Jens Nowotny im Interview

»... und alles ist verteufelt«

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Herr Nowotny, was ist Ihre früheste Erinnerung an den Fußball?

Oh, das ist schwer! (überlegt) So richtig greifbar ist, dass ich bei der Kreisauswahl für Vierzehnjährige nicht mitmachen durfte, weil ich mit zwölf Jahren noch zu jung war. Dabei war ich mindestens genauso gut gewesen wie die Älteren!

Den Mut haben Sie offenbar trotzdem nicht verloren.

Keineswegs.

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Sind Sie den Trainern dankbar, die Sie gefördert haben, etwa beim SV Spielberg oder später bei Germania Friedrichstal?

Sagen wir so: Ich empfinde realistische Dankbarkeit. Denn andere sind genauso gefördert worden wie ich und haben es trotzdem nicht gepackt. Dankbar bin ich auch meinem Vater, der mich zu jedem Training gefahren hat, der mir ein Leben für den Fußball erst ermöglicht hat.

Ein Leben für den Fußball – da ist es ein bisschen verwunderlich, dass Ihre früheste Erinnerung noch gar nicht so lang zurückliegt.

Alles, was ich über die Zeit davor weiß, beruht auf Erzählungen meiner Eltern. Selbst kann ich mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Es war irgendwie alles Fußball. Wenn Sie mich nach dem ersten Erlebnis fragen, dass mich wirklich geprägt hat, dann muss ich sagen: Die Begegnung mit Wolfgang Rolff beim KSC.

Was war an dieser Begegnung so prägend?

Wolfgang Rolff war der Mannschaftsspieler schlechthin. Er hat mir beigebracht, was ich als Individualsportler nie gelernt hätte: Respekt und Vertrauen. Dass andere auch Fehler machen dürfen – und man sich trotzdem auf sie verlassen kann.

War Rolff mit dieser Einstellung eine Ausnahmeerscheinung?


Oh ja. Es gibt in der Gesellschaft und erst recht im Fußball-Geschäft viele, die hohe Maßstäbe an andere anlegen, diese aber selbst nicht erfüllen können.

Ab welchem Zeitpunkt mussten Sie Ihr Leben ganz unter das Zeichen des Sports stellen, bewusst und diszipliniert leben?

Da gab es keinen besonderen Zeitpunkt. Ich wollte Fußballer sein. Was andere Disziplin nennen, war für mich immer Spaß. Daraus habe ich eine Art natürliche Disziplin entwickelt, zu der ich mich nicht zwingen musste. Darüber verfüge ich auch jetzt, nach meiner Fußballkarriere, noch. Ich kann Dinge zielorientiert angehen. Das verdanke ich dem Sport.

Sie haben sich einmal an Jugendliche gewandt und ihnen geraten, keinen Alkohol zu trinken. Einer meiner Kollegen hörte ihre Ansprache und hat seitdem keinen Tropfen angerührt. Sind Sie selbst standhaft geblieben?

Ja! Ich habe es durchgezogen, keinen Alkohol zu mir genommen. Aber damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich verbiete niemandem, einen Schluck zu trinken. Es kommt nur auf das Maß an. Wenn das nicht stimmt, kann man schnell den Bach runter gehen. Dafür hat es auch im Fußball schon genug Beispiele gegeben.

Während ihre Altersgenossen Partys feierten, hatten Sie Begegnungen der Dritten Art: 1991 saß Winnie Schäfer bei Ihnen auf dem Sofa. Er wollte Sie zum KSC holen.

(lacht) Ja, den kannte ich nur aus der Sportschau! Es war ein komisches Gefühl, aber nervös war ich nicht. Ich wusste ja spätestens, seitdem ich in der Jugendnationalmannschaft spielte, dass ich beobachtet wurde. Auch Leverkusen und Bochum waren an mir interessiert. Doch Winnie Schäfer musste recht wenig tun, um mich zum KSC zu holen. Ich wollte gern in der Region bleiben, um mein Leben nicht auf einen Schlag komplett verändern zu müssen. Ich habe dann auch weiterhin bei meinen Eltern gewohnt.

Sie waren siebzehn Jahre alt. In der Mannschaft standen einige alte Recken. Wie haben diese Männer Sie aufs Bundesliga-Geschäft geeicht?

Ich wurde sofort in die Mannschaft integriert. Spieler wie Arno Glesius, Wolfgang Trapp oder Reiner Schütterle haben eine tolle Kameradschaft gehabt – ideal für einen jungen Spieler wie mich damals.

