26.03.2013

Jerome Boateng über Rassismus und Mentaltrainer

»Ich werde als Sicherheitsrisiko dargestellt«

Während der FC Bayern eine Rekordsaison spielt, droht Nationalspieler Jerome Boateng ein Stammplatz auf der Bank. Hier spricht er über öffentliche Kritik, seinen Bruder Kevin-Prince, Rassismus in den Stadien und eine Wette mit Bayern-Trainer Jupp Heynckes.

Interview: Michael Rosentritt Bild: Imago

Jerome Boateng, kannten Sie eigentlich die Anti-Rassismus-Rede, die gerade Ihr Halbbruder Kevin-Prince vor den UN in Genf gehalten hat?
Nein, ich kenne nur das Resultat. Ich wusste aber, dass er daran fleißig gearbeitet hatte. So oft kommt es ja nicht vor, dass ein Fußballer vor so einem hohen Haus spricht.

Hatte er sich Hilfe geholt?
Soweit ich weiß, nein. Er mag ja solche Aufgaben. Er mag solche Auftritte.

Haben Sie mal eine Rede vor einer größeren Gruppe gehalten?
Aber nur eine kurze von etwa zwei Minuten. Ich glaube, das war damals bei der U-21-Auswahl, als Kapitän. Aber das ist ja nicht wirklich vergleichbar. Ich bin nicht der Typ für große Reden, ich wäre viel zu aufgeregt. Kevin kann das.

Warum, was glauben Sie?
Weil er sehr selbstbewusst ist und ganz gut rüberkommt. In solchen Dingen ist er sehr gründlich. Mein Eindruck war, dass er sich darauf so richtig gefreut hat. Und geehrt gefühlt hat natürlich. Das passiert ja nicht so oft im Leben, noch dazu nach seiner Jugend. Das rechne ich ihm sehr hoch an.

Die Rede oder die Aktion, die der Auslöser war?
Beides.

Anfang des Jahres absolvierte der AC Mailand ein Testspiel bei einem unterklassigen Verein. Nach Schmährufen und Affenlauten von den Rängen gegen ihn ist Kevin vom Platz gegangen, seine Mitspieler folgten ihm, das Spiel wurde abgebrochen.
Für mich ist er der erste Fußballer, der richtig dagegengehalten hat. Ich habe gehört, dass Eto’o schon einmal vom Platz gegangen sein soll, aber das hatte nicht diese Wirkung. Das hätten schon viel mehr Spieler viel früher machen sollen. Ein sichtbares Zeichen setzen gegen den alltäglichen Rassismus in den Stadien. So, wie es Kevin und seine Mitspieler taten. Dazu gehört aber auch sehr viel Mut. Es ist nicht so einfach, sich mal ganz neu, ganz anders zu verhalten. Er hat damit gezeigt: Es reicht!

Sie haben in dieser Hinsicht auch Ihre Erfahrungen gemacht. Freuen Sie sich, dass einer aus der Familie nun zu einem Helden geworden ist?
Also Held, ich weiß nicht. Aber ja, ich freue mich. Gerade für ihn. Die Öffentlichkeit hier in Deutschland hatte ja nicht das beste Bild von ihm.

Sie denken an seinen Tritt im Mai 2010 gegen den deutschen Fußballhelden Michael Ballack, der dann für die WM in Südafrika ausfiel.
Obwohl das nie seine Absicht war. Aber es ist so gekommen und passte damals vielen ins Bild: der Ghetto-Kicker aus dem Problembezirk, der Gangster-Fußballer aus Wedding oder was sonst noch geschrieben wurde. Mit dem Foul war er hierzulande unten durch. Und jetzt das. Ich bin stolz auf ihn. Es hätte auch anders ausgehen können.

Im Nachhinein hat dieser Schritt ihm aber schon geholfen.
Ich sage es mal so: Klar hatte er Sachen gemacht, die vielleicht nicht so gut waren. Aber erstens liegen die in der Vergangenheit und zweitens ist er auch nur ein Mensch. Das soll nicht alles entschuldigen, aber es geht um Verständnis. Kevin hat dazugelernt. Es ist schon beeindruckend, wie er sich in den vergangenen zwei Jahren hochgearbeitet hat beim AC Mailand und jetzt dort die Nummer 10 trägt.

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