23.04.2008

Joachim Löw im Interview

»Unsere Gruppe ist zäh«

Am 7. Juni führt Joachim Löw die deutsche Mannschaft in »das schwierigste Turnier aller Zeiten«, wie er selbst sagt. Sechs Wochen vor der EM sprachen wir mit ihm über seine Sorgenkinder, Überraschungsgast Oli Kahn und Klinsis Schatten.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Wie groß empfinden Sie den Schatten von Jürgen Klinsmann?

Gar nicht. Ein Bundestrainer wird immer an irgendetwas gemessen. Es macht mir also gar nichts aus, an einem meiner Vorgänger gemessen zu werden - auch nicht an Jürgen Klinsmann.

Wie hat sich das Leben von Joachim Löw verändert, seit er Bundestrainer ist?

Wenn ich heute meine Wohnung verlasse, werde ich zu einem Stück Allgemeingut. Daran musste ich im ersten halben Jahr nach meiner Ernennung gewöhnen. Ich hatte den Eindruck, ständig unter Beobachtung zu stehen. Aber meine private Situation hat sich nicht großartig verändert: Ich bewege mich nach wie vor in demselben Umfeld in Freiburg und tue die Dinge, die ich vorher auch gemacht habe.

Bei Ihrer gegenwärtigen Popularität macht es doch sicher auch Spaß machen, Bundestrainer zu sein.

Es ist anders. Ich freue mich natürlich, wenn die Leute nach einem Autogramm fragen. Aber manchmal möchte man eben auch seine Ruhe haben. Und es ist mir heute kaum noch möglich, im Zug, im Restaurant oder im Flugzeug zu sitzen, ohne angesprochen zu werden.

Bei der WM 2006 spielten viele Topstars unter Form, weil Sie von der Saison ausgelaugt waren. Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, dass Michael Ballack und Torsten Frings in dieser Saison verletzungsbedingt lange pausieren mussten?


Schwer zu sagen. Michael Ballack spielt schon seit Dezember wieder kontinuierlich. Er hat seitdem sehr viele Spiele gemacht. Torsten Frings ist ein Turnierspieler, der in der Lage ist, auch mit wenig Spielpraxis sich sehr schnell auf die Gegebenheiten einzustellen und dann über fünf, sechs Spiele optimale Leistung abzurufen. Genauso Christoph Metzelder, bei dem wir schon 2006 nicht wussten, ob er der Mannschaft helfen kann, weil er vorher lange verletzt war. Er musste im Trainingslager ein Rehaprogramm machen - und letztlich wurde er noch rechtzeitig zu einer wichtigen Stütze.

Hand aufs Herz: Wird Christoph Metzelder bei dieser EM überhaupt dabei sein?

Ich zähle auf seine Turniererfahrung. Er hat 2006 bewiesen, dass er sich in kurzer Zeit für so ein Turnier hochfahren kann. Er hat das Training schon wieder aufgenommen. Jetzt müssen wir abwarten, ob er in der Lage ist, in der verbleibenden Zeit alle weiteren Defizite auf zu arbeiten.

Wir sieht der Kontakt zu ihm aus?

Wir sprechen mit allen in Frage kommenden Spielern im Wochenrhythmus.

Auch mit Bernd Schneider, der gänzlich außer Form scheint?

Bernd ist einer, der von der Spielintelligenz lebt, von der unser Team immer profitieren kann. Wenn er fit ist und spielen kann, ist er in unserem Kader gesetzt. Derzeit besprechen wir mit ihm Trainingsinhalte, die er im Verein absolvieren soll. Und er kann sich darauf einstellen, dass er im Gegensatz zu Spielern wie Per Mertesacker - der fast die komplette Saison durchgespielt hat und in der ersten Woche unseres Trainingslagers auf Mallorca regenerieren soll - weitaus intensiver arbeiten muss.

Wie groß ist derzeit der Kreis von Spielern, die noch eine Chance haben, auf den EM-Zug aufzuspringen?

Intern hat sich der Kreis reduziert, denn es verbleiben nur noch wenige Spieltage, um die Kandidaten zu beobachten. Aber alle Spieler wissen, unter welchen Gesichtspunkten wir sie beobachten. Nach dem letzten Spieltag am 10. Mai tragen wir alle Daten und Fakten zusammen - und treffen dann unsere Entscheidung.

Unter welchen Gesichtspunkten beobachten Sie die Spieler?


Es geht um das individuelle Können und die mentale Stärke. Was kann ein Spieler auf seiner Position, was bei unserer Philosophie helfen kann? Was kann ein Spieler taktisch umsetzen? Wie präsentiert er sich im Spiel, wenn sein Team in Rückstand gerät? Ist er in der Lage, ein Spiel in Überzahl auszunutzen? Kann er eine Mannschaft führen und antreiben? Es kommt sogar vor, dass wir einige Spieler im Training beobachten lassen, um herauszufinden, wie sie sich engagieren. Kurz gesagt: Wir wollen wissen, ob ein Spieler mit aller Beharrlichkeit um seinen Platz bei uns kämpft.

Machen Sie sich Sorgen um die Form von Miroslav Klose?


Er ist im Moment nicht in der Topform, die er 2006 in der Vorrunde hatte. Aber ich mache mir keine Sorgen, dass er sie nicht wieder erreicht. Er ist ein Führungsspieler, ein Meinungsmacher in der Mannschaft, und er besitzt genug Selbstbewusstsein und Willenskraft, um bei der EM wieder einer der gefährlichsten Stürmer zu werden.

Wenn Sie sich um Klose keine Sorgen machen, um wen dann?


Es gibt immer Spieler, die vor einem Turnier nicht ganz an ihre Topform heranreichen, dann aber in der Vorbereitung die Handbremse lösen und durchstarten. Dahingehend habe ich also keine Sorgen, sondern nur wegen möglicher Verletzungen. Dass Torsten Frings wieder spielt und offensichtlich fit ist, ist absolut positiv.

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