10.02.2010

Joe Enochs über Osnabrück-Schalke

»Super Bowl für Osnabrück«

Joe Enochs ist der Rekordspieler des VfL Osnabrück. Heute trainiert der Publikumsliebling die Zweitvertretung des Vereins. Vor dem Pokalspiel gegen Schalke spricht er über Flutlichtspiele, den Wettskandal und eine ganz besondere Tribüne.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago
Herr Enochs, Sie sind im US-Bundesstaat Kalifornien geboren. Am Sonntag war der Super Bowl, eine Art inoffizieller Nationalfeiertag in Amerika, zu dem das ganze Land ausrastet. Sind Sie auch nachts aufgestanden und haben das Spiel geschaut?

Natürlich. Ich habe eine Kneipe in Osnabrück. Dort haben wir eine Super-Bowl-Party veranstaltet. Es gab Hot Dogs und kaltes Bier, ganz wie in Amerika. Der Laden war voll mit Football-Fans, da war ich nicht allein. Zum Glück hat meine Mannschaft gewonnen: Der Außenseiter New Orleans Saints.

Außenseiter scheinen Ihnen zu liegen, denn genau wie die Saints ist auch Ihr alter Verein VfL Osnabrück heute Abend im DFB Pokal-Viertelfinale gegen Schalke 04 keinesfalls Favorit. Wie ist die Stimmung in der Stadt?

Es ist überragend. Auf der Straße gibt es derzeit kein anderes Thema mehr als dieses Spiel. Wenn man so will, ist dieses Spiel für Osnabrück wie der Super Bowl. Hier werden in fast jeder größeren Halle Leinwände aufgestellt, auch meine Bar ist längst ausgebucht. Hier herrscht Ausnahmezustand.



Wo werden Sie sich das Spiel anschauen?

Ich werde auf jeden Fall ins Stadion gehen. Wie bei jedem Heimspiel.

Selbst wenn Sie nicht mehr selbst auf dem Platz stehen. Wie nervös ist man als ehemaliger Spieler vor so einem wichtigen Spiel?

Komischerweise bin ich seit meinem Karriereende vor dem Spiel wesentlich nervöser als ich es zu meiner aktiven Zeit war. Als es im letzten Jahr gegen den Abstieg ging, war ich jedes Mal ein echtes Nervenbündel. Doch ich habe mir fest vorgenommen, das Spiel heute Abend zu genießen. Und ich hoffe, dass die Mannschaft es auch genießt. Die Jungs haben sich das alles hart erarbeitet.

Der VfL hat bisher bereits eine sehr kuriose Saison hinter sich. Die Mannschaft stieg aus der zweiten Liga ab und dem Verein blieben nur noch vier Spieler. Der neue Trainer Karsten Baumann startete nur mit einer handvoll Spielern in die Vorbereitung. Hat man Sie eigentlich mal gefragt, ob Sie kurzfristig noch einmal einspringen können?

Ich hatte schon ein Jahr zuvor meine Karriere beendet. Deswegen hat man es auch niemals in Betracht gezogen, mich zurück zu holen. Wenn man sieht, was aus dieser Mannschaft geworden ist, kann man den Verantwortlichen nur gratulieren. Sie haben alles richtig gemacht.

Wenn man die momentane Situation des VfL sieht, könnte man fast ein bisschen neidisch auf die aktuellen Spieler werden. Juckt es ihnen nicht manchmal in den Füßen?

Mir juckt es immer in den Füßen. Selbst wenn ich meine Tochter Fußball spielen sehe, will ich am liebsten mitkicken. Und wenn die Jungs heute Abend ins Stadion einlaufen, werden sie wieder jucken. Ich bin einfach verrückt nach Fußball. Ich weiß, wie es ist, im DFB Pokal gegen große Mannschaften anzutreten. Das muss man genießen. Neidisch bin ich auf niemanden. Ich freue mich einfach, dass diese Mannschaften so etwas erleben darf.

Mit einigen Last-Minute-Transfers haben Sportdirektor Lothar Gans und Karsten Baumann eine schlagkräftige Truppe zusammengeformt. Was ist Baumanns Geheimnis?

Ich wünschte, ich würde das Geheimnis kennen. Wenn man die Mannschaft spielen sieht, merkt man, dass da eine Einheit auf dem Platz steht. Wir haben eine Mannschaft, die sich mit dem Verein, der Stadt und den Menschen hier identifiziert. Das ist bei einem kleinen Verein wie dem VfL enorm wichtig, um erfolgreich zu sein. Wir hatten hier auch im Laufe der Jahre den ein oder anderen Individualisten, aber die hatten es verdammt schwer. Hier geht es nur, wenn die Mannschaft eine geschlossen Einheit bildet. Die Mannschaft ist in dieser Saison schon so oft nach einem Rückstand zurückgekommen, auch im Pokal gegen den HSV, und hat noch gewonnen. Eine unglaubliche Leistung. Das zeigt, was in der Mannschaft steckt. Die Jungs glauben einfach an sich.

Der VfL musste aber zuletzt auch einige Nackenschläge einstecken. Im letzten Jahre wurden Ihre ehemaligen Mitspieler Marcel Schuon, Thomas Reichenberger und Thomas Cichon mit dem Wettskandal in Verbindung gebracht. Wird unter den Kollegen auch über diese Situation gesprochen?


Das war lange Zeit ein Thema hier. Thomas Reichenberger ist einer meiner engsten Freunde und ich weiß, dass ihn diese Anschuldigen sehr belastet haben. Ich habe einen Tag nach der Veröffentlichung der Vorwürfe mit ihm gesprochen und habe ihm angesehen, dass ihn das fertig gemacht hat. Ich habe ihm vom ersten Tag an geglaubt, dass er mit der Sache nichts zu tun hat.

Hat das Mannschaft und Verein vielleicht auch zusammengeschweißt? 

Diese Anschuldigungen haben dem Verein sehr weh getan. Da sind die Spieler mit einbezogen. Doch in der schwierigen Situation hat sich die Mannschaft demonstrativ hinter Thomas Reichenberger gestellt. Das war eine beeindruckende Geste.

Sie selbst haben mit Spielern zusammen gespielt, die angeblich in den Skandal verwickelt waren. Wie geht man damit um?

Ich bin tief enttäuscht von allen, die da in irgendeiner Form beteiligt waren. Zwar hat Thomas Cichon nichts zugegeben und auch Marcel Schuon hat angeblich nichts getan, aber dennoch ist es enttäuschend, in so eine Situation gebracht zu werden. Auch bei den Verantwortlichen war die Enttäuschung immer größer als der Ärger. Man denkt die ganze Zeit: »Was wäre gewesen, wenn?« Vielleicht wären wir nicht abgestiegen. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht. Vielleicht hat der Verein diesen Skandal erleiden müssen, um zu begreifen, dass Fußball eine Sportart ist, bei der Mannschaften siegen und nicht Individualisten. Wir haben daraus gelernt.

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