Jogi Löw im großen 11FREUNDE-Interview

»Ich kann Siege nicht genießen«

Seit Joachim Löw Bundestrainer ist, sieht alles so leicht aus. Doch wie schwer ist sein Job wirklich? Ein Gespräch über Tunnelblick, Erwartungsdruck und Bierhoffs Organisationsmanie.

Jonas Unger
Heft: #
124

Joachim Löw, wie wäre Ihre Karriere verlaufen, wenn Jürgen Klinsmann Sie im Spätsommer 2004 nicht angerufen hätte?
Keine Ahnung. Vielleicht wäre ich heute Trainer in Leoben.

In Österreich, Regionalliga Mitte. So schlimm?
Vielleicht auch zweite Liga, das ist zumindest denkbar. Ich weiß, dass ich in meiner Trainerkarriere viel Glück hatte – schon als Rolf Fringer mich 1995 als Co-Trainer zum VfB Stuttgart holte. Damals hatte ich sogar noch Bedenken, weil ich kurz zuvor Spielertrainer beim FC Frauenfeld in der zweiten Schweizer Liga geworden war und dort alle Entscheidungsmöglichkeiten hatte. Aber eine innere Stimme hat mir dann doch gesagt: »Hey, Löw! Diese Chance in der Bundesliga darfst du dir nicht entgehen lassen.« Also bin ich nach Stuttgart gegangen, und nach einem Jahr wurde ich Nachfolger von Fringer.

Sie waren damals erst 36 Jahre alt, kam das zu früh?
Der Erfolg hat sich schnell eingestellt, im ersten Jahr wurden wir auf Anhieb DFB-Pokalsieger, im nächsten kamen wir ins Europapokalfinale der Pokalsieger. Aber natürlich war ich noch jung, kaum älter als Thomas Berthold, und im Kopf noch ein halber Spieler.

Nach Stuttgart ging es in Ihrer Karriere wild hin und her: Istanbul, Karlsruhe, Adana, Österreich. Wo war es am schlimmsten?
Jedenfalls nicht beim Karlsruher SC, obwohl mir nur ein Sieg in 18 Spielen gelungen ist. Innsbruck war ein Schock! Beim FC Tirol hatten wir gerade die österreichische Meisterschaft gewonnen, und ich habe schon darauf spekuliert, dass wir uns vielleicht für die Champions League qualifizieren. Da kam der Präsident zu mir und sagte: »Sie können jetzt gehen, Herr Löw. Wir bekommen keine Lizenz mehr.« Und bei Aus­tria Wien musste ich als Tabellenführer kurz vor Saisonende gehen, weil es Meinungsverschiedenheiten mit unserem Präsidenten und Mäzen Frank Stronach gab. Ich konnte mich mit einigen Vorstellungen von ihm nicht arrangieren und wurde deshalb nach einer Aussprache entlassen. (Löw sollte sich bei der Aufstellung nach den Wünschen von Stronach richten, d. Red.) Ich weiß noch, wie ich von der Geschäftsstelle nach Hause fuhr und dachte: »Hätte ich nicht kompromissbereiter sein sollen?«

Hätte Ihr Weg anschließend auch nach Abu Dhabi oder Georgien führen können, oder wie kurz standen Sie davor, dort Nationaltrainer zu werden?
Das war kein Thema für mich. Trotzdem habe ich mich, als Jürgen Klinsmann anrief, gefragt: Will ich wieder Co-Trainer sein? Immerhin war ich vorher viele Jahre bei durchaus interessanten Klubs Cheftrainer gewesen. Aber er hat mich überzeugt, mir zentrale Kompetenzen übertragen und auf meine Erfahrung gesetzt. Das war neu für mich, denn ich selbst hatte als Cheftrainer zuvor alles selbst gemacht – bei Fenerbahce übrigens zum Leidwesen meines damaligen Assistenten Frank Wormuth. Er hätte mir einiges mehr abnehmen können, er wusste viel. Aber ich konnte schlecht delegieren. Das hat mich erst Jürgen gelehrt.

