Jimmy Hartwig über Bayern, HSV und Ernst Happel

»Wir gewinnen sowieso«

Früher war alles besser. Vor allem beim HSV. In der Saison 1981/82 war Hamburgs Jimmy Hartwig stets so siegesgewiss, dass er seiner Frau schon vor den Spielen einen neuen Mantel kaufte. Wir sprachen mit ihm über das epochale 4:3 gegen den FC Bayern, Ernst Happels Humor und Breitners Frau.

imago

Jimmy Hartwig, vor einigen Jahren hat die 11FREUNDE-Redaktion Hamburgs 4:3-Sieg gegen den FC Bayern vom 24. April 1982 auf Platz 27 der 100 größten Spiele aller Zeiten gewählt. Wo steht dieses Spiel in Ihrer persönlichen Rangliste?
Welches Spiel war denn auf Platz eins?

Das 7:3 von Bayer Uerdingen gegen Dynamo Dresden.
Auch ein tolles Spiel. Ich glaube, in meiner Top 100 wäre das Spiel Bayern gegen den HSV unter den ersten zehn Plätzen. Haben Sie eigentlich gewusst, dass alle Torschützen des Spiels mit dem Buchstaben »H« beginnen? Hoeneß, Horsmann, von Heesen, Hrubesch...

...Hartwig.
Dubios, oder? Wie dem auch sei, das Spiel war neben dem 5:1 gegen Real Madrid im Europapokal der Landesmeister 1980 das größte HSV-Spiel, das ich je miterlebte.

Wann haben Sie sich das letzte Mal die Bilder von jenem 4:3 in München angesehen?
Ach, das ist schon eine ganze Zeit her. Ich erinnere mich, dass ein Kumpel vor meiner Haustür stand und ein Videoband in der Hand hielt: »Jimmy, das gucken wir uns jetzt an«, sagte er. Und dann sah ich noch mal meinen Kopfball, den ich dem Junghans ins Tor zimmerte – wie ein Schuss.

Sind Sie ein Nostalgiker?
Überhaupt nicht. Natürlich ist es schön, Bilder von früher noch mal zu sehen, doch ich klebe nicht in der Vergangenheit. Ich war immer einer, der nach vorne guckt.

Wie weit weg ist dieses Spiel heute für Sie? Erscheint es Ihnen wie ein fremdes Leben, wenn Sie über diese Zeit sprechen?
Nein, das nicht. Ich erinnere mich noch immer an sehr viele Dinge aus diesen Tagen. Zum Beispiel daran, dass ich nach dem Bayern-Spiel ins »Aktuelle Sportstudio« nach Mainz eingeladen wurde. Im Flugzeug, auf dem Weg dorthin, traf ich den damaligen Bundestrainer Jupp Derwall. Der war ebenfalls Gast an diesem Abend.

Worüber unterhielten Sie sich im Flugzeug?
Ich wollte ihn überzeugen, dass ich in die Nationalmannschaft gehöre. Ich glaube auch heute noch, dass es damals keinen besseren Spieler auf meiner Position gab. Ich schoss in der 82er-Saison 14 Tore in 30 Spielen. Als defensiver Mittelfeldspieler! Heute wäre jeder Spieler mit einer annähernd ähnlichen Quote Stammspieler unter Löw.

Ließ Jupp Derwall sich überzeugen?
Ach, der Jupp. Das war einfach eine andere Zeit. Damals reichte es nicht aus, drei- oder viermal den Ball hochzuhalten. Nicht mal diese 14 Tore reichten. Ich spielte in Jugendnationalmannschaften, in der deutschen B-Elf als Kapitän, brachte konstant gute Leistungen. Jupp Derwall aber, der hat das alles ganz anders gesehen. Wie so viele Leute in meinem Leben manche Dinge häufig anders gesehen haben als ich.

Wie frustrierend war es, nach diesem Spiel, Ihrem Tor, der fast sicheren Meisterschaft, eine solche Absage zu erhalten?
Ich war schon sauer, ohne Zweifel. Ich wiederholte meine Kritik an ihm auch im »Aktuellen Sportstudio«. Doch Derwall schaltete auf stur. Dann erzählte er mir, dass er ein Überangebot an guten deutschen Defensivspielern hätte. Der Bernd Förster würde angeblich auf meiner Position spielen. Ich antwortete: »Tja, leider habe ich keinen Bruder und kein blondes Haar.« Derwall schluckte. Trotz der eisigen Stimmung ließ ich mir den Sieg bei den Bayern an diesem Abend nicht mehr verderben.

