Jörg Berger über den Trainerjob im Abstiegskampf

»Nichts Positives, alles Schrott«

Zusammen mit Jörg Berger analysierten wir 2007 den schönsten, schlimmsten Job der Welt – den Trainerjob. Hier erzählte der Feuerwehrmann schlechthin von seinen Erfahrungen aus über 20 Engagements im Profifußball. Jörg Berger über den Trainerjob im Abstiegskampf
Heft #65 04 / 2007
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Jörg Berger, der Job als Trainer verlangt Ihnen viele Kompromisse ab. Trotzdem hat man angesichts Ihrer Vita den Eindruck, Sie hätten sich stets eine gewisse Unabhängigkeit erhalten?

Ich habe es zumindest versucht. In der DDR habe ich sehr darunter gelitten, nicht frei entscheiden zu können. Ich hasste es, dass Entscheidungen, die ich fällte, immer mit dem Risiko verbunden waren, politisch nicht konform zu sein. Es ist ein schlechtes System, wenn dir stets jemand sagt, was du tun musst. Deshalb bin ich 1979 geflüchtet – um frei zu sein und nicht, um im Fußball viel Geld zu verdienen.

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Wurden Sie nach ihrer Flucht in der BRD als Coach sofort hofiert? Schließlich sollten Sie in der DDR Nationaltrainer werden.

Im Gegenteil. Um in Westdeutschland als Coach arbeiten zu können, musste ich die gesamte Trainerausbildung nachholen – obwohl ich sie in der DDR bereits absolviert hatte. In Darmstadt, meiner ersten Trainerstation, ergab sich noch ein weiteres Problem durch meine Herkunft: Mein Co-Trainer war Klaus Schlappner – und hielt mich, den ehemaligen Ossi, für einen Kommunisten. Das hat unsere Zusammenarbeit auch nicht gerade verbessert…

Sie genießen gemeinhin den Ruf als Feuerwehrmann. Wie kommt ein Trainer dazu?

Vom Beginn meiner Karriere habe ich immer unruhige Vereine trainiert, und meistens ist es mir gelungen, sie zurück in die Erfolgszone zu führen. In der Fußballszene weiß man also, dass ich dem Druck im Abstiegskampf gewachsen bin. So eine Situation kennen nicht viele Trainer. Bedenken Sie nur, dass der Druck im Abstieg viel größer ist als im Titelrennen. Insofern kann ich gut mit dem Image leben – denn als Trainer ist es wichtig, überhaupt ein Image zu haben. Sonst würde mich nämlich keiner anrufen.

Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Arbeit als Trainer manchmal zu wenig gewürdigt wird?

Ich habe vier Vereine von einem Abstiegsplatz in den UEFA-Cup geführt. Das ist in etwa so, als würde ich eine Mannschaft aus dem Tabellenmittelfeld zur Meisterschaft führen. Aber ohne Titel gilt man nun einmal nicht als großer Trainer.

Was macht Ihres Erachtens einen großen Trainer aus?

Ein Coach sollte daran gemessen werden, was er bei einem Verein hinterlässt. Ein Beispiel: Ich wurde bei Eintracht Frankfurt entlassen, mir folgte Dragoslav Stepanovic nach und wurde mit dem Team fast Meister. So würde ich behaupten, bei fast allen Stationen eine intakte Mannschaft hinterlassen zu haben.

Welche Entlassung hat Ihnen besonders weh getan?

Bei meinem ersten Engagement in Frankfurt 1991 und in Schalke 1996 hing ich sehr an den Mannschaften. Mir war genau bewusst, welches Potential dort vorhanden war. In solchen Situationen ist es natürlich besonders bitter, seinen Hut zu nehmen.

Was ist als Trainer bei der Übernahme eines neuen Klubs besonders zu beachten? Sie müssen es wissen, schließlich blicken Sie auf 20 Stationen zurück.

Das hängt natürlich immer von der Situation ab, in der sich ein Mensch befindet. Meinen ersten Vertrag in Westdeutschland bei Darmstadt 98 musste ich auch deshalb machen, um überhaupt ins Geschäft zu kommen. Generell kann ich aber rückblickend sagen: Der größte Fehler ist, eine Entscheidung zu treffen, wenn man unter Zeit- und Gelddruck steht. Bevor man sich festlegt, sollte ein Trainer in Ruhe die Gegebenheiten vor Ort kennen lernen und erst dann unterschreiben, wenn er überzeugt ist.

Haben Sie sich jemals zu schnell für einen Trainerposten entschieden?

