Jens Lehmann im Interview

„Ich will so nicht aufhören“

Zu Saisonbeginn fragte sich Jens Lehmann nach dem Sinn, noch weiterzumachen. Er hat sich bei Arsenal gelangweilt - und verlor prompt seinen Stammplatz. Für einen vorzeitigen Vereinswechsel bleibt ihm jetzt nur noch eine Woche Zeit. Imago

Sie kämpfen derzeit hart um Ihren Stammplatz beim FC Arsenal. Woher nehmen Sie noch diesen Ehrgeiz im fortgeschrittenen Fußballeralter von 38 Jahren?

Das kommt wahrscheinlich aus den vielen Niederlagen, die ich in meiner Laufbahn einstecken musste. Niederlagen und Enttäuschungen - wie gerade jetzt wieder. Ich will so nicht aufhören.

Sie sind doch in Deutschland schon längst ein Held, ein Held der wunderbaren WM im eigenen Land.

Aber der Ehrgeiz kommt von den Niederlagen her. Die WM war schön, aber letzten Endes haben wir da auch nicht gewonnen. Außerdem hatte ich vorher auch ein Fußballerleben mit Höhen und Tiefen.

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Was waren besondere Tiefpunkte für Sie?

Der erste kam schon mit 19, als wir mit Schalke aufsteigen wollten und gescheitert sind. Da habe ich gelernt, dass ich mehr tun muss, um das im nächsten Jahr zu schaffen. Das haben wir dann geschafft. Doch dann habe ich mich schwer am Knie verletzt und stand kurz vor der Entscheidung, etwas anderes machen zu müssen als Fußball. Die Ärzte haben mich geheilt, mir aber schon damals gesagt, dass ich immer etwas für meinen Körper tun muss. Seitdem mache ich immer ein paar Stunden extra Training. Ja und dann kam dieses Spiel in Leverkusen mit den drei Gegentoren in der ersten Halbzeit.

Das war das berühmte Straßenbahnspiel, Sie sind in der Pause ausgewechselt worden und dann mit der Straßenbahn nach Hause gefahren.

Die Straßenbahn war noch das Angenehme. (lacht) Aber was davor und danach kam, das war weniger angenehm. Ich habe dann mehrere Spiele auf der Bank gesessen. Und 1996 werde ich erst zum besten Torwart der Bundesliga gewählt und dann nimmt mich Berti Vogts nicht mit zur EM, weil er denkt, wenn ich ihn mitnehme, dann will er nachher noch spielen. Dabei wäre ich schon froh gewesen, nur dabei zu sein.

Sie galten schon damals als zorniger junger Mann, der mit der Rolle des Ersatzmanns nicht zufrieden ist …

Durch die Medien kam von mir das Bild rüber, dass ich superehrgeizig bin. Bei Frauen würde man wohl stutenbissig sagen. Aber daran ist vieles übertrieben. Berti Vogts konnte sich ja zwei Jahre später selbst ein Bild machen, als er mich mitgenommen hat zur WM. Da habe ich mich ja normal verhalten. Andreas Köpke hat gespielt und ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihm. Trotz allem, 1996 war eine Niederlage. Und ich habe ja auch nach 1998 noch sehr lange gebraucht, um die Nummer eins zu werden.

Umso mehr wundert mich, dass Sie die WM so nüchtern sehen. Sie waren endlich die Nummer eins und gehen als Elfmeterheld in die Geschichte ein. Die Menschen haben die Mannschaft und ihr Land gefeiert.

Das bleibt auf jeden Fall. Und es ist wunderbar, die Leute glücklich zu machen. Aber dass wir nicht Weltmeister geworden sind, das war nun einmal eine Enttäuschung. Aber diese Enttäuschung stachelt meinen Ehrgeiz mit Blick auf die EM an. Die EM ist mein Ziel. Ich habe gemerkt, dass ich immer noch auf dem höchsten Niveau spielen kann. Ich habe festgestellt: Je größer der Druck ist, umso besser spiele ich. Wie soll ich das am Besten ausdrücken? Wenn ich 100 % spiele, kann ich ein perfektes Spiel machen. Ich glaube, das unterscheidet mich immer noch von den meisten anderen Torhütern.

Lagen die beiden Fehler, die Ihnen zu Beginn dieser Saison bei Arsenal unterliefen, dann gerade daran, dass es noch nicht um allzu viel ging?

Vielleicht habe ich mich zu dem Zeitpunkt tatsächlich ein bisschen gelangweilt. Ich habe zwei Jahre auf höchstem Niveau gespielt und fast keine Fehler gemacht. Ich weiß um den Aufwand, den ich dafür getrieben habe. Irgendwann braucht man eine Verschnaufpause. Das ist nur menschlich. Ich habe mich wirklich vor Beginn dieser Saison nach dem Sinn gefragt, noch weiterzumachen. Diese Saison war für mich dann auf ein einziges Spiel ausgerichtet: das letzte Spiel der Saison.

Sie meinen das EM-Finale.

Nein, ich spreche jetzt vom Vereinsfußball.

Hier in England? Das FA-Cup-Finale? Ist es Ihnen so wichtig, mal bei diesem legendären Pokalendspiel in Wembley dabei zu sein?

Nein, was kommt noch nach dem FA-Cup? Das Champions-League-Finale. Wegen dieses Spiels bin ich hier geblieben.

Auch da gilt es, etwas gutzumachen. Sie standen mit Arsenal 2006 im Finale. Sie wurden vom Platz gestellt, Arsenal verlor 1:2 gegen den FC Barcelona.

Ja. Nur langsam frage ich mich, ob ein weiteres Champions-League-Finale überhaupt noch drin ist für mich.

Sie spielen auf einen möglichen Vereinswechsel an wegen Ihrer Rolle als zweiter Mann.

Nicht nur, das wäre nicht der einzige Grund. Aber bei einem möglichen Vereinswechsel müsste ich so Anfang Januar spätestens eine Entscheidung treffen. Also in … (zeigt auf die Datumsanzeige seiner Uhr) in gut einer Woche.

Suchen Sie aktiv?

Nein.

Sie sondieren Angebote?

Ja (längere Pause) ja. Ich habe mir was angehört. Ich kann da im Moment aber noch nichts Konkretes zu sagen.

Käme Manchester City in Frage?

Vielleicht, aber ich habe da mit niemandem gesprochen.

Und Wolfsburg. Hat von dort jemand mit Ihnen gesprochen?

Da hat wohl mal jemand angerufen bei Arsene Wenger. Mein Anwalt hat auch mal mit Leuten gesprochen, aber ich kann jetzt nicht sagen, von welchem Verein. Wissen Sie, das ist noch ein schwebender Zustand, es ist schwierig, darüber zu sprechen.

Aber Sie haben ja selbst gesagt, dass die Zeit knapp wird.


Ich sollte in gut einer Woche Näheres wissen, um dann in den ersten Tagen des neuen Jahres die Entscheidung zu treffen.

Der "Guardian", nicht gerade ein Sensationsblatt, schreibt, dass Ihre Beziehung zu Arsene Wenger endgültig kaputt sei. Was halten Sie davon?

Das ist mir eigentlich egal was sie schreiben. Wenn mein Trainer Sachen, die im Fußball passieren, persönlich nehmen sollte, dann ist das seine Sache. Wenn er mir übel nimmt, dass ich mich nicht freue, nur zweiter Mann zu sein, dann kann ich auch nichts dafür. Wenn jemand Grund hätte, übel gelaunt zu sein, dann wohl eher ich.

Also ist die Einschätzung des "Guardian" richtig?


Keine Ahnung. Ich weiß ja nicht, wie die auf die Schlagzeile kommen. Ich lese das alles nur selten. Privat habe ich auf jeden Fall ein gutes Verhältnis zu Wenger, außerhalb des Fußballs.

Hat denn Wenger wirklich Ihnen gegenüber zugegeben, dass er bei Ihrem Konkurrenten Manuel Almunia einen anderen Maßstab anlegt als bei Ihnen?

Ich habe ihm gesagt, dass ich den Eindruck habe, dass er Almunia anders bewertet als mich. Bei mir war er superkritisch, ich musste alles halten, bei jeder Kleinigkeit gab es Kritik. Und das ist bei meinem Konkurrenten offenbar anders.

Was hat er geantwortet?

Das kann sein, hat er gesagt.

Ist das nicht der Moment, in dem Sie sagen müssten, Schluss, mir reicht es?

