Jörg Sievers im Interview

„Der Kleinste geht in die Kiste“

Wie wird man Torwart? Vor allem: Wie wird man ein guter Torwart? Darüber sprachen wir mit Hannovers Urgestein Jörg Sievers, einst umjubelter Elfmeterkiller und heute der engste Vertraute des heimlichen Nationalkeepers Robert Enke. Imago

Herr Sievers, wie begann eigentlich Ihre Torhüter-Karriere?

Ich habe noch drei ältere Brüder, die immer schon Fußball spielten und mich dann mal mitnahmen, als ich alt genug war. Und wer ging natürlich in die Kiste? Der Kleinste (lacht). Ich habe dann später auch im Verein als Torhüter gespielt. Obwohl, zwei Jahre habe ich auch noch draußen gespielt, ehe ich mich in der C-Jugend endgültig entscheiden musste, weil wir im Verein ab da keinen Torwart mehr hatten.

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Und welche Position haben Sie auf dem Feld gespielt?


Ich war ein sehr guter Stürmer.

Warum haben Sie sich nicht für die Position des Stürmers entschieden?


Ich hatte das Glück, dass ich einen sehr guten Trainer hatte, der auch selbst Torwart war. Er hat viel mit mir trainiert und mich gefördert, deswegen fiel die Entscheidung gegen die Stürmerposition nicht sonderlich schwer.

In der Saison ‘89/’90 sind Sie zu Hannover 96 gewechselt. Stammtorhüter Ralf Raps hatte gerade seine Karriere beendet. Der Trainer hatte die Wahl zwischen Andreas Nagel und Jörg Sievers. Erzählen Sie uns von der damaligen Torwartsituation in Hannover.


Ich bin aus der dritten Liga von Wolfsburg zu Hannover 96 gekommen, und es war klar, dass ich hinter Nagel der Ersatztorwart sein sollte. Doch wie es im Fußball manchmal so ist, konnte der Andreas Nagel in den ersten Spielen nicht überzeugen und machte den ein oder anderen Fehler. Bereits am fünften Spieltag stand ich gegen Fortuna Köln dann zwischen den Pfosten.

Freut man sich als Ersatztorwart über solche Fehler des Stammtorhüters?

Nein, man freut sich sicherlich nicht, man nimmt das zur Kenntnis. Ich hatte aber trotzdem nicht erwartet, dass es so schnell geht. Der Andreas hat im Training wahnsinnig gut gehalten. Ich habe in der Zeit nur gedacht, Gott oh Gott, an dem kommst du niemals vorbei. Nach drei, vier Wochen war es dann doch schon soweit: Die haben mich ins Tor gestellt, und ich habe versucht, das Beste zu geben. Und das hat am Ende wohl gereicht.  

Die anschließenden 12 Spielzeiten waren Sie im Tor von Hannover 96 gesetzt. Hatten Sie in dieser Zeit Mitleid mit Ihren Konkurrenten?

(lacht) Nein, nein. Als Torhüter hast du die Gewissheit, wenn du das Spiel ohne große Fehler hältst, dann spielst du auch die nächste Partie. Das war den Ersatztorhütern genauso bewusst. Deswegen würde ich jetzt nicht sagen, sie hätten mir leid getan. Ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis zu den zweiten Torhütern.

In Zeiten von Oliver Kahn denkt man, Torhüter müssten irgendwie verrückt sein. In welchem Sinne waren Sie verrückt?


Ich bin vom Typ her ganz ruhig und habe immer nur versucht, meinen Job zu machen. Von daher würde ich mich nicht unbedingt als verrückt bezeichnen.

In der Saison ‘02/’03 wurden Sie - als das Hannoversche Urgestein - nach 16. Spieltagen plötzlich von Gerhard Tremmel ersetzt. Was war passiert?


Wir sind 2002 in die 1. Bundesliga aufgestiegen. Am Anfang lief es nicht so gut, doch wir haben uns dann irgendwann gefangen. Zum Ende der Hinserie sagte mir der Trainer (Ralf Rangnick, Anm. d. R.), dass meine Leistung nicht mehr ausreichen würde, und dass er es gerne mit Gerhard Tremmel versuchen würde. Das hat er dann auch getan.

Wie kann man sich Ihre Situation als Ersatztorhüter vorstellen?  

Es hat sich eigentlich gar nicht so viel geändert - außer dass ich samstags nicht mehr spielen durfte. Die Stimmung zu Gerhard Tremmel hat darunter nicht gelitten. Auf den Trainer war ich natürlich sauer.

Wie hält man die Spannung bzw. wie baut man sie ab, wenn man nicht spielt?

Anfangs gab es natürlich immer wieder Tage, an denen ich total niedergeschlagen war und ich auch nicht so viel Gas gegeben habe wie gewohnt. Doch bald habe ich mich im Training wieder doppelt reingeschmissen, weil ich natürlich auch nicht aufgeben wollte.

Welches Spiel würden Sie als das Spiel Ihres Lebens bezeichnen?