Einmal – und es war mein größter Fehler. Nachdem ich beim KSV Hessen Kassel auf eine ganz miese Tour entlassen wurde, habe ich sofort in Hannover unterschrieben.

Was für eine »miese Tour«?

Von meiner Entlassung erfuhr ich im Ski-Urlaub aus der Zeitung. Das Präsidium behauptete, es hätte mich nicht erreichen können. Dann kam das Angebot aus Hannover, ich spielte ein bisschen auf Zeit, regelte in Kassel die Abfindungsmodalitäten und unterschrieb tags darauf in Hannover, die im Gegensatz zu Kassel in der Bundesliga spielten.

Warum wurde Hannover Ihr größter Fehler?

Es war eine Katastrophe. Im Vorstand saßen zwielichtige Gestalten: ein Autohändler und ein Raststättenbetreiber. Nach zwei Monaten habe ich denen gesagt, dass ich für deren Gebaren nicht der Geeignete bin – und kündigte. Davon war ein Aufsichtsrat so beeindruckt, dass er mir, obwohl ich auf die Abfindung verzichtete, noch einen Scheck mitgab.

Sie wurden meistens dann entlassen, wenn Sie mit einem Verein oben standen. Warum?

Ich habe ein generelles Problem damit, wenn sich in erfolgreichen Zeiten in einem Verein zuviel Lockerheit und mitunter Arroganz breit machen. Und glauben sie mir, in jedem Verein, den ich trainiert habe, hat sich Nachlässigkeit eingeschlichen, wenn es gut lief. Da hätte ich es mir bestimmt leichter machen können.

Das heißt, auch wenn es gut läuft, ist die Situation für einen Trainer schwierig.

In der Phase der Euphorie werden die meisten Fehler gemacht. In diesen Situationen fiel es mir schwer, umzuschalten und meine gewohnte Abstiegskampf-Härte aufzugeben. Im Abstiegskampf hat ein Trainer schließlich alle Vollmachten vom Vorstand. Aber wenn es gut läuft, dann will jeder mitreden.

Wie motiviert ein Trainer Spieler im Abstiegskampf?

Manchmal musste ich schon ein wenig flunkern. Nach meinem ersten Spiel mit Schalke, einer 0:5-Niederlage in Leverkusen, sagte ich bei der Pressekonferenz: »Ich habe heute auch viel Positives gesehen.« Ganz ehrlich, ich hatte nichts Positives gesehen. Alles Schrott. Aber auf diese Weise habe die Spieler für die nächste Partie aufgebaut.

Wie äußert sich der Druck, der auf einem Trainer im Abstiegskampf lastet?

Alles schaut auf den Coach, alle im Verein hoffen, dass er den richtigen Weg findet, um die Misere zu beenden. Das ist schon sehr hart, und man braucht einige Zeit, um damit klar zu kommen. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie nach einer weiteren Niederlage in die Geschäftsstelle kommen und dort in die angstvollen Gesichter der Mitarbeiter blicken, denen bei einem Abstieg die Entlassung droht?

Kennen auch Sie den sogenannten Tunnelblick, bei dem Trainer nicht mehr vom Fußball abschalten können?

Nein. Ich konnte zum Glück vor jedem Bundesligaspiel von 13 bis 14 Uhr fest schlafen. Auch abends nach der Partie habe ich so gut wie nie wach gelegen. Das lag womöglich daran, dass ich an allen Stationen meine Familie dabei hatte. Es gibt nichts, was mich mehr entlastet, als nach einer bitteren Niederlage mit meiner Frau essen zu gehen – denn diese sagt mir garantiert nicht, was ich beim Spiel hätte besser machen können.

Ihr Rezept zum Abschalten nach Beendigung eines Arbeitsverhältnisses in der 1. oder 2. Liga?

Ich habe oft die Kinder aus der Schule genommen und wir haben zwei Wochen Urlaub gemacht – ohne Fernsehen und ohne Zeitung.

Erinnern Sie sich an Ihre ärgerlichste Entlassung?

In meiner Trainerlaufbahn gab es viele Situationen, auf die ich keinen Einfluss hatte. Ich habe zum Beispiel bei Fortuna Düsseldorf den Klassenerhalt geschafft. Nach der Saison verließen acht Stammspieler den Klub, und ich erhielt ein Angebot vom VfB Stuttgart. In Loyalität zum Vorstand blieb ich aber und wollte meinen 2-Jahresvertrag erfüllen. Aber zu Beginn der neuen Saison trat der Vorstand zurück, und der Patenonkel von Gerd Zewe, dem Spieler, mit dem ich den meisten Zoff hatte, wurde Präsident. Meine Tage waren gezählt.

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