Ihre Spielerkarriere fand vor allem am Rand der Republik beim Zweitligisten Freiburg statt. Zur Trainerausbildung waren sie in der Schweiz, die in Deutschland lange nicht ernstgenommen wurde, und bei Ihrer Rückkehr galten Sie lange als »der nette Herr Löw«, was oft überhaupt nicht nett gemeint war. Haben Sie sich im deutschen Spitzenfußball früher als Außenseiter gefühlt?
Den Begriff »Außenseiter« würde ich nicht benutzen. Aber richtig ist, dass die Schweiz mich geprägt hat. Ich habe dort Inhalte vorgefunden, nach denen ich mich unbewusst gesehnt hatte.

Können Sie Beispiele nennen?
Die damaligen Trainingsmethoden in Deutschland habe ich insgeheim gehasst, ich litt regelrecht körperlich darunter. Von diesen Konditionsläufen mit dem Medizinball unterm Arm, die bis zum Erbrechen durchexerziert wurden, wurde ich langsamer. Ich habe mich selten topfit gefühlt. Auch in taktischer Hinsicht wurde unheimlich viel dem Zufall überlassen. In der Schweiz wurde viel von Organisation, Raumdeckung, Positionsspiel oder Gruppenprozessen gesprochen – ich war begeistert!

Und Sie haben viele solcher Ideen auch hierzulande durchgesetzt. Sehen Sie sich als Revolutionär?
Nein, das habe ich nie. Jürgen Klinsmann war ein Revolutionär, weil er manche verkrusteten Strukturen im Verband in Angriff genommen oder mit einem Sportpsychologen gearbeitet hat, was vorher weitgehend tabu war.

Aber Sie finden die Frage offenbar nicht abseitig. Denn spätestens seit der WM 2010 wird die deutsche Nationalmannschaft in der Welt nicht nur geachtet, sondern für ihren schönen Fußball geliebt.
Natürlich freut mich das, weil Fußball für mich immer etwas mit Ästhetik und Leichtigkeit zu tun hat. Ich möchte am Ende eines Spiels feststellen: Wir sind spielerisch die bessere Mannschaft gewesen und haben nicht nur aufgrund von Glück gewonnen.

Haben Sie ein fußballerisches Ideal?
Früher haben mir die Brasilianer imponiert, selbst wenn sie mal früh aus einem Turnier ausgeschieden sind. Socrates, Eder, Zico und Junior waren für uns Jugendliche 
Zauberer. Ihr Fußball von damals hatte was Faszinierendes.

Und welche Mannschaften inspirieren Sie heute?
Es gibt in jeder fußballerischen Epoche Mannschaften, die inspirieren. Zum Beispiel den AC Mailand mit dem Pressing unter Arrigo Sacchi. Beim FC Bayern in den guten Spielen unter Louis van Gaal hat man gesehen, dass nicht nur individuelle Klasse, sondern eine klare Strategie der Mannschaft entscheidet. Der FC Barcelona ist dafür natürlich aktuell ein hervorragendes Beispiel, Real Madrid wird unter José Mourinho fußballerisch besser. In der vergangenen Saison hat mich Borussia Dortmund beeindruckt: druckvoll gegen den Ball, dem Gegner keine Zeit zum Atmen lassen. Man sieht auf dem Platz, was Jürgen Klopp trainieren lässt. Und grundsätzlich finde ich die Arbeit von Arsène Wenger gut.

Was gefällt Ihnen daran?
Er macht junge Spieler besser. Als Trainer schließt er nicht mit einem Transfer ab, wie ich das sonst manchmal feststelle, wenn ein Spieler geholt wird, zehn Millionen kostet und dann funktionieren muss. Aber es kann gut sein, dass zunächst mal gar nichts funktioniert und die Arbeit des Trainers erst beginnt. Oft denkt man vielleicht: »Der ist Nationalspieler, der muss doch wissen, wie er laufen muss.« Aber als Trainer muss man dem Spieler selbstverständlich zeigen, was man von ihm will. Wenger hat mal zu mir gesagt, er hätte alle Titel nur mit intelligenten Mannschaften gewonnen. Er meinte damit eine Intelligenz im Sinne von Interesse am Fußball, Offenheit für Neues und die Bereitschaft zu gutem Lebenswandel.

