Jochen Seitz im Interview

»Retorte ist falsch«

Mit der Verpflichtung von Jochen Seitz unternahm Hoffenheim vor drei Jahren den Versuch, gestandene Profis in ein junges Team zu integrieren. Wir sprachen mit ihm über das Leben auf dem Land und seinen Traum, eines Tages sein Foto im Klubheim zu sehen. Jochen Seitz im InterviewImago

Am Samstag beginnt die Saison für Hoffenheim gegen Cottbus. Hätten Sie bei ihrem Wechsel Anfang 2006 gedacht, dass der Aufstieg in die 1. Bundesliga so schnell geht?

Sicherlich war damit nicht zu rechnen, aber ich kannte das langfristige Konzept und wusste, dass die TSG in naher Zukunft eine gute Rolle spielen wird. Der Wunschtraum war natürlich da, erwartet habe ich es nicht.

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Für Sie ist es eine Art Comeback. Wenn man im besten Fußballeralter in die Dritte Liga wechselt klingt das nach Abstellgleis.

(lacht) Manchmal ist ein Schritt zurück auch ein Schritt nach vorne. In Kaiserlautern hatte ich unter Trainer Wolf nicht mehr gespielt und bevor ich mich auf die Bank setze, gehe ich lieber zu einem anderen Verein, wo ich auch spiele. Ich kannte das Konzept von Hoffenheim, wusste dass dort ein Trainer ist, der auf mich baut.

Als Sie zur TSG wechselten war Lorenz-Günther Köstner noch Trainer, alsbald kam dann jedoch Rangnick. Wie gingen Sie mit der veränderten Situation um?


Das erste halbe Jahr unter Köstner war problematisch. Ich war verletzt und die ganze Mannschaft konnte nicht die erwartete Leistung bringen, deshalb musste Köstner am Ende der Saison gehen. Für mich war das sehr schade, denn er ja auch einer der Gründe weshalb ich nach Hoffenheim gekommen bin. Ein neuer Trainer kommt immer mit neuen Ideen und Konzepten, doch ich kannte Rangnick noch aus der Zeit in Stuttgart, ich wusste also, was auf mich zukommt.

Sie haben in ihrer Bundesliga Laufbahn schon bei Unterhaching, Stuttgart, Schalke und Kaiserlautern gespielt. Ist Ralf Rangnick wirklich so modern und fortschrittlich im Vergleich zu ihren vorherigen Trainern? Oder ist das nur das Klischee des Fußballprofessors?

Man lernt schon bestimmte Dinge, die ich vorher nicht kannte.

War es hilfreich für Sie schon mal bei einem anderen »Dorfverein«, nämlich der SpVgg Unterhaching gespielt zu haben, um in Hoffenheim keinen Kulturschock zu erleiden?

(lacht) Nein, das Problem habe ich überhaupt nicht. Ich komme ja selber aus einem kleinen Dorf (Anm. d. Red.: Erlenbach am Main). Dort sind auch noch meine Kumpels und Freunde von früher – ich bin gerne auf dem Land. Hoffenheim ist für mich kein Kulturschock.

War es nicht aus sportlicher Sicht frustrierend nach sechs Jahren Bundesliga wieder gegen Clubs wie Emden oder Elversberg spielen zu müssen oder die U23 Mannschaften der Bundesligavereine?

Man muss sich umstellen. Das ist natürlich ein Unterschied, ob man gegen die Profis des FC Bayern München spielt oder gegen die 2. Mannschaft. Auch braucht man eine gewisse Eingewöhnungszeit um sich zu 100 Prozent auf das Thema einzustellen. Nach dieser Eingewöhnungszeit von einem halben Jahr ging es steil bergauf. Nach zwei Aufstiegen kann man im Nachhinein sagen, dass man alles richtig gemacht hat.

Merkt man als Spieler die fehlende Fankultur bei Hoffenheim? Wünschen Sie sich mehr Support von den Rängen?

Hoffenheim ist ein 3000 Einwohner Dorf und stand bis vor kurzem nirgends im Blickpunkt. Da ich schon bei anderen großen Vereinen gespielt habe, merkt man da einen Unterschied. Die Zuschauer sind noch gespannt, wie das zusammenpasst: Hoffenheim und 1. Bundesliga. Ich denke, die Fankultur wird sich langsam entwickeln, es kommen peu à peu mehr Fans und man spürt wie die Unterstützung steigt.

Auch in der Mannschaft?

Auf jeden Fall, die Stimmung innerhalb des Teams ist sehr euphorisch. Wir haben viele dabei, die noch keine Bundesligaminute gespielt haben. Alle sind hochmotiviert und werden versuchen einen guten Start hinzulegen, um dann eine gute Rolle in der Saison zu spielen.

Werden Sie auf der Straße angesprochen, wenn Sie in Hoffenheim unterwegs sind?

Nein, eigentlich nicht. Die Leute gucken schon mal, aber man wird in Ruhe gelassen. Die Menschen dort sind es einfach noch nicht gewöhnt, dass da auf einmal so was Großes mit Fußball zu Gange ist. Aber man kann auch als Spieler ganz froh sein, nicht immer angequatscht zu werden.

Ist die Ruhe um den Verein ein Erfolgsfaktor von Hoffenheim?

Ich denke schon! Ich habe das schon in Unterhaching gesehen, wie viel es ausmacht, wenn man in Ruhe arbeiten kann. Es ist ein Vorteil, wenn man sich ohne störende Kamerateams und Presse auf die Spiele vorbereiten kann.

Haben Sie Dietmar Hopp schon persönlich kennen gelernt?

Ich habe ihn nur bei Veranstaltungen und Heimspielen getroffen, wenn er nach dem Spiel in die Kabine kam und gratulierte.

Wie nehmen Sie seine Rolle im Verein wahr?

Zu den Spielern hat er keine persönlichen Kontakte, er hat ja außerhalb des Fußballs noch viel zu tun. Er stellt Geld für den Fußball zu Verfügung, mischt sich aber nicht großartig ein. Für die sportlichen Belange sind andere zuständig. Herr Hopp ist im Grunde ein Fan.

Ihre Verpflichtung und die von Francisco Copado waren die ersten Schritte der TSG weg von reiner Jugendförderung hin zu einem Verein, der seine sportlichen Erfolge nur dank der Finanzkraft eines Herrn Hopp feiern kann. Ist die TSG ein Retortenclub?


Nein, Retortenclub ist der falsche Begriff. Sicherlich fehlt uns noch Fankultur, die muss sich erstmal entwickeln. Aber ich denke, dass die Spiele in der Hinrunde in Mannheim, sowie die Spiele in der Rückrunde im neuen Stadion in Sinsheim größtenteils ausverkauft sein werden.  In zehn Jahren wird Hoffenheim in der Bundesliga ein Verein sein, wie jeder andere auch.

Was kann man von der TSG in der kommenden Saison erwarten?

Unser Primärziel ist natürlich der Nicht-Abstieg, obendrauf wollen wir den Leuten natürlich einen schönen erfrischenden Fußball bieten.

Ihre letzte Station vor Hoffenheim war Kaiserlautern. Ein Verein mit großer Tradition, vielen Erfolgen in der Vergangenheit und legendären Spielern. Vermissen Sie manchmal diese Kultur bei ihrem derzeitigen Arbeitgeber?

Sie werden überrascht sein, wie modern die ganze Anlage in Hoffenheim ist. Vermissen tue ich hier nichts! Natürlich ist so ein Verein wie Kaiserlautern, wo auch Fritz Walter gespielt hat, etwas Besonderes. So was wird es hier erstmal nicht geben, aber wer weiß, vielleicht wird man in 20 Jahren sagen: »Schau mal, wer damals als erstes für die TSG in der Ersten Liga gespielt hat.« Und hoffentlich hängt dann ein Foto von mir an der Wand. (lacht)

Wo geht man in Hoffenheim abends hin, wenn man mal ein Bier trinken möchte?


Für mich steht die Familie im Vordergrund. Ich habe zwei Kinder und eine hübsche Frau, deshalb gehe ich sowieso nicht so viel weg. Aber wenn wir mal mit der Mannschaft weggehen, gehen wir nach Heidelberg. Die familiäre Atmosphäre in Hoffenheim ist perfekt für mich.

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