Joachim Hopp bangt um den MSV

»Tradition tritt man nicht mit Füßen!«

Momentan tagt das DFB-Schiedsgericht über die Zukunft des MSV Duisburg. Darf der Traditionsklub weiterhin in der Zweiten Liga spielen oder muss er in der Regionalliga neu anfangen? Wir sprachen mit MSV-Legende Joachim Hopp über ein Schreckensszenario.

Joachim Hopp, momentan tagt das DFB-Schiedsgericht, um über die Zukunft des MSV Duisburg zu entscheiden. Wie geht es Ihnen?
Dazu sage ich nur einen Satz: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
 
Die gute alte Fußballerphrase.
Na, klar. Aber Sie wissen ja: So ist das wirklich!
 
Die vergangenen Wochen haben Ihnen also Mut gemacht?
Absolut. Was hier los war! Davor kann man nur den Hut ziehen und sich bedanken. In der jüngeren Vergangenheit sind bekanntlich einige andere Traditionsklubs durch Misswirtschaft Pleite gegangen, doch die Anteilnahme war nirgendwo so groß wie in Duisburg.
 
Und Sie waren mittendrin?
Ich bin immer dabei. Den Demonstrationsmarsch mit 8000 Fans habe ich angeführt. Das war Gänsehautatmosphäre. Ich war ein bisschen enttäuscht, dass keine Angestellten oder Spieler mitgelaufen sind. Die hätten auch Zeichen setzen können, schließlich geht es auch um deren Arbeitsplätze.
 
Sie waren also ganz nah bei den Fans. Können Sie mal die Stimmung beschreiben?
Wissen Sie: Ich bin jeden verdammten Tag nah dran an den Fans. Ich bin ja nie aus Duisburg weggegangen, ich habe der Stadt immer die Treue gehalten. Ich gehe also aus der Tür und merke sofort, wie emotional aufgewühlt die Leute momentan sind.
 
Sind Sie so beliebt bei den Fans, weil Sie Lokalpatriotismus zeigen?
Vielleicht. Ich wurde hier jedenfalls nie angefeindet, obwohl ich nicht immer erfolgreich war, schließlich bin ich sogar zweimal mit dem Klub abgestiegen. Außerdem denke ich, dass die Leute einfach meine Sprache verstehen.
 
Wie sprechen Sie?
Ich mache klare Ansagen und rede nicht lange um den heißen Brei.
 
Sie haben in den vergangenen Jahren die MSV-Führung oft kritisiert.
Zurecht, wie man jetzt sieht. Ich bin gerade dabei einen Ordner mit sämtlichen Artikeln zusammenzustellen, in denen ich die Vereinsführung angegangen bin. Der erste Artikel ist zwölf oder dreizehn Jahre alt, und schon damals habe ich den Finger gehoben und gewarnt: »Tradition tritt man nicht mit Füßen!«
 
Was meinten Sie damit?
In der Hellmich-Ära ging der Respekt vor der Tradition flöten. Es ging nur noch ums Geschäft, das Familiäre interessierte nicht mehr. All die MSV-Legenden standen außen vor, während der Geschäftsmann Walter Hellmich dirigierte. Es ging um Modernität, ein tolles Stadion und vielleicht auch um Politik.
 
Was ist Ihr Hauptkritikpunkt?
Hellmich hat es nicht geschafft, einen Pool von Leuten um sich zu versammeln, die den MSV leben. Was ist mit den Legenden der siebziger, achtziger und neunziger Jahre? Er hätte aus interessierten Ex-Spielern ein Gremium formen müssen, das ihm gelegentlich mit Rat zur Seite stünde. Außerdem kritisiere ich den Umgang mit Spielern. Rudi Bommer (MSV-Trainer von 2006 bis 2008, d. Red.) stand hier zwischenzeitlich mit 35 Spielern auf dem Platz, von denen etliche kein Profiniveau hatten. Zugleich schickte man gute Jungs wie Sascha Mölders (heute FC Augsburg, d. Red.) oder Kevin Grund (heute Rot-Weiss Essen, d. Red.) einfach weg. Dafür kann und muss ich die Klubverantwortlichen kritisieren.
 
Walter Hellmich hat aber auch immer wieder mit Finanzspritzen geholfen.
Natürlich war nicht alles schlecht. Es geht auch nicht nur um Hellmich. Gucken Sie sich doch nur mal den aktuellen Aufsichtsrat oder die anderen Klubverantwortlichen an. Da sitzen immer wieder Leute, die mit Mitte 50 nach Duisburg zurückkommen und sagen: »Mein Herz schlägt für den MSV!« Da frage ich: Und für wen hat dein Herz die letzten 27 Jahre geschlagen?

 
Herr Hopp, was würde denn passieren, wenn der MSV Duisburg in die Regionalliga absteigt?
Schwierige Sache. Die Kerzen brennen und brennen, wir tragen seit Wochen schon Trauer. Wenn es jetzt also tatsächlich zu einem Zwangsabstieg käme, dann könnte man das mit dem Ende einer Beerdigung vergleichen: Man wusste längst, dass die große Liebe oder der beste Freund tot ist – und nun verlässt man die Abschiedszeremonie.
 
Und kommt nicht wieder?
Nein, so war das nicht gemeint. Ich wollte sagen: Das Leben geht weiter. Ich bin ziemlich sicher, dass der MSV recht bald wiederkommen würde. Auch weil die Fans den Klub nicht hängen lassen. Zu den Heimspielen würden auch in der Regionalliga 8000 oder mehr Zuschauer kommen.
 
Würden Sie in der Zukunft aktiv am Vereinsgeschehen mitwirken, wenn der MSV keine Lizenz erhält?
Ich kann mir vieles vorstellen – außer den Trainerjob.
 
Warum?
Ich denke, dass ich ein recht hohes Ansehen in Duisburg genieße, die Fans mögen mich. Das würde sich aber umkehren an dem Tag, wo ich keinen Erfolg mehr habe – und dieser Tag kommt unweigerlich für jeden Trainer!

Was wäre also Ihr Job?
Ich würde mich nicht vor anderen Aufgaben sträuben – gerne auch dort, wo man über die Kaderzusammenstellung berät. Ich habe erst neulich wieder den Transfer eines auswärtigen Spielers kritisiert, der für die zweite Mannschaft verpflichtet wurde. Was soll das? Es gibt doch so viele insolvente Klubs, die gute 18- oder 19-jährige Spieler in ihren Reihen haben und einen neuen Klub suchen.
 
Die würden Sie dann verpflichten?
Zum Beispiel. Und noch etwas: Ich würde wieder vermehrt auf Spieler aus der Region setzen.
 
Und was passiert, wenn der MSV die Lizenz doch noch erhält?
Ich hoffe, die Leute kapieren auch dann, dass nicht alles so weiter laufen kann wie bisher. Im Grunde wäre auch das die Chance für einen Neuanfang.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!