12.02.2014

Jimmy Hartwig über Bayern, HSV und Ernst Happel

»Wir gewinnen sowieso«

Früher war alles besser. Vor allem beim HSV. In der Saison 1981/82 war Hamburgs Jimmy Hartwig stets so siegesgewiss, dass er seiner Frau schon vor den Spielen einen neuen Mantel kaufte. Wir sprachen mit ihm über das epochale 4:3 gegen den FC Bayern, Ernst Happels Humor und Breitners Frau.

Interview: Andreas Bock Bild: imago
Gerade dieses Spiel wird in vielen Rückblicken oft als Referenz für den »Fußball, wie er früher war« herangezogen. Wie war er denn genau: der Fußball in diesem Spiel?
Natürlich gab es auch damals schon taktische Kniffe, und es gab auch Mannschaften, die defensiv spielten. Aber wenn es um viel ging, dann war die Ausrichtung meist offensiv – nicht so wie heute. Das Publikum sollte auf den Plätzen stehen und einfach den Mund nicht mehr zubekommen. Da konnten Spiele auch mal 3:3 oder 5:5 ausgehen. Das ist Fußball für mich gewesen. Wer will schon ein 1:0 sehen?!

In dem Spiel ging es aber um fast alles. Der Vorsprung des HSV wäre bei einer Niederlage auf einen Punkt geschrumpft. Dennoch begann ab der ersten Minute ein offener Schlagabtausch. War das nicht kopflos?
Auf keinen Fall. Das war Happels Handschrift. Und Happel kopflos zu nennen, wäre Majestätsbeleidigung. Für Happel, aber auch für mich, gab es nichts Schlimmeres als Niederlagen. Grausam aber waren vor allem solche Spiele, die 0:1 verloren gingen. Ich dachte immer: Wenn schon verlieren, dann aber richtig.

Die offensive Ausrichtung beider Mannschaften überraschte Sie demnach überhaupt nicht.
Nein. Die Bayern konnten im eigenen Stadion ja nicht mauern, die mussten gewinnen, um die letzte Chance auf die Meisterschaft zu wahren. Das wussten wir vorher. Und Happels Devise lautete immer: Wir wollen Deutscher Meister werden. Und deshalb werden auch wir volle Offensive spielen. Niemand wird Meister, wenn er sich hinten reinstellt. Dabei war es Happel egal, ob der Gegner Darmstadt 98 oder FC Bayern München hieß.

Sie gewannen dieses Spiel zwar, Meister waren Sie jedoch noch nicht. Inwiefern war dieses Spiel das entscheidende Spiel, gewissermaßen das vorweggenommene Finale der Saison?
Wir wussten nach dem Spiel: Das war’s! Was sollte uns auch noch passieren? Wir sind in der Woche danach mit so breiter Brust durch die Straßen gelaufen, dass die Fußgänger vor Angst die Straßenseite gewechselt haben.

Bis Januar 1983 blieb der HSV ohne Niederlage. Glauben Sie, dass der Mythos der Unbesiegbaren sich auch in dem Erfolg gegen die Bayern begründet liegt?
Ja, bestimmt. Vor Mannschaften, die bei den Bayern gewinnen, hatte man ja per se Respekt. Aber wir gewannen dort nicht 1:0 oder 2:1, wir siegten nach einem 1:3-Rückstand mit 4:3. Vor diesem HSV, der in einer solchen Phase der Meisterschaft, gegen so einen Gegner, nach einem solchen Rückstand, in dieser Art und Weise gewinnt, erstarrten manche Mannschaften in den kommenden Wochen und Monaten in Ehrfurcht. Die meisten hatten die Hosen schon voll, wenn sie auf dem Spielplan nur die drei Buchstaben H, S und V lasen.

In Hamburg dachte man gar nicht mehr über mögliche Niederlagen nach?

Man mag das für arrogant halten, aber ja, genau so war es. Die Spielerfrauen stellten sich stets darauf ein, dass sie am Montagmorgen mit der Siegprämie shoppen gehen können. Ich hab dann manchmal gesagt: »Schatz, kannst dir den Mantel heute schon kaufen, wir gewinnen sowieso.« Nach dem furiosen Jahr hatte sie einige Mäntel im Schrank (lacht).

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