblick, Erwartungsdruck und Bierhoffs Organisationsmanie.

Interview: Dirk Gieselmann und Christoph Biermann Bild: Jonas Unger

Joachim Löw, wie wäre Ihre Karriere verlaufen, wenn Jürgen Klinsmann Sie im Spätsommer 2004 nicht angerufen hätte?
Keine Ahnung. Vielleicht wäre ich heute Trainer in Leoben.

In Österreich, Regionalliga Mitte. So schlimm?
Vielleicht auch zweite Liga, das ist zumindest denkbar. Ich weiß, dass ich in meiner Trainerkarriere viel Glück hatte – schon als Rolf Fringer mich 1995 als Co-Trainer zum VfB Stuttgart holte. Damals hatte ich sogar noch Bedenken, weil ich kurz zuvor Spielertrainer beim FC Frauenfeld in der zweiten Schweizer Liga geworden war und dort alle Entscheidungsmöglichkeiten hatte. Aber eine innere Stimme hat mir dann doch gesagt: »Hey, Löw! Diese Chance in der Bundesliga darfst du dir nicht entgehen lassen.« Also bin ich nach Stuttgart gegangen, und nach einem Jahr wurde ich Nachfolger von Fringer.

Sie waren damals erst 36 Jahre alt, kam das zu früh?
Der Erfolg hat sich schnell eingestellt, im ersten Jahr wurden wir auf Anhieb DFB-Pokalsieger, im nächsten kamen wir ins Europapokalfinale der Pokalsieger. Aber natürlich war ich noch jung, kaum älter als Thomas Berthold, und im Kopf noch ein halber Spieler.

Nach Stuttgart ging es in Ihrer Karriere wild hin und her: Istanbul, Karlsruhe, Adana, Österreich. Wo war es am schlimmsten?
Jedenfalls nicht beim Karlsruher SC, obwohl mir nur ein Sieg in 18 Spielen gelungen ist. Innsbruck war ein Schock! Beim FC Tirol hatten wir gerade die österreichische Meisterschaft gewonnen, und ich habe schon darauf spekuliert, dass wir uns vielleicht für die Champions League qualifizieren. Da kam der Präsident zu mir und sagte: »Sie können jetzt gehen, Herr Löw. Wir bekommen keine Lizenz mehr.« Und bei Aus­tria Wien musste ich als Tabellenführer kurz vor Saisonende gehen, weil es Meinungsverschiedenheiten mit unserem Präsidenten und Mäzen Frank Stronach gab. Ich konnte mich mit einigen Vorstellungen von ihm nicht arrangieren und wurde deshalb nach einer Aussprache entlassen. (Löw sollte sich bei der Aufstellung nach den Wünschen von Stronach richten, d. Red.) Ich weiß noch, wie ich von der Geschäftsstelle nach Hause fuhr und dachte: »Hätte ich nicht kompromissbereiter sein sollen?«

Hätte Ihr Weg anschließend auch nach Abu Dhabi oder Georgien führen können, oder wie kurz standen Sie davor, dort Nationaltrainer zu werden?
Das war kein Thema für mich. Trotzdem habe ich mich, als Jürgen Klinsmann anrief, gefragt: Will ich wieder Co-Trainer sein? Immerhin war ich vorher viele Jahre bei durchaus interessanten Klubs Cheftrainer gewesen. Aber er hat mich überzeugt, mir zentrale Kompetenzen übertragen und auf meine Erfahrung gesetzt. Das war neu für mich, denn ich selbst hatte als Cheftrainer zuvor alles selbst gemacht – bei Fenerbahce übrigens zum Leidwesen meines damaligen Assistenten Frank Wormuth. Er hätte mir einiges mehr abnehmen können, er wusste viel. Aber ich konnte schlecht delegieren. Das hat mich erst Jürgen gelehrt.

Ihre Spielerkarriere fand vor allem am Rand der Republik beim Zweitligisten Freiburg statt. Zur Trainerausbildung waren sie in der Schweiz, die in Deutschland lange nicht ernstgenommen wurde, und bei Ihrer Rückkehr galten Sie lange als »der nette Herr Löw«, was oft überhaupt nicht nett gemeint war. Haben Sie sich im deutschen Spitzenfußball früher als Außenseiter gefühlt?
Den Begriff »Außenseiter« würde ich nicht benutzen. Aber richtig ist, dass die Schweiz mich geprägt hat. Ich habe dort Inhalte vorgefunden, nach denen ich mich unbewusst gesehnt hatte.

