16.06.2012

Joachim Löw im großen EM-Interview

»Ich empfinde keinen Stress«

Er tanzt, er klaut Bälle, er macht alles richtig. Im Interview spricht Bundestrainer Joachim Löw über seinen Tagesablauf bei einem großen Turnier, Mario Gomez, die Taktik gegen Spanien und ein gutes Buch.

Interview: Michael Rosentritt Bild: Imago

Herr Löw, was haben Sie eigentlich heute nach dem Aufstehen getan?
Zuerst habe ich mit Frank Wormuth telefoniert, weil er ein Kenner der Gruppe A ist und sie für uns beobachtet.

Aus dieser Gruppe käme der nächste Gegner im Viertelfinale…
Ja, aber so weit sind wir noch nicht. Natürlich müssen wir planen. Danach hatten wir eine Besprechung mit den Scouts, da ging es um die Einteilungen für die Spielbeobachtungen. Und wenn Sie es ganz genau wissen wollen: Um 7.30 Uhr habe ich trainiert.

Sie sich?
Ja, ein bisschen im Fitnessraum. Erst auf dem Laufband, auf dem Fahrrad und dann ein wenig Gymnastik. Das mache ich regelmäßig.

Stellen Sie sich den Wecker?
Nein, ich bin ein Frühaufsteher.

Das klingt, als ginge es hier gleich morgens los mit Fußball. Haben Sie keine Freizeit?
Freizeit im eigentlichen Sinn gibt es hier eigentlich nicht. Abends, bevor ich ins Bett gehe, lese ich ein bisschen, um abschalten zu können.

Und, wie viele Seiten haben Sie geschafft?
Von 800 Seiten habe ich 300 bis 400 Seiten gelesen. Tagsüber komme ich nicht dazu, aber vor dem Schlafen.

Und wir haben gedacht, Sie kämen durch das Lesen besser in den Schlaf?
Komme ich doch. Ich lese an diesem Buch schon seit drei Wochen.

Sie selbst haben mal gesagt, dass Ihre Lebensqualität während eines Turniers auf ein Minimum sinkt. Können Sie das genauer erklären?
Lebensqualität bedeutet ja, sich mit der Familie, mit Freunden zu treffen, Essen zu gehen oder ins Kino zu gehen, selbst Fußball zu spielen. Diese Dinge sind momentan weit weg. Hier geht es den ganzen Tag um Fußball. Das ist eine andere Art von Lebensqualität.

Sie wirken trotz des Stresses, als würden Sie in sich ruhen, ja fast schon lässig. Können Sie Ihren Körper so programmieren, oder findet er inzwischen selbst seinen Rhythmus?
Bei einem Turnier brauche ich einen geregelten Rhythmus. Ich gehe nicht zu spät ins Bett. Ich habe klare Abläufe, mehr als das zu Hause der Fall ist. Aber wenn Sie von Stress sprechen: Ich empfinde beim besten Willen keinen Stress. Warum das so ist, weiß ich nicht.

Vielleicht weil Ihnen Stress gefällt?
Vielleicht verdränge ich ihn auch nur. Ich empfinde aber keinen Druck. Mag sein, dass alle anderen Leute von Druck sprechen, aber mir macht es Spaß. Ich freue mich auf Wettkämpfe gegen Holland oder Portugal. Das macht mir mehr Spaß, als, bei allem Respekt vor diesen Gegnern, gegen die Schweiz, Israel oder Liechtenstein zu spielen.

Sie lieben den Wettkampf auf höchstem Niveau?
Ich bin schon zu lange dabei. 2004 war für mich klasse. Wir hatten in Österreich ein Freundschaftsspiel und eines in Teheran. Das war Hochspannung. Aber jetzt bin ich acht Jahre dabei. Das Größte ist für mich ein Turnier. Sich mit den Besten zu messen. Da freue ich mich drauf.

