Jens Keller über Medienschelte und Neuzugang Santana

»Man muss nicht auf jeden Schwachsinn reagieren«

Kaum ein Trainer eines Spitzenteