Jerome Boateng über Rassismus und Mentaltrainer

»Ich werde als Sicherheitsrisiko dargestellt«

Während der FC Bayern eine Rekordsaison spielt, droht Nationalspieler Jerome Boateng ein Stammplatz auf der Bank. Hier spricht er über öffentliche Kritik, seinen Bruder Kevin-Prince, Rassismus in den Stadien und eine Wette mit Bayern-Trainer Jupp Heynckes.

Jerome Boateng, kannten Sie eigentlich die Anti-Rassismus-Rede, die gerade Ihr Halbbruder Kevin-Prince vor den UN in Genf gehalten hat?
Nein, ich kenne nur das Resultat. Ich wusste aber, dass er daran fleißig gearbeitet hatte. So oft kommt es ja nicht vor, dass ein Fußballer vor so einem hohen Haus spricht.

Hatte er sich Hilfe geholt?
Soweit ich weiß, nein. Er mag ja solche Aufgaben. Er mag solche Auftritte.

Haben Sie mal eine Rede vor einer größeren Gruppe gehalten?
Aber nur eine kurze von etwa zwei Minuten. Ich glaube, das war damals bei der U-21-Auswahl, als Kapitän. Aber das ist ja nicht wirklich vergleichbar. Ich bin nicht der Typ für große Reden, ich wäre viel zu aufgeregt. Kevin kann das.

Warum, was glauben Sie?
Weil er sehr selbstbewusst ist und ganz gut rüberkommt. In solchen Dingen ist er sehr gründlich. Mein Eindruck war, dass er sich darauf so richtig gefreut hat. Und geehrt gefühlt hat natürlich. Das passiert ja nicht so oft im Leben, noch dazu nach seiner Jugend. Das rechne ich ihm sehr hoch an.

Die Rede oder die Aktion, die der Auslöser war?
Beides.

Anfang des Jahres absolvierte der AC Mailand ein Testspiel bei einem unterklassigen Verein. Nach Schmährufen und Affenlauten von den Rängen gegen ihn ist Kevin vom Platz gegangen, seine Mitspieler folgten ihm, das Spiel wurde abgebrochen.
Für mich ist er der erste Fußballer, der richtig dagegengehalten hat. Ich habe gehört, dass Eto’o schon einmal vom Platz gegangen sein soll, aber das hatte nicht diese Wirkung. Das hätten schon viel mehr Spieler viel früher machen sollen. Ein sichtbares Zeichen setzen gegen den alltäglichen Rassismus in den Stadien. So, wie es Kevin und seine Mitspieler taten. Dazu gehört aber auch sehr viel Mut. Es ist nicht so einfach, sich mal ganz neu, ganz anders zu verhalten. Er hat damit gezeigt: Es reicht!

Sie haben in dieser Hinsicht auch Ihre Erfahrungen gemacht. Freuen Sie sich, dass einer aus der Familie nun zu einem Helden geworden ist?
Also Held, ich weiß nicht. Aber ja, ich freue mich. Gerade für ihn. Die Öffentlichkeit hier in Deutschland hatte ja nicht das beste Bild von ihm.

Sie denken an seinen Tritt im Mai 2010 gegen den deutschen Fußballhelden Michael Ballack, der dann für die WM in Südafrika ausfiel.
Obwohl das nie seine Absicht war. Aber es ist so gekommen und passte damals vielen ins Bild: der Ghetto-Kicker aus dem Problembezirk, der Gangster-Fußballer aus Wedding oder was sonst noch geschrieben wurde. Mit dem Foul war er hierzulande unten durch. Und jetzt das. Ich bin stolz auf ihn. Es hätte auch anders ausgehen können.

Im Nachhinein hat dieser Schritt ihm aber schon geholfen.
Ich sage es mal so: Klar hatte er Sachen gemacht, die vielleicht nicht so gut waren. Aber erstens liegen die in der Vergangenheit und zweitens ist er auch nur ein Mensch. Das soll nicht alles entschuldigen, aber es geht um Verständnis. Kevin hat dazugelernt. Es ist schon beeindruckend, wie er sich in den vergangenen zwei Jahren hochgearbeitet hat beim AC Mailand und jetzt dort die Nummer 10 trägt.

