Jörg Butt im Interview

»Eine unglaubliche Qualität«

Butt-Butt-Butt ist back: Beim FC Bayern soll er Michael Rensing helfen, erwachsen zu werden. Hier spricht er über seine Rolle als Ziehvater, sein Jahr in Lissabon und Jürgen Klinsmanns Revolution. Jörg Butt im InterviewImago

Jörg Butt, willkommen zurück in Deutschland. Die ersten Trainingseinheiten und Testspiele sind absolviert. Wie ist Ihr Eindruck vom neuen Verein?

Zunächst einmal habe ich natürlich festgestellt, dass beim FC Bayern alles ein bisschen größer ist als das, was man bisher kennen gelernt hat. Sicherlich: Zu meiner Hamburger Zeit war auch einiges los, damals waren »Premiere« und »ran« in der Stadt stationiert. Aber beim FC Bayern ist doch alles ein Stück größer, ob dass das Training ist, die Medien oder die Zuschauer beim Testspiel sind. Man merkt, dass man beim größten Verein in Deutschland ist.

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Sie sprechen das Training an. Was gibt es für Veränderungen?

Wir haben bislang sehr sehr intensiv trainiert, es sind sehr viele – auch für mich – neue Dinge dabei. In den vergangenen Jahren hat sich in der Trainingslehre einiges getan, man ist davon weg gekommen, die erste Woche nur in den Wald zu gehen und los zu rennen. Die Trainingsformen sind kürzer, aber intensiver.

Hat sich speziell das Torwarttraining verändert?

So, wie man sich das klassische Torwarttraining vorstellt, also Torhüter im Tor und ihm die Bälle um die Ohren schießen, ist es weitaus komplexer geworden. Es gibt unzählige Übungsformen, doch insgesamt wird das natürlich nicht komplett neu erfunden. Doch ich denke, was immer wichtiger wird, ist die Einbindung des Torhüters ins Spiel, quasi als Libero. Über diesen mitspielenden Torhüter-Typ wurde ja in der jüngeren Vergangenheit häufig diskutiert. Ich finde es wichtig, entsprechende Übungen auch ins Training einzubauen, also Flanken abfangen, Steilpässe entschärfen und so weiter. Gerade beim FC Bayern wird es ja auch so sein, dass sich die meisten Gegner weit zurückziehen und über die Konter kommen. Da ist es wichtig, dass du als Torwart ein Gefühl für den Raum bekommst, dass man Bälle abläuft. So etwas muss mit ins Training eingebunden werden, in der Vergangenheit ist das nicht so häufig geschehen.

Wie beurteilen Sie den neuen Trainer Jürgen Klinsmann?

Er ist sehr offen für neue Ideen in allen Bereichen, sehr offen auch gegenüber den Spielern. Jedem Spieler vermittelt er großes Vertrauen. Gleiches gilt gegenüber seinem Trainerteam. Klinsmann überträgt Verantwortung, was sehr wichtig ist. Heutzutage kannst du als Trainer nicht alles alleine machen, das Konditions- oder Techniktraining übernehmen andere, ebenso das Regenerationstraining. Dafür brauchst du Spezialisten. Diesbezüglich geht er sicherlich neue Wege. Und, wie schon gesagt, er kann Vertrauen vermitteln, ob es jetzt gegenüber seinem Trainerstab, Christian Nerlinger als Teammanager oder den Spieler ist.

Auch Ihre Rolle scheint bereits vorgeschrieben zu sein: Sie sollen Michael Rensing bei seiner Entwicklung unterstützen. Sehen Sie das für sich ebenfalls als Hauptaufgabe?