Auch ein ganz Junger war im Kader: Mehmet Scholl. Hat Sie der Rummel, der schon damals um ihn gemacht wurde, geängstigt?

Nein. Ich hatte immer das Glück, mit Spielern in einer Mannschaft zu spielen, die wesentlich mehr polarisierten und im Licht der Öffentlichkeit standen.

Gleich zu Beginn Ihrer Karlsruher Zeit rückten Sie unfreiwillig aus dem Fokus der Öffentlichkeit: Sie erlitten den ersten Kreuzbandriss. War damals Ihre Karriere in Gefahr?

In meinen Augen nicht, nach Meinung der Ärzte schon. Bei einem Jugendspiel in St. Petersburg war ich im gegnerischen Strafraum rumgegeistert und hatte sogar ein Tor geschossen. Zu meinem Unglück ist der Torwart auf meinen Unterschenkel gefallen und hat mein Bein nach hinten durchgedrückt. Ich habe jedoch schon am nächsten Tag wieder Treppenläufe gemacht. Erst zu Hause in Karlsruhe wurde festgestellt: Das hintere Kreuzband war gerissen – und das zu reparieren ist ja ein komplizierteres Unterfangen

Haben Sie damals darüber nachgedacht, wie abhängig sie vom Funktionieren Ihres Körpers sind?

Nein. Ich hatte nie Zweifel an meinem Körper. Das wäre auch eine Hypothek gewesen, die ich mit mir hätte rumschleppen müssen. So was kriegt man so schnell nicht mehr aus dem Kopf.

Wenig später sind Sie wegen dieses Kreuzbandrisses bei der Tauglichkeitsprüfung zum Wehrdienst ausgemustert worden. Glück gehabt!

Kann man so sagen. Es war so: Ich war Profisportler, und wenn mir im Wehrdienst noch mal das Kreuzband gerissen wäre, hätte der Bund einen riesigen Schadenersatz zahlen müssen. Ich denke, das war denen zu riskant.

Wegen eines Mittelfußbruchs verpassten Sie auch das wohl größte Spiel der Karlsruher Vereinsgeschichte: Das 7:0 gegen den FC Valencia. Bestand in dieser legendären UEFA-Cup-Saison die Hoffnung, zu einer neuen Großmacht zu werden?

Es gab ja sogar diese Pressekonferenz, auf der es hieß: »Der KSC ist auf dem Weg ins Jahr 2000«. Doch statt in die Mannschaft zu investieren, hat man das Stadion ausgebaut. Es ist immer so: Im Erfolg macht man die größten die Fehler. Zum Glück hat man daraus gelernt. Es freut mich zu sehen, dass derzeit beim KSC etwas Neues entsteht.

1996 gingen Sie zu Bayer Leverkusen. Fiel es Ihnen schwer, Ihre Heimatregion zu verlassen?

Es war schade, aber es war die logische Konsequenz. Auch in Leverkusen stimmte das Umfeld, und dort konnte ich mich weiterentwickeln. Beim KSC wäre das nicht möglich gewesen.

Sie sind nicht nur vom KSC zu Bayer gewechselt, sondern auch von einem Fußballverrückten zum anderen – von Winnie Schäfer zu Christoph Daum. Was hat Daum Ihnen über den Fußball beigebracht?

Dass Fußball nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit dem Geist gespielt wird. Und diese mentalen Techniken kann ich auch im Privaten anwenden. In Karlsruhe bin ich aufgewachsen, in Leverkusen bin ich erwachsen geworden.

Zum Erwachsenwerden gehören Schicksalsschläge. Das Jahr 2000 wurde zum Albtraumjahr: Unterhaching, EM in den Niederlanden und Belgien, der Kokain-Skandal um Daum.

Mit Abstand sehe ich dieses Jahr gelassener. Klar: Nach dem 1:2 in Unterhaching und der verspielten Meisterschaft ist die Mannschaft in ein Loch gefallen. Mir hat es geholfen, drei Stunden danach mit dem Reiner Calmund zusammen ins »Aktuelle Sportstudio« zu fahren und mich der Kritik zu stellen.

Und die EM, bei der die deutsche Nationalmannschaft schon in der Vorrunde ausschied?


Das Turnier war ein Fiasko, sicherlich. Aber auch das gab es ein Ereignis, das mich aufgepäppelt hat: Nach dem 1:1 gegen Rumänien kam der Boris Becker zu uns in die Kabine und hat gesagt: »Ohne dich hätten wir heute ganz glatt verloren!«

Aber dass Christoph Daum Kokain konsumiert hatte, werden Sie nicht so leicht weggesteckt haben.

