04.03.2009

Jens Weinreich vs. DFB

»Ein Vernichtungsfeldzug«

Im Juli 2008 bezeichnete der Sportjournalist Jens Weinreich DFB-Präsident Theo Zwanziger als »Demagogen«. Der Verband strengte einen Rechtsstreit an, der bis heute andauert. Wir sprachen mit Weinreich über die Folgen.

Interview: Daniel Wehner Bild: Imago
Im Internet-Blog »Direkter Freistoss« hat der freie Journalist Jens Weinreich 2008 einen Kommentar verfasst, der ihn bis heute verfolgt. Am 25. Juli schrieb er zum Auftritt von DFB-Präsident Theo Zwanziger bei einem Kongress des Deutschen Olympischen Sportbundes: »Ich (habe) schon viele Auftritte von Sportfunktionären erlebt, aber dieser von Zwanziger war einer der schlimmsten in der nach unten offenen Peinlichkeitsskala. Er dreht nach der Kartellamtsentscheidung völlig durch. Er ist ein unglaublicher Demagoge (...)« Zwanziger habe mehrfach behauptet, dass allein das Bosman-Urteil Schuld an allen Problemen des Fußballs sei, kommentierte Weinreich weiter.



Daraufhin versuchte der DFB mit einer Unterlassungsklage gegen Weinreich vorzugehen.  So sieht sich Theo Zwanziger durch die Bezeichnung »unglaublicher Demagoge« in seiner Ehre verletzt und will Weinreich diese Formulierung gerichtlich verbieten. Doch das Land- und das Kammergericht Berlin haben beschlossen, dass der Kommentar durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt ist.

Am 14. November veröffentlichte der DFB eine Presseerklärung, in der die Ausführungen Weinreichs als »Diffamierung« missbilligt werden. Diese Mitteilung ist laut Weinreich mit »Unwahrheiten und Lügen gespickt«. Kurz darauf beschloss das Landgericht Berlin, dass der DFB Passagen aus der Presseerklärung zu unterlassen hat. Letztlich erwirkt Weinreich vor dem Landgericht Frankfurt am Main eine Gegendarstellung gegen die entsprechenden Passagen.

Damit ist der Rechtsstreit jedoch nicht beendet. Am 5. März kommt es zur mündlichen Verhandlung in Frankfurt am Main, da der DFB gegen die Gegendarstellung Widerspruch eingelegt hat. Die Verfahrenskosten sind derweil so hoch, dass Jens Weinreich zu Spenden aufrufen musste. Im Interview spricht er über die »Kommunikationsherrschaft« des DFB, die Folgen des Verhandlungsmarathons und seine journalistischen Skrupel.


Herr Weinreich, Medienjournalist Stefan Niggemeier hat Ihren Kampf gegen den DFB mit dem Duell zwischen David und Goliath verglichen. Wie viel David gegen Goliath steckt in dieser Auseinandersetzung?

Ich habe den Begriff David gegen Goliath ganz bewusst nicht gewählt. Das zu beurteilen, ist Sache der Leser.

Haben Sie nicht das Gefühl, gegenüber dem DFB mit unterlegenen Waffen zu kämpfen?

Das muss man auseinanderhalten. In Fragen der Kommunikation und der Transparenz fühle ich mich nicht unterlegen. Überhaupt nicht. Ich denke, die Transparenz, die ich in meinem Blog www.jensweinreich.de in dieser Sache beweise, überzeugt den einen oder anderen Beobachter. Einige DFB-Verantwortliche hat das offenbar überrascht, denn in Frankfurt am Main verwechseln manche doch munter die Begriffe: Transparenz, Kampagne, angeblich anonymes Internet – da purzelt einiges durcheinander, was bei Kommunikationsherrschern eher nicht durcheinander purzeln sollte. Also, auf der einen Seite steht jemand, der versucht, journalistisch vorzugehen. Auf der anderen Seite klirrt man mit den Waffen, die Macht, Einfluss und Geld heißen. Das sind für mich eher primitive Waffen, wenngleich meist sehr wirkungsvolle.

Haben Sie die Befürchtung, auch bei einem juristischen Erfolg als Verlierer dazustehen?

Der DFB hat mit sehr deutlich gemacht, dass er immer weiter geht. Mir haben Juristen erzählt, dass es bis zur letzten Instanz drei Jahre dauern kann. Wenn ich dann ausgerechnet letztinstanzlich verlieren sollte, was ja theoretisch möglich ist, könnte ich plötzlich mit 70.000 Euro Verfahrenskosten, also Anwalts- und Gerichtskosten, dastehen. Oder mehr. Dann hätte ich auch die Kosten des DFB mitzutragen. Das ist ganz klar eine Gefahr. Ich wäre dämlich, wenn ich mich an fünf Beschlüssen berauschen und diese Gefahr nicht erkennen würde.

