30.01.2014

Jörg Schmadtke über Kölns Fahrstuhlimage und Meisterpläne

»Hier steht eine ungeheure Wucht dahinter«

Jörg Schmadtke ist als Fortuna-Düsseldorf-Legende beim 1. FC Köln gelandet. Kann das gut gehen? Wir trafen den Sportdirektor im Rahmen der Reportage »Die neue S-Klasse« (in 11FREUNDE #147, jetzt am Kiosk) zum ausführlichen Interview. Ein Gespräch über Frohnaturen, Klüngel und eine Zeitungsannonce.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Jörg Schmadtke, auf die Gefahr, dass Sie es nicht mehr hören können: Ein Düsseldorfer in Köln, wie soll das auf Dauer gehen?
Ich bin Rheinländer. Düsseldorf ist meine Geburtsstadt, die Fortuna mein Heimatklub. Deshalb bin ich dort verwurzelt, aber ich bin da nicht mehr beheimatet. Ich sehe mich als Kind des Rheinlands. Das können Sie übrigens auch an meiner Vita ablesen: Ich war in Aachen, Gladbach, Leverkusen, Düsseldorf und jetzt in Köln – viel mehr Rheinland geht nicht. 

Hatten Sie keinerlei Anpassungsprobleme?
Nein, ich bin nicht im klassischen Sinne die kölsche Frohnatur, aber vielleicht passe ich genau deswegen gut hierher, weil ich neue Facetten reinbringe. Ich fühle mich wohl, weil ich ein Arbeitsumfeld vorgefunden habe, das weitaus strukturierter ist als befürchtet. In der Außenbetrachtung heißt es immer, in Köln herrsche Chaos. Das kann ich nach einem halben Jahr überhaupt nicht bestätigen.

Was haben Sie stattdessen vorgefunden?
Einen sehr großen Klub mit einigen Problemen zwar, aber vollkommen intakt. Jetzt müssen wir vor allem zusehen, dass die Dinge auf dem Platz in die richtige Bahn laufen.

Sie waren schon im Sommer 2012 hier im Gespräch.
Es stimmt, dass es vor einem Jahr mal Kontakt gab. Damals war bekannt geworden, dass ich Hannover 96 wegen privater Dinge verlassen wollte. Aber Martin Kind hat sehr um mich gekämpft und mir die Möglichkeit gegeben, mich freizustellen. Damit war Köln kein Thema mehr, denn mir war wichtig, dass ich zurück zu meiner Familie komme. Nichtsdestotrotz ist es dann später so gekommen, dass für mich die Zeit kam, meine Zelte in Hannover abzubrechen. Das hat der FC mitbekommen und sich erneut um mich bemüht.

Dabei hatten Sie sich zwischenzeitlich auch beim Hamburger SV als Sportdirektor vorgestellt.
Ich habe dort ein Gespräch mit dem neunköpfigen Aufsichtsrat geführt, das stimmt. Ich hatte aber schnell das Gefühl, dass das nicht passt. Obwohl ich die Stadt und den Klub als große Herausforderung ansah.

Über Ihren langjährigen Wegbegleiter und Kumpel Jörg Jakobs, der seit der Saison 2012/13 als Kaderplaner und inoffizieller Sportdirektor in Köln wirkt, waren Sie über die Situation beim FC ständig auf dem Laufenden.
Insofern war der Weg zum FC nicht weit. Jörg hat mir gesagt, dass es schon nicht einfach mit den vielen Baustellen sei, aber auch, dass der Klub die Menschen in seinen Bann zieht. Ich habe ihn wegen der ungewohnt überschwänglichen Art, über den FC zu reden, anfangs sogar ein bisschen hochgenommen, weil er sonst ein eher zurückhaltender Typ ist. Aber inzwischen teile ich seine Begeisterung.

In Köln heißt es immer, der »Kölsche Klüngel«, das Umfeld des Klubs mit Veteranen und Journalisten, sorge für ständige Überhitzung. Wie sehen Sie das?
Das gibt’s doch überall. In Hannover wird es »Hannover-Connection« genannt, hier ist es der »Klüngel«.

In Hannover gibt es aber keine Weltmeister, keine Europacup-Helden oder Double-Gewinner.
Nö, da gibt es nur Dieter Schatzschneider. (Lacht.) Aber wir haben hier bestimmte Arbeitsweisen abgestimmt und darüber gesprochen, wie wir mit Extremsituationen umgehen. Dafür ist wichtig, dass es zwischen sportlicher Leitung und Präsidium stimmt. Das tut es.

Entspricht der Schmäh von Peter Stöger Ihrer Mentalität?
Er ist ein sehr unterhaltsamer Typ, wir kommen sehr gut miteinander aus.

Er sagt, er sei eher skeptisch, ob er die Chance bekommt, mehr als vier Transferperioden in Köln zu erleben.
Ich kann ihn verstehen, denn gleich zu Beginn der Saison wurde in Dresden sein Kumpel Peter Pacult entlassen, bis zur Winterpause wurden sieben Zweitligatrainer rausgeschmissen. Was soll er da sagen? Aber ich weiß auch, dass wir nach den beiden Niederlagen im Herbst die Lage gemeinsam sehr sachlich analysiert haben und auch die positiven Dinge gesehen haben. Wir haben ruhig, kritisch diskutiert, ohne aufgeregt zu sein und haben anschließend an der Reaktion der Mannschaft erkannt, dass diese Art und Weise der richtige Weg ist.

Stichwort: »Ruhig bleiben«. Nach dem Sieg im DFB-Pokal gegen Mainz 05 haben Sie die Fans in einer aufsehenerregenden Videobotschaft zum »Ruuuhigblieben« aufgerufen.
Nach dem Sieg traf ich auf dem Weg in die Kabine unsere Jungs von »FC-TV«. Die waren ganz aufgeregt und ich habe nur gesagt: »Jungs, ruhig, ganz ruhig.« Am nächsten Tag kamen sie und meinten, wir müssten damit irgendwas anstellen. Das Video war ihre Idee, und ich habe gerne mitgemacht.

Hatte der FC so einen ironischen Umgang mit der Hysterie nicht schon lange nötig?
Ich mag es gerne, wenn man sich etwas selbstironisch darstellt. Der kleine Film sollte signalisieren: »Wir wissen, dass ihr glaubt, wir seien schon wieder kurz davor die Champions League zu gewinnen, aber wir haben nur ein Pokalspiel gewonnen.«

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden