Jörg Dahlmann im Interview

„Ich fiel in Trance“

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Heft #62 01 / 2007
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Herr Dahlmann, haben Sie es dem KSC nach der 1:3-Niederlage in Valencia zugetraut, das Ding noch umzudrehen?

Nein. Valencia war Tabellenführer der spanischen Liga, vor Barcelona und Real. Gut, ein 2:0 war zwar möglich, aber letztlich doch sehr unwahrscheinlich. So haben die meisten gedacht.

Was war das besondere dieser Karlsruher Mannschaft im Herbst 1993?

Es war eine gewachsene Gemeinschaft, die Spaßfußball gespielt hat, ähnlich wie Werder Bremen heute. Sie waren keine so überragenden Fußballer, aber sie sind durch den gemeinschaftlichen Zusammenhalt über sich hinaus gewachsen. Ein tolles Team, dieser KSC.

Apropos Werder Bremen: Dort ist Wolfgang Rolff heute Co-Trainer, damals spielte er beim KSC im Mittelfeld. War er der wichtigste Spieler dieser Mannschaft?

Ja, das kann man so sagen. Er war aufgrund seiner Erfahrung und Ruhe eine Vaterfigur. Er hatte einen sehr großen Einfluss auf seine Mitspieler.

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Und wer war dieser Edgar Schmitt, die spätere Symbolfigur für den Triumph?

Edgar Schmitt hat mich so fasziniert, weil er erst mit 28 Jahren Profi wurde. Er war kein Riesentechniker, hatte aber einen legendären Torinstinkt. Die verrückte Geschichte war, dass er sich einige Tage vor dem Spiel gegen Valencia viermal mit dem Auto überschlagen hatte. Zum Glück ist er fast unverletzt geblieben. Als er dann in dem Spiel sein erstes Tor machte, habe ich noch gesagt: „Das wäre ein Ding, wenn er jetzt für jeden Überschlag ein Tor machen würde!“ Dass es tatsächlich so kam, das konnte ja niemand ahnen.

Edgar Schmitt sagt, die Spanier hätten von Beginn an Angst gehabt. Können Sie das bestätigen?

Ja, das stimmt. Der Winnie Schäfer hatte nämlich seinen Spielern gesagt, sie sollten noch im Gang anfangen, zu schreien und gegen die Wände zu schlagen. Da haben die Spieler vom FC Valencia natürlich gedacht: „Wo sind wir denn hier?“ Bei all dem darf man aber nicht vergessen, dass der Oliver Kahn in den ersten Minuten des Spiels zwei, drei hundertprozentige Torchancen vereitelt hat. Und wir alle, die wir den Fußball schätzen, wissen, dass bei einem frühen Gegentor dieses Spiel vollkommen anders gelaufen wäre.

Das erste Tor fiel jedoch für den KSC, sechs weitere folgten. Ab wann befand sich die Mannschaft im Rausch?

Schon beim 1:0 merkten alle: „Hier geht was!“ Nach dem 2:0 waren dann alle Dämme gebrochen.

Welche Rolle hat das Publikum dabei gespielt?

Um mich herum sind die Leute völlig verrückt gewesen. Das hat auch mich angesteckt. Ich habe während der Reportage vergessen, dass ich Journalist bin. Ich habe einfach nur noch geredet – als Fan.

War Ihnen bewusst, dass Sie einem historischen Moment beiwohnen?

Nein, ich war in Trance. Es war schier unglaublich. Normaler muss man als Reporter ja versuchen, eine journalistische Einordnung vorzunehmen. Das war mir nicht mehr möglich.

Sie gelten auch heute noch als ein sehr emotionaler Kommentator. Steckt darin ein wenig die Sehnsucht nach diesem Abend im Wildpark?

Sehnsucht nicht, aber selbstverständlich erinnere ich mich gern an diesen Abend. Er war einer der Höhepunkte meiner Karriere. Wir haben später sogar noch eine ungeplante Live-Schaltung nach Karlsruhe gemacht, in den VIP-Raum, wo alles nass und klebrig war. Dort haben alle „Viva Espana“ gesungen.

Apropos Gesang: Es heißt, dass Karlsruher Publikum singe noch heute Ihren Namen.

Ja. Die hart gesottenen Fans singen tatsächlich noch meinen Namen, wenn ich im Wildpark zu Gast bin.

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In der Flimmerkiste www.11freunde.de/flimmerkiste : Das 6:0 des KSC und Jörg Dahlmann in Trance

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