Joe Enochs über Osnabrück-Schalke

»Super Bowl für Osnabrück«

Joe Enochs ist der Rekordspieler des VfL Osnabrück. Heute trainiert der Publikumsliebling die Zweitvertretung des Vereins. Vor dem Pokalspiel gegen Schalke spricht er über Flutlichtspiele, den Wettskandal und eine ganz besondere Tribüne. Joe Enochs über Osnabrück-SchalkeImago

Herr Enochs, Sie sind im US-Bundesstaat Kalifornien geboren. Am Sonntag war der Super Bowl, eine Art inoffizieller Nationalfeiertag in Amerika, zu dem das ganze Land ausrastet. Sind Sie auch nachts aufgestanden und haben das Spiel geschaut?

Natürlich. Ich habe eine Kneipe in Osnabrück. Dort haben wir eine Super-Bowl-Party veranstaltet. Es gab Hot Dogs und kaltes Bier, ganz wie in Amerika. Der Laden war voll mit Football-Fans, da war ich nicht allein. Zum Glück hat meine Mannschaft gewonnen: Der Außenseiter New Orleans Saints.

Außenseiter scheinen Ihnen zu liegen, denn genau wie die Saints ist auch Ihr alter Verein VfL Osnabrück heute Abend im DFB Pokal-Viertelfinale gegen Schalke 04 keinesfalls Favorit. Wie ist die Stimmung in der Stadt?

Es ist überragend. Auf der Straße gibt es derzeit kein anderes Thema mehr als dieses Spiel. Wenn man so will, ist dieses Spiel für Osnabrück wie der Super Bowl. Hier werden in fast jeder größeren Halle Leinwände aufgestellt, auch meine Bar ist längst ausgebucht. Hier herrscht Ausnahmezustand.

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Wo werden Sie sich das Spiel anschauen?

Ich werde auf jeden Fall ins Stadion gehen. Wie bei jedem Heimspiel.

Selbst wenn Sie nicht mehr selbst auf dem Platz stehen. Wie nervös ist man als ehemaliger Spieler vor so einem wichtigen Spiel?

Komischerweise bin ich seit meinem Karriereende vor dem Spiel wesentlich nervöser als ich es zu meiner aktiven Zeit war. Als es im letzten Jahr gegen den Abstieg ging, war ich jedes Mal ein echtes Nervenbündel. Doch ich habe mir fest vorgenommen, das Spiel heute Abend zu genießen. Und ich hoffe, dass die Mannschaft es auch genießt. Die Jungs haben sich das alles hart erarbeitet.

Der VfL hat bisher bereits eine sehr kuriose Saison hinter sich. Die Mannschaft stieg aus der zweiten Liga ab und dem Verein blieben nur noch vier Spieler. Der neue Trainer Karsten Baumann startete nur mit einer handvoll Spielern in die Vorbereitung. Hat man Sie eigentlich mal gefragt, ob Sie kurzfristig noch einmal einspringen können?

Ich hatte schon ein Jahr zuvor meine Karriere beendet. Deswegen hat man es auch niemals in Betracht gezogen, mich zurück zu holen. Wenn man sieht, was aus dieser Mannschaft geworden ist, kann man den Verantwortlichen nur gratulieren. Sie haben alles richtig gemacht.

Wenn man die momentane Situation des VfL sieht, könnte man fast ein bisschen neidisch auf die aktuellen Spieler werden. Juckt es ihnen nicht manchmal in den Füßen?

Mir juckt es immer in den Füßen. Selbst wenn ich meine Tochter Fußball spielen sehe, will ich am liebsten mitkicken. Und wenn die Jungs heute Abend ins Stadion einlaufen, werden sie wieder jucken. Ich bin einfach verrückt nach Fußball. Ich weiß, wie es ist, im DFB Pokal gegen große Mannschaften anzutreten. Das muss man genießen. Neidisch bin ich auf niemanden. Ich freue mich einfach, dass diese Mannschaften so etwas erleben darf.

