27.12.2007

Jens Lehmann im Interview

„Ich will so nicht aufhören“

Zu Saisonbeginn fragte sich Jens Lehmann nach dem Sinn, noch weiterzumachen. Er hat sich bei Arsenal gelangweilt - und verlor prompt seinen Stammplatz. Für einen vorzeitigen Vereinswechsel bleibt ihm jetzt nur noch eine Woche Zeit.

Interview: Markus Hesselmann Bild: Imago
Sie kämpfen derzeit hart um Ihren Stammplatz beim FC Arsenal. Woher nehmen Sie noch diesen Ehrgeiz im fortgeschrittenen Fußballeralter von 38 Jahren?

Das kommt wahrscheinlich aus den vielen Niederlagen, die ich in meiner Laufbahn einstecken musste. Niederlagen und Enttäuschungen - wie gerade jetzt wieder. Ich will so nicht aufhören.

Sie sind doch in Deutschland schon längst ein Held, ein Held der wunderbaren WM im eigenen Land.

Aber der Ehrgeiz kommt von den Niederlagen her. Die WM war schön, aber letzten Endes haben wir da auch nicht gewonnen. Außerdem hatte ich vorher auch ein Fußballerleben mit Höhen und Tiefen.



Was waren besondere Tiefpunkte für Sie?

Der erste kam schon mit 19, als wir mit Schalke aufsteigen wollten und gescheitert sind. Da habe ich gelernt, dass ich mehr tun muss, um das im nächsten Jahr zu schaffen. Das haben wir dann geschafft. Doch dann habe ich mich schwer am Knie verletzt und stand kurz vor der Entscheidung, etwas anderes machen zu müssen als Fußball. Die Ärzte haben mich geheilt, mir aber schon damals gesagt, dass ich immer etwas für meinen Körper tun muss. Seitdem mache ich immer ein paar Stunden extra Training. Ja und dann kam dieses Spiel in Leverkusen mit den drei Gegentoren in der ersten Halbzeit.

Das war das berühmte Straßenbahnspiel, Sie sind in der Pause ausgewechselt worden und dann mit der Straßenbahn nach Hause gefahren.

Die Straßenbahn war noch das Angenehme. (lacht) Aber was davor und danach kam, das war weniger angenehm. Ich habe dann mehrere Spiele auf der Bank gesessen. Und 1996 werde ich erst zum besten Torwart der Bundesliga gewählt und dann nimmt mich Berti Vogts nicht mit zur EM, weil er denkt, wenn ich ihn mitnehme, dann will er nachher noch spielen. Dabei wäre ich schon froh gewesen, nur dabei zu sein.

Sie galten schon damals als zorniger junger Mann, der mit der Rolle des Ersatzmanns nicht zufrieden ist …

Durch die Medien kam von mir das Bild rüber, dass ich superehrgeizig bin. Bei Frauen würde man wohl stutenbissig sagen. Aber daran ist vieles übertrieben. Berti Vogts konnte sich ja zwei Jahre später selbst ein Bild machen, als er mich mitgenommen hat zur WM. Da habe ich mich ja normal verhalten. Andreas Köpke hat gespielt und ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihm. Trotz allem, 1996 war eine Niederlage. Und ich habe ja auch nach 1998 noch sehr lange gebraucht, um die Nummer eins zu werden.

Umso mehr wundert mich, dass Sie die WM so nüchtern sehen. Sie waren endlich die Nummer eins und gehen als Elfmeterheld in die Geschichte ein. Die Menschen haben die Mannschaft und ihr Land gefeiert.

Das bleibt auf jeden Fall. Und es ist wunderbar, die Leute glücklich zu machen. Aber dass wir nicht Weltmeister geworden sind, das war nun einmal eine Enttäuschung. Aber diese Enttäuschung stachelt meinen Ehrgeiz mit Blick auf die EM an. Die EM ist mein Ziel. Ich habe gemerkt, dass ich immer noch auf dem höchsten Niveau spielen kann. Ich habe festgestellt: Je größer der Druck ist, umso besser spiele ich. Wie soll ich das am Besten ausdrücken? Wenn ich 100 % spiele, kann ich ein perfektes Spiel machen. Ich glaube, das unterscheidet mich immer noch von den meisten anderen Torhütern.

Lagen die beiden Fehler, die Ihnen zu Beginn dieser Saison bei Arsenal unterliefen, dann gerade daran, dass es noch nicht um allzu viel ging?

Vielleicht habe ich mich zu dem Zeitpunkt tatsächlich ein bisschen gelangweilt. Ich habe zwei Jahre auf höchstem Niveau gespielt und fast keine Fehler gemacht. Ich weiß um den Aufwand, den ich dafür getrieben habe. Irgendwann braucht man eine Verschnaufpause. Das ist nur menschlich. Ich habe mich wirklich vor Beginn dieser Saison nach dem Sinn gefragt, noch weiterzumachen. Diese Saison war für mich dann auf ein einziges Spiel ausgerichtet: das letzte Spiel der Saison.

Sie meinen das EM-Finale.

Nein, ich spreche jetzt vom Vereinsfußball.

Hier in England? Das FA-Cup-Finale? Ist es Ihnen so wichtig, mal bei diesem legendären Pokalendspiel in Wembley dabei zu sein?

Nein, was kommt noch nach dem FA-Cup? Das Champions-League-Finale. Wegen dieses Spiels bin ich hier geblieben.

Auch da gilt es, etwas gutzumachen. Sie standen mit Arsenal 2006 im Finale. Sie wurden vom Platz gestellt, Arsenal verlor 1:2 gegen den FC Barcelona.

Ja. Nur langsam frage ich mich, ob ein weiteres Champions-League-Finale überhaupt noch drin ist für mich.

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