Gerade dieses Spiel wird in vielen Rückblicken oft als Referenz für den »Fußball, wie er früher war« herangezogen. Wie war er denn genau: der Fußball in diesem Spiel?
Natürlich gab es auch damals schon taktische Kniffe, und es gab auch Mannschaften, die defensiv spielten. Aber wenn es um viel ging, dann war die Ausrichtung meist offensiv – nicht so wie heute. Das Publikum sollte auf den Plätzen stehen und einfach den Mund nicht mehr zubekommen. Da konnten Spiele auch mal 3:3 oder 5:5 ausgehen. Das ist Fußball für mich gewesen. Wer will schon ein 1:0 sehen?!

In dem Spiel ging es aber um fast alles. Der Vorsprung des HSV wäre bei einer Niederlage auf einen Punkt geschrumpft. Dennoch begann ab der ersten Minute ein offener Schlagabtausch. War das nicht kopflos?
Auf keinen Fall. Das war Happels Handschrift. Und Happel kopflos zu nennen, wäre Majestätsbeleidigung. Für Happel, aber auch für mich, gab es nichts Schlimmeres als Niederlagen. Grausam aber waren vor allem solche Spiele, die 0:1 verloren gingen. Ich dachte immer: Wenn schon verlieren, dann aber richtig.

Die offensive Ausrichtung beider Mannschaften überraschte Sie demnach überhaupt nicht.
Nein. Die Bayern konnten im eigenen Stadion ja nicht mauern, die mussten gewinnen, um die letzte Chance auf die Meisterschaft zu wahren. Das wussten wir vorher. Und Happels Devise lautete immer: Wir wollen Deutscher Meister werden. Und deshalb werden auch wir volle Offensive spielen. Niemand wird Meister, wenn er sich hinten reinstellt. Dabei war es Happel egal, ob der Gegner Darmstadt 98 oder FC Bayern München hieß.

Sie gewannen dieses Spiel zwar, Meister waren Sie jedoch noch nicht. Inwiefern war dieses Spiel das entscheidende Spiel, gewissermaßen das vorweggenommene Finale der Saison?
Wir wussten nach dem Spiel: Das war’s! Was sollte uns auch noch passieren? Wir sind in der Woche danach mit so breiter Brust durch die Straßen gelaufen, dass die Fußgänger vor Angst die Straßenseite gewechselt haben.

Bis Januar 1983 blieb der HSV ohne Niederlage. Glauben Sie, dass der Mythos der Unbesiegbaren sich auch in dem Erfolg gegen die Bayern begründet liegt?
Ja, bestimmt. Vor Mannschaften, die bei den Bayern gewinnen, hatte man ja per se Respekt. Aber wir gewannen dort nicht 1:0 oder 2:1, wir siegten nach einem 1:3-Rückstand mit 4:3. Vor diesem HSV, der in einer solchen Phase der Meisterschaft, gegen so einen Gegner, nach einem solchen Rückstand, in dieser Art und Weise gewinnt, erstarrten manche Mannschaften in den kommenden Wochen und Monaten in Ehrfurcht. Die meisten hatten die Hosen schon voll, wenn sie auf dem Spielplan nur die drei Buchstaben H, S und V lasen.

In Hamburg dachte man gar nicht mehr über mögliche Niederlagen nach?

Man mag das für arrogant halten, aber ja, genau so war es. Die Spielerfrauen stellten sich stets darauf ein, dass sie am Montagmorgen mit der Siegprämie shoppen gehen können. Ich hab dann manchmal gesagt: »Schatz, kannst dir den Mantel heute schon kaufen, wir gewinnen sowieso.« Nach dem furiosen Jahr hatte sie einige Mäntel im Schrank (lacht).

Glauben Sie, dass der HSV auf den letzten Metern der Meisterschaft eingeknickt wäre, wenn er an diesem Nachmittag im April in München nicht gewonnen hätte?
Vielleicht wäre alles anders gekommen. Meisterschaft pfutsch, Europapokal pfutsch, die ganze Ära würde heute vielleicht unter einem anderen Licht stehen. Aber es ist hanebüchen, darüber nachzudenken. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass wir trotzdem Meister geworden wären. Vielleicht nicht so souverän, vielleicht hätten wir am Ende etwas gezittert, aber wir waren in unseren Leistungen in dieser Saison einfach viel zu stabil.

Häufig verkrampfen Mannschaften gerade in solchen Situationen. Wie schaffte es die Mannschaft, nicht in Hysterie zu verfallen und sich mit einer geballten Wucht gegen die Niederlage zu stemmen?
Wir waren ein Team. Das war unglaublich wichtig für dieses Spiel und die ganzen Happel-Jahre. Ich würde uns nicht mal als Freunde bezeichnen, doch als eingeschworene Gemeinschaft. Alle zogen gemeinsam an einem Strang. Ob es nun Spieler wie Hrubesch, Stein oder Wehmeyer waren oder der alte Bandit Günter Netzer. (lacht) Natürlich waren wir alle sehr unterschiedlich. Doch Happel, der irgendwie über allen schwebte, hielt uns zusammen. Und in solchen Spielen, die auf der Kippe standen, war das unglaublich wichtig.