Sie waren auch als Hospitant beim FC Barcelona, was kann man da lernen?
Konsequenz! Der Jugendkoordinator meinte zu mir: »Wir erfinden das Rad auch nicht neu. Aber ein Punkt ist das Allerwichtigste: Wir sind die Konsequentesten in unserer Ausbildung. Bei uns gibt es kein Wenn und Aber.« Das hat mich beeindruckt, weil ich als Trainer früher manchmal den Fehler gemacht habe, zu sehr hin und her zu springen. Ich wusste manchmal nicht, was wirklich wichtig ist. Heute weiß ich es.

Wissen Sie denn auch, wie man Spanien schlägt?
Ja, denn die Antwort ist ganz einfach: Man muss fußballerisch besser sein als sie, nur mit Aggressivität und Härte wird man sie nicht in die Knie zwingen können. Fußballerisch zu überzeugen, ist die einzige Lösung, wenn man sich nicht auf das Glück verlassen will, das man in einem einzelnen Spiel sicher immer mal haben kann.
Und wie bekommen Sie die Nationalmannschaft dahin, so gut wie Spanien zu spielen? Wir haben seit acht Jahren eine klare Philosophie und Strategie. Wir streben technisch eine gute und hohe Fußballkultur an und arbeiten daran ständig. Ich will mich nicht auf den Zufall verlassen. Ich möchte das Spiel durchdacht von hinten aufbauen, durchdacht weiterführen und hatte deshalb die größte Freude daran, wie meine Mannschaft 2010 gespielt hat.

Werden Sie lieber schön Dritter oder hässlich Erster?
Die Frage ist falsch, denn ich bin fest davon überzeugt, dass man auf hässliche Weise keinen Titel mehr gewinnen kann. Man muss heute agieren und Gegner durch gute Spielzüge auseinandernehmen. Wir haben gegen Spanien zwar einen Fehler gemacht, aber ich bin nach dem Turnier in dem Gefühl nach Hause gegangen: Wir haben unsere Aufgabe erfüllt. Wir haben es zwar nicht geschafft, den Titel zu gewinnen, aber die Mannschaft hat gut, ja attraktiv gespielt, ist in Ihrem Auftreten sympathisch gewesen und sie hat Emotionen geweckt. Die Leute sagen: Uns gefällt das, wie ihr spielt. Und nicht: Spiel war schlecht, aber wir haben halt gewonnen. Das ist mir wichtig.

Nicht mehr wie zu den Zeiten, als es bei der Nationalmannschaft vor allem um die »deutschen Tugenden« ging.
Die sind auch wichtig. Aber wenn ich die Entwicklung der vergangenen Jahre sehe, hatte ich immer das Gefühl, dass Einsatz, Moral, Kampf und Wille allein zur Weltspitze nicht mehr reichen. Andere Nationen haben in diesen Punkten längst aufgeholt. Natürlich war es ein großer Erfolg von Teamchef Rudi Völler, 2002 das WM-Finale zu erreichen, aber Brasilien und andere Nationen waren uns bei dem Turnier spielerisch überlegen. Wenn ich heute sehe, dass wir gegen Brasilien, die Niederlande, Argentinien oder England nicht nur gewinnen, sondern auch spielerisch die bessere Mannschaft sind, stellt mich das auf ganz besondere Weise zufrieden.

Haben Sie die Spielweise der deutschen Nationalmannschaft in den letzten beiden Jahren bewusst vom Konter- zum Kombinationsfußball verändert?
Ich würde nicht sagen, dass wir unsere Grundidee verändert haben, wir haben sie vielmehr weiterentwickelt. 2010 mussten wir uns auch darauf einstellen, in der Qualifikation mehr Ballbesitz zu haben und nicht auf Gegner zu treffen, die uns so attackieren wie England oder Argentinien. Also mussten wir in der Raumaufteilung und in der Passsicherheit noch besser sein, um gegen defensiv ausgerichtete Mannschaften leichter zu unseren Chancen zu kommen.

Das hat bestens geklappt, der Fluch der guten Tat ist aber: Nun wird von Ihnen bei der Europameisterschaft der Titel erwartet.
Natürlich streben wir im Sommer den Titel an. Aber ich bin sehr entspannt, wenn einer sagt: Sollten wir die Europameisterschaft nicht gewinnen, geht die Welt unter. Denn selbst wenn wir nicht Europameister werden, wird die Mannschaft sehr gut gewesen sein und wir werden alle stolz auf sie sein können. Dieses Team und viele junge Spieler haben hervorragende Perspektiven. Die Entwicklung der Mannschaft wird mit diesem Turnier nicht zu Ende sein, egal wie sie spielt.



