27.12.2008

Joachim Löw im Interview

»Das Bild war verrückt«

Bundestrainer Joachim Löw spricht über die Erkenntnisse der Europameisterschaft, die Notwendigkeit von Alternativen im Kader, die Konflikte mit Ballack und Frings sowie seinen Rat an Podolski.

Interview: Michael Rosentritt Bild: Imago
Joachim Löw im Interview
Herr Löw, in der Fifa-Weltrangliste belegt Ihr Team, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, den zweiten Platz. Ist die Mannschaft wirklich so gut?

Ich lasse mal dahingestellt, welche Aussagekraft diese Rangliste hat. Ich denke, die Mannschaft hat fast das Maximale rausgeholt in diesem Jahr. Die Finalteilnahme bei der EM ist zufriedenstellend, aber wir müssen uns in allen Details verbessern. Wir müssen die Mannschaft technisch und taktisch verbessern, die Spielkultur und Intensität erhöhen.



Wenn man Sie so hört, dann könnte man meinen, der zweite Platz bei der EM war eine echte Überraschung.

Lassen Sie mich kurz ausholen. Die Mannschaft, die ich nach der WM 2006 übernommen habe, hat eine hervorragende EM-Qualifikation gespielt. Sie hat sich permanent entwickelt, sie ist überwiegend besser geworden. Es gab keine Veranlassung, die Mannschaft personell zu verändern. Unmittelbar vor dem EM-Turnier haben wir gesagt: Wir halten an ein paar Spielern fest ...

... Sie meinen Lehmann, Metzelder und Frings, die nicht in Bestform waren ...

... also haben wir gesagt: alle Kraft und alles Vertrauen in diese Spieler rein, weil sie bei vergangenen Turnieren ja auch gut gespielt haben. Aber es gab auch andere Gründe, warum wir bei der EM nicht ganz das Niveau erreicht haben. Etwa die unterschiedliche Belastung der Spieler vor dem Turnier. Nach der EM gab es dann eine andere Situation, eine, wie sie oft nach Turnieren eintritt. Wir nahmen uns vor, Alternativen zu schaffen. Wir mobilisieren jetzt alles, um jüngere Spieler heranzuführen.

Indem Sie junge Spieler fördern, verprellen Sie andere, ältere Spieler. Das ist nicht ohne Konflikte geblieben.

Nach der EM sahen wir als Trainer den Zeitpunkt für Veränderungen gekommen. Uns war klar, dass wir auch ein paar Korrekturen für die nächsten zwei Jahre brauchen. Das Turnier im Sommer ist ja nicht ganz nach unseren Wunschvorstellungen gelaufen. Einige mussten ganz bewusst angreifen. Spielern wie Trochowski und Hitzlsperger haben wir gesagt: Jetzt muss ein Schritt kommen, und zwar ein gewaltiger. Das verstärkte den Konkurrenzkampf. Wir brauchten die eine oder andere Korrektur. Das ist wichtig, um Richtung 2010 und darüber hinaus gewappnet zu sein.

Welche Erwartungen haben Sie an Michael Ballack bei seiner Rückeingliederung in die Nationalelf?

Der war, ist und bleibt eingegliedert bei uns. Michael ist ein Leistungsträger dieser Mannschaft. 

Das hört sich sehr nüchtern an, immerhin ist Ballack Ihr Kapitän.

Michael Ballack wird ein Mitglied der Mannschaft sein, wie er es immer war. Die Dinge sind ausgesprochen, da gibt es nichts mehr drüber zu sagen. Auch mit Torsten Frings gab es ein längeres Gespräch. Es hatte ja keine disziplinarischen Gründe, warum er mal nicht spielte. Er war mehrere Monate vor der EM verletzt. Er war nicht in der Form, die ihn sonst ausgezeichnet hat. Er hat Nachholbedarf, aber wir glauben schon noch, dass er da wieder zu seiner alten und wahren Stärke findet. Er soll jetzt eine gute Vorbereitung machen, und dann geht es eben nach Leistung.

Könnte es sein, dass die Kommunikation dieses Prozesses etwas auf der Strecke geblieben ist? Hätte man es Frings oder Ballack nicht anders beibringen können?

Wenn wir jüngere Spieler, die schon eine Weile dabei sind, aber den Sprung in die Mannschaft noch nicht geschafft haben, wenn wir diese Spieler auffordern, sich klar zu steigern, sich zu positionieren, dann kann man das kommunizieren – muss es aber nicht. Außerdem ist es uns recht, wenn Konkurrenzkampf stattfindet. Im August haben wir die Mannschaft darüber informiert, dass wir vermehrt junge Spieler einsetzen wollen. Das muss reichen.

Sie hätten sich aber einigen Ärger ersparen können.

Darum geht es nicht, es geht um Entwicklung. Konkurrenzkampf ist gut, und das wollen wir auch weiterhin so.

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