Aber wenn Sie tatsächlich keinen Stress empfinden, warum sind Sie dann nach den Turnieren so erschöpft?
Das ist der emotionale Abfall. Die Emotionen sind hier natürlich groß, manchmal auch nicht steuerbar. Ich ärgere mich während eines Spiels, ich freue mich, ich mache Dinge, von denen ich hinterher gar nicht mehr so richtig weiß, was ich da gemacht habe. Es passieren ja unheimlich viele Dinge: Wir gewinnen gegen Holland, aber am nächsten Tag ist schon wieder Dänemark das Thema und das Turnier geht weiter. Es gibt Highlights oder vielleicht eine Riesenenttäuschung. Und dann fallen die Emotionen in sich zusammen. Nach acht Wochen Konzentration und einer großen Anstrengung.

Welche Dinge meinen Sie, von denen Sie hinterher nichts mehr wissen?
Auf der Bank passieren beispielsweise Dinge, die spontan kommen. Oder auch im Training. Da bin ich manchmal gegenüber Spielern sicher ungerecht in meiner Ausdrucksweise. Da sage ich hinterher: Das muss man ein bisschen anders einordnen.

In Einzelgesprächen? Und wenn ja, wie laufen die genau ab?
Im Moment laufen Einzelgespräche relativ spontan ab. Es finden eigentlich keine, zumindest keine langen Einzelgespräche statt. Wenn wir sprechen, sind es sportliche Analysen mit einzelnen Spielern: Was ist passiert im Spiel gegen Portugal? Wie spielt der Gegenspieler? Wenn ich aber das Gefühl habe, der eine oder andere Spieler ist in einem Zustand der Unzufriedenheit oder hat ein anderes Problem, dann spreche ich ihn natürlich an. Oder es gibt auch Spieler, die mal zu mir kommen, wenn etwas ist. Geplante Einzelgespräche gibt es bei einem Turnier eigentlich nicht.

War bei Mario Gomez nach dem Portugalspiel eines nötig?
Mit ihm habe ich am Morgen des Spiels gegen Holland noch einmal gesprochen und ihm gesagt: Meine Beurteilung ist das Allerwichtigste. Was andere Leute sagen, musst du ausblenden. Es wird immer wieder Positives geben, es wird kritische Stimmen geben. Das Wichtigste ist meine Beurteilung. Für mich hat seine Leistung gegen Portugal gestimmt. Er hat das entscheidende Tor gemacht und gut gearbeitet. Damit hatte er mein Vertrauen – und Schluss.

Lukas Podolski steht am Sonntag vor seinem 100. Spiel. Bislang hat er nicht überzeugt. Sollten Sie sich ihn nicht mal greifen?
Offensiv kann noch etwas mehr kommen. In den ersten beiden Spielen hat er aber gut nach hinten gearbeitet. Das war eine wichtige taktische Vorgabe für ihn, denn ich hatte ihm aufgetragen, dass er Philipp Lahm mit Nani und Robben nicht alleine lassen darf, dass er nach hinten hoch aufmerksam und wachsam sein muss. Sonst hätten wir Schwierigkeiten bekommen. Denn diese Spieler sind mit das Beste, was es auf den Außenpositionen gibt. Das Allerwichtigste für ihn war daher, dass er diszipliniert spielt. Das hat er gut gemacht.

Alternativen hätten Sie ja. Ihr Kader gilt als der beste, den Deutschland je hatte. Ist Ihre Arbeit damit nicht einfacher geworden?
Wir haben diese Mannschaft so entwickelt. Und wir haben sie nach unseren Vorstellungen in den vergangenen Jahren so geformt. Wir haben jetzt sicher besser ausgebildete Spieler. Dadurch sind manche Dinge schneller umsetzbar, ganz klar. 2006 oder 2007 hatten wir weniger Alternativen. Und weniger Spieler, die diesen modernen, schnellen, technischen, intensiven Fußball ausführen können. Wir hätten vielleicht länger gebraucht. Aber auch jetzt ist es nicht einfach, für jedes Spiel die richtige Auswahl zu treffen. Wir sind auf einem Niveau angekommen, wo wir uns trotzdem immer wieder überlegen müssen: Was können wir weiterentwickeln? Wie können wir besser werden? Das ist, auf der einen Art, genauso schwierig wie vor einigen Jahren.

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