Jérôme Boateng im Interview

»Ich bin kein schwieriger Typ«

Jérôme Boateng musste sich als Kind zwischen Tennis und Fußball entscheiden. Er entschied sich goldrichtig und kickt heute beim HSV. Der gebürtige Berliner über die Angst zu verkrampfen, zerplatzte Träume und den Rapper Bushido. Jérôme Boateng im InterviewImago

Herr Boateng, erinnern Sie sich daran, als Sie zum ersten Mal gegen einen Fußball traten?

Klar, da war ich ungefähr sechs Jahre alt und spielte mit meinem Vater unten im Hof. Dort war eine Rasenfläche, auf der wir uns den Ball hin- und hergespielt haben.

War da gleich eine Faszination oder hatten Sie damals noch andere Interessen?


Ich war begeistert von meinem Fußball, den habe ich überall mit hingenommen, nachdem ich das erste Mal dagegen getreten hatte. Sogar zur Schule bin ich mit dem Ball am Fuß gelaufen. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich Tennisstunden genommen, musste mich aber aufgrund des Zeitaufwands recht schnell für eine Sportart entscheiden. Diese Entscheidung fiel mir nicht schwer.

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Kamen Sie über Ihren Bruder zum Fußball? Oder fingen Sie zeitgleich an zu spielen?

Zum Fußball kam ich über meinen Vater. Er und meine Mutter haben mich jederzeit unterstützt und mich immer zum Training und zu den Spielen gefahren. Meinen Bruder, der ja eigentlich mein Halbbruder ist, habe ich erst regelmäßig an den Wochenenden gesehen, als ich zehn Jahre alt war. Da waren wir beide schon heiß auf Fußball.

Würden Sie den Kindern und Jugendlichen von heute raten, früh in einen Verein einzutreten oder sollten sie ihre Lehrjahre eher auf der Straße verbringen?

So früh wie möglich in einen Verein eintreten. Dort man lernt sehr früh sehr viel. Und auf der Straße kann man ja auch noch jeden Tag nebenbei spielen. Aber egal welche Entscheidung man trifft – entscheidend ist der Spaß am Fußball.

Fühlen Sie sich als Straßenfußballer?

Ich fühle mich schon als Straßenfußballer, ich bin erst als Zehnjähriger bei TeBe Berlin eingetreten und habe vorher auf der Straße gekickt.

Was bedeutet das für Sie: Straßenfußball?

Das hat für mich immer großen Spaß bedeutet, man kann ein bisschen was ausprobieren und auch mal jemanden verarschen.

War Fußball für Sie immer ein Spiel? Oder war es irgendwann auch Arbeit?

In erster Linie ist es für mich ein Spiel. Jetzt als Profi bin ich Angestellter des Hamburger SV, also ist es meine Arbeit. Eine Arbeit, die unglaublich viel Spaß macht. Wobei es auch andere Zeiten gibt, zum Beispiel die Saisonvorbereitung. Das ist mehr Arbeit als Spaß.

Apropo Arbeit: Früher trugen Abwehrspieler Spitznamen wie »Eisenfuß« und galten als harte, ehrliche Arbeiter. Heute findet man in der Defensive auch die leichtfüßigen, technisch versierten Spieler – wie Sie. Hatten Sie eigentlich nie das Bedürfnis offensiver zu spielen, eine klassische Nummer 10, der »Maradona« im Spiel zu werden?

Ich habe früher in der Jugend als Stürmer und auf der Zehn gespielt, deshalb habe ich für einen Abwehrspieler auch eine ganz vernünftige Technik. Ansonsten kann ich aber sehr gut damit leben, mit den Jahren immer ein bisschen weiter nach hinten gerutscht zu sein. Ich bin mit meinen Aufgaben als Abwehrspieler sehr einverstanden, zumal ich sie ja durchaus offensiv interpretieren darf.

Inwiefern hat sich der Fußballer im Ganzen verändert? Ist die junge Generation (viele nennen sie immer wieder »Die jungen Wilden«) von heute eine andere als früher?

Ich kann nicht sagen, ob die jungen Spieler von heute anders sind als damals. Ich war ja damals nicht dabei. Aber ganz sicher hat sich die Zeit verändert, die Voraussetzungen. Alleine was unsere Arbeit anbelangt, die technischen Voraussetzungen, man kann alles messen, auswerten und analysieren.

Ist es heute angesichts der unglaublich vielen Möglichkeiten, sich abzulenken (Musik, Ausgehen, Mädchen etc.), ungleich schwerer als früher, wirklich Profifußballer zu werden?

Man braucht auf jeden Fall eine Portion Glück, muss ein gutes Spiel zum richtigen Zeitpunkt machen. Darüber hinaus ist es aber wichtig, viel und hart zu arbeiten. Und ganz bestimmt auch auf manches zu verzichten. Ich kenne von früher viele Jungs, die bessere Fußballer waren als ich, denen hätte man den Sprung in den Profifußball viel eher zugetraut als mir. Doch ihnen waren irgendwann Partys und Mädchen wichtiger. Keiner von ihnen spielt noch Fußball, und wenn doch, dann nicht höherklassig.

Früher posierten Fußballer Arm in Arm mit Schlagersängern und im Musikantenstadl. Heute zeigen sie ihre Tätowierungen und nicken mit dem Kopf zu Bushido. Transportieren die Images und Stereotypen des HipHops den Werdegang der heutigen jungen Generation einfach besser?


Ich persönlich kann nichts mit Schlagermusik anfangen. Ich denke, das gilt ganz allgemein für meine Generation. Früher war es Schlagermusik, dann kam der Rock´n´Roll und alle trugen lange Haare, jetzt ist Hip Hop die Musik und der Lebensstil vieler Jugendlicher. Ich bin damit aufgewachsen, genauso wie zig andere. Bushido hört deshalb aber noch lange nicht jeder.

Wenn Sie heute noch einmal den 14-jährigen Jérôme Boateng träfen: Würden Sie ihm raten Fußballprofi zu werden?

Ich würde es ihm wieder raten, keine Frage. Jedes Opfer, das ich bringen musste, war es wert, Fußball zum Beruf zu haben und jetzt vor über 50.000 Menschen spielen zu dürfen.

Können Sie aus der Profiperspektive eine Entscheidung wie die von Sebastian Deisler nachvollziehen? Ist der Druck wirklich so immens, und sehnt man sich mitunter auch mal nach einem »normalen« Leben?

Ich persönlich kann es nicht nachvollziehen, kenne aber auch seine Situation nicht. Er wird seine Gründe gehabt haben. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man viel Druck spürt. Oder sich diesen Druck selbst macht. Ich war früher auch immer extrem nervös, verkrampft. Mir haben die Gespräche mit meinem Bruder sehr geholfen. Er hat mir klar gemacht, dass Fußball Spaß und nicht Angst machen soll. Heute bin ich vor einem Spiel positiv angespannt, ich spüre eine große Freude auf das, was da kommt.

Sie sagten einmal, dass Sie nicht nur des Geldes wegen nach Hamburg gewechselt sind. Was genau vermissten Sie bei Hertha BSC?

Ich bin jetzt fast ein Jahr lang beim HSV und möchte deshalb gar nicht mehr so weit zurückschauen. Ich weiß, dass der Wechsel für mich der richtige Schritt war. Alles andere interessiert nicht mehr, das ist längst abgehakt.

»Jérôme Boateng ist ein riesiges Talent!« - Ein Satz, den Sie nicht besonders mögen. Wie spricht man heute beim HSV und in den Hamburger Medien von Ihnen?


Habe ich mal gesagt, dass ich diesen Satz nicht mag? (lacht)

Die Medienlandschaft in Hamburg und Berlin ähneln sich. Inwiefern unterscheiden sich Stadt, Mentalität und Erwartungshaltung der Hamburger und des Vereins doch voneinander?

Die Städte zu vergleichen fällt ein wenig schwer, denn Berlin kenne ich wie meine Westentasche. Hamburg lerne ich gerade erst kennen, fühle mich aber in jedem Fall sehr wohl. Und was die Menschen betrifft: in Hamburg scheint man automatisch ein HSVer zu sein. Man spürt überall, an jeder Ecke, dass sich Hamburger mit dem HSV identifizieren. Sie lieben und leben den Verein, das ist wirklich beeindruckend. Der HSV ist in Hamburg nicht EIN Verein, sondern DER Verein.

Sie beklagten bei Hertha auch das Verhältnis zwischen alten und jungen Spielern. Ist dies beim HSV anders?


Ich denke ja, zumindest empfinde ich es als anders. Grüppchenbildungen gibt es nicht. Hier die Jungen, da die Alten – das habe ich beim HSV noch nicht erlebt. In dieser Mannschaft macht es wirklich großen Spaß, denn es ist eine echte Mannschaft.

Wie ist etwa Ihr Verhältnis zu Spielern wie Frank Rost oder Bastian Reinhardt?

Ich verstehe mich mit beiden sehr gut. Mit Frank hatte ich auch schon die eine oder andere Meinungsverschiedenheit, aber das gehört dazu. Er ist dabei immer brutal ehrlich. Das ist manchmal hart, aber es ist gut so, denn daraus lernt man. Von Frank Rost kann man als junger Spieler wirklich noch einiges lernen.

Haben diese Spieler Vorbildcharakter für Sie?

Natürlich sind sie Vorbilder. Beide legen eine unglaublich professionelle Einstellung an den Tag, sind total fit und marschieren voran.

An wem haben Sie sich orientiert, als Sie jünger waren?

Ich war fasziniert von Zidane und Ronaldo. Nicht dem ManU-Ronaldo, sondern dem heute etwas dicken Ronaldo. (lacht) Und von Michael Jordan war ich Fan.

Allgemein: Würden Sie überhaupt sagen, dass Sie seit Ihrem Weggang von Hertha BSC Dinge anders machen, dass Sie bestimmte Charakterzüge entwickelt haben, die Sie vorher nicht hatten?

Ich bin ein bisschen ruhiger geworden. Seit ich in Hamburg lebe, habe ich nicht mehr das Gefühl, nach jedem Training raus gehen zu müssen, unter Leute, was machen. Ich verbringe viel Zeit mit meiner Freundin, sie ist gemeinsam mit mir nach Hamburg gezogen.

Welche Ziele haben Sie als Spieler in der neuen Saison?

Genau wie letzte Saison, ich möchte möglichst viele Spiele machen. Und wenn wir es dann noch schaffen sollten, besser abzuschneiden als letzte Saison, dann bin ich rundum zufrieden.

Vermissen Sie noch etwas in Hamburg?

Guten Döner.

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