Können Sie Beispiele nennen?
Die damaligen Trainingsmethoden in Deutschland habe ich insgeheim gehasst, ich litt regelrecht körperlich darunter. Von diesen Konditionsläufen mit dem Medizinball unterm Arm, die bis zum Erbrechen durchexerziert wurden, wurde ich langsamer. Ich habe mich selten topfit gefühlt. Auch in taktischer Hinsicht wurde unheimlich viel dem Zufall überlassen. In der Schweiz wurde viel von Organisation, Raumdeckung, Positionsspiel oder Gruppenprozessen gesprochen – ich war begeistert!

Und Sie haben viele solcher Ideen auch hierzulande durchgesetzt. Sehen Sie sich als Revolutionär?
Nein, das habe ich nie. Jürgen Klinsmann war ein Revolutionär, weil er manche verkrusteten Strukturen im Verband in Angriff genommen oder mit einem Sportpsychologen gearbeitet hat, was vorher weitgehend tabu war.

Aber Sie finden die Frage offenbar nicht abseitig. Denn spätestens seit der WM 2010 wird die deutsche Nationalmannschaft in der Welt nicht nur geachtet, sondern für ihren schönen Fußball geliebt.
Natürlich freut mich das, weil Fußball für mich immer etwas mit Ästhetik und Leichtigkeit zu tun hat. Ich möchte am Ende eines Spiels feststellen: Wir sind spielerisch die bessere Mannschaft gewesen und haben nicht nur aufgrund von Glück gewonnen.

Haben Sie ein fußballerisches Ideal?
Früher haben mir die Brasilianer imponiert, selbst wenn sie mal früh aus einem Turnier ausgeschieden sind. Socrates, Eder, Zico und Junior waren für uns Jugendliche 
Zauberer. Ihr Fußball von damals hatte was Faszinierendes.

Und welche Mannschaften inspirieren Sie heute?
Es gibt in jeder fußballerischen Epoche Mannschaften, die inspirieren. Zum Beispiel den AC Mailand mit dem Pressing unter Arrigo Sacchi. Beim FC Bayern in den guten Spielen unter Louis van Gaal hat man gesehen, dass nicht nur individuelle Klasse, sondern eine klare Strategie der Mannschaft entscheidet. Der FC Barcelona ist dafür natürlich aktuell ein hervorragendes Beispiel, Real Madrid wird unter José Mourinho fußballerisch besser. In der vergangenen Saison hat mich Borussia Dortmund beeindruckt: druckvoll gegen den Ball, dem Gegner keine Zeit zum Atmen lassen. Man sieht auf dem Platz, was Jürgen Klopp trainieren lässt. Und grundsätzlich finde ich die Arbeit von Arsène Wenger gut.

Was gefällt Ihnen daran?
Er macht junge Spieler besser. Als Trainer schließt er nicht mit einem Transfer ab, wie ich das sonst manchmal feststelle, wenn ein Spieler geholt wird, zehn Millionen kostet und dann funktionieren muss. Aber es kann gut sein, dass zunächst mal gar nichts funktioniert und die Arbeit des Trainers erst beginnt. Oft denkt man vielleicht: »Der ist Nationalspieler, der muss doch wissen, wie er laufen muss.« Aber als Trainer muss man dem Spieler selbstverständlich zeigen, was man von ihm will. Wenger hat mal zu mir gesagt, er hätte alle Titel nur mit intelligenten Mannschaften gewonnen. Er meinte damit eine Intelligenz im Sinne von Interesse am Fußball, Offenheit für Neues und die Bereitschaft zu gutem Lebenswandel.

Sie waren auch als Hospitant beim FC Barcelona, was kann man da lernen?
Konsequenz! Der Jugendkoordinator meinte zu mir: »Wir erfinden das Rad auch nicht neu. Aber ein Punkt ist das Allerwichtigste: Wir sind die Konsequentesten in unserer Ausbildung. Bei uns gibt es kein Wenn und Aber.« Das hat mich beeindruckt, weil ich als Trainer früher manchmal den Fehler gemacht habe, zu sehr hin und her zu springen. Ich wusste manchmal nicht, was wirklich wichtig ist. Heute weiß ich es.

Wissen Sie denn auch, wie man Spanien schlägt?
Ja, denn die Antwort ist ganz einfach: Man muss fußballerisch besser sein als sie, nur mit Aggressivität und Härte wird man sie nicht in die Knie zwingen können. Fußballerisch zu überzeugen, ist die einzige Lösung, wenn man sich nicht auf das Glück verlassen will, das man in einem einzelnen Spiel sicher immer mal haben kann.
Und wie bekommen Sie die Nationalmannschaft dahin, so gut wie Spanien zu spielen? Wir haben seit acht Jahren eine klare Philosophie und Strategie. Wir streben technisch eine gute und hohe Fußballkultur an und arbeiten daran ständig. Ich will mich nicht auf den Zufall verlassen. Ich möchte das Spiel durchdacht von hinten aufbauen, durchdacht weiterführen und hatte deshalb die größte Freude daran, wie meine Mannschaft 2010 gespielt hat.

Werden Sie lieber schön Dritter oder hässlich Erster?
Die Frage ist falsch, denn ich bin fest davon überzeugt, dass man auf hässliche Weise keinen Titel mehr gewinnen kann. Man muss heute agieren und Gegner durch gute Spielzüge auseinandernehmen. Wir haben gegen Spanien zwar einen Fehler gemacht, aber ich bin nach dem Turnier in dem Gefühl nach Hause gegangen: Wir haben unsere Aufgabe erfüllt. Wir haben es zwar nicht geschafft, den Titel zu gewinnen, aber die Mannschaft hat gut, ja attraktiv gespielt, ist in Ihrem Auftreten sympathisch gewesen und sie hat Emotionen geweckt. Die Leute sagen: Uns gefällt das, wie ihr spielt. Und nicht: Spiel war schlecht, aber wir haben halt gewonnen. Das ist mir wichtig.

Nicht mehr wie zu den Zeiten, als es bei der Nationalmannschaft vor allem um die »deutschen Tugenden« ging.
Die sind auch wichtig. Aber wenn ich die Entwicklung der vergangenen Jahre sehe, hatte ich immer das Gefühl, dass Einsatz, Moral, Kampf und Wille allein zur Weltspitze nicht mehr reichen. Andere Nationen haben in diesen Punkten längst aufgeholt. Natürlich war es ein großer Erfolg von Teamchef Rudi Völler, 2002 das WM-Finale zu erreichen, aber Brasilien und andere Nationen waren uns bei dem Turnier spielerisch überlegen. Wenn ich heute sehe, dass wir gegen Brasilien, die Niederlande, Argentinien oder England nicht nur gewinnen, sondern auch spielerisch die bessere Mannschaft sind, stellt mich das auf ganz besondere Weise zufrieden.

Haben Sie die Spielweise der deutschen Nationalmannschaft in den letzten beiden Jahren bewusst vom Konter- zum Kombinationsfußball verändert?
Ich würde nicht sagen, dass wir unsere Grundidee verändert haben, wir haben sie vielmehr weiterentwickelt. 2010 mussten wir uns auch darauf einstellen, in der Qualifikation mehr Ballbesitz zu haben und nicht auf Gegner zu treffen, die uns so attackieren wie England oder Argentinien. Also mussten wir in der Raumaufteilung und in der Passsicherheit noch besser sein, um gegen defensiv ausgerichtete Mannschaften leichter zu unseren Chancen zu kommen.

Das hat bestens geklappt, der Fluch der guten Tat ist aber: Nun wird von Ihnen bei der Europameisterschaft der Titel erwartet.
Natürlich streben wir im Sommer den Titel an. Aber ich bin sehr entspannt, wenn einer sagt: Sollten wir die Europameisterschaft nicht gewinnen, geht die Welt unter. Denn selbst wenn wir nicht Europameister werden, wird die Mannschaft sehr gut gewesen sein und wir werden alle stolz auf sie sein können. Dieses Team und viele junge Spieler haben hervorragende Perspektiven. Die Entwicklung der Mannschaft wird mit diesem Turnier nicht zu Ende sein, egal wie sie spielt.

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