10.10.2007

Jens Nowotny im Interview

»... und alles ist verteufelt«

Mit Jens Nowotnys Abschiedsspiel endete eine Karriere voller Licht und Schatten. Wir blicken mit ihm zurück: Auf vier Kreuzbandrisse, den Albtraum eines Sommers – und wie er beinah mit Christoph Daum nach Timbuktu gegangen wäre.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Jens Nowotny im Interview
Herr Nowotny, was ist Ihre früheste Erinnerung an den Fußball?

Oh, das ist schwer! (überlegt) So richtig greifbar ist, dass ich bei der Kreisauswahl für Vierzehnjährige nicht mitmachen durfte, weil ich mit zwölf Jahren noch zu jung war. Dabei war ich mindestens genauso gut gewesen wie die Älteren!

Den Mut haben Sie offenbar trotzdem nicht verloren.

Keineswegs.



Sind Sie den Trainern dankbar, die Sie gefördert haben, etwa beim SV Spielberg oder später bei Germania Friedrichstal?

Sagen wir so: Ich empfinde realistische Dankbarkeit. Denn andere sind genauso gefördert worden wie ich und haben es trotzdem nicht gepackt. Dankbar bin ich auch meinem Vater, der mich zu jedem Training gefahren hat, der mir ein Leben für den Fußball erst ermöglicht hat.

Ein Leben für den Fußball – da ist es ein bisschen verwunderlich, dass Ihre früheste Erinnerung noch gar nicht so lang zurückliegt.

Alles, was ich über die Zeit davor weiß, beruht auf Erzählungen meiner Eltern. Selbst kann ich mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Es war irgendwie alles Fußball. Wenn Sie mich nach dem ersten Erlebnis fragen, dass mich wirklich geprägt hat, dann muss ich sagen: Die Begegnung mit Wolfgang Rolff beim KSC.

Was war an dieser Begegnung so prägend?

Wolfgang Rolff war der Mannschaftsspieler schlechthin. Er hat mir beigebracht, was ich als Individualsportler nie gelernt hätte: Respekt und Vertrauen. Dass andere auch Fehler machen dürfen – und man sich trotzdem auf sie verlassen kann.

War Rolff mit dieser Einstellung eine Ausnahmeerscheinung?


Oh ja. Es gibt in der Gesellschaft und erst recht im Fußball-Geschäft viele, die hohe Maßstäbe an andere anlegen, diese aber selbst nicht erfüllen können.

Ab welchem Zeitpunkt mussten Sie Ihr Leben ganz unter das Zeichen des Sports stellen, bewusst und diszipliniert leben?

Da gab es keinen besonderen Zeitpunkt. Ich wollte Fußballer sein. Was andere Disziplin nennen, war für mich immer Spaß. Daraus habe ich eine Art natürliche Disziplin entwickelt, zu der ich mich nicht zwingen musste. Darüber verfüge ich auch jetzt, nach meiner Fußballkarriere, noch. Ich kann Dinge zielorientiert angehen. Das verdanke ich dem Sport.

Sie haben sich einmal an Jugendliche gewandt und ihnen geraten, keinen Alkohol zu trinken. Einer meiner Kollegen hörte ihre Ansprache und hat seitdem keinen Tropfen angerührt. Sind Sie selbst standhaft geblieben?

Ja! Ich habe es durchgezogen, keinen Alkohol zu mir genommen. Aber damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich verbiete niemandem, einen Schluck zu trinken. Es kommt nur auf das Maß an. Wenn das nicht stimmt, kann man schnell den Bach runter gehen. Dafür hat es auch im Fußball schon genug Beispiele gegeben.

Während ihre Altersgenossen Partys feierten, hatten Sie Begegnungen der Dritten Art: 1991 saß Winnie Schäfer bei Ihnen auf dem Sofa. Er wollte Sie zum KSC holen.

(lacht) Ja, den kannte ich nur aus der Sportschau! Es war ein komisches Gefühl, aber nervös war ich nicht. Ich wusste ja spätestens, seitdem ich in der Jugendnationalmannschaft spielte, dass ich beobachtet wurde. Auch Leverkusen und Bochum waren an mir interessiert. Doch Winnie Schäfer musste recht wenig tun, um mich zum KSC zu holen. Ich wollte gern in der Region bleiben, um mein Leben nicht auf einen Schlag komplett verändern zu müssen. Ich habe dann auch weiterhin bei meinen Eltern gewohnt.

Sie waren siebzehn Jahre alt. In der Mannschaft standen einige alte Recken. Wie haben diese Männer Sie aufs Bundesliga-Geschäft geeicht?

Ich wurde sofort in die Mannschaft integriert. Spieler wie Arno Glesius, Wolfgang Trapp oder Reiner Schütterle haben eine tolle Kameradschaft gehabt – ideal für einen jungen Spieler wie mich damals.

Auch ein ganz Junger war im Kader: Mehmet Scholl. Hat Sie der Rummel, der schon damals um ihn gemacht wurde, geängstigt?

Nein. Ich hatte immer das Glück, mit Spielern in einer Mannschaft zu spielen, die wesentlich mehr polarisierten und im Licht der Öffentlichkeit standen.

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