Nicht unbedingt. Es kann passieren, dass ich hier die nächsten vier Monate auf der Bank sitze oder aber nächste Woche wieder spiele.

Was wäre dann mit der EM als Ihrem anderen großen Ziel? Meinen Sie, dass Sie da auch hinfahren könnten, wenn Sie vorher bei Arsenal nur Ersatz waren?

Ich glaube, das ginge. Ich habe mich jetzt mal selber überprüft, als ich in der Nationalmannschaft gespielt habe. Und da kann man nicht sagen, dass ich da eine schlechte Leistung gezeigt hätte. Beim Irlandspiel bin ich direkt nach einer Verletzungspause zurückgekommen. Ich stand unter Druck, weil wir die Punkte ja noch brauchten. Und es war dann für mich das beste von allen Qualifikationsspielen. Es gibt also keinen Grund zu sagen, das geht nicht. Warum soll ich da nicht selbstbewusst sein?

Wie ist es dann bei Ihnen angekommen, dass Bundestrainer Joachim Löw erst angedeutet hat, dass Sie ein sicherer Kandidat für die EM seien und dann ein Stück davon abgerückt ist und bei seiner Aussage von einer "Interpretationssache" sprach?

Es gibt einfach bestimmte Fakten, die für mich sprechen. Der Per Mertesacker hat das einmal gut ausgedrückt: Bälle halten können viele, aber die Abwehr richtig in Stellung bringen, das können weniger erfahrene Torhüter nicht. Das ist ein Pluspunkt, den die anderen so schnell nicht aufholen können. Sie wissen noch nicht, wie es geht. Dazu kommt, dass ich ziemlich komplett in meinen Fähigkeiten bin.

Sie klingen so, als sei Ihnen schon klar, dass Sie bei der EM dabei sind.


Ich werde bei der EM spielen. Daran glaube ich, und das motiviert mich auch jeden Tag. Dafür trainiere ich jeden Tag.

Liegt diese Sicherheit auch an der Schwäche der anderen deutschen Torhüter?


Das will ich nicht beurteilen. Vielleicht sind sie handwerklich irgendwann besser als ich. Sie können aber nicht innerhalb des nächsten halben Jahres das Spielverständnis aufholen, was ich Ihnen voraus habe.

Warum dann der Zorn hier bei Arsenal, wenn Sie sich doch eigentlich Ihrer Sache bei der EM so sicher sind?

Ich will immer spielen. Außerdem will ich gerecht behandelt werden.

Sie meinen, dass Almunia zu Unrecht die Nummer eins ist?

Verstehen Sie bitte, dass ich mich über meinen Konkurrenten nicht äußern möchte. Nur wenn ein Torwart nicht zeigt, dass er besser ist als ich, gibt es keinen Grund, mich nicht spielen zu lassen, da ich dem Verein schon etwas gegeben habe in den letzten Jahren.

Wir haben jetzt so viel über Tiefpunkte geredet. Jetzt erzählen sie aber bitte mal etwas über die Höhepunkte.

1997 war ein tolles Jahr. Schalke war 20 Jahre nicht im Uefa-Cup vertreten und wir haben ihn dann gewonnen. Damals hatte der Uefa-Cup noch einen ganz anderen Stellenwert. Und wir haben den Pokal fast jungfräulich gewonnen. Wir waren so dermaßen die Underdogs. Finanziell konnten wir doch gar nicht mithalten mit den anderen Vereinen. Wenn man dann die Emotionen der Menschen im Ruhrgebiet, meiner Heimat, gesehen hat, dann muss ich sagen, war das mein schönster Erfolg. Und mit der letzten Aktion des Jahres gelingt mir dann auch noch ein Tor.

Das war fast auf den Tag genau vor zehn Jahren. Beim Revierrivalen Borussia Dortmund trafen Sie zum 2:2-Ausgleich in der Nachspielzeit. Bald darauf sind Sie dann zum AC Mailand gegangen …

… und habe dort viel zu früh aufgegeben. Also, man kann wirklich nicht sagen, dass meine Fußballlaufbahn ein einziges Hoch war. Dann die deutsche Meisterschaft und das Europapokalfinale mit dem BVB.