Natürlich war das, was er getan hat, nicht in Ordnung. Aber ich habe immer gesagt: Er hat niemandem geschadet, und er hat seine Arbeit hervorragend gemacht.

Klingt nach Nibelungentreue.

Wenn Christoph Daum gesagt hätte: »Ich gehe nach Timbuktu«, dann wäre ich mitgegangen.

Ihre Treue ist etwas verwunderlich. Sie leben asketisch und verschmähen Alkohol. Und da ist der Kokainkonsum Ihres Trainers so spurlos an Ihnen vorübergegangen?


Es gibt ein tolles Lied von den »Höhnern«, das heißt »Leben und leben lassen«. Oder wie es in der Bibel steht: »Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein«. Genauso sehe ich es: Was habe ich das Recht, andere zu kritisieren?

Lassen wir das so stehen, und kommen wir zu einem anderen viel gerügten Trainer: Erich Ribbeck, der die Nationalmannschaft während der desaströsen EM 2000 betreute. War er tatsächlich so inkompetent, wie viele meinen?

Nein, er hatte ja als Vereinstrainer seine Erfolge. Vielleicht war in der Nationalmannschaft die Konstellation zwischen Ribbeck und Uli Stielike nicht ideal. Außerdem waren wir keine Mannschaft, die dort auf dem Platz stand – insgesamt kein guter Jahrgang, und dann passten wir auch überhaupt nicht zusammen. So kam Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen zusammen und ergab am Ende dieses Fiaskobild.

War Lothar Matthäus eines dieser Mosaiksteinchen?

Es war Ribbecks Entscheidung, ihn mitzunehmen. Ob das den Ausschlag zum Schlechten gegeben hat, ist hypothetisch zu sagen. Nur soviel: Obwohl wir Konkurrenten waren, hatten wir ein gutes Verhältnis, haben locker miteinander geredet – wobei ich wesentlich öfter zugehört habe (lacht).

Haben Sie nach diesem verkorksten Jahr 2000 gedacht: »Schlimmer kann es jetzt nicht mehr kommen«?

Es kann immer noch schlimmer kommen, das weiß man ja.

Tatsächlich: das Jahr 2002. Bayer Leverkusen verspielte drei Titel. Und im Saisonfinale konnten Sie nur zuschauen, weil Sie sich Ihren zweiten Kreuzbandriss zugezogen hatten.

Das Schlimmste für mich war, dass die Leute immer gesagt haben: »Mit dir wäre das nicht passiert.« Was bringt mir das? Was bringt der Mannschaft das? Ich konnte der Mannschaft nicht helfen. Jetzt, mit fünf Jahren Abstand, kann ich sagen: Das Saisonfinale 2002 war das Faszinierendste, was ich im Fußball je gesehen habe.

Teilen Sie etwa die Ansicht Ihres damaligen Trainers Klaus Toppmöller, dass Titel nicht so wichtig sind wie schöne Spiele?

Es ist ja das Schizophrene am Fußball: Du spielst 60 Spiele auf einem absoluten Top-Niveau, Fußball wie vom anderen Stern. Dann hast Du in den drei letzten Spielen einen Blackout – und alles ist verteufelt. Auf der anderen Seite kannst du auf Platz 16 eine Saison durchkrebsen, und im letzten Spiel springst du von der Schippe – »Hurrah!«, jeder feiert dich. Ich kann also den Klaus Toppmöller durchaus verstehen. Auch wenn die Verantwortlichen bei Bayer bestimmt die Hände überm Kopf zusammengeschlagen hätten, wenn ihnen damals eine derartige Aussage zu Ohren gekommen wäre.

Bei Ihrem Comebackversuch Anfang 2003 riss das Kreuzband erneut und 2005 noch einmal. Werden Schmerz und Reha irgendwann zur Routine?


Ja, schon beim zweiten Kreuzbandriss. Da kommt – mit Hilfe der Ärzte und aller anderen – eine solche Routine hinein, dass im Kopf gar keine Wunderdinge passieren müssen, um sich wieder heranzukämpfen.

Sind Sie jemals dahinter gestiegen, warum Sie sich viermal das Kreuzband rissen? War es falsches Training, Veranlagung oder schlichtweg Pech?


