Jens Nowotny im Interview

»Gemeinsam in der Pflicht«

Jens Nowotny im Interviewdfc.de

Herr Nowotny, dass über Sie abgestimmt wurde, war Ihre eigene Idee. Ziemlich riskant, oder?

Das war für mich selbstverständlich. Wenn wir es anders gemacht hätten, hätten wir unsere Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. Es war sicher nicht ungefährlich. Aber die Abstimmung war für die Legitimation unserer Arbeit nötig.

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Wie waren ihre ersten Tage als sportlicher Berater?

Ich musste mir zuerst einen Überblick verschaffen. Deshalb habe ich versucht, die Stimmung der Mitglieder aufzusaugen, indem ich mir Online-Abstimmungen und Einträge in den Blogs angeschaut. Mich hat interessiert, ob die kritischen Einträge auch überlegte Anregungen beinhalten oder ob ich viel Populistisches finden würde. Gefunden habe ich sowohl Konstruktives wie Destruktives, wobei Ersteres erfreulicherweise überwog.

Wie wird ihr Alltag aussehen, wenn die Anfangszeit vorbei ist?

Das kann man jetzt noch nicht sagen. Derzeit bin ich ein- bis zweimal in der Woche in Köln. Dazu schaue ich täglich morgens, mittags und abends die Einträge der Fans im Forum an. Hier – also in der Betreuung der Mitglieder – liegt mein Schwerpunkt. Dafür favorisiere ich den persönlichen Weg: Wenn ich eine interessante Anmerkung lese, wende ich mich direkt an das Mitglied. So kann man im kleinen Kreis klären, welche Möglichkeiten ein Vorschlag bringen kann, wo er Lücken aufweist oder ob vielleicht sogar eine Abstimmung Sinn macht.

Können die Mitglieder des DFC auch den umgekehrten Weg gehen und sie persönlich anschreiben?

Dafür bin ich hier. Ich bin unter www.deinfussballclub.de mit Benutzernamen angemeldet, wie alle anderen auch. Wenn jemand ein Anliegen hat, kann er sich an mich wenden.

Sie haben in einem ihrer ersten Einträge im Forum des DFC darum gebeten, bei Kritik nicht persönlich zu werden. Was meinten sie damit?

Ich kenne das Geschäft. In einer erfolglosen Phase passiert es schnell, dass Kritik und böse Worte oft nicht voneinander getrennt werden. Es geht mir darum, vor allem Spieler und Trainer zu schützen. Mit einer persönlichen Beleidigung greift man den Menschen direkt an. Das darf im Forum keinen Platz haben. Wir sind davon überzeugt, dass das ganze Team tagtäglich versucht, das Beste für die Fortuna und den DFC herauszuholen. Dass es schlechte Tage gibt, ist menschlich.

Das heißt, es ging Ihnen bei der Aussage gar nicht so sehr um sich selbst?

(überrascht) Nein, gar nicht. Wenn mich einer beleidigt, werde ich die passende Antwort finden, da können Sie sicher sein.

Kennen Sie schon alle drei Torhüter der Fortuna?

Ganz ehrlich, nein. Ich führe derzeit intensive Gespräche mit Dirk Stoeveken und Burkhard Mathiak (Geschäftsführer und Pressesprecher des DFC, d.Red.). Die Beiden bringen mich auf verschiedenen Gebieten auf den neuesten Stand. Wir suchen gemeinsam nach den Punkten, an denen unsere Zusammenarbeit ansetzen kann.

Mit der Mannschaft beschäftigen Sie sich also noch nicht?

Wir müssen logisch vorgehen: Zuerst kommen Gespräche mit den Verantwortlichen, wir müssen uns als Erstes austauschen. Ich wollte schon das Spiel gegen Essen sehen. Das ist dann aber dem schlechten Wetter zum Opfer gefallen. Gegen Herne hatte ich jetzt keine Zeit. Aber wir haben diese Woche ein Freundschaftsspiel gegen Bergisch Gladbach. Da werde ich vorbeischauen. Wenn meine Arbeit aber perspektivisch Sinn machen soll, kann es nicht nur darum gehen, die erste Mannschaft zu beobachten. Auch die Jugendmannschaften tragen zum Erfolg des Vereins bei.

Was halten alte Fußballer-Kollegen von Ihrer Arbeit bei der Fortuna?

Die meisten finden die Sache interessant und nehmen das Projekt sehr ernst. Es wird als spannend wahrgenommen, aber auch als gefährlich.

Wo liegen diese Gefahren?

