23.04.2008

Joachim Löw im Interview

»Unsere Gruppe ist zäh«

Am 7. Juni führt Joachim Löw die deutsche Mannschaft in »das schwierigste Turnier aller Zeiten«, wie er selbst sagt. Sechs Wochen vor der EM sprachen wir mit ihm über seine Sorgenkinder, Überraschungsgast Oli Kahn und Klinsis Schatten.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Joachim Löw, Berliner Fußball-Kneipen werben mit »högschde Disziplin«, Ihrem Ausspruch aus dem Sönke-Wortmann-Film »Deutschland. Ein Sommermärchen.« Sie sind schon fast eine Kultfigur, kaum ein Bundestrainer hatte bessere Presse als Sie bislang. Rechnen Sie damit, dass sich das Blatt wendet?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Eine solche Beurteilung hängt immer auch von Ergebnissen ab. Ich habe von 20 Länderspielen 15 gewonnen und die Qualifikation frühzeitig erreicht.



Fürchten Sie den Moment, in dem das Medienurteil kippt?

Ich habe es schon während meiner Zeit als Vereinstrainer in der Türkei, beim VfB Stuttgart und in Österreich erlebt, dass Kritik aufkam, wenn es nicht lief. So lange Kritik konstruktiv ist, kann ich gut damit umgehen. Aber in der Türkei war Kritik mitunter so harsch, dass schon beim ersten Unentschieden intensiv über den Trainer diskutiert wurde. Dadurch habe ich ein dickeres Fell bekommen. Und ich weiß heute viel genauer, was ich mir zutrauen kann.

Was meinen Sie damit?


Das heißt, dass ich zu meiner Linie als Trainer stehe, auch wenn es Kritik geben sollte oder ein Spiel verloren geht. Denn wir bei der Nationalmannschaft sind überzeugt von der Philosophie, die wir derzeit verfolgen.

Die Euro 2008 ist Ihr erstes Turnier in der Verantwortung als Cheftrainer. Lampenfieber?

Ich spüre, dass die Konzentration und die Anspannung kontinuierlich zunimmt. Aber ich freue mich auf das Turnier. Ehrlich gesagt empfinde es auch gar als Belastung, dass ich als Cheftrainer in mein erstes Turnier gehen. Auch beim Confed Cup und bei der WM 2006 habe ich mich in gewisser Weise verantwortlich gefühlt, zumal sich im Bereich meiner Arbeit seitdem kaum etwas geändert.

Haben Sie trotzdem manchmal schlaflose Nächte, bei dem Gedanken was passiert, wenn Ihr Team nach der Vorrunde nach Hause fährt?


Im Gegenteil. Je näher das Turnier rückt, desto besser kann ich schlafen. Wir sind von unserer Arbeit überzeugt, und die Mannschaft hat große Fortschritte gemacht. Ich freue mich, dass das Team jetzt endlich für drei Wochen am Stück im Trainingslager auf Mallorca und im Tessin zusammen kommt. Nun beginnt der Hauptteil unserer Arbeit.

Nach den EM-Turnieren 2000 und 2004 quittierten beide Nationaltrainer den Dienst, weil Deutschland nach der Vorrunde nach Hause fuhr. Ist das auch Ihre Konsequenz?

Natürlich gibt es auch bei uns Wenn-Dann-Szenarien. Aber die beziehen sich aufs Spiel. Wir fragen uns, was zu tun ist, wenn wir in Rückstand geraten oder in Unter- beziehungsweise Überzahl spielen. Aber mit der Frage, was passiert, wenn wir ausscheiden, habe ich mich noch nicht beschäftigt.

Anders gefragt: Wann wäre für Sie das Turnier ein Erfolg?


Diese Frage stelle ich mir nicht. Ich kenne die Erwartungen an uns - und diese Erwartungen sind groß. Aber die Fans erwarten vor allem mitreißende Spiele und dass sich jeder einzelne Spieler auf dem Platz demonstriert, dass er gewinnen will. Über diese Herangehensweise wollen wir zunächst einmal ein Ziel erreichen: Die Serie zu beenden, dass wir seit 12 Jahren bei einer EM kein Spiel mehr gewonnen haben. Am besten ist es, wenn wir die ersten sechs Spiele gewinnen - und dann schauen wir mal weiter. (lacht.)

Jürgen Klinsmann hat bei der WM angedeutet: »Wenn wir nicht das Viertelfinale erreichen, trete ich zurück.« Mal ehrlich, haben Sie zumindest intern eine solche Regelung auch für sich getroffen?

Mit solchen Negativstrategien möchte ich mich nicht beschäftigen. Ich schalte das weg, damit ich unvoreingenommen in die Spiele gehen kann.

Vorher müssen Sie aber einigen Stars noch mitteilen, dass sie nicht mit zur Euro fahren.

Ich liege deshalb aber nicht wach. Es ist nun einmal ein unangenehmer Teil meines Jobs, zu entscheiden, was das Beste für den Erfolg ist. Über allem steht die Leistung. Aber natürlich tut es weh, einem Spieler mitzuteilen, der zwei Jahre hart an dem Ziel gearbeitet hat, dass er zu Hause bleibt. Die Reaktion von Kevin Kuranyi vor der WM 2006 hat mich menschlich sehr berührt. Für ihn brach eine Welt zusammen, denn es war sein Lebenstraum, die WM zu spielen.

Wann werden Sie es denjenigen mitteilen, die nicht berücksichtigt sind?

Ein paar Stunden vor der offiziellen Bekanntgabe. Wir werden allen Spielern vorher mitteilen, in welchem Zeitraum sie telefonisch erreichbar sein müssen, damit wir nicht in die Verlegenheit kommen, die Absage auf der Mailbox zu hinterlassen.

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