Ich könnte mir vorstellen, dass ich meinen Körper überreizt habe. Ich habe zu spät auf ihn gehört. Ich muss heute damit leben, dass irgendwann Spätschäden auftauchen werden.

Nach ihrem letzten Kreuzbandriss sagten Sie: „Dann hänge ich die Zeit eben hintendran und spiele bis 41!“ Haben Sie das tatsächlich geglaubt?

Nein. Dazu war ich nun wirklich zu oft verletzt.

In der folgenden Verletzungszeit verklagten Sie Bayer Leverkusen auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Was entgegnen Sie den Kritikern, die Ihnen damals Geldversessenheit vorwarfen?

Sagen wir so: Mit diesen Kritikern würde ich mich gern einmal unter vier Augen unterhalten.

Was würden Sie sagen?


Die Wahrheit.

Heißt das, dass die Gegenseite die Unwahrheit in Umlauf gebracht hat?


Die Konstellation war denkbar ungünstig. Auf der einen Seite stand ich, auf der anderen Seite der ganze Bayer-Konzern. Am Ende hatte ich meinen Ruf weg. Aber ich frage Sie: Ist jemand, der in ein Sterne-Lokal geht, weil er es sich leisten kann, protzig?

Ansichtssache. War Ihnen denn klar wie die Klage bei Ihren Fans ankommen würde?

Ich habe mich in dieser Phase im Recht gefühlt. Klar ist, dass so was immer schlecht rüberkommt. Sagen wir so: Ich bin durchs Stahlbad gegangen.

Nach zehn Jahren verließen Sie 2006 Leverkusen. Hatten Sie sich inzwischen wieder ausgesöhnt?


Wir haben uns professionell verabschiedet.

Welche Rolle spielten Sie im WM-Kader 2006. Waren Sie auch ein väterlicher Freund für die Jüngeren, als der Oliver Kahn gesehen wurde?

Kurz gesagt: Ich habe den Mund gehalten und den Mannschaftserfolg über den persönlichen Erfolg gestellt.

Beim Spiel um Platz drei kamen Sie noch einmal zum Einsatz? Hat Sie das für all die verpassten Spiele entschädigt?

Ich hatte leider keine Vorfreude auf dieses Spiel, weil ich kurzfristig zum Einsatz kam. Aber als ich nach dem Spiel mit dem Bernd Schneider zusammen auslief und langsam das Flutlicht ausging, da konnte ich diese tolle Atmosphäre schon in mich aufsaugen.

Danach gingen Sie zu Dynamo Zagreb, machten verletzungsbedingt jedoch nur zehn Spiele. Denken Sie im Nachhinein: Das hätte ich mir auch sparen können?

Nein. Es gibt zwar schönere Gegenden als Kroatien und speziell Zagreb. Aber dennoch war es eine tolle Erfahrung, sowohl sportlich als auch familiär, die ich nicht missen möchte.

Zagreb war die letzte Station. Wenn Sie Ihre Karriere mit Ihren Wünschen als Jugendlicher vergleichen: Wo sind Sie enttäuscht, wo positiv überrascht worden?


Ich bin sowohl positiv als auch negativ vom Publikum überrascht worden. Positiv davon, wie die Fans Leistung honorieren. Negativ von der Tatsache, dass wenn einer in eine Kerbe schlägt, alle anderen sofort nachschlagen. Außerdem muss ich ganz allgemein sagen: Der Fußball ist ein Geschäft. Und er wird immer mehr zum Geschäft.

Am 8. Oktober fand Ihr Abschiedsspiel statt, zu dem Sie viele Wegbegleiter einluden. Gibt es in diesem Fußballgeschäft tatsächlich Freundschaften?


Ich habe Freunde aus meiner Kindheit, mit denen mich vieles verbindet. Mit meinen ehemaligen Mitspielern verbindet mich nur der Fußball. Trotzdem freuen wir über jedes Wiedersehen und haben ein herzliches Verhältnis zueinander.

Werden wir sie eines Tages als Trainer wiedersehen?

Das ist fast ausgeschlossen.

Wenn doch: Welchen Verein würden Sie gern übernehmen?

Den FC Bayern. Aber nur solang, wie Uli Hoeneß dort für Recht und Ordnung sorgt (lacht).

Was würden Sie dann einem jungen Jens Nowotny, der neu in Ihre Mannschaft kommt, raten?

Bleib dir treu. Und stelle Arbeit über Talent.

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Der Albtraum eines Sommers – Als Bayer Leverkusen alles verspielte www.11freunde.de/geschichtsstunde/102637



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