Vor allem der persönliche Bereich birgt Risiken. Ich bin der Vertreter der Online-Entscheidungen gegenüber dem DFC-Team. Diese Entscheidungen kommen demokratisch zu Stande. Dennoch wird es in der Gemeinschaft viele geben, die überstimmt werden und daher enttäuscht sind. Hier muss man dem Frust durch transparentes und ehrliches Arbeiten vorbeugen.

Was passiert, wenn die Community eine Meinung vertritt, die Sie persönlich als falsch empfinden?

Als sportlicher Berater und Vertreter der vielen Co-Trainer und Manager werde ich die Meinung der demokratischen Mehrheit respektieren und sie gegenüber dem Trainerteam vertreten. Auch wenn ich selbst zuvor anderer Meinung gewesen sein sollte.

Wie schätzen sie Trainer Matthias Mink ein?

Ich habe mich schon vor der Abstimmung über mein Amt mit ihm getroffen. Das war mir sehr wichtig. Ich habe ihm gesagt, dass ich größte Hochachtung vor seiner Arbeit habe. Dass er diese neue Situation mit vielen Co-Trainern annimmt, verdient allergrößten Respekt. Das gibt es in Deutschland kein zweites Mal.

Warum haben Sie für sich das Traineramt derart kategorisch ausgeschlossen?

Das ist für mich zu zeitaufwendig. Ich war lange im Geschäft, kenne es genau. Fußballer sind nicht einfach zu führen. Das ist manchmal schlimmer als in einem Kindergarten.

Am 12. Januar zieht der DFC den Mitgliedsbeitrag von 39,95 Euro von den bisher knapp über 11000 Mitgliedern ein. 30 Euro eines jeden Mitglieds kommen direkt der Fortuna zugute. Kapital genug, um sich zu verstärken.

Wir sichten natürlich jetzt schon potentielle Verstärkungen. Aber wir sind sehr bedacht darauf, den richtigen Weg zu gehen. Das heißt, dass unsere Community über jeden einzelnen Spielertransfer bestimmt. Das ist ein Versprechen. Wenn wir uns hier einen Fehler erlauben, leidet unsere Glaubwürdigkeit. Die Reihenfolge ist daher folgende: Wir sichten Spieler und klären mit ihnen, ob sie über sich abstimmen werden lassen. Erst dann werden wir die Namen veröffentlichen.

Es wird sicher Spieler geben, denen diese Abstimmung zu heikel ist.


Solche Fälle wird es geben, und das kann ich auch nachvollziehen. Aber bis jetzt hat noch keiner abgesagt. Und man muss es auch positiv sehen: Wenn sich mehr als 10000 Menschen für einen Spieler entscheiden, ist das auch ein Vertrauensbeweis. Die Community steht dann in der Pflicht: Der Kauf des Spielers wurde gutgeheißen, so wird es ihm nicht an Unterstützung mangeln.

Es ist oft davon die Rede, dass Sie neben ihrer Erfahrung auch viele gute Kontakte innerhalb der Fußballwelt mit zur Fortuna bringen. Wie können Ihre neuen Kollegen profitieren?

Das wird man sehen. Auch Burkhard Mathiak ist schon länger im Geschäft, hat einen guten Draht zu verschiedenen Stellen. Das Besondere bei uns ist die Transparenz. Jeder kann – online – nachvollziehen, was unsere Mitarbeiter machen. Wenn einer bei einem Bundesligaverein hospitiert, können die DFC-Mitglieder bereits kurz danach im Forum nachlesen, was er oder sie dort gelernt hat.

Wie viel Zeit braucht die Fortuna, um wieder zu altem Glanz zurückzufinden?

Ich bin ein großer Freund von Nachhaltigkeit. Es bringt nichts, jetzt zu sagen: »Wenn wir uns im Januar verstärken, müssen wir aufsteigen.« Sicher werden wir versuchen, unsere Chance zu nutzen. Aber was ist, wenn einer der Transfers nicht einschlägt oder ein Spieler eine gewisse Eingewöhnungszeit braucht? Lieber arbeiten wir mit Substanz als mit vorschnellen und nicht zu erfüllenden Versprechen.

Das heißt, es geht diese Saison noch nicht um den Regionalliga-Aufstieg?

Ich wäre damit zufrieden, wenn wir uns in der Aufstiegssaison im oberen Drittel der NRW-Liga stabilisieren. Nächste Runde greifen wir an.

Wo steht die Fortuna 2015?


(überlegt) Im bezahlten Fußball, also mindestens in der 3. Liga. Das Phänomen »Fortuna« ist, dass der Verein trotz der vielen Abstiege immer noch deutschlandweit bekannt ist und geschätzt wird. Wir haben viele Co-Trainer und Manager aus ganz Deutschland. Sie alle können jetzt ihren Sachverstand beweisen. Wir stehen gemeinsam in der Pflicht.

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