21.06.2010

Jerome Boateng über seinen Bruder

»Kevin foulte nicht absichtlich«

Wenn Deutschland am Mittwoch auf Ghana trifft, stehen sich Jerome und Kevin-Prince Boateng erstmals in einem Länderspiel gegenüber. Wir sprachen mit Jerome über Heimat, Rassismus und den Streit mit seinem Halbbruder.

Interview: Michael Rosentritt Bild: Imago
Jerome Boateng, fühlen Sie sich hier in Afrika zu Hause oder geht das zu weit?

Was heißt zu weit? Ich habe ja ghanaische, also afrikanische Wurzeln. Obwohl es den Menschen hier nicht so gut geht, ob in Südafrika oder im restlichen Afrika, treten sie einem mit großer Herzlichkeit entgegen. Ich bewundere ihre Lebensfreude, die sie sich trotz ihrer nicht immer einfachen Lebenslage bewahrt haben.



Was an Ihnen ist afrikanisch und was deutsch?

Afrikanisch an mir ist mein Rhythmus, meine Spielfreude, dass ich so unbeschwert spielen kann, so locker. Manches Mal wird mir meine Art als Lässigkeit ausgelegt und kritisiert. Doch ich habe auch eine andere Seite. Deutsch an mir ist, glaube ich, mein Benehmen. Die Pünktlichkeit, die Verlässlichkeit, mein Wille. Da fällt mir noch ein, dass ich sehr gern afrikanisch esse.

Zum Beispiel?

Fufu – das ist ein fester Brei aus Yams und Kochbananen. Er dient oft als Beilage. Aber es gibt auch ein paar Gerichte, die zu scharf für mich sind. Ich habe in Berlin und Hamburg viele afrikanische Freunde, die – um es einmal salopp zu formulieren – halb-halb sind. Wir gehen gelegentlich essen und hören afrikanische Musik.

Ließe sich die Trennlinie so ziehen: Ihr Herz schlägt afrikanisch, Ihr Kopf dagegen denkt deutsch?

Eine solche Trennung gibt es nicht. Meine Abstammung spiegelt sich in gleichen Teilen in meinen Gefühlen und Gedanken wieder.

Ihr Vater ist Ghanaer...

… und ist ganz anders aufgewachsen als ich. Er ist sogar der Prinz seines Stammes der Aduana gewesen, hat aber darauf verzichtet, weil er vor vielen Jahren als junger Mann nach Deutschland gegangen ist.

Trägt er deswegen den Vornamen Prince?

Genau. In Afrika liegen die Dinge oft ganz einfach. Ich habe viel von meinem Vater mitbekommen. Er war es beispielsweise, der mich als Kind auf ein Michael-Jackson-Konzert mitgenommen hat. So hat er mich an die Musik herangeführt. Dann habe ich die Platten meines Vaters gehört. Überhaupt lief bei uns zu Hause in Berlin viel afrikanische Musik, vor allem ghanaische Musik, also mit viel Trommeln. Wenn du dann langsam groß wirst, merkst du, ob dir das gefällt. Mir hat es gefallen, dieser Rhythmus. Er ist leicht und kräftig zugleich, so anregend, du fühlst dich gut danach.

Haben Sie jemals darunter gelitten, oder wurden dafür gehänselt, dass ein Teil von Ihnen afrikanisch ist?

So nicht, nein, sondern nur wegen meiner Hautfarbe. Das ist ein Weilchen her, als wir mit Hertha im Osten Deutschlands gespielt haben, oder in bestimmten Ecken in Ostberlin. Da kamen mal ein paar Sprüche. Heute bin ich sehr stolz auf meinen Lebensweg und meine Multi-Kulti-Herkunft mit all ihren Facetten.

Dennoch waren Sie noch nie in der Heimat Ihres Vaters.

Leider. Mein Vater wollte uns immer mal mitnehmen, allerdings erst, wenn sein Haus fertig sei. Das wurde auch tatsächlich fertig, nur leider genau in dem Winter, als ich bei Hertha BSC kurzfristig zu den Profis hochgezogen wurde.

Das war im Januar 2007...

… genau. Aber dadurch fiel die Reise aus. Seitdem habe ich nicht die Zeit gefunden. Ich möchte mir aber irgendwann dafür Zeit nehmen, so zwei, drei Wochen. Von allen Seiten ist mir gesagt worden, dass es sich für ein paar Tage nicht lohne.

Wir nehmen mal an, dass Ihre Familie in Ghana sehr groß ist.

Das kann man wohl sagen, es gibt sehr viele Onkel und Tanten. Leider sind meine Oma und mein Opa väterlicherseits schon gestorben. Aber wissen Sie, ich kann heute meiner Familie etwas zurückgeben. Ich bin ihnen allen sehr dankbar. Meine Eltern haben mich beim Fußball sehr unterstützt, sie haben mich überall hingefahren, wenn es mal sein musste. In Berlin gibt es ja auch ganz schön weite Wege. Jetzt schauen aus meiner Familie natürlich alle nach Südafrika, viele feuern allerdings vor allem Ghana an.

Gegen dieses Team spielt Deutschland nun am Mittwoch ums Weiterkommen. Und da spielt auch Ihr Halbbruder Kevin-Prince, um den es in Deutschland nach dem Foul an Michael Ballack viel Ärger gab. Seitdem herrscht zwischen Ihnen Funkstille.

Das ist eine sehr persönliche Sache. Ansonsten habe ich alles dazu gesagt. Ich konzentriere mich auf die WM, auf den Fußball. Der Rest ist für mich jetzt erst einmal erledigt.

Sie sagen »jetzt«. Das würde bedeuten, dass es mit der Funkstille zwischen Ihnen beiden nicht so bleiben muss.


Das kann so sein oder eben nicht. Er ist mein Bruder und bleibt mein Bruder. Ich wünsche ihm wirklich das Beste, aber im Moment ist es halt so, dass wir uns nichts zu sagen haben. Das kommt auch in anderen Familien vor.

Nur spielt sich das nicht wie bei Ihnen in aller Öffentlichkeit ab.

Und genau das ist ärgerlich. Der Name Boateng hat in der Öffentlichkeit jetzt einen negativen Touch. Aber auch Kevin ist ein Mensch, der Fehler macht. Er hat das nicht mit Absicht gemacht, er wollte Michael Ballack ja nicht die WM nehmen. Dann kann es nicht sein, dass so viele Menschen Seiten im Internet gründen und rassistisch werden. Was meinen Sie, wie viele E-Mails mein Berater erhalten hat, deren Inhalt gegen mich gerichtet ist und rein nichts mit Fußball zu tun hat. Das kann ich nicht verstehen, da werde ich auch wütend.

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