06.03.2014

Joachim Hopp über seine Liebe Ruhrgebiet

»Andere gingen in den Puff«

Joachim Hopp ist in seiner Heimatstadt Duisburg eine echte Fußball-Legende. Weil er vor dem Training noch Stahl für Thyssen kochte. Weil er die Sprache des Ruhrgebiets spricht. Und weil er einfach Hoppi ist. Wir sprachen mit ihm – und verweisen gleichzeitig voller Stolz auf unsere neue Spezial-Ausgabe: »Rivalen an der Ruhr«, die seit heute im Handel erhältlich ist.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Joachim Hopp, es gibt so viele wunderbare Anekdoten aus Ihrer Karriere, wir sind uns nicht ganz sicher, ob die tatsächlich alle wahr sind. Wir würden gemeinsam mit Ihnen gerne für Klarheit sorgen.
Schießen Sie los!

Sie waren eigentlich Stürmer, sollen aber zum Manndecker umfunktioniert worden sein, als Sie beim Bankdrücken die Trainer beeindruckten.
Das stimmt. Im Wintertrainingslager 1989/90 durfte ich das erste Mal als Amateurspieler mit den Profis vom MSV Duisburg mittrainieren. Der Ewald Lienen – gerade frisch Amateurtrainer ernannt – hatte mich empfohlen und icjh durfte mit nach Holland. Weil die Plätze vereist waren, sind wir in den Kraftraum gegangen. Als ich beim Schulterdrücken an der Reihe war und locker 120 Kilo nach oben stemmte, stand über mir Chef-Trainer Willibert Krämer und sagte: »Hoppi, ab heute bist du Manndecker!«

So schnell ging das? Hatten Sie die Lust am Tore schießen verloren?
Das nicht, aber ich wusste doch auch: Als Manndecker hast du wahrscheinlich bessere Möglichkeiten Profi zu werden. Ich war schnell, hatte gute Laktatwerte, Herz, Leidenschaft und wusste wie Stürmer denken. Gute Vorraussetzungen also.

Und ganz nebenbei haben Sie noch bei Thyssen am Hochofen malocht?
So sieht´s aus. Das habe ich noch Jahre lang gemacht. Erst als mich Ewald Lienen und Präsident Fischdick 1994 zum Profi machen wollten, hieß es aus der Chefetage: »Hoppi, mach mal Schluss am Hochofen.«

Wie sah Ihr Arbeitsalltag vorher denn aus?
Bevor ich bei dem MSV-Amateuren anfing, war ich in der Wechselschicht: Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Das ging dann nicht mehr, also habe ich meinen Vorgesetzten gefragt, ob ich nicht nur noch die Frühschicht übernehmen dürfte. Der war – wie alle anderen – MSV-Fan und hatte damit kein Problem. Das hieß für mich: Von 5.30 Uhr bis 13.30 Uhr Schicht bei Thyssen und dann zum Training.

Was war Ihr Job?
Ich war am Hochofen für die Kühlung zuständig. Das war teilweise knochenharte Maloche, vor allem bei Reparaturarbeiten, wenn die glühende Schlacke genau vor meiner Nase blubberte.

Der gebürtige Duisburger, der als Stahlkocher bei Thyssen beim MSV spielt – die Fans müssen Sie doch sofort in ihr Herz geschlossen haben.
So schnell ging das nicht. Als Fußballer kannte mich ja keine Sau. Als ich 1994 zu den Profis geholt wurde, gab es sogar eine Menge Leserbriefe, in denen sich jemand in den Zeitungen darüber mokierte, warum denn der MSV einen Amateur geholt hatte, statt für ein paar Mark einen Jugoslawen oder Bulgaren. Erst nach ein paar Monaten, als ich mich in der Mannschaft etabliert hatte, stand der Leserbriefautor beim Training und hat sich bei mir entschuldigt.

Heute lechzen die Fans dagegen nach jungen Eigengewächsen.
Und das ist wunderbar. Diese Wahrnehmung im deutschen Fußball hat sich komplett gewandelt. Ein Beispiel: Matthias Sammer. Lange Zeit war er der große Mahner für deutsche Jugendarbeit und regte sich auf, wenn teure Ausländer verpflichtet wurden. Damals in Dortmund hat er 100 Millionen Euro für teure Transfers aus dem Fenster geworfen und ist Deutscher Meister ohne einen deutschen U-Spieler aber mit einer Menge Schulden geworden. Immerhin kann man Sammer zugute halten, dass er anscheinend auch selber umgedacht hat. Heute ist der Nachwuchs tatsächlich die Zukunft der Vereine, da muss kein junger Kerl mehr morgen um sechs Uhr in der Fabrik schuften.

Sie waren damals eine Ausnahme – und wurden auch deshalb so beliebt, weil Sie gerne mal verbal auf die Kacke gehauen haben. Die Youtube-Clips mit den besten Hoppi-Sprüchen sind immer noch extrem beliebt. Warum?
Beliebtheit kommt durch Einfachheit. Wir hier im Ruhrgebiet sprechen nun einmal eine andere Sprache und wenn du das Maul zu weit aufreißt, dann gibt es mit der flachen Hand eine Ohrfeige. Heute geht das allerdings nicht mehr, da steht an der nächsten Straßenecke schon der Anwalt. Was ich sagen will: Die Leute hier lieben Authentizität. Du kannst nicht durchs Ruhrgebiet laufen und plötzlich den Professor mimen.

Professor? Da war doch was...
Olaf Thon, den meine ich ja. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich sage nicht: Wer aus dem Ruhrgebiet kommt und sich weiterbildet, der ist ein Idiot. Um Gottes Willen! Aber wenn ich heute den Thon reden höre, dann klingt das zwar nett, aber nicht nach Gelsenkirchen. Ich habe immer versucht, mich nie zu verstellen. Sicherlich habe ich deshalb manchmal gesprochen ohne nachzudenken; aber das ist es ja, was bei den Leuten hängen bleibt! Ich habe mit dem Herz gesprochen – und dazu einfach den Mund bewegt.

Ein Video zeigt Sie nach dem Spiel gegen Dortmund, mit aufgeplatzter Lippe und Dortmund-Trikot um die Hüften. Ihr Kommentar zum Trikottausch: »Der Chappi war mir noch was schuldig, der hat mir vorhin schön die Elle reingejagt.«
Ja, ich kann mich erinnern. Wir haben in Dortmund gespielt, ich gegen Chappi. Der war ein sehr unangenehmer Gegenspieler. Wenn der Schiri nicht hingeschaut hat, gab es immer ordentlich auf den Kessel. Und in einer Szene hat er mir eben den Ellenbogen in de Lippe gerammt. Ich habe geblutet wie ein Schwein. Also bin ich nach dem Spiel zu Chappi und habe gesagt: »Hör zu, das war nicht in Ordnung. Gib mir dein Trikot und die Sache ist vergessen.«

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