Sie sind einerseits sehr selbstsicher, aber andererseits auch sehr selbstkritisch. In dem neuen Buch "Fast alles über Schalke" wird aus Ihrer Zeit in Gelsenkirchen eine Ihrer Antworten aus einem Fragebogen zitiert. Es ging um Ihren größten Fehler. Sie schrieben: Gutgläubigkeit, Gleichgültigkeit, Egoismus. Sehen Sie das heute immer noch so?

Alle drei Sachen sind heute noch so: Ich glaube an das Gute im Menschen. Dazu kommt Gleichgültigkeit den Dingen gegenüber, die auf mich einprasseln und mich nur von meinem Job ablenken würden. Und Egoismus hat jeder als Fußballspieler. Man muss sehen, wo man bleibt in einer Mannschaft. Vor allem als Torwart. Ich muss spielen. Das ist eigentlich schade in einem Mannschaftssport.

Bevor die Probleme begannen, hatten Sie auch mit Arsenal Erfolg. Sie wurden ungeschlagen Englischer Meister und erreichten das Champions-League-Finale.


Leider haben wir nicht gewonnen. Aber das war eine große Mannschaft. Ich glaube, wir waren bei weitem die beste Mannschaft in Europa. Wir hatten einfach sehr viel Erfahrung. Ich weiß noch, wie ich bei einer Weihnachtsfeier damals am Tisch gesessen habe mit Campbell, Ljungberg, Cole, Pires, Bergkamp, Henry und Vieira. Da haben wir ein Foto gemacht und uns gefragt, wer wohl ihn zwei Jahren noch da sein wird. Jetzt sind sie alle weg außer mir.

Das klingt wehmütig. Wie war denn die Weihnachtsfeier in diesem Jahr?

Es gab wieder einmal keine.

Keine Weihnachtsfeier? Und dann wird über die Festtage auch noch die ganze Zeit Fußball gespielt.

Dass man einfach nicht diese Weihnachtszeit hat wie in Deutschland ist sehr traurig. Das ist die härteste Zeit hier.

Und wie ist es sonst für Sie als Deutscher in England? Durch die WM soll sich ja das Image der Deutschen hier sehr verbessert haben. Erleben Sie das auch so?

Ich glaube, die Vorurteile sind immer noch da. Mein Sohn ist kürzlich bei einem Schulrugbyspiel von einem Jungen aus der gegnerischen Mannschaft "Bloody German Nazi" genannt worden. Da war er sehr geknickt. Ich glaube auch, dass sich die meisten Journalisten hier freuen, wenn ich nicht spiele. Dann können sie draufhauen. Das hat dann auch damit zu tun, dass ich Deutscher bin. Ist aber nicht so schlimm. Ohne Tiefen gibt es keine Höhen.

Ihr Vertrag bei Arsenal läuft auf jeden Fall zum Saisonende aus. Wird Ihnen etwas fehlen, wenn Sie dann aus England weg gehen?

Mir wird vor allem die zurückhaltende Freundlichkeit der Menschen auf der Straße fehlen. Der Respekt, der Fußballern entgegengebracht wird. Wenn ich hier unterwegs bin, sagen die Leute "Du musst bleiben" oder "Du bist eine Legende", aber sie sind dabei sehr diskret. Das ist sehr angenehm. London werde ich sehr vermissen. In Manchester oder Birmingham soll es ja nicht ganz so schön sein. Das ist in Deutschland besser. Da ist nicht alles auf eine Stadt zugeschnitten.

Aber wo kann man denn in Deutschland leben, wenn man vorher in London war? Doch am ehesten in Berlin…

Ja, ich habe auch schon mal überlegt, nach Berlin zu gehen. Meine Frau wäre auch dafür gewesen. Ich habe mal mit Herthas Manager Dieter Hoeneß gesprochen. Ein sehr netter Mann. Aber ich habe Ihnen ja am Anfang gesagt, dass mein Ziel immer das Champions-League-Finale war. Dieses eine Spiel.

Wenn Sie dieses eine Ziel aber nun doch nicht erreichen, haken Sie dann die Zeit hier unter Misserfolg ab?

Nein, es war fantastisch hier. Für meine Frau, die Kinder und mich ist es am wichtigsten, dass wir die Sprache gelernt haben. Dann die Erfahrung, im Ausland zu leben. Wir haben sehr gute englische Freunde hier. Und letztlich ist der Fußball hier ja auch toll. Natürlich macht man dann auch mal negative Erfahrungen. Ich ja zum Glück erst mit 38.

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