Jimmy Hartwig über die deutsche Nationalelf

»Respekt an den DFB«

Dreimal wurde Jimmy Hartwig mit dem HSV deutscher Meister. Lange Zeit galt er als einer der besten Sechser der Liga. Eine Karriere in der Nationalelf blieb ihm aber verwehrt. Wir sprachen mit ihm über die WM und den neuen DFB. Jimmy Hartwig über die deutsche NationalelfFelix Grimm

Jimmy Hartwig, Sie waren vor der WM für das interkulturelle Fußball-Bildungsprojekt »Auf Ballhöhe« in Südafrika. Wie war denn da die Stimmung?

Jimmy Hartwig: Ich habe in Südafrika das Pokalendspiel im Stadion erlebt, und ich kann bestätigen: Die »Uwezelas« sind tatsächlich sehr laut. Die wehen dir so was von das Toupet weg, vor allem wenn du nah dran sitzt. Im Stadion hört man nur diese Tröten. Man hört keine Sprechgesänge mehr. Und dabei sind doch die tanzenden Leute und die Völker das, was eine Fußballweltmeisterschaft ausmacht.

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Wie waren denn Ihre sportlichen Erwartungen an die WM?


Jimmy Hartwig: Ich habe nicht mit Weltklassespielen gerechnet, sondern eher mit zähflüssigem Fußball – und so ist es ja zunächst auch gekommen. Doch jetzt beginnen die K.o.-Spiele, jetzt wird der Fußball einigermaßen interessant. Und deswegen weiß ich nicht, wie's weitergeht. Mein Favorit ist die Elfenbeinküste gewesen, aber die sind leider schon ausgeschieden. Deswegen sehe ich jetzt Argentinien und Brasilien vorne. Auch die Spanier kommen jetzt so langsam auf Betriebstemperatur.

Gibt es für Sie jetzt schon einen Spieler, der dem Turnier den Stempel aufdrückt? Oder ist das doch alles nur eine Soße?

Jimmy Hartwig: Eine Soße. Aber wer weiß, vielleicht kommt der Messi noch. Oder der Prince Boateng, vielleicht wird's der. Vielleicht kommt aber auch noch einer, den man bisher noch gar nicht auf dem Zettel hatte. Der auf einmal durchstartet bis zum Weltmeistertitel. Der Tore schießt, Vorlagen gibt, arbeitet, bei dem die ganzen jungen Leute sagen: »Ah, so wie der möchte ich auch mal werden.«

Vor der WM haben Sie gesagt, mit dem Ausfall von Michael Ballack hat die deutsche Mannschaft ihren Leader verloren. Es gibt keinen Spieler, der ihn ersetzen könnte. Müssen Sie jetzt nach dem Erfolg der deutschen Mannschaft Ihre Meinung revidieren?


Jimmy Hartwig: Nein, gar nicht. Ich stehe immer noch dazu: Ballack fehlt! Und ich hab bislang auch keinen Leader in der Mannschaft gesehen. Sicherlich, die Verantwortung ist nun auf mehreren Schultern verteilt, aber ich hätte gerne eine Schulter, die Gas gibt da drin. Doch vielleicht hat Deutschland ja Glück und kommt trotzdem ins Endspiel. Und dann können sie sagen: »Siehst du Jimmy, du hast gar keine Ahnung von Fußball!« Passiert ja häufiger.

Die Nationalelf ist multikultureller geworden. Wie beurteilen sie diese Entwicklung?

Jimmy Hartwig: Super. Respekt an den DFB – eine Absage an die hohlen Menschen, die früher da gesessen haben! Die jungen Leute beim DFB sehen jedenfalls, dass die ganze Welt multikulti ist. Wir Deutschen haben uns leider sehr schwer getan mit der Integration von Spielern mit multikulturellem Hintergrund. Ich habe jedenfalls richtig gejubelt, als ich erfuhr, dass drei Dunkelhäutige zur WM fahren. Außerdem einer mit türkischen Wurzeln, zwei mit polnischen, dann ein Brasilianer und ein Gomez. Also man sieht: Deutschland denkt um und das ist á la bonne heure, das verdient allen Respekt.

Haben Sie denn auch so etwas wie einen Lieblingsspieler?

Jimmy Hartwig: Lahm finde ich gut, Schweini finde ich gut – das sind hervorragende Typen. Bei denen merkt man: Die wollen. Genauso wie bei Klose. Özil beginnt, ein bisschen den Boden unter den Füßen zu verlieren – Angebote von hier, Angebote von da. Der muss sich erst mal gegen die Großen beweisen.

Frankreich ist in der Vorrunde ausgeschieden, genauso wie Italien, was war denn da los?

Jimmy Hartwig: Was Frankreich gemacht hat ist natürlich unter aller Sau! Man kann doch nicht in der Öffentlichkeit so mit seinen Kollegen, seinem Trainer und seinem Land umgehen. Also ich würde jeden Nationalspieler rausschmeißen – die dürften ein Leben lang nicht mehr Nationalmannschaft spielen. Und dann würde ich die jungen Hungrigen nachholen. Es würde zwar wieder ein paar Jahre dauern, bis die Weltklasse sind, aber sie hätten wenigstens Respekt vor der Mannschaft. Meine Angst ist ja, dass das, was jetzt in Frankreich passiert, auch der multikulturellen Zusammensetzung geschuldet sein könnte. Dass es da innerhalb der Mannschaft – bei den Marokkanern, den Tunesiern – vielleicht zu Zündeln anfängt. Und das wäre dann ganz schlecht. Für die ganze Fußballwelt und für die Integration.

Aktuell sind Sie hauptberuflich als Schauspielerei unterwegs. Wie beurteilen Sie eigentlich die Fallsucht der Spieler? Profis, die bei 1,80 Meter und 80 Kilogramm umfallen wie tote Fliegen?

Jimmy Hartwig: Ich finde das schön (lacht). Mein Regisseur hat schon gesagt, ich soll mal anrufen – er könnte den einen oder anderen auf der Bühne noch gebrauchen. Ich meine, Millionen von Zuschauern merken, dass da ein Schauspieler auf dem Platz steht, aber der Schiedsrichter fällt drauf rein. Schlimm ist auch: Hinfallen, nur weil einer am Trikot gezupft wird, und dann Karten zu fordern. Das hat mit Fußball nichts zu tun! Wir haben uns ja früher auch gekloppt, aber wir haben uns nie hingestellt und Karten gefordert. Da ist keine Kollegialität mehr unter den Spielern, keine Kameradschaft.

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