Jens Nowotny über die Spielerberaterbranche

»Da ist viel Heuchelei im Spiel«

Vom »Leitwolf« und »Musterprofi« zum »Raffzahn« und »Zocker« - Jens Nowotny weiß, wie sich Lobeshymnen und Verrisse anfühlen. Mittlerweile berät er Nachwuchsspieler, die von einer rosaroten Profikarriere träumen. Ein Gespräch über Verantwortung, gescheiterte Talente und ehrgeizige Eltern.

Jens Nowotny, die Spielerberaterbranche hat einen schlechten Ruf – zu Recht?
Es ist zumindest keine Kampagne der bösen Medien (lacht). Wer das behauptet, verschließt  die Augen vor den Problemen. Ich würde bei diesem Thema nicht nur von schwarzen Schafen sprechen.

Wo sehen Sie derzeit die größten Probleme?
Die Ausbildung ist nicht gerade eine Riesenherausforderung, um es einmal vorsichtig zu sagen. Fachkenntnisse spielen nur eine marginale Rolle. Beinahe jeder könnte diese Multiple-Choice-Prüfung bestehen – und zwar ohne Vorkenntnisse. Zwar liegt die Durchfallquote bei circa 90 Prozent, allerdings darf auch wirklich jeder die Prüfung ablegen. Insofern ist es meines Erachtens kein Wunder, welch negatives Image die Branche hat. Ich befürchte, dies wird sich auch in Zukunft nicht so schnell ändern.

Und weshalb arbeiten Sie in dieser Branche?
Weil es mir Freude bereitet, jungen Spieler meine Erfahrungen weiterzugeben und ihnen unter die Arme zu greifen. Es gibt Berater, bei denen es gesittet zugeht, für die Moral kein Fremdwort ist. Ich kenne Kollegen, die großartige Arbeit leisten. Leider sind die Negativbeispiele derart extrem, dass man als anständiger Spielerberater gar nicht versuchen braucht, die Branche zu verteidigen.

Wofür steht denn der anständige Spielerberater Jens Nowotny?
Mir ist wichtig, junge Spieler an das harte Geschäft heranzuführen. Ich zeige ihnen mögliche Wege, wie sie es nach oben schaffen können, ohne sich selbst dabei untreu zu werden. Das können auch manchmal Umwege sein. Denn wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Jungs, diese 17- oder 18-Jährigen, noch längst nicht erwachsen sind. Ihr Charakter entwickelt sich noch, ihre Ziele können sich jederzeit ändern.

Auf dem internationalen Markt werden schon Zwölfjährige unter Vertrag genommen. Wie bewerten Sie das?
Es ist ja heutzutage fast normal, dass junge Talente mit professionellen Beratern zu tun haben. Derartiges hat so einige Schattenseiten. Der Markt ist extrem. Das Problem: Geht man bestimmte Wege als Spielerberater nicht mit, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, später in die Röhre zu gucken. Das ist ein Riesenspagat. Ich stelle mir oft Fragen wie: Was ist moralisch vertretbar? Tust Du dem Burschen damit langfristig einen Gefallen? Ergibt es Sinn, diesen Spieler zu beraten? Es geht ja um mehr als die üblichen Karrierefragen.

Um welche Fragen geht es Ihnen denn?
Wir beraten unsere Spieler in unterschiedlichen Bereichen. Beschäftigten wir uns ausschließlich mit der sportlichen Seite, wären wir ignorant und gefährdeten die Entwicklung des Spielers. Wir alle sehen doch immer wieder Talente, die irgendwann daran zerbrechen, dass ihnen zu Beginn ihrer Karriere der falsche Weg empfohlen wurde.

Sie kümmern sich also auch um private Dinge?
Das gehört auch dazu, ja. Schulische Probleme müssen berücksichtigt werden, zudem dürfen Stimmungs- und Leistungsschwanken nicht ausgeblendet werden. Die Kommunikation mit den Jungs muss auf mehreren Ebenen ablaufen, das ist ganz wichtig. Es geht aber auch um profane Dinge wie: Welche Versicherung ist nötig? Gefährlich sind jene Berater, die ständig mit neuen Traumschlössern daherkommen und sich fast ausschließlich Vertragsangelegenheiten sowie der Karriereplanung widmen.