Wie war Ihr Verhältnis zu Ernst Happel?
Sehr gut. Ich war ja so eine Art Ziehsohn von ihm. Und er konnte mich immer richtig einschätzen, er wusste, dass ich ein Hitzkopf bin und akzeptierte das. Für mich ist Happel der beste Trainer, unter dem ich je gespielt habe - sowohl vom Fußballverstand als auch vom Menschlichen her konnte ihm niemand das Wasser reichen. Selbst Franz Beckenbauer sagt das. Ich bin manchmal geschäftlich in Wien und gehe dann gerne zum Grab von Ernst Happel und unterhalte mich mit ihm.

Über was reden Sie?
Ich halte Zwiegespräche mit ihm. Übers Leben.

Man sagt, der Erfolg der Happel-Jahre beruhte vor allem auf der Achse Kaltz-Magath-Hrubesch. Ihr Name taucht in Retrospektiven eher selten auf. Verbittert Sie das?
Nein. Ich weiß, was ich geleistet habe, ich war eine der großen Stützen des Teams. Und ich weiß auch, dass man mich heute kennt. Und vor allem weiß ich, was Happel von mir hielt. Ich hatte immer sein volles Vertrauen.

Sprach Ernst Happel vor den Spielen persönlich mit Ihnen?
Ich hatte häufig Sonderaufgaben. Oft kam Happel in der Kabine zu mir und sagte: »Jimmy, schalte einfach den Spielmacher aus. Und wenn du dann noch mit nach vorne gehst und Tore schießt, dann kannst du heute Abend auch wieder auf die Reeperbahn und einen saufen.« (lacht)

Was gab er Ihnen vor dem 4:3-Spiel beim FC Bayern mit auf den Weg?
Er wusste, dass ich ins Sportstudio eingeladen war. Die Reeperbahn fiel flach...

Hatten Sie eine Sonderaufgabe?
Ich sollte Karl-Heinz Rummenigge ausschalten.

Das entscheidende Duell des Spiels?
Vielleicht. Er erzielte ja kein Tor.

Zur Halbzeit lag der HSV mit 1:2 zurück. Was sagte Happel in der Kabine?
Er meckerte im feinsten Wiener Schmäh. »Ihr Hurensöhne«, schrie er. »Geht's daher!« Aber er motivierte uns, er stachelte uns an.

In der 64. Minute fiel dann aber das 3:1 für die Bayern. Einen durchaus haltbaren Kopfball von Dieter Hoeneß ließ Uli Stein durch die Handschuhe gleiten...
Ja, das stimmt. Der Uli hat sich schon manchmal so ein Ei reingelegt. Aber der hatte in der Saison schon so viele Spiele für uns gewonnen. Uns hat das nicht erschüttert. Es ging weiter nach vorne. Der absolute Wahnsinn war natürlich das Anschlusstor von Thomas von Heesen. Der war damals gerade mal 20 Jahre alt, und dann marschiert der über den ganzen Platz und hämmert den Ball ins Eck. Das war ein ganz typisches HSV-Tor.

Inwiefern?
Beim HSV war es zu der Zeit so: Ein Spieler, egal wie alt er ist, ob 20 oder 35, schnappt sich den Ball und dann ging’s los. Immer nach vorne. Immer mit dem Zug zum Tor. Oder auf der Suche nach der Holzbirne von Horst Hrubesch. Wie beim Tor zum 4:3.

War dieser Sieg für Sie auch eine persönliche Genugtuung, weil Sie gegen all die Spieler groß auftrumpften, die Ihnen in der Nationalmannschaft vorgezogen wurden?
Genugtuung würde ich es nicht nennen. Natürlich ist es immer ein tolles Gefühl in München zu gewinnen, denn die Bayern waren auch damals das Maß aller Dinge. Und es hat mich auch insgeheim gefreut, dass Paul Breitner in diesem Spiel überhaupt nicht zum Zuge kam.

Wieso?
Wir waren nie die besten Freunde. In den Monaten vor der WM 1982 hat er sich bei Jupp Derwall wiederholt gegen mich und für die Nominierung von Hansi Müller ausgesprochen. Letztlich wurde ich nicht in den WM-Kader berufen – Hansi Müller, der damals noch mit den Folgen einer Verletzung zu kämpfen hatte, wurde mir tatsächlich vorgezogen. Das war schon bitter. Breitner hat mir so im Grunde eine Weltmeisterschaft geklaut.

Wie begegneten Sie Breitner vor und nach dem Spiel?
Ach, ich bin ihm aus dem Weg gegangen. Ich muss ja nicht mit dem ins Bett gehen, ich bin ja nicht seine Frau.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!