Die Einheit von Schönheit und Erfolg gab es bei der deutschen Nationalmannschaft zuletzt beim EM-Sieg 1972, als Sie zwölf Jahre alt waren. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Meine ersten Erinnerungen an Fußball liegen noch etwas weiter zurück. Das war die WM 1970 in Mexiko, vor allem die Spiele gegen England und Italien: Beckenbauer mit dem Arm in der Schlinge oder das Hinterkopftor von Uwe Seeler. Das habe ich bei Verwandten gesehen, weil wir noch keinen eigenen Fernseher hatten: 30 Leute, das ganze Wohnzimmer voll und wir Kinder vorne auf dem Boden in der ersten Reihe. Was 1972 betrifft, erinnere ich mich vor allem an den Sieg in Wembley gegen England. Günter Netzer war damals auch mein großes Idol.

Waren Sie beim Kicken daheim in Schönau also immer Netzer?
Das ist lange her ... Netzer war jedenfalls ein Spieler, wie er mir gefallen hat: zwar kein allzu großer Radius, aber fußballerisch genial, einfallsreich und mit einem Schuss Exzentrik.

Könnten Sie Netzer heute in Ihrer Mannschaft noch gebrauchen?
Selbstverständlich nicht. (lacht)

Nicht einmal für Freistöße?
Auch das, glaube ich, ist überholt. Natürlich waren Netzer, Beckenbauer oder Cruyff in ihrer Zeit geniale Spieler. Inzwischen ist der Raum aber enger und die Zeit viel knapper. Unter diesen Bedingungen eine Lösung zu finden, zeichnet die großen Spieler von heute aus. Das begann mit Zidane, der auf engstem Raum unter großer Bedrängnis immer die Orientierung behielt.

Auch in Ihrer Mannschaft sind inzwischen sehr viele Spieler, die das können.
Das stimmt. In den letzten zwei, drei Jahren sind Spieler dazugekommen, die sehr schnell lernen und das Gelernte auch schnell umsetzen. Denn darauf kommt es heute an. Als wir 2004 angefangen haben, war das noch nicht so ausgeprägt.

Woran lag das?
Vor einigen Jahren hatte ich noch das Gefühl, dass Veränderungen mit wahnsinniger Vorsicht und großer Skepsis wahrgenommen wurden. Jeder einzelne kleine Schritt wurde wie eine Revolution gesehen: »Das kann man doch nicht machen, das haben wir noch nie so gemacht.« Heute sind die Spieler froh, wenn man etwas ganz Neues macht. Diese Generation, zumindest die Elite, die es ganz nach oben geschafft hat, ist sicher auch durch die Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga anders auf ihre Karriere vorbereitet. Die Götzes, Hummels, Kroos, Badstubers, Reus oder Benders sind unheimlich zielstrebig, seriös und mögen Veränderungen.

Worauf kommt es im Umgang mit ihnen an?
Man muss sie ernstnehmen und ihnen das Gefühl vermitteln, dass ein Grundvertrauen existiert. Nur dann sind sie auch kritikfähig. Ansonsten ist ein ganz weites Spektrum von Charakteren zu berücksichtigen. Mit allen Spielern muss man sehr sensibel arbeiten, und sie brauchen klare Aufgabenstellungen. Manche reagieren besonders auf Nähe und Vertrauen, andere auf eine klare, rationale Ansprache. Der eine braucht Freiraum, der andere strikte Anweisungen. Das muss ich jeweils herausfinden.

Und dann schlägt auch keiner über die Stränge?
Da bin ich völlig entspannt. Wenn ich einem Schweinsteiger oder Lahm sage, die Mannschaft kann abends bis um eins in die Stadt gehen, dann weiß ich, dass sie sehr bewusst mit dieser Freiheit umgehen. Passiert doch mal ein Fehler, kommen sie selbst und teilen das mit, deshalb brauche ich die Spieler auch nicht groß zu kontrollieren. Natürlich werden sie auch mal während der Saison in die Diskothek gehen oder versuchen, die Grenzen auszutesten. Das ist normal, wenn man so durch Regeln eingeschränkt ist. Aber das Leben der Profifußballer heute ist viel transparenter, da muss man viel vorsichtiger sein. Und eigentlich muss ich mit den Spielern nicht über ihren Lebenswandel sprechen. Das kann ich mir sparen. Die wissen alle, dass sie topfit sein müssen, da waren wir eine andere Generation.