Einige Vereine haben zuletzt Vorverträge mit Kindern abgeschlossen. Ist die Kritik an den jeweiligen Klubverantwortlichen und Beratern nicht gerechtfertigt?
Da ist leider viel Heuchelei im Spiel. Auf der einen Seite werden die Berater attackiert, wenn sie sich mit jungen Talenten zusammensetzen, auf der anderen Seite setzen die Vereine die Messlatte immer höher, sie steigern den Druck stetig. Ganz deutlich: Die Jugendlichen haben oft eine weitaus höhere Arbeitsbelastung als ein durchschnittlicher Fußballprofi. Die Nachwuchsspieler haben einen Wochenplan, der ihnen kaum Luft zum Atmen lässt. Auch diese jungen Spieler brauchen Beratung, sie brauchen im Alltag dringend Hilfestellungen. Es kann doch nicht sein, dass die Vereine immer jüngere Spieler ausbilden, diese Jungs dann aber den Mechanismen des Marktes schutzlos ausgeliefert sind.

Aber die Klubs sprechen doch stets von ihrer Fürsorgepflicht.
Was heutzutage in den U9 und U10-Mannschaften einiger Bundesligavereine los ist, finde ich erschreckend. Viermal in der Woche Training, mitunter über zwei Stunden. Plus Leichtathletik-Training. Plus Mentaltraining. Plus am Wochenende ein Spiel oder Turnier. Zusätzlich die schulische Belastung, die bekanntlich in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen hat. Kurz: Das Anforderungsprofil ist enorm. Wir müssen höllisch aufpassen, unsere Talente nicht zu überfordern.

Apropos: Wie oft ärgern Sie sich über Eltern, die in ihrem Kind den neuen Messi sehen?
Sehr oft! Die Eltern sind häufig ein großes Problem. Einige unterscheiden nicht zwischen Person und Fußballspieler. Eltern sollten eigentlich dafür sorgen, dass ihre Kinder Rückzugsmöglichkeiten haben – Bereiche, in denen der Fußball keine Rolle spielt. Sonst kann das Kind ja nie abschalten! Hieran hapert es leider häufig.

Sie meinen also, die Eltern sollten ihre Kinder eher bremsen?
Nicht unbedingt. Aber in vielen dieser Familien geht es ausschließlich um Fußball. Erfolg im Sport wird gleichgesetzt mit Erfolg im Leben. So etwas ist gefährlich, ich würde sogar sagen: tragisch. Die Jungs sind in der Pubertät, haben vielleicht gerade Probleme in der Schule und bekommen dann auch noch Druck von ihren Eltern, weil sie am Wochenende zwei hundertprozentige Torchancen vergeben haben. Nach dem Motto »Wir stellen alles hinten an, um unserem Jungen zu ermöglichen, Fußballprofi zu werden.« Das ist eine Aussage, die gen Wahnsinn driftet. Denn wir wissen doch alle: Fast jeder Junge möchte Fußballer werden. Wenn die Eltern unreflektiert auf diesen Zug aufspringen, machen sie einen Fehler. Professioneller Fußball ist nämlich nicht nur Spaß.

Sie sprechen aus eigener Erfahrung…
Klar! Ich hatte damals im Jugendbereich Mitspieler, die besser waren als ich, Spieler mit einem Riesenpotenzial. Leider sind sie an einem bestimmten Punkt gescheitert. Die Eltern hatten daran einen großen Anteil. Derartige Fälle gibt es mittlerweile häufiger. Meine These: Es gibt heutzutage in jeder ambitionierten Jugendmannschaft zwei talentierte Spieler, die es aufgrund des Verhaltens ihrer Eltern nicht nach oben schaffen. Das sollte uns allen zu denken geben.

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