Naja, was heißt, ihn bei seiner Entwicklung zu unterstützen? In erster Linie geht es darum… (zögert) das ganze Team in der Entwicklung zu unterstützen. Ich persönlich bereite mich ja genauso darauf vor, als wenn ich am ersten Spieltag spielen würde. In erster Linie konzentriere ich mich beim Training also auf mich, damit ich für den Fall der Fälle auch einsatzbereit bin, um dem Team auch helfen zu können. Es ist natürlich auch wichtig, sich im Training gegenseitig hoch zu pushen. Man darf sich nicht hängen lassen, sondern einen Druck aufbauen, der dann leistungsfördernd ist. Das machen auch wir Torhüter gemeinsam, und da geht es nicht darum, dem anderen ein Bein zu stellen. Man muss versuchen, die Trainingsqualität insgesamt hoch zu halten. Ich bin mit meiner Situation ja auch nicht alleine, beim FC Bayern wird es sicherlich den einen oder anderen Härtefall geben, es können halt nur elf Spieler auf dem Platz stehen. Es wird auch unzufriedene Spieler geben, nur dann kommt es darauf an, wie man sich verhält: Lässt man sich hängen und spielt die beleidigte Leberwurst, oder versucht man sich über gute Trainingsleistungen wieder ins Team zu spielen?

Ihre Wahl?

Natürlich die zweite Variante. Auch in der kommenden Saison zählen für den FC Bayern nur Titel, nach einem Jahr Zwangspause greift man nun wieder auch in der Champions League an. Da wird es genügend Spiele geben, und jeder wird auf seine Einsatzzeiten kommen, da bin ich mir sicher.

Jürgen Klinsmann hat in den vergangenen Wochen häufiger betont: »Meine Philosophie ist es, jeden Spieler jeden Tag besser zu machen.« Kann er denn auch bei Ihnen, mit 34 Jahren, noch etwas verbessern?

Doch, natürlich. Es gibt noch eine andere Fußball-Floskel: Wenn du aufhörst dich zu verbessern, machst du Rückschritte. Beim Training hier hast du eine unglaubliche Qualität, dass auch ich mich noch weiter entwickele, mich auch verbessern kann. Auch das Jahr in Lissabon hat mich nach vorne gebracht…

Können Sie das konkretisieren?

Ich habe vor allem menschlich davon profitiert. Es war spannend eine neue Kultur kennen zu lernen, sich in einer Mannschaft durchzusetzen, wo eben nicht deine Sprache gesprochen wird, wo du versuchen musst, dich zu integrieren. Ich musste eine neue Sprache lernen, mich neu zu Recht zu finden. Es ist in Lissabon auch nicht so durchorganisiert wie in Deutschland, speziell wie hier in München. Das geht bei der Wohnungssuche los, Behördengänge und so weiter. Solche Dinge im Ausland mitzuerleben war für mich eine ganz wichtige Erfahrung.

Seit über zehn Jahren spielen Sie jetzt auf einem hohem Niveau Fußball, waren in der Champions League, bei der Europa- und Weltmeisterschaft und doch stehen Sie noch ohne Titel da. Sind die Bayern der richtige Verein, um diese Scharte auszuwetzen?

Ja, schon. Aber um Titel zu gewinnen, muss alles stimmen, muss alles passen. Über das Vize-Jahr in Leverkusen möchte ich zwar nicht so gerne sprechen, aber da hatten wir einen sehr kleinen Kader und zum Schluss ging uns letztlich die Puste aus. Zwei weitere Erlebnisse fallen mir noch ein: Erstens die EM 2000 in Belgien und Holland. Da waren wir kein Team, es gab Grüppchen, jeder hat für sich gespielt, jeder hat auf sich geschaut. Entsprechend war dann auch das Ergebnis. Das absolute Gegenteil war die Weltmeisterschaft 2002, wo wir nur ganz knapp am WM-Titel vorbeigeschrammt sind. Man denke nur an den Freistoß von Olli Neuville! Wenn der statt an den Pfosten ins Tor geht, hätte ich gerne gesehen, wie Brasilien uns noch geschlagen hätte. 2002 hat jeder mitgezogen, egal ob er Stammspieler oder Ersatzmann war. Da hat alles gestimmt, im Training haben wir Vollgas gegeben und es auch beim Feiern zusammen krachen lassen. Das gehört eben auch dazu. Wenn diese ganzen Details stimmen, kann es zum Titel reichen, auch in der Champions League, denn wenn man die Gruppenphase übersteht, entscheiden halt lediglich Details auf diesem Niveau.

