20.03.2013

Jermaine Jones über Magath, Reus und Jugendsünden

»Der Tritt gegen Marco war einfach asozial«

Er gilt als einer der letzten »Bad Boys« der Bundesliga: Schalkes Mann fürs Grobe, Jermaine Jones. Für die neue Ausgabe von 11FREUNDE traf Tim Jürgens einen Fußballer zum Portrait, der abseits des Rasens so gar nicht in die Schubladen passen will, in die man ihn schon so häufig gesteckt hat. Lest hier ein ausführliches Interview mit dem US-Nationalspieler.

Interview: Tim Jürgens Bild: Theodor Barth


Wie gehen Sie mit dieser Art von Berichterstattung um?
Ich habe den Kontakt zu diesen Zeitungen gekappt und auch mal kurz überlegt, ob ich gegen jemand, der sowas über meine Mutter schreibt, Schritte einleite. 

Können Sie erklären, wie es dazu kommt, dass Sie Reus auf den verletzten Zeh treten?
In dem Augenblick, in dem es passiert, habe ich leider gar nicht nachgedacht. Aber natürlich gehe ich auf den Platz, um zu gewinnen. Da ist mir – blöd gesagt – fast jedes Mittel recht. Doch dabei bin ich leider über die Stränge geschlagen.

Gab es eine Vorgeschichte zu dieser Aktion?
Gar nichts. Auf dem Platz wird ja viel provoziert, wovon die Zuschauer nichts mitbekommen. Aber in dieser Szene war rein gar nichts vorgefallen. Ich wusste nur, das Marco ein sehr guter Fußballer ist, der uns als Klub gefährlich werden kann. Punkt. Eine saudumme Sache, für die ich mich am selben Abend noch bei ihm entschuldigt habe.

Ihr früherer Trainer Friedhelm Funkel sagt, Sie seien auch deshalb so oft verletzt gewesen, weil Sie selbst im Training keinem Zweikampf aus dem Wege gingen.
Seit unserer gemeinsamen Zeit bin ich ruhiger geworden. Im Training springe ich jetzt auch mal hoch, bevor es kracht. Aber es kann nicht mehr soviel kaputt gehen. Im linken Knie habe ich zwei Schrauben und im Schienbein eine weitere. Da sitzt alles fest.

Körperliche Auseinandersetzung gehört für Sie aber zum Fußball dazu.
Wenn ich in einer Spielsituation die theoretische Chance habe, egal wie groß sie auch ist, an den Ball zu kommen, würde ich nie zurückziehen. Deswegen ist das Foul an Reus auch so untypisch, weil es keinen Sinn ergibt.

Sehnen Sie sich manchmal zurück nach seligen Stürmer-Zeiten, als Sie noch nicht der Mann fürs Grobe waren?
Nein, die Sechser-Position ist ideal. Ich muss viel laufen, viel arbeiten. Na gut, den Ruhm stecken manchmal andere ein. Aber ich wäre froh gewesen, wenn ich von Beginn meiner Karriere dort gespielt hätte.

Merken Sie mit 31 Jahren den Verschleiß?
Ich fühle mich sehr fit. Christoph Metzelder ist genauso alt und redet von Karriereende. Soweit bin ich noch nicht. Aber natürlich gab es Phasen, in denen ich sehr viel Voltaren genommen habe, das tue ich nicht mehr.

Auf Ihrer Homepage nennen Sie Klaus Augenthaler einen Ihrer prägendsten Trainer. Dabei haben Sie nur fünf Spiele unter ihm gemacht.
Vielleicht war das der entscheidende Faktor. Er hat mir zu einer Zeit die Leviten gelesen, als ich der Überzeugung war, ich sei das Supertalent. Ich wechselte 2003 mit einer Verletzung zu ihm nach Leverkusen. Dort gab er mir die Chance, Champions League zu spielen, was mich schnell zu der Überzeugung brachte, es nun geschafft zu haben. Da verpasste er mir einen Denkzettel.

Wie sah der aus?
Er sagte klipp und klar: »Du wirst es hier nicht schaffen, weil Dir die Einstellung fehlt.« Augenthaler nahm mich aus der Mannschaft, setzte mich auf die Bank und sagte mir, dass er nicht mehr mit mir plane. Wenn das nicht passiert wäre, hätte ich erst viel später verstanden, was es heißt, Profi zu sein. Wahrscheinlich wäre ich sonst heute nicht beim FC Schalke 04, sondern irgendwo in der zweiten Liga.

Das Scheitern als Chance.
Es war die erste echte Hürde, die ich in meinem Leben nehmen musste. Ich machte damals den Fehler, fünf meiner Frankfurter Freunde mit nach Leverkusen zu nehmen, bei mir wohnen zu lassen und durchzufüttern. Wenn ich kaputt vom Training nach Hause kam, war da schon Halligalli. Mit 22 ist es nicht so leicht, den Kumpels am Freitagabend zu erklären, dass man ins Bett muss, wenn die Party machen wollen. In dieser Zeit trat der Fußball bei mir etwas in den Hintergrund.

Sie waren in dieser Zeit auch oft verletzt.
Diese Verletzungen waren eine Folge meines Lebenswandels. Ich hatte großes Glück, dass Friedhelm Funkel überhaupt bereit war, mir nochmal zu vertrauen.

Friedhelm Funkel holte Sie 2005 zurück zu Eintracht Frankfurt – und rettete Sie.
Wir trafen uns in einem Kölner Café. Vielleicht das wichtigste Gespräch meiner Karriere. Funkel hatte sich nach mir erkundigt und auch mit Augenthaler gesprochen. Also ließ er mich im Gespräch erst einmal kommen.

Er rang Ihnen das Versprechen ab, sich zu bessern.
Es gab große Widerstände im Vorstand der Eintracht gegen mich. Also habe ich ihm versprochen, meine Klappe zu halten und alles zu tun, was im Sinne des Klubs ist. Nach drei Stunden fuhr er nach Hause und sagte, er würde es sich überlegen. Darauf folgten die härtesten zwei Tage meines Lebens. Ich fürchtete, dass er sich gegen mich entscheidet. Dann hätte ich wohl oder übel zu irgendeinem kleinen Klub im unteren Drittel der zweiten Liga wechseln müssen. Und ob ich mich da noch so entwickelt hätte…?

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