Der Wendepunkt in seiner Karriere war eben jene WM 2010, wo er für Ghana, das Heimatland Ihres gemeinsamen Vaters, ein starkes Turnier gespielt hat. Glauben Sie, dass nun Sie an einem Punkt angelangt sind, an dem sich entscheidet, ob Sie ein guter oder ein sehr guter Fußballer werden?
Hm, gute Frage. Meine Entwicklung ist eine andere als die Kevins, meine verlief etwas ruhiger und stetiger. Aber auch ich hatte kleinere Tiefen. Ich hatte beim HSV unter Trainer Martin Jol nicht immer gespielt, war dann in meiner Zeit bei Manchester City auch mal acht Wochen verletzt. Ich hatte also auch einige Enttäuschungen wegzustecken. Aber so ganz unrecht haben Sie vielleicht gar nicht. Ich sehe mich auf einem guten Weg, aber ich möchte versuchen, unverrückbar zu werden.

Der Bundestrainer hat nach der EM gesagt, Philipp Lahm wird wieder rechts spielen. Das hatte in der Nationalmannschaft Konsequenzen für Sie.
Richtig. Ich habe ausweichend mal links in der Abwehr gespielt und dann, wenn Philipp links spielte, halt rechts. Ich will damit sagen, dass ich immer da gewesen bin, wenn der Trainer mich gebraucht hat. Ich sehe meine Stärken mehr in der Innenverteidigung. Und ich bin da ganz optimistisch.

Sie haben eine sehr gute Hinrunde beim FC Bayern gespielt und hatten großen Anteil an der stabilen Defensive und den wenigen Gegentoren. Dann gab es den Platzverweis in der Champions League gegen Borissow. Sie wurden gesperrt, und Sie liefen Gefahr, Ihren Stammplatz an Daniel van Buyten zu verlieren, einen 35-Jährigen!
Diese Rote Karte war sehr blöd. Deswegen war ich für die folgenden Spiele gegen den FC Arsenal gesperrt, und Daniel musste für mich ran. Dazu brauchte er aber Spielpraxis. Und er hat es ja gut gemacht, die Mannschaft ist erfolgreich gewesen auch ohne mich. So ist es im Fußball. Dann muss man eben wieder selber dafür sorgen, dass sich das ändert.

Eine Rote Karte kann Sie aus dem Rhythmus bringen?
Moment mal! So einfach geht es nicht. Ich habe schon den Nachweis erbracht, dass ich hohen Ansprüchen genügen kann. Ich weiß – und das soll nicht arrogant klingen –, was ich kann. Dieses Selbstvertrauen habe ich, ich glaube an meine Fähigkeiten. Jetzt geht es darum, was ich daraus mache. Und das konstant und verlässlich. In diesen Bereichen möchte ich mich verbessern. Trotzdem kann ich nicht nachvollziehen, wie ich dargestellt werde.

Wie werden Sie denn dargestellt?
Als Sicherheitsrisiko.

Ist das Ihr Eindruck?
Das halten mir gewisse Experten vor. Was soll ich damit anfangen? Die komplette Hinrunde waren sie ruhig, weil es nichts auszusetzen gab. Sie warten anscheinend nur darauf, dass mir ein Fehler oder eine Unachtsamkeit unterläuft, und dann holen sie groß aus. Glauben Sie mir, ich brauche keine Leute, die mir sagen, wie toll ich war, obwohl ich eine ziemliche Katastrophe gespielt habe. Aber was ich nach der Roten Karte gegen Borissow gelesen habe, das hat mich fast umgehauen.

Was haben Sie denn so alles gelesen?
Mir wurde nachgesagt, dass ich das Foul so gemacht habe, wie ich aufgewachsen bin. Das ist doch absurd.

Wie reagieren Sie darauf?
Ich versuche, den Durchblick zu behalten und gelassen zu bleiben. Zwei oder drei Wochen vor der Roten Karte hatte ich mir einen Muskelfaserriss zugezogen. Bis dahin wurde nur positiv über mich geschrieben. Und plötzlich soll durch dieses Foul alles schlecht sein. Ich bitte Sie.

