27.12.2007

Jens Lehmann im Interview

„Ich will so nicht aufhören“

Zu Saisonbeginn fragte sich Jens Lehmann nach dem Sinn, noch weiterzumachen. Er hat sich bei Arsenal gelangweilt - und verlor prompt seinen Stammplatz. Für einen vorzeitigen Vereinswechsel bleibt ihm jetzt nur noch eine Woche Zeit.

Interview: Markus Hesselmann Bild: Imago
Warum dann der Zorn hier bei Arsenal, wenn Sie sich doch eigentlich Ihrer Sache bei der EM so sicher sind?

Ich will immer spielen. Außerdem will ich gerecht behandelt werden.

Sie meinen, dass Almunia zu Unrecht die Nummer eins ist?

Verstehen Sie bitte, dass ich mich über meinen Konkurrenten nicht äußern möchte. Nur wenn ein Torwart nicht zeigt, dass er besser ist als ich, gibt es keinen Grund, mich nicht spielen zu lassen, da ich dem Verein schon etwas gegeben habe in den letzten Jahren.

Wir haben jetzt so viel über Tiefpunkte geredet. Jetzt erzählen sie aber bitte mal etwas über die Höhepunkte.

1997 war ein tolles Jahr. Schalke war 20 Jahre nicht im Uefa-Cup vertreten und wir haben ihn dann gewonnen. Damals hatte der Uefa-Cup noch einen ganz anderen Stellenwert. Und wir haben den Pokal fast jungfräulich gewonnen. Wir waren so dermaßen die Underdogs. Finanziell konnten wir doch gar nicht mithalten mit den anderen Vereinen. Wenn man dann die Emotionen der Menschen im Ruhrgebiet, meiner Heimat, gesehen hat, dann muss ich sagen, war das mein schönster Erfolg. Und mit der letzten Aktion des Jahres gelingt mir dann auch noch ein Tor.

Das war fast auf den Tag genau vor zehn Jahren. Beim Revierrivalen Borussia Dortmund trafen Sie zum 2:2-Ausgleich in der Nachspielzeit. Bald darauf sind Sie dann zum AC Mailand gegangen …

… und habe dort viel zu früh aufgegeben. Also, man kann wirklich nicht sagen, dass meine Fußballlaufbahn ein einziges Hoch war. Dann die deutsche Meisterschaft und das Europapokalfinale mit dem BVB.

Sie sind einerseits sehr selbstsicher, aber andererseits auch sehr selbstkritisch. In dem neuen Buch "Fast alles über Schalke" wird aus Ihrer Zeit in Gelsenkirchen eine Ihrer Antworten aus einem Fragebogen zitiert. Es ging um Ihren größten Fehler. Sie schrieben: Gutgläubigkeit, Gleichgültigkeit, Egoismus. Sehen Sie das heute immer noch so?

Alle drei Sachen sind heute noch so: Ich glaube an das Gute im Menschen. Dazu kommt Gleichgültigkeit den Dingen gegenüber, die auf mich einprasseln und mich nur von meinem Job ablenken würden. Und Egoismus hat jeder als Fußballspieler. Man muss sehen, wo man bleibt in einer Mannschaft. Vor allem als Torwart. Ich muss spielen. Das ist eigentlich schade in einem Mannschaftssport.

Bevor die Probleme begannen, hatten Sie auch mit Arsenal Erfolg. Sie wurden ungeschlagen Englischer Meister und erreichten das Champions-League-Finale.


Leider haben wir nicht gewonnen. Aber das war eine große Mannschaft. Ich glaube, wir waren bei weitem die beste Mannschaft in Europa. Wir hatten einfach sehr viel Erfahrung. Ich weiß noch, wie ich bei einer Weihnachtsfeier damals am Tisch gesessen habe mit Campbell, Ljungberg, Cole, Pires, Bergkamp, Henry und Vieira. Da haben wir ein Foto gemacht und uns gefragt, wer wohl ihn zwei Jahren noch da sein wird. Jetzt sind sie alle weg außer mir.

Das klingt wehmütig. Wie war denn die Weihnachtsfeier in diesem Jahr?

Es gab wieder einmal keine.

Keine Weihnachtsfeier? Und dann wird über die Festtage auch noch die ganze Zeit Fußball gespielt.

Dass man einfach nicht diese Weihnachtszeit hat wie in Deutschland ist sehr traurig. Das ist die härteste Zeit hier.

Und wie ist es sonst für Sie als Deutscher in England? Durch die WM soll sich ja das Image der Deutschen hier sehr verbessert haben. Erleben Sie das auch so?

Ich glaube, die Vorurteile sind immer noch da. Mein Sohn ist kürzlich bei einem Schulrugbyspiel von einem Jungen aus der gegnerischen Mannschaft "Bloody German Nazi" genannt worden. Da war er sehr geknickt. Ich glaube auch, dass sich die meisten Journalisten hier freuen, wenn ich nicht spiele. Dann können sie draufhauen. Das hat dann auch damit zu tun, dass ich Deutscher bin. Ist aber nicht so schlimm. Ohne Tiefen gibt es keine Höhen.

Ihr Vertrag bei Arsenal läuft auf jeden Fall zum Saisonende aus. Wird Ihnen etwas fehlen, wenn Sie dann aus England weg gehen?

Mir wird vor allem die zurückhaltende Freundlichkeit der Menschen auf der Straße fehlen. Der Respekt, der Fußballern entgegengebracht wird. Wenn ich hier unterwegs bin, sagen die Leute "Du musst bleiben" oder "Du bist eine Legende", aber sie sind dabei sehr diskret. Das ist sehr angenehm. London werde ich sehr vermissen. In Manchester oder Birmingham soll es ja nicht ganz so schön sein. Das ist in Deutschland besser. Da ist nicht alles auf eine Stadt zugeschnitten.

Aber wo kann man denn in Deutschland leben, wenn man vorher in London war? Doch am ehesten in Berlin…

Ja, ich habe auch schon mal überlegt, nach Berlin zu gehen. Meine Frau wäre auch dafür gewesen. Ich habe mal mit Herthas Manager Dieter Hoeneß gesprochen. Ein sehr netter Mann. Aber ich habe Ihnen ja am Anfang gesagt, dass mein Ziel immer das Champions-League-Finale war. Dieses eine Spiel.

Wenn Sie dieses eine Ziel aber nun doch nicht erreichen, haken Sie dann die Zeit hier unter Misserfolg ab?

Nein, es war fantastisch hier. Für meine Frau, die Kinder und mich ist es am wichtigsten, dass wir die Sprache gelernt haben. Dann die Erfahrung, im Ausland zu leben. Wir haben sehr gute englische Freunde hier. Und letztlich ist der Fußball hier ja auch toll. Natürlich macht man dann auch mal negative Erfahrungen. Ich ja zum Glück erst mit 38.

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe der Tageszeitung "Der Tagesspiegel"

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