Um diese Gefahr zu mindern, haben Sie auf Ihrem Blog kürzlich zu Spenden aufgerufen. Wie sind die Reaktionen darauf ausgefallen?

Die Reaktionen sind überwältigend, teilweise empfinde ich das als etwas beschämend. Rund tausend meist wildfremde Leute mailen mich an, spenden Geld und finden dazu noch ein paar Worte. Und zeigen sich beeindruckt von der Transparenz auf dem Blog. Ich kenne vielleicht fünf Prozent derjenigen, die gespendet haben, persönlich. Ich finde, das ist eine beeindruckende Solidaritätswelle. Das muss ich erst mal verarbeiten.

Können die Spenden Ihre Kosten decken?

Ich bin recht optimistisch, es ist schon eine fünfstellige Summe beisammen. Aber sollte es zum Worst Case kommen, ich verliere nach drei Jahren und es fallen 70.000 Euro an, wäre nur ein Bruchteil der Kosten gedeckt.

Haben Sie eine Idee, wie Sie diesen Betrag stemmen könnten?


Ich kann ihn nicht stemmen, das ist doch klar. Nicht umsonst habe ich versucht, am 22. Februar im Blog meine Situation darzulegen. Und nicht umsonst hatte ich Skrupel. Ich habe mich gefragt: Kann, darf ein Journalist zu Spenden aufrufen? Doch die Skrupel sind von der Macht des Faktischen vertrieben worden. Außerdem haben mich viele Leser geradezu aufgefordert, um Spenden zu bitten. Die Kosten wachsen an und wachsen an, und am Ende steht da eine Gefahrensumme im Raum, bei der ich mir keine Skrupel mehr leisten kann. Und schließlich habe ich ja nichts Unrechtes getan, daran darf ich doch mal erinnern, oder?

Welche Auswirkungen hat der Spendenaufruf auf Ihre Arbeit?

Da ich momentan mit den Reaktionen beschäftigt bin und versuche, mich bei dem einen oder anderen zu bedanken, komme ich kaum zur Arbeit. Das ist eine ähnliche – aber inzwischen viel entspanntere – Situation wie im Herbst. Auch da bin ich kaum zur Arbeit gekommen und hatte insgesamt sicher mehr als einen Monat Verdienstausfall. Die Tage Mitte November, rund um diese skandalöse DFB-Pressemitteilung, will ich nicht noch mal erleben. Das war nervlich grenzwertig. Es gab Tage, da konnte ich nicht arbeiten und musste Aufträge zurückgeben. Das war nah am Zusammenbruch.

Hat diese Pressemitteilung Ihrer Reputation geschadet?


Das dürfte das Ziel gewesen sein, stelle ich als freie Meinungsäußerung mal so in den Raum. Was denn sonst? Diese Pressemitteilung ist für mich ein Vernichtungsfeldzug ohnegleichen. Ich habe zwei Gerichtsbeschlüsse erwirkt gegen diese Pressemitteilung. Doch der DFB akzeptiert das nicht und geht Kraft seines Geldes in weitere Instanzen. Wolfgang Niersbach  (DFB-Generalsekretär, Anm. d. Red.) hat diese Mitteilung noch an 100 prominente  Empfänger aus der Sportpolitik verteilt und ruft ausdrücklich zur Verbreitung dieser Argumentation auf. Nach wie vor fühlt sich kein Journalistenverband dafür zuständig. Ich weiß, dass Wolfgang Niersbach und Harald Stenger (Direktor für Kommunikation beim DFB, Anm. d. Red.)  noch Mitglieder des Deutschen Sportjournalistenverbandes sind. Der Verband findet es normal, dass zwei seiner prominentesten Mitglieder derartige Wahrheitsbeugungen vornehmen. Das erstaunt mich sehr, denn wenn ich die Satzungen dieses Verbandes richtig lese, müsste man eigentlich über ein Ausschlussverfahren von Stenger und Niersbach nachdenken.

Sie haben auf Ihrem Blog die »Kommunikationsherrschaft« des DFB angesprochen.

Ich habe den DFB-Präsidenten korrekt zitiert. Er hat auf dem Kongress des Deutschen Olympischen Sportbundes gesagt: »Wenn Sie die Kommunikationsherrschaft nicht haben, sind Sie immer Verlierer.«

Was sagt Ihnen dieses Zitat?

Viel. Wenn man sich das ganz genau anschaut, verbergen sich hinter dieser Aussage etliche hochinteressante Fragen. Ich glaube, die Pressemitteilung vom 14. November illustriert sehr schön, wie sich der DFB Kommunikation vorstellt: Man setzt einfach mal was in die Welt, mit vielen Unwahrheiten und Wahrheitsbeugungen, verschweigt sogar zwei Gerichtsbeschlüsse, die mir Recht geben, und dann guckt man mal, was passiert. Ich nenne das Propaganda. Ist das die vom DFB-Chef angestrebte »Kommunikationsherrschaft«? Etwas wird schon hängen bleiben.

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