Jerome Boatengs Mutter Nina im Interview

»Der Erfolg ist ihm manchmal zu Kopf gestiegen«

HSV, Nationalelf, ManCity und nun der FC Bayern – Jerome Boatengs Karriere verläuft steil nach oben. Schon vor der WM 2010 sprachen wir mit seiner Mutter Nina über Jeromes Erfolg, Herrn Ballack und Schmerzen auf der Haut. Jerome Boatengs Mutter Nina im InterviewImago

Nina Boateng, erinnern Sie sich noch an den Moment, als Ihr Sohn sagte: »Mama, ich will Fußballprofi werden«?

Nina Boateng: Diesen Moment gab es nicht. Es war der Lauf der Dinge. Für meinen Sohn gab es in seiner Kindheit nichts außer Fußball. Vormittags Schule, nachmittags Fußball und abends Fußball – auf der Playstation. Manchmal wünschte ich mir, dass er sich einfach ein bisschen Zeit fürs Spielen nehmen würde – für das Spielen ohne Ball.

[ad]

Und dass er Hausaufgaben macht?

Nina Boateng: Ich musste ihn oft ganz schön drängen, damit er sich an den Schreibtisch setzte. Für mich war seine Haltung zur Schule nicht einfach, ich bin ein Sicherheitstyp. Auch später, als mein Sohn sich voll auf den Fußball konzentrierte, dachte ich häufig, dass ein zweites Standbein nicht schlecht wäre.

Er hat daran keine Gedanken verschwendet?

Nina Boateng: Überhaupt nicht. Er war in Sachen Fußball wahnsinnig zielstrebig. Er wusste, dass er es schaffen kann. Das habe ich gar nicht richtig gemerkt. Ich dachte lange, er sei einfach ein sehr guter Sportler.

Als Jerome vier Jahre alt war, trennten Sie sich von Ihrem Mann. Wie wirkte sich das auf Ihren Sohn aus?

Nina Boateng: Wir haben trotz der Scheidung immer sehr viel Wert darauf gelegt, dass die Kinder genug Zeit mit beiden Elternteilen verbringen. Und wir hatten nie das Gefühl, dass ihn unsere Scheidung belastet. Doch dann las ich eines Tages ein Interview, in dem mein Sohn sagte, dass unsere Trennung die schlimmste Erfahrung seiner Kindheit war. Das war mir nie bewusst. Mittlerweile haben wir offen darüber gesprochen.

Ist das Leben Ihres Sohnes für Sie unwirklich?

Nina Boateng: Ich bewundere ihn, wie locker er mit der öffentlichen Aufmerksamkeit umgeht, wie er diesem Druck standhält, und hoffe jeden Tag, dass er sich nicht verbiegen lässt. Dennoch frage ich mich manchmal, was das für eine Welt ist, in der erwachsene Männer hinter meinem Sohn herrennen, um ein Autogramm zu ergattern.

Haben Sie das Gefühl, Jerome könnte den Boden unter den Füßen verlieren?

Nina Boateng: Nach seinem ersten Titelgewinn, der B-Juniorenmeisterschaft 2005, hat er selbst gemerkt, dass ihm der Erfolg ein bisschen zu Kopf gestiegen war. Er beichtete mir, dass er unerfahrene Mitspieler unfair behandelt hatte. Er legte diese Arroganz aber schnell wieder ab, denn eigentlich ist mein Sohn keiner, der von oben auf andere herab blickt. Er ist bodenständig. So haben wir ihn auch erzogen: Uns war Offenheit anderen Menschen gegenüber immer wichtig.

Seine Tätowierungen sind also keine Zeichen der rebellischen Abgrenzung?

Nina Boateng: Überhaupt nicht.

Fragte er Sie denn um Erlaubnis?

Nina Boateng: Nein. Er wusste, dass ich dagegen sein würde. Seine ersten Tattoos hat er lange vor mir versteckt gehalten. Ich verstehe nicht, wie man sich freiwillig Schmerzen zufügen kann. Aber ich will ihm nicht reinreden. Es gibt Wichtigeres im Umgang miteinander, als jemandem andauernd etwas zu verbieten.

Sie sagten einmal: »Wenn Jerome für die A-Nationalmannschaft aufläuft, werde ich in Ohnmacht fallen.« Wenige Tage später, im Oktober 2009, debütierte er gegen Russland. Waren Sie aufgeregter als Ihr Sohn?

Nina Boateng: Ich fragte ihn damals, wie es sei, mit den Idolen von früher auf dem Platz zu stehen. Zum Beispiel mit Michael Ballack, den wir beide schon im Fernsehen bestaunt hatten. Mein Sohn lächelte und gab zu, dass er manchmal ein bisschen nervös sei. Ich hatte es geahnt.

Der mütterliche Instinkt?

Nina Boateng: Klar. Vermutlich wirkt sein Auftreten auf den normalen Fan ganz anders. Ich merke aber an seinem Verhalten, dass es ihm sehr viel bedeutet, mit einem Michael Ballack zusammenzuspielen. Und für mich ist es genauso: Hätte mir vor fünf Jahren jemand gesagt, dass mein Sohn mal mit Herrn Ballack zusammenspielt, hätte ich ihm nicht geglaubt.

In seiner Jugend war Ihr Sohn oftmals rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Wie gingen Sie damit um?

Nina Boateng: Schlimm fand ich, dass er auf dem Platz von den Müttern anderer Kinder beleidigt wurde. Sein afrikanischer Vater hat dann versucht, die Gründe dieser frustrierten Menschen zu erklären. Ich habe es immer auf einer anderen Ebene versucht. Oft sagte ich ihm, dass ich auch gerne dunklere Haut hätte. »Guck mich an«, sagte ich, »ich sehe aus wie ein Käsekuchen.« Oder ich erklärte ihm, dass die Leute neidisch auf seine schöne Haut sind und wütend darüber, dass er so gut Fußball spielt.

Wie nahmen Sie seine Entscheidung auf, nach Manchester in ein anderes Land zu wechseln?

Nina Boateng: Wir haben lange darüber gesprochen, und ich habe ihm auch meine Sorgen mitgeteilt. Für mich ist das sehr schwer. Er hat mir dann erklärt, warum er das machen will. Am Ende hat er zum Spaß gesagt: »Mama, ich bin ja nicht aus der Welt. England ist doch nicht Afrika.«

Die Playstation kam mit nach England?

Nina Boateng: Davon gehe ich stark aus. Eine andere absurde Geschichte ist die, dass einer seiner Lieblingsspieler im Videospiel plötzlich in seiner realen Mannschaft spielte: Ruud van Nistelrooy.

Absurd auch, dass er sich heute selbst auf der Konsole spielen kann.

Nina Boateng: Tatsächlich macht er das manchmal. Die Nummer 24 in der deutschen Nationalelf, die Nummer 17 im Klub.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!