Joachim Löw im Interview

»Das spricht für unseren Willen«

Selten hat man Joachim Löw so angespannt gesehen wie im streckenweise desolaten Spiel seiner Mannschaft gegen die Türkei. Doch Löw wäre nicht Löw, wenn er im Duselsieg nicht auch Potenziale erkennen würde. Wir sprachen mit ihm. Joachim Löw im InterviewImago

Die deutsche Mannschaft hat das EM-Finale erreicht. Wie bewerten Sie den Zittersieg gegen die Türkei?

Wir sind zunächst mal alle sehr zufrieden, dass wir das Halbfinale gewonnen haben. Es herrscht eine enorme und außerordentliche Freude bei uns. Wir sind aber noch nicht am Ziel. Wir wollen auch den letzten Schritt machen und den Titel holen.

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Gegen die Türken hatte Ihre Mannschaft aber das Glück auf ihrer Seite, oder sehen Sie das anders?


Es war ein Wahnsinnsfight, ein Spiel auf Biegen und Brechen und mit einer unglaublichen Dramaturgie bis zur letzten Sekunde. Wir wollten aber auch nach dem Ausgleich zum 2:2 nach vorne spielen und die Entscheidung suchen. Das ist uns gelungen und spricht einmal mehr für die Moral der Mannschaft, auch wenn spielerisch nicht alles so gelaufen ist, wie wir uns das vorgestellt haben. Durch unsere Turniererfahrung sind wir aber immer in der Lage, ein Spiel noch für uns zu entscheiden.

Was war denn aus Ihrer Sicht der Schlüssel zum Erfolg und was erwarten Sie für das Finale?


Dass wir bis zuletzt an uns geglaubt haben. Die Mannschaft hat bewiesen, dass mit ihr immer zu rechnen ist. Natürlich wollen wir das Finale gewinnen, wir haben die nötige Sieger-Mentalität. Der große Druck fällt jetzt ab. Wir haben das Finale erreicht, wollen nur noch mit Spaß und Freude in dieses Spiel gehen. Sicherlich sind wir gegen die Türken nicht so in die Zweikämpfe gekommen, wie wir das wollten. Unter dem Strich zählt aber die Effizienz. Wir haben drei Tore geschossen, das zählt am Ende. Das wir nach dem 2:2 zurückgekommen sind, spricht für den Willen und die Mentalität der Mannschaft.

Was lief gegen die Türken denn lange Zeit schief im Spiel Ihrer Mannschaft?

Wir hatten schon zu Beginn des Spiels einige Ballverluste, durch die wir uns selbst aus dem Rhythmus gebracht haben. Wir standen oft zu weit vom Gegenspieler weg und haben den Türken, die ein sehr gutes Spiel abgeliefert haben, einfach zu viel Raum gelassen.

Hätte ein taktische Veränderung nicht das deutsche Spiel beleben können?

Im Laufe der zweiten Halbzeit hätte uns ein zweiter Stürmer sicher gut getan, weil wir im Spiel nach vorne eine weitere Anspielstation gehabt hätten. Da die Türken aber stets aus dem Mittelfeld gefährlich nach vorne gespielt haben, war mir dieses Risiko aber in diesem Spiel zu groß, zumal wir im Mittelfeld nicht so kompakt wie gegen Portugal gestanden haben. Deswegen wollten wir die defensive Variante mit fünf Mittelfeldspielern nicht aufgeben, weil es sonst vielleicht nicht zum Sieg gereicht hätte. Bei einer Verlängerung hätte ich eine zweite Spitze gebracht, weil wir nicht in ein Elfmeterschießen wollten.

Torsten Frings saß nach seinem ausgeheilten Rippenbruch zunächst auf der Bank. Was hat Sie dazu bewogen, in der Startelf auf den Routinier zu verzichten?

Torsten steht bei 90 oder 95 Prozent seines Leistungsvermögens. Mit einem Rippenbruch ist nicht zu scherzen. Ich war mir nicht sicher, ob der 90 oder sogar 120 Minuten durchhalten kann. Es war aber abgesprochen, dass er im Verlauf des Spiels eingewechselt wird. Er war zunächst enttäuscht, als ich ihm meine Entscheidung mitgeteilt habe. Anschließend hat er aber bei mir an die Tür geklopft und mir gesagt, dass er als Trainer genauso entschieden hätte. Das spricht für seine Größe.

Wie können Sie vor dem Finale noch auf die Mannschaft einwirken?


Wir können jetzt im Training keine Akzente mehr setzen. Jetzt steht Regeneration im Vordergrund, dazu werden wir noch ein oder zwei technische Trainingseinheiten absolvieren. Rückblick und Analyse bringen jetzt nichts mehr, wir schauen nur nach vorne und wollen mit Spaß, Freude und Begeisterung das Finale bestreiten.

Was bedeutet Ihnen der Finaleinzug persönlich, zumal Sie nach Jupp Derwall der zweite Bundestrainer wären, der in seinem ersten Turnier als Chef den Titel holen würde?

Für mich ist das natürlich eine ganz besondere und schöne Erfahrung, bei meinem ersten Turnier als Bundestrainer im Finale zu stehen. Als Assistent bin ich ja zweimal im Halbfinale gescheitert, im Confed-Cup und bei der WM. Das ist es schön, dass man schon einen Schritt weiter ist. Ich genieße diese Situation.


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