07.07.2009

Jérôme Boateng im Interview

»Ich bin kein schwieriger Typ«

Jérôme Boateng musste sich als Kind zwischen Tennis und Fußball entscheiden. Er entschied sich goldrichtig und kickt heute beim HSV. Der gebürtige Berliner über die Angst zu verkrampfen, zerplatzte Träume und den Rapper Bushido.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Jérôme Boateng im Interview
Apropo Arbeit: Früher trugen Abwehrspieler Spitznamen wie »Eisenfuß« und galten als harte, ehrliche Arbeiter. Heute findet man in der Defensive auch die leichtfüßigen, technisch versierten Spieler – wie Sie. Hatten Sie eigentlich nie das Bedürfnis offensiver zu spielen, eine klassische Nummer 10, der »Maradona« im Spiel zu werden?

Ich habe früher in der Jugend als Stürmer und auf der Zehn gespielt, deshalb habe ich für einen Abwehrspieler auch eine ganz vernünftige Technik. Ansonsten kann ich aber sehr gut damit leben, mit den Jahren immer ein bisschen weiter nach hinten gerutscht zu sein. Ich bin mit meinen Aufgaben als Abwehrspieler sehr einverstanden, zumal ich sie ja durchaus offensiv interpretieren darf.

Inwiefern hat sich der Fußballer im Ganzen verändert? Ist die junge Generation (viele nennen sie immer wieder »Die jungen Wilden«) von heute eine andere als früher?

Ich kann nicht sagen, ob die jungen Spieler von heute anders sind als damals. Ich war ja damals nicht dabei. Aber ganz sicher hat sich die Zeit verändert, die Voraussetzungen. Alleine was unsere Arbeit anbelangt, die technischen Voraussetzungen, man kann alles messen, auswerten und analysieren.

Ist es heute angesichts der unglaublich vielen Möglichkeiten, sich abzulenken (Musik, Ausgehen, Mädchen etc.), ungleich schwerer als früher, wirklich Profifußballer zu werden?

Man braucht auf jeden Fall eine Portion Glück, muss ein gutes Spiel zum richtigen Zeitpunkt machen. Darüber hinaus ist es aber wichtig, viel und hart zu arbeiten. Und ganz bestimmt auch auf manches zu verzichten. Ich kenne von früher viele Jungs, die bessere Fußballer waren als ich, denen hätte man den Sprung in den Profifußball viel eher zugetraut als mir. Doch ihnen waren irgendwann Partys und Mädchen wichtiger. Keiner von ihnen spielt noch Fußball, und wenn doch, dann nicht höherklassig.

Früher posierten Fußballer Arm in Arm mit Schlagersängern und im Musikantenstadl. Heute zeigen sie ihre Tätowierungen und nicken mit dem Kopf zu Bushido. Transportieren die Images und Stereotypen des HipHops den Werdegang der heutigen jungen Generation einfach besser?


Ich persönlich kann nichts mit Schlagermusik anfangen. Ich denke, das gilt ganz allgemein für meine Generation. Früher war es Schlagermusik, dann kam der Rock´n´Roll und alle trugen lange Haare, jetzt ist Hip Hop die Musik und der Lebensstil vieler Jugendlicher. Ich bin damit aufgewachsen, genauso wie zig andere. Bushido hört deshalb aber noch lange nicht jeder.

Wenn Sie heute noch einmal den 14-jährigen Jérôme Boateng träfen: Würden Sie ihm raten Fußballprofi zu werden?

Ich würde es ihm wieder raten, keine Frage. Jedes Opfer, das ich bringen musste, war es wert, Fußball zum Beruf zu haben und jetzt vor über 50.000 Menschen spielen zu dürfen.

Können Sie aus der Profiperspektive eine Entscheidung wie die von Sebastian Deisler nachvollziehen? Ist der Druck wirklich so immens, und sehnt man sich mitunter auch mal nach einem »normalen« Leben?

Ich persönlich kann es nicht nachvollziehen, kenne aber auch seine Situation nicht. Er wird seine Gründe gehabt haben. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man viel Druck spürt. Oder sich diesen Druck selbst macht. Ich war früher auch immer extrem nervös, verkrampft. Mir haben die Gespräche mit meinem Bruder sehr geholfen. Er hat mir klar gemacht, dass Fußball Spaß und nicht Angst machen soll. Heute bin ich vor einem Spiel positiv angespannt, ich spüre eine große Freude auf das, was da kommt.

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