Zu allem Überfluss unterlief Ihnen im Training ein hartes Foul am 40-Millionen- Mann Javier Martinez.
Richtig, aber sagen Sie mir bitte, was ist anders, wenn ein anderer Spieler beim Training mal die Grätsche auspackt? Bei welchem Spieler heißt es sonst brutales Foul? Das meine ich. Das ist einfach nur der Name Boateng. So ein Foul, wie es mir gegen Javi unterlaufen ist, kommt in jedem Bundesligaklub im Jahr bestimmt sechs- oder siebenmal vor. Ich nehme Kritik an, gewiss, aber sie muss fair und berechtigt sein. Aber was danach auf Facebook los war ...

Erzählen Sie.
Das will ich hier gar nicht wiederholen. Üble Sachen eben. Da wird dann noch schnell ein Zusammenhang zu Kevin konstruiert und dessen Foul an Ballack. Am Ende kommt noch die Hautfarbe ins Spiel, gegen die es geht. Ich habe manchmal das Gefühl, wenn es einem anderen passiert wäre, hätte das nicht diese Reaktionen ausgelöst.

Wie gehen Sie damit um?
Ich war enttäuscht und auch traurig. Da äußern sich Menschen über mich, die mich gar nicht kennen. Da kommen einem Zweifel. Für mich bedeutet das, dass ich nur dann eine Chance habe, wenn ich solchen Leuten keine Gelegenheit gebe, mich anzugreifen. Mit dem Platzverweis gegen Borissow habe ich mir doch selbst am meisten wehgetan. Dadurch war ich angreifbar, und man könnte meinen, dass so mancher darauf nur gewartet hat.

Wünschen Sie sich in solchen Momenten nicht das Temperament von Kevin?
Er mag es ja, in der Öffentlichkeit zu stehen, er fühlt sich dabei wohl. Gelegentlich bewundere ich ihn dafür. Er wünscht sich ja auch, dass ich mehr aus mir rauskomme. Ich bin aber absolut nicht der Typ, der nach dem Spiel die Kameras sucht. Das heißt jetzt nicht, dass ich nichts zu sagen hätte. Aber wenn du beim FC Bayern spielst und meist gewinnst, sind hauptsächlich die Offensivspieler gefragt. Wenn wir aber mal verlieren, ja, dann kommt man zu uns Verteidigern.

Es sind also nicht fußballerische Dinge, die Ihnen manchmal im Weg stehen. Haben Sie jemals überlegt, mit einem Mentaltrainer zu arbeiten?
Ich bin gerade dabei.

Wie kam es dazu?
Ich habe das mit unserem Sportdirektor Matthias Sammer so abgesprochen. Er hat es mir angeboten. Und da ich mir auch schon Gedanken gemacht habe, passt es jetzt. Ich lege viel Wert auf die Meinung von Matthias Sammer, er ist sehr ehrlich und geradeaus. Ich kenne ihn ja schon länger aus den Nachwuchs-Auswahlmannschaften, als er noch Sportdirektor des DFB war.

Warum empfinden viele Fußballer eine gewisse Scheu, professionelle Hilfe dieser Art anzunehmen?
Ich habe überhaupt keine Scheu davor entwickelt. Aber ich dachte, dass ich eine gute Konzentrationsfähigkeit besitze, und das ohne die Hilfe eines Mentaltrainers. Jetzt aber möchte ich das angehen.

Dabei haben Sie gerade Ihr erstes Tor erzielt.
(lacht verlegen) Ja, unglaublich, was? Ich habe eigentlich schon viel zu lange darauf gewartet. Es war eine irre Erleichterung. Ich habe es endlich geschafft! 130 Spiele in der Bundesliga und kein Tor – das war schon peinlich. Aber Sie werden lachen: Im Training kann ich das. Ich kann ja rechts wie links schießen und bin vor dem Tor ziemlich sicher. Jupp Heynckes hatte mir mal gesagt, dass ich ruhiger in den Torabschluss gehen solle.

Und jetzt muss er dafür blechen?
Stimmt! Die Wette liegt schon etwas länger zurück. Ich meine, es war rund um den Saisonbeginn, in einer Trainingseinheit auf dem Platz. Er hat gesagt: Wenn er das noch erlebt, dass Jerome Boateng ein Tor macht, dann lädt er die Mannschaft zum Essen ein.

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