Stichwort Champions League: Nun sind ja Lucio und Sie die einzigen aus dem aktuellen Bayern-Kader, die schon einmal im Finale standen…

(unterbricht) Halt. Willy Sagnol hat den Titel sogar schon mal gewonnen! 2001 mit Bayern gegen Valencia.

Stimmt. Den hatte ich vergessen.

Und der Zé (Zé Roberto, Anm. d. Red.) war doch 2002 auch dabei.

Der war allerdings im Finale gelb-gesperrt.

Ach ja. Aber Mark van Bommel kommt noch dazu. Der hat mit Barcelona 2006 die Champions League gewonnen.

Stimmt. Also Sie vier, fünf - was können Sie für Champions League-Erfahrungen an die Mannschaft weitergeben?


Das ist schwer bei diesem sehr guten Kader mit den vielen Topleuten. Aber vielleicht können die ehemaligen Finalisten gerade international in den entscheidenden Szenen dafür sorgen, dass die Einstellung stimmt. Da kann man unterstützen. Gleiches gilt für die bereits angesprochene Motivation im Training. Ich habe in Lissabon die Erfahrung gemacht, dass sich Trainer Camacho – zu dem ich übrigens einen guten Draht hatte – für Quim als Nummer eins entschieden hatte, ich aber dennoch dank meiner Arbeit im Training alle Pokalspiele absolviert habe. Egal, welche Karriere, welche Spieler man nimmt: Jeder saß schon einmal auf der Bank, das gehört zum Fußball dazu.

Sie sind jetzt 34 Jahre alt, ihre Kollegen beim FC Bayern, Michael Rensing und Thomas Kraft, sind 10 bzw. 14 jünger als Sie. Nehmen Sie damit eine besondere Funktion ein?

Ja, schon. Allerdings: Es wird nicht so sein, dass ich jetzt irgendwelche Tipps und Ratschläge gebe, zumal man als junger Spieler dafür ohnehin nicht so empfänglich ist. Letztendlich muss jeder auch seinen eigenen Weg finden. Sicherlich kann man jüngere Spieler aber trotzdem unterstützen, sei es durch Gespräche, oder – worüber wir die ganze Zeit gesprochen haben – über die richtige Einstellung und Arbeit im Training. Wenn man schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, kann man beweisen, wie wichtig professionelle Einstellung ist, dass man seinen Körper hegt und pflegt. So etwas macht sich nach hinten raus in der Karriere bemerkbar.

Wir haben viel über die richtige Einstellung gesprochen…

…ich kann mich diesbezüglich noch an meinen ersten Profitrainer – Frank Pagelsdorf – erinnern. Damals war ich 22, und Pagelsdorf hat zu mir und anderen jungen Spielern gesagt: »Mensch, genießt jeden Tag als Profi. Ihr wisst gar nicht, wie schnell die Zeit vorbei ist!« Und das ist wirklich so. Die letzten Jahre, ob in Hamburg, Leverkusen oder Lissabon, habe ich immer auch international gespielt. Das heißt, du hast Samstag – Mittwoch – Samstag Spiele, bist viel unterwegs. Da ziehen die Jahre nur so an einem vorbei. Jüngeren Spieler kann ich nur sagen – auch wenn ich das damals selber nicht wirklich annehmen wollte und dachte, das Karriereende ist noch so weit weg: Genießt jeden Tag als Fußballprofi, lebt und tut alles für den Erfolg. Die Zeit geht rasend schnell vorbei.

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