(lacht)
Mensch, das ist keine einfache Frage. (überlegt) Der Pokalsieg `92 war insgesamt natürlich etwas Tolles, was man nicht alle Tage erlebt. Das Halbfinale war das Spiel, in dem ich mich in den Vordergrund gespielt habe: Zwei Elfmeter gehalten, einen selbst verwandelt. Doch auch der Zweitliga-Aufstieg `98 gegen TEBE Berlin: Als wir nach der 0:2-Heimpleite nach Berlin mussten, und das Ding noch gedreht haben. Wahnsinn!

Ein Torwart kann Spiele alleine verlieren und fast alleine gewinnen. Können Sie den besonderen Druck beschreiben, unter dem die Torhüter stehen?


Es stimmt natürlich: Wenn der Torhüter den Ball durchlässt, fällt ein Tor für den Gegner. Ich bin der letzte Mann, und ich entscheide über Tor oder nicht Tor. Man steht schon unter einer gewaltigen Anspannung, doch man gewöhnt sich an den Druck und lernt, damit umzugehen. Letztendlich verliert man aber mit der Mannschaft, und man gewinnt mit der Mannschaft.

Nach Ihrer Spielerzeit sind Sie bei Hannover 96 Torwarttrainer geworden. Ist man als ehemaliger Torwart eigentlich schon Torwarttrainer, oder bedarf es noch einer zusätzlichen Ausbildung beim DFB?


Nein, es bedarf keiner zusätzlichen Ausbildung beim DFB, jeder kann Torwarttrainer sein. Ich denke aber, es ist von großem Vorteil, wenn ein Torwarttrainer selbst auch Profitorwart gewesen ist. Allein von den Trainingsübungen her, vom Kopf her, von der Einstellung.

Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Torwart aus?


Heutzutage muss ein Torwart ziemlich komplett sein. Es reicht nicht mehr, nur auf der Linie stark zu sein oder nur jede  Flanke zu pflücken. Ein sehr guter Torhüter muss alles beherrschen, vom Abschlag bis zur Parade darf er kaum mehr Schwächen zeigen.

Wie viele Übungen werden jetzt noch in Ihrem Training gemacht, die Sie als Torwart schon machen mussten?


Ich hatte damals gar keinen Torwarttrainer und musste mit den Feldspielern mitschwimmen. Wenn ich Glück hatte, haute mir der Co-Trainer ein paar Bälle aufs Tor. Es hat sich in dem Bereich schon einiges getan. Ich mache mit dem Robert Enke aber keine Übungen, von denen ich weiß, dass sie mir damals schon nichts brachten.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Deutschland ständig sehr gute Torhüter hervorbringt?

(überlegt)
Das kann ich mir auch nicht erklären. Es war schon immer so, und es wird wohl auch in Zukunft so bleiben, dass wir in Deutschland auf dieser Position keine Probleme bekommen werden.

Es ist momentan so, dass mit Enke und Hildebrand auf der einen Seite, sowie Rensing, Neuer und Adler auf der anderen fast schon zwei Generationen miteinander konkurrieren. Was spricht für die ältere Generation, was für die jüngere Generation?

In erster Linie ist es schön, dass dieses Überangebot an ausgezeichneten Torhütern schon über zwei Generationen reicht. Man muss natürlich unterscheiden zwischen Torhütern, die jetzt eine gute Saison hinter sich haben, und Torhütern, die schon über sieben, acht Jahre auf Topniveau halten. Diese Konstanz und Erfahrung sollte man nicht außer Acht lassen, gerade auf dieser entscheidenden Position. Es ist schön, dass Manuel Neuer und René Adler bereits Druck machen, doch man muss ihnen noch die Zeit geben, bzw. sie sollten sich noch die Zeit nehmen.

Welcher dieser Torhüter kommt Ihrer Interpretation des Torwartspiels am nächsten?

Ich arbeite doch tagtäglich mit Robert Enke zusammen (lacht). Nein, im Ernst, Robert ist ein wirklich kompletter Torwart, der faktisch ohne Fehler durch eine Saison kommt. Die anderen kenne ich nur aus den Begegnungen gegen Hannover 96.

In welchem Kontakt stehen Sie zu Andreas Köpke?

In keinem (lacht).

Sie halten keine Rücksprache?

Nein, der Bundestrainer hält Kontakt mit Dieter Hecking, und ich denke, das reicht auch aus. Würde Andreas Köpke als Torwarttrainer der Nationalmannschaft mit den Torwarttrainern der einzelnen Vereine Rücksprache halten, käme eh nichts bei raus. Jeder würde wahrscheinlich behaupten, dass sein Torhüter der Beste sei.

Verraten Sie uns zum Abschluss noch eins. Sie hatten ‘92 im Pokalfinale keinen Zettel im Stutzen. Können Sie sich erklären, wie Sie zum Elfmeterkiller wurden?


(lacht)
Da gibt es ja schon immer Theorien: Achte auf den Anlauf, achte auf den Fuß, achte auf dies, achte auf das. Ich habe das mal versucht, aber das machte alles keinen Sinn. Bei mir war es immer eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Der Spieler ist angelaufen, und kurz bevor er am Ball war, habe ich mich für eine Ecke entschieden. Und es hat ja oft genug funktioniert.

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