Jens Todt über den Umgang mit Druck

»Der Fußball ist konservativ«

Jens Todt kennt als Chef des Nachwuchsleistungszentrums beim VfL Wolfsburg die Versagensängste junger Spieler. Hier beschreibt er, welche Mechanismen helfen und warum man sich in der Liga schwer tut, über Depressionen zu reden. Jens Todt über den Umgang mit Druck
Heft#101 04/2010
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Jens Todt, über körperliche Verletzungen wird im Fußball ständig geredet, seelische werden weitgehend todgeschwiegen. Wieso eigentlich?

Der Fußball ist eine recht kleine Branche, sehr traditionell und im Kern konservativ. Da tut man sich naturgemäß schwer mit Spielern, die Schwächen zugeben.

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Sie leiten das Nachwuchsleistungszentrum des VfL Wolfsburg. Was kann dafür sorgen, dass junge Spieler Druck empfinden, der sie als Fußballer einschränkt?

Die jungen Spieler in den Leistungszentren und Junioren-Bundesligen werden in ihrem Umfeld oft schon wie kleine Stars behandelt. Wenn Eltern, Freunde und Klassenkameraden suggerieren, dass alles andere als eine Profikarriere eher als Scheitern zu sehen wäre, können natürlich Versagensängste aufkommen.  

Wie beugen Sie im Nachwuchsleistungszentrum solchen Ängsten vor?

Ich versuche, bei den jungen Spielern ein wenig die Luft aus dem Thema zu nehmen, den Druck zu verringern. Es geht nicht jede Woche um alles. Fehler sind erlaubt. Wir wollen Spieler in unseren Profikader bringen, darin liegt das große Ziel, deshalb betreiben wir diesen großen Aufwand, aber ich sage auch: Wer am Ende in der 3. Liga spielt und sich damit sein Studium finanziert, ist keineswegs gescheitert, sondern auch ein gut ausgebildeter und erfolgreicher Fußballer.  

Vor wichtigen Spielen oder entscheidenden Situationen wie einem Elfmeter kann bei Profi ganz abrupt Versagensangst entstehen. Gibt es da Gegenmittel?

Da hat jeder Profi unterschiedliche Strategien. Ein letztes Handauflegen des Masseurs oder die jüngst in Mode gekommenen Tapestreifen, die sich Spieler an verschiedenste Stellen des Körpers kleben sind ja eher Rituale und Placebos als tatsächliche medizinische Maßnahmen.

Kaum ein Spieler spricht offen über seelischen Probleme. Was können Anzeichen von übergroßem Druck sein?

Bei manchen gibt es deutliche Signale des Körpers. Permanente kleine Verletzungen vor wichtigen Spielen oder ständige Infekte können auch Reaktionen des Körpers auf den Druck sein.

Ein Spieler wie Sebastian Deisler am permanenten Druck im Profibusiness zerbrochen, Kicker wie Stefan Effenberg schien der Stress eher zu stimulieren. Gibt es Situationen in der Karriere eine Spielers, in der jeder unter Druck gerät?

Schwer zu sagen. Viele bekommen auch erst ein Problem, wenn das Adrenalin – etwa nach der Karriere – nicht mehr kommt. Der erhöhte Herzschlag, wenn man im Spielertunnel steht, Endorphinausschüttungen im Gehirn, das fehlt plötzlich. Das kann ich sehr gut nachvollziehen.

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