Mit einigen Last-Minute-Transfers haben Sportdirektor Lothar Gans und Karsten Baumann eine schlagkräftige Truppe zusammengeformt. Was ist Baumanns Geheimnis?

Ich wünschte, ich würde das Geheimnis kennen. Wenn man die Mannschaft spielen sieht, merkt man, dass da eine Einheit auf dem Platz steht. Wir haben eine Mannschaft, die sich mit dem Verein, der Stadt und den Menschen hier identifiziert. Das ist bei einem kleinen Verein wie dem VfL enorm wichtig, um erfolgreich zu sein. Wir hatten hier auch im Laufe der Jahre den ein oder anderen Individualisten, aber die hatten es verdammt schwer. Hier geht es nur, wenn die Mannschaft eine geschlossen Einheit bildet. Die Mannschaft ist in dieser Saison schon so oft nach einem Rückstand zurückgekommen, auch im Pokal gegen den HSV, und hat noch gewonnen. Eine unglaubliche Leistung. Das zeigt, was in der Mannschaft steckt. Die Jungs glauben einfach an sich.

Der VfL musste aber zuletzt auch einige Nackenschläge einstecken. Im letzten Jahre wurden Ihre ehemaligen Mitspieler Marcel Schuon, Thomas Reichenberger und Thomas Cichon mit dem Wettskandal in Verbindung gebracht. Wird unter den Kollegen auch über diese Situation gesprochen?


Das war lange Zeit ein Thema hier. Thomas Reichenberger ist einer meiner engsten Freunde und ich weiß, dass ihn diese Anschuldigen sehr belastet haben. Ich habe einen Tag nach der Veröffentlichung der Vorwürfe mit ihm gesprochen und habe ihm angesehen, dass ihn das fertig gemacht hat. Ich habe ihm vom ersten Tag an geglaubt, dass er mit der Sache nichts zu tun hat.

Hat das Mannschaft und Verein vielleicht auch zusammengeschweißt? 

Diese Anschuldigungen haben dem Verein sehr weh getan. Da sind die Spieler mit einbezogen. Doch in der schwierigen Situation hat sich die Mannschaft demonstrativ hinter Thomas Reichenberger gestellt. Das war eine beeindruckende Geste.

Sie selbst haben mit Spielern zusammen gespielt, die angeblich in den Skandal verwickelt waren. Wie geht man damit um?

Ich bin tief enttäuscht von allen, die da in irgendeiner Form beteiligt waren. Zwar hat Thomas Cichon nichts zugegeben und auch Marcel Schuon hat angeblich nichts getan, aber dennoch ist es enttäuschend, in so eine Situation gebracht zu werden. Auch bei den Verantwortlichen war die Enttäuschung immer größer als der Ärger. Man denkt die ganze Zeit: »Was wäre gewesen, wenn?« Vielleicht wären wir nicht abgestiegen. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht. Vielleicht hat der Verein diesen Skandal erleiden müssen, um zu begreifen, dass Fußball eine Sportart ist, bei der Mannschaften siegen und nicht Individualisten. Wir haben daraus gelernt.

Der VfL Osnabrück ist derzeit Tabellenführer der Dritten Liga, steht im Viertelfinale des DFB Pokals. Was zeichnet die Mannschaft derzeit aus?

Die Mannschaft steht verdammt gut hinten und man hat jederzeit das Gefühl, dass sie vorne ein Tor schießen kann. Wir haben eine Menge torgefährliche Leute in allen Mannschaftsteilen.

Sie selbst galten über ein Jahrzehnt als zuverlässiger Mittelfeldmotor des VfL. Gibt es momentan einen legitimen Nachfolger in der aktuellen Mannschaft?