Viele unserer Leser beklagen, dass durch die Vernunft der jungen Spielergeneration der Paradiesvogel ausgestorben ist. Können Sie diese Wehmut verstehen?
Ich persönlich sehe das anders, denn in meinen Augen ist es manchmal auch einfach nur unseriöses und egoistisches Verhalten gewesen. Wenn sich jemand damit rühmt, einst nächtelang unterwegs gewesen und am Morgen alkoholisiert zum Training gekommen zu sein, finde ich das im Mannschaftssport heikel. Ein Einzelsportler kann tun und lassen, was er will, aber im Fußball gibt es eine Verantwortung für den Gesamterfolg des Teams.

War Ihnen das als Spieler auch schon bewusst?
In den Achtzigern und Neunzigern ist man generell noch nicht so bewusst mit seinem Beruf umgegangen, wie das hätte sein müssen. Wir haben noch geglaubt, man könne nach einem Sieg mal richtig die Sau rauslassen. Nur wissen wir heute, dass es nach einer hohen Belastung das Schlechteste ist, was man machen kann. Allerdings ist das damals nicht weiter aufgefallen, schließlich haben es alle gemacht.

Und damit war es doch wieder in Ordnung.
Naja, insgesamt gibt es in der Rückschau doch etliche Fehlwahrnehmungen. Etwa von ehemaligen Spielern, die sich bis heute rühmen, früher nur mit halber Kraft gespielt zu haben und trotzdem glauben, dass sie die Besten waren.

Nur, wie häufig haben diese angeblich genialen Fußballer solche Leistungen gebracht?
Vielleicht fünfmal im Jahr, sie glauben aber heute noch, sie wären die Größten überhaupt gewesen.

Welcher Nationalspieler ist denn Ihr bester, Ihr Most Valuable Player?
Den gibt es nicht, besser gesagt: nicht mehr. Heute braucht man mehrere Spieler, die das Konzept einer Mannschaft tragen. Die ein Trainer für seinen Weg gewinnen kann, denen er taktische und soziale Aufgaben überträgt. Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm, Miro Klose und Per Mertesacker sind mindestens so ehrgeizig wie die Platzhirsche oder Leitwölfe vergangener Tage. Aber sie schauen eben nicht nur auf ihre eigene Leistung.

War das früher anders?
In meiner Zeit als junger Profi habe ich diese Leitwölfe jedenfalls allzu oft nur schreien hören, konkrete Anweisungen gab es so gut wie nie. »Du musst aggressiver spielen«, hieß es. Aber wie? Ich wusste es nicht. Im nächsten Spiel habe ich dann eine Rote Karte kassiert.

Auch wenn Sie keinen MVP haben, wer darf sich auf keinen Fall verletzen?
Das ist doch müßig! Selbst wenn sich Schwein­steiger oder Lahm verletzen würden, müsste ich damit leben. Deshalb arbeiten wir ständig mit einer »Wenn, dann«-Strategie: Wenn dieser Spieler sich verletzt, dann ersetzt ihn jener. Es gibt ja auch Spieler, die während eines Turniers, ohne dass man es vorher so erwartet hätte, einen unglaublichen Willen aufbauen und stark aufspielen, wie etwa Arne Friedrich während der WM in Südafrika. Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet.

Das bezweifeln wir nicht, den Europameistertitel für die beste Vorbereitung dürften Sie schon haben.
Aber da ist Oliver Bierhoff die treibende Kraft. Der sitzt mir ohnehin ständig mit seiner Organisationsmanie im Nacken!

»Organisationsmanie«, das sagen wir weiter!
Können Sie ruhig. Es wird Zeit, das mal zu sagen. (lacht) Aber im Ernst: Klar ist, dass seine Arbeit sehr gut und wichtig für uns ist. Er denkt immer über die Turniere hinaus und fragt das Trainerteam schon jetzt, gegen wen wir 2013 und 2014 Testspiele bestreiten wollen. Selbstverständlich fällt uns die Antwort darauf schwer, dafür habe ich doch jetzt noch keinen Kopf. Aber Oliver lässt nie locker.

Und wenn es losgeht, sind Sie doch froh, wenn der Mannschaftsbus pünktlich vorfährt und der Fahrer auch noch weiß, wo es hingeht.
Ja, aber das würde ich niemals zugeben.



Das Quartier in Danzig stand auch schon fest, als die Mannschaft noch gar nicht qualifiziert war. Wie wichtig ist die richtige Wahl?
Sie müssen bedenken, dass wir viele Wochen – bei der WM 2010 waren es sogar acht – in einer Gruppe von 70 Leuten verbringen. Das ist eine reine Männergesellschaft, da muss man Ausweichmöglichkeiten schaffen, Aggressionspuffer und Frustrationshalden. Unser Ziel ist es, hart zu arbeiten, aber uns dabei eine gewisse Leichtigkeit zu bewahren. Da sind das Ambiente und die Umgebung entscheidend. So gesehen: Nach Malente würden wir nicht unbedingt gehen.

Das sogenannte »Team hinter dem Team« mit den Trainern, Ärzten, den Physios, dem Psychologen, den Organisations- und Presseleuten usw. ist seit acht Jahren ziemlich unverändert zusammen. Gehen die Ihnen inzwischen nicht manchmal auf den Keks?
Nein, weil jeder selbständig hervorragende Arbeit leistet und alles so eingespielt ist, dass ich mich nicht um jedes Detail kümmern muss. Das ist eine Voraussetzung dafür, dass ich mich auf das Wesentliche konzentrieren kann: die Arbeit mit der Mannschaft.

Auch wenn Sie über Bierhoff spotten, angeblich sollen die Trainingspläne für die EM auch schon fertig sein. Wissen Sie aus dem Kopf, wie die Einheit am 19. Juni aussehen wird?
Das nun nicht, aber natürlich haben wir bereits an den Plänen gearbeitet. Wir sind dabei, die Schwerpunkte fürs Turnier festzulegen.

Nur Ecken und Freistöße kommen wahrscheinlich erneut zu kurz und Ihr Assistent Hansi Flick grämt sich wieder.
Natürlich versuchen wir, die Standards zu optimieren. Aber das tut jede Mannschaft der Welt, und am Ende hat man soviel anderes zu tun, dass man nicht dazu kommt.

Besteht nicht sowieso die Gefahr, sich zu verlieren, weil man so viel machen kann?
Nein. Mir ist inzwischen klar, dass die Trainingseinheiten das Allerwichtigste sind, wenn man weiterkommen will, und nicht nur Gespräche oder die Theorie im Sitzungsraum. Man muss Aktionen wiederholen, nur dann sind die Spieler darin sicher. Es muss zur Normalität werden, nur dann kann es abgerufen werden. Das ist wie beim Vokabellernen.
Ihre Spieler büffeln also. Und wie ergeht es Ihnen während eines Turniers? Ich entwickle schon einen Tunnelblick. Sonst achte ich ja stets auf eine gewisse Lebensqualität, dass ich gelegentlich abschalte, Mountainbike fahre, mich mal mit Freunden treffe oder abends zu Hause mit meiner Frau ein Glas Wein trinke. Aber während eines Turniers sinkt meine Lebensqualität auf ein Minimum. Jeder, wirklich jeder Gedanke ist mit Fußball behaftet. Ich analysiere, diskutiere, plane – alles unter Zeitdruck.

Aber Sie werden, wenn alles gut geht, mit Siegen belohnt.
Ja, nur kann ich sie nicht genießen. Selbst die Freude über einen Sieg wie das 4:0 gegen Argentinien bei der WM in Südafrika hat nur kurz angehalten. Nach fünf Minuten habe ich schon an den nächsten Gegner gedacht und was wir in der Vorbereitung des nächsten Spiels alles beachten müssen.

Wie schade!
Ja, aber die Emotionen sind nicht ganz verloren. Sie kommen später raus, wenn die Anspannung von mir abfällt. Als ich im Fernsehen den Jahresrückblick 2010 sah, habe ich eine Gänsehaut bekommen. Und ich dachte: was für Momente! Schade, dass ich sie damals nicht so wahrgenommen habe.

Freuen Sie sich denn überhaupt auf die kommende EM?
Ja, Vorfreude empfinde ich durchaus. Ich freue mich darauf, die Spieler wiederzusehen, mit ihnen zu arbeiten. Und ich freue mich auch auf die Gegner: Niederlande, Portugal, Spanien – da steckt viel Brisanz drin. Kurz vor dem ersten Turnierspiel aber gerate ich in diesen Tunnel. Der Adrenalinspiegel steigt, ich fokussiere mich immer stärker.

Sind Sie dann reizbarer als sonst?
Nein, ständig gereizt zu sein, liegt nicht in meiner Natur. Ich werde im Stress sogar eher ruhiger. Erst nach dem Turnier beginnt eine Phase der Unruhe, dann rolle ich gewisse Situation noch einmal auf und hinterfrage Entscheidungen. Zum Schluss kommt die Erschöpfung, und dann möchte ich mich vorübergehend nicht mehr mit Fußball befassen. Vor dem Länderspiel in Dänemark, einen Monat nach der Weltmeisterschaft 2010, mussten Olli Bierhoff und Hans Flick mich da wieder rausziehen: »Jogi, wir sollten uns schon mal über den Kader unterhalten.« Da habe ich erst gesagt: »Ladet doch ein, wen ihr wollt!«

Gibt es einen Fehler, den Sie begangen haben und der Sie heute noch quält?
Fehler macht man doch immer. Aber rückgängig machen kann man sie nie. Es geht einzig und allein darum, aus ihnen zu lernen.

Schaffen Sie das?
Meistens. Wissen Sie, ich bin aber auch ein Bauchmensch. Ich kann mir tagelang Gedanken machen – aber die Entscheidung treffe ich dann trotzdem rein intuitiv.

Frank Wormuth sagt, Sie beherrschten sogar die Kunst des Nichtentscheidens.
Richtig ist, dass ich mich nicht zu Entscheidungen drängen lasse. Wenn ich Druck von außen verspüre, lasse ich mir nur umso mehr Zeit.

Haben Sie deshalb eine Entscheidung schon mal zu spät getroffen?
Das auch. Aber das ist kein Grund, die Entscheidungen in Zukunft nicht mehr reifen zu lassen. Insgesamt bin ich gut damit gefahren, mir Zeit zu lassen, wenn sehr wichtige Entscheidungen anstehen.

Würden Sie sich eines Tages gerne noch häufiger entscheiden müssen und wieder als Vereinstrainer arbeiten?
Ich treffe auch heute als Bundestrainer täglich Entscheidungen. Aber ich möchte nicht ausschließen, dass mir die Arbeit als Vereinstrainer auch mal wieder Spaß machen könnte.

Auch in Deutschland?
Wenn Sie mich heute fragen, würde ich sagen, dass es mich eher ins Ausland zieht.

Herr Löw, die Zeit neigt sich dem Ende zu, aber ein paar Fragen hätten wir noch.
Schießen Sie los.

Warum haben wir Sie bei Facebook nicht gefunden, und warum twittern Sie nicht?
Ich halte nichts davon, meine Privatsphäre jedermann zugänglich zu machen. Ich ziehe die persönliche Kommunikation vor.

Darf ein Bundestrainer kostenlose Upgrades in Anspruch nehmen?
Ja. Manchmal habe ich in Hotels das Gefühl, dass sie es machen, ohne mir davon was zu sagen.

Stört es Sie, dass ein ganzes Land Sie beim Spitznamen nennt?
Nein.

Nennt Ihre Frau Sie auch Jogi?
Ja, meistens.

Sie sind derzeit drittbeliebtester Deutscher hinter Helmut Schmidt und Günther Jauch. Wann sind Sie endlich Erster?
Helmut Schmidt und Günther Jauch haben den Vorteil, dass sie in dem Ranking noch lange oben bleiben werden. Aber ich weiß, dass man im Fußball ganz schnell mal der Staatsfeind Nummer eins werden kann.

Sepp Herberger war »der Chef«, Helmut Schön »der Mann mit der Mütze«, und Franz Beckenbauer ist »der Kaiser«. Unter welchem Namen möchten Sie in die Fußballgeschichte eingehen?
Joachim Löw, der ... Zufriedene!

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