03.07.2010

Joachim Löw über Spielkultur und Argentinien

»Ohne Ordnung geht es nicht«

Vor dem Viertelfinale spricht Jogi Löw über seine Lust an der Anspannung, über ästhetischen Fußball, die künftige Rolle von Michael Ballack und das Verbot, mit ihm über seine Zukunft als Bundestrainer zu reden.

Interview: Michael Rosentritt Bild: Imago
Joachim Löw, Bastian Schweinsteiger hat das Spiel gegen Argentinien verbal angeheizt. Gab es dafür einen Rüffel von Ihnen?

Nein, weil ich das gar nicht verfolgt habe. Vor so einem Spiel, bei dem es immer hitzige Debatten gibt, interessiert mich das auch nicht weiter. Das ist ein verbales Kräftemessen.



Ist er nicht übers Ziel hinausgeschossen?

Vom Grundsatz hat Bastian sicher Recht: Die Argentinier spielen am Rande der Legalität, was ihren körperlichen Einsatz betrifft. Das ist diese Mannschaft, bei der sich unglaubliche individuelle Qualität und Technik mit ausgesprochen hoher körperlicher Robustheit mischt. Das ist wohl die Gaucho-Mentalität. Sie lieben dieses Mann gegen Mann, um zu beweisen, dass sie auch im Körperlichen den anderen überlegen sind. Das spielen sie gerne aus. Dabei kommt es manchmal zu Provokationen. Nichts anderes hat Bastian Schweinsteiger gemeint.

Dann muss dieses Spiel ganz nach Ihrem Geschmack sein. Sie sagen selbst von sich, dass Sie ein Kampftrainer sind.

Habe ich das gesagt? Oh nein, ich habe gesagt: Wettkampftrainer. Vor allem bin ich ein ästhetischer Trainer, der guten Fußball sehen will, der Fußballkultur mag und über Kampf und Einsatz nur am Rande spricht. Wenn ich das schon tue, definiere ich genau, was ich mit Kampf meine. Das heißt dann eben nicht, dass man blind anrennt oder den Gegner aggressiv bekämpft. Da habe ich schon noch eine andere Vorstellung. Als Wettkampftrainer liebe ich entscheidende Spiele. Ich liebe es, wenn die Anspannung hoch ist.

Ist der Ästhet in Ihnen nicht enttäuscht, wenn er sieht, wie stark doch die Defensive im Vordergrund steht bei dieser WM?


Enttäuscht? Nein. Aber es gab Mannschaften, die haben mich enttäuscht, wie Italien und Frankreich, weil sie vielleicht über ihren Zenit hinweg waren. Italien war nicht in der Lage, Tempofußball zu spielen. Das muss man heute können, wenn man auf hohem Niveau bestehen will.

Aber wo bleibt die Schönheit? Oder ist sie einfach nicht mehr so leicht zu erkennen?


Die Spanier spielen offensiv überragend gut, dort sieht man, dass das auch so gewollt ist. Aber vielleicht wird nicht mehr so spektakulär gespielt. Trotzdem sind jetzt noch Mannschaften im Turnier, die eine gute Spielanlage haben.

Gibt es auch eine Ästhetik der Defensive?

Wenn man so will, ja, die gibt es auch.

Sie klingen nicht so begeistert.


Doch, doch. Ein gutes Zweikampfverhalten ist sehr ästhetisch. Wir haben gegen England viele Bälle gewonnen, ohne Foul zu spielen. Das ist die hohe Kunst, die Ästhetik der Defensive.

Abwehrspieler Jerome Boateng hat ganz stolz erzählt, dass er kein einziges Mal gegrätscht hat. Das ist ein Kompliment für Sie?

Ja, für ihn. Wir haben es ihm ja absolut verboten.

Sie sind als Taktiktüftler bekannt. Wie gehen bei Ihnen Taktik und Ästhetik zusammen?

Beides hängt im starken Maß zusammen. Spielkultur ist ohne Ordnung und Organisation nicht möglich. Man muss eine klare Strategie haben, wenn man offensiv spielen will. Sonst ist es ein völliges Durcheinander und endet im Chaos. Also: ohne Ordnung keine Kreativität!

Tüfteln Sie hier wirklich bis tief in die Nacht an Taktiken? Darüber, wie man Messi stoppen kann?

Was haben Sie für Vorstellungen? Die Spielvorbereitungen verlaufen immer ganz ähnlich. Wir bereiten uns auf Zypern genauso seriös vor wie auf Argentinien. Vielleicht nicht mit der Anspannung direkt vor dem Spiel. Aber ich freue mich auf solche Spiele wie gegen England: Das Stadion ist voll, die Menschen fiebern einem Klassiker entgegen. Für mich sind diese Spiele natürlich reizvoller als ein Freundschaftsspiel. Bei der WM hier schaut ganz Deutschland zu, Europa, ja die ganze Welt. Das fordert mich heraus. Ich kann es auch nicht anders erklären.

Sie haben eine Mannschaft geformt, die mitreißend spielen kann. Wie passt Michael Ballack künftig in dieses Gefüge?

Eine Erkenntnis dieser WM ist, dass der Altersschnitt der Mannschaft relativ niedrig sein muss. Diese Spieler sind noch entwicklungsfähig, lernwillig und vor allem hoch belastbar. Wir haben nach einer langen Saison intensiv trainiert, mehrere Wochen lang. Das ist gar nicht einfach, die Intensität noch einmal zu steigern. Da brauchst du eine hohe Regenerationsfähigkeit, die junge Spieler nun mal eher haben.

Ist Michael Ballack vielleicht zu reif für diese Mannschaft?


Ich denke, der Altersdurchschnitt muss relativ niedrig gehalten sein. Eine solche Mannschaft verspricht mehr Erfolg. Wenn die Qualität stimmt! Das ist nun mal die Grundvoraussetzung. Aber natürlich braucht man erfahrene Spieler. Das darf man nicht unterschätzen. Einen Michael Ballack zum Beispiel. Aber: Qualität ist das Wichtigste, dann hohe Belastbarkeit und die Fähigkeit, diesen Siegeswillen zu entwickeln. Das alles geht vor Erfahrung, eindeutig. Italiens Team hatte viel Erfahrung, aber nicht mehr diesen Biss. Und es konnte nicht mehr dieses Tempo spielen, um weit zu kommen.

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