Ich nehme mich selbst nicht so ernst, dass ich von meinem Nachfolger sprechen würde. Alle Spieler, die zur Mannschaft gehören, sollen ihre Art zu spielen, auf dem Platz einbringen. So habe ich es auch immer gemacht. Manch einer ist eben ein Techniker und ein anderer hat ein besseres Taktikverständnis. Wenn jeder weiß, was er kann und das umsetzt, wird die Mannschaft Erfolg haben. Da braucht man keinen Nachfolger von Joe Enochs.

Dennoch hat jede Mannschaft Ihren Schlüsselspieler. Wer ist das beim VfL?


Ich denke, dass sich nicht alles auf einen zentralen Spieler konzentriert. Angelo Barletta ist ein ganz wichtiger Mann in der Defensive. Er macht zusammen mit Tobias Nickenig die Abwehr zu. Die stehen sehr kompakt. Im Mittelfeld ist Matthias Heidrich der Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft. Und in der Offensive gibt Björn Lindemann den Ton an. Die Verantwortung wird verteilt. Aber die Mannschaft hat auch bewiesen, dass sie den Ausfall einzelner Schlüsselspieler kompensieren kann. Im Topspiel gegen Ingolstadt fehlte Barletta zuletzt und dennoch konnte der VfL einen Punkt holen.

Osnabrück hat seit fast drei Jahren kein Spiel mehr unter Flutlicht verloren. Zudem ist die Mannschaft die heimstärkste der ganzen Liga. Können Sie die besondere Atmosphäre an der Bremer Brücke in Worte fassen?


Das kann man nicht in mit Worten beschreiben. Das Stadion ist sehr eng, ein richtiges Fußballstadion. Die Fans sind ungalublich laut. Ich habe einige Flutlichtspiele mitgemacht und krieg heute noch Gänsehaut, wenn ich an das Einlaufen denke.

Nach Ihnen wurde sogar eine Tribüne im Stadion benannt. Wie kam es eigentlich dazu?

Das war eine Auszeichnung vom Verein, eine sehr große Ehre für mich. Alle Aufstiege und Erfolge mit dem VfL bedeuten mit nicht so viel wie diese Geste. Ich weiß nicht, wer diese Idee hatte, aber die Überraschung ist ihnen auf jeden Fall gelungen. Die Joe-Enochs-Tribüne ist übrigens extra nur für Kinder zugelassen. Hier sind die Kleinen unter sich und können das Spiel auf ihre Art sehen – ohne das ihnen ein Erwachsener die Sicht versperrt. Ich glaube das in einmalig in Deutschland.

Jetzt kommt mit Felix Magath ein ganz abgeklärter Trainer mit seinem FC Schalke nach Osnabrück. Wie kann der VfL gegen Schalke gewinnen?

Ich glaube es liegt alles in der Luft. Das Flutlicht, ein Heimspiel, Pokal schlechtes Wetter, tiefer Boden und das Ganze auch noch live im Fernsehen. Mehr geht nicht. Der Glaube ist in diesem Spiel alles. Es gibt da kein Rezept, um eine überlegene Mannschaft zu schlagen. Die müssen raus gehen und von der ersten Minute an alles geben.

Wenn Sie es sich wünschen dürften: Sollte der VfL am Ende der Saison lieber in die Zweite Liga aufsteigen oder den DFB-Pokal gewinnen?

Ich wünsche dem Verein natürlich beides. Langfristig ist es wohl besser aufzusteigen, aber die Chance auf den Pokalgewinn hast Du wohl nur einmal im Leben. Sollten wir den Pokal wirklich gewinnen, spielen wir im nächsten Jahr auch noch international. Wahnsinn. (lacht)

Was tippen Sie für das Spiel?

Ich glaube fest daran, dass es nach 90 Minuten noch 0:0 steht. Und dann schießen wir in der Verlängerung den Siegtreffer.

Und danach gibt es dann die längste VfL-Feier der Stadt in Ihrer Kneipe?

Definitiv. Ich bin so stolz auf diese Mannschaft, die können sich dann bei mir ihre Getränke abholen. Und auch wenn sie verlieren, sind sie herzlich auf ein Kaltgetränk eingeladen,

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