26.03.2013

Jerome Boateng über Rassismus und Mentaltrainer

»Ich werde als Sicherheitsrisiko dargestellt«

Während der FC Bayern eine Rekordsaison spielt, droht Nationalspieler Jerome Boateng ein Stammplatz auf der Bank. Hier spricht er über öffentliche Kritik, seinen Bruder Kevin-Prince, Rassismus in den Stadien und eine Wette mit Bayern-Trainer Jupp Heynckes.

Interview: Michael Rosentritt Bild: Imago

Der Wendepunkt in seiner Karriere war eben jene WM 2010, wo er für Ghana, das Heimatland Ihres gemeinsamen Vaters, ein starkes Turnier gespielt hat. Glauben Sie, dass nun Sie an einem Punkt angelangt sind, an dem sich entscheidet, ob Sie ein guter oder ein sehr guter Fußballer werden?
Hm, gute Frage. Meine Entwicklung ist eine andere als die Kevins, meine verlief etwas ruhiger und stetiger. Aber auch ich hatte kleinere Tiefen. Ich hatte beim HSV unter Trainer Martin Jol nicht immer gespielt, war dann in meiner Zeit bei Manchester City auch mal acht Wochen verletzt. Ich hatte also auch einige Enttäuschungen wegzustecken. Aber so ganz unrecht haben Sie vielleicht gar nicht. Ich sehe mich auf einem guten Weg, aber ich möchte versuchen, unverrückbar zu werden.

Der Bundestrainer hat nach der EM gesagt, Philipp Lahm wird wieder rechts spielen. Das hatte in der Nationalmannschaft Konsequenzen für Sie.
Richtig. Ich habe ausweichend mal links in der Abwehr gespielt und dann, wenn Philipp links spielte, halt rechts. Ich will damit sagen, dass ich immer da gewesen bin, wenn der Trainer mich gebraucht hat. Ich sehe meine Stärken mehr in der Innenverteidigung. Und ich bin da ganz optimistisch.

Sie haben eine sehr gute Hinrunde beim FC Bayern gespielt und hatten großen Anteil an der stabilen Defensive und den wenigen Gegentoren. Dann gab es den Platzverweis in der Champions League gegen Borissow. Sie wurden gesperrt, und Sie liefen Gefahr, Ihren Stammplatz an Daniel van Buyten zu verlieren, einen 35-Jährigen!
Diese Rote Karte war sehr blöd. Deswegen war ich für die folgenden Spiele gegen den FC Arsenal gesperrt, und Daniel musste für mich ran. Dazu brauchte er aber Spielpraxis. Und er hat es ja gut gemacht, die Mannschaft ist erfolgreich gewesen auch ohne mich. So ist es im Fußball. Dann muss man eben wieder selber dafür sorgen, dass sich das ändert.

Eine Rote Karte kann Sie aus dem Rhythmus bringen?
Moment mal! So einfach geht es nicht. Ich habe schon den Nachweis erbracht, dass ich hohen Ansprüchen genügen kann. Ich weiß – und das soll nicht arrogant klingen –, was ich kann. Dieses Selbstvertrauen habe ich, ich glaube an meine Fähigkeiten. Jetzt geht es darum, was ich daraus mache. Und das konstant und verlässlich. In diesen Bereichen möchte ich mich verbessern. Trotzdem kann ich nicht nachvollziehen, wie ich dargestellt werde.

Wie werden Sie denn dargestellt?
Als Sicherheitsrisiko.

Ist das Ihr Eindruck?
Das halten mir gewisse Experten vor. Was soll ich damit anfangen? Die komplette Hinrunde waren sie ruhig, weil es nichts auszusetzen gab. Sie warten anscheinend nur darauf, dass mir ein Fehler oder eine Unachtsamkeit unterläuft, und dann holen sie groß aus. Glauben Sie mir, ich brauche keine Leute, die mir sagen, wie toll ich war, obwohl ich eine ziemliche Katastrophe gespielt habe. Aber was ich nach der Roten Karte gegen Borissow gelesen habe, das hat mich fast umgehauen.

Was haben Sie denn so alles gelesen?
Mir wurde nachgesagt, dass ich das Foul so gemacht habe, wie ich aufgewachsen bin. Das ist doch absurd.

Wie reagieren Sie darauf?
Ich versuche, den Durchblick zu behalten und gelassen zu bleiben. Zwei oder drei Wochen vor der Roten Karte hatte ich mir einen Muskelfaserriss zugezogen. Bis dahin wurde nur positiv über mich geschrieben. Und plötzlich soll durch dieses Foul alles schlecht sein. Ich bitte Sie.

Zu allem Überfluss unterlief Ihnen im Training ein hartes Foul am 40-Millionen- Mann Javier Martinez.
Richtig, aber sagen Sie mir bitte, was ist anders, wenn ein anderer Spieler beim Training mal die Grätsche auspackt? Bei welchem Spieler heißt es sonst brutales Foul? Das meine ich. Das ist einfach nur der Name Boateng. So ein Foul, wie es mir gegen Javi unterlaufen ist, kommt in jedem Bundesligaklub im Jahr bestimmt sechs- oder siebenmal vor. Ich nehme Kritik an, gewiss, aber sie muss fair und berechtigt sein. Aber was danach auf Facebook los war ...

Erzählen Sie.
Das will ich hier gar nicht wiederholen. Üble Sachen eben. Da wird dann noch schnell ein Zusammenhang zu Kevin konstruiert und dessen Foul an Ballack. Am Ende kommt noch die Hautfarbe ins Spiel, gegen die es geht. Ich habe manchmal das Gefühl, wenn es einem anderen passiert wäre, hätte das nicht diese Reaktionen ausgelöst.

Wie gehen Sie damit um?
Ich war enttäuscht und auch traurig. Da äußern sich Menschen über mich, die mich gar nicht kennen. Da kommen einem Zweifel. Für mich bedeutet das, dass ich nur dann eine Chance habe, wenn ich solchen Leuten keine Gelegenheit gebe, mich anzugreifen. Mit dem Platzverweis gegen Borissow habe ich mir doch selbst am meisten wehgetan. Dadurch war ich angreifbar, und man könnte meinen, dass so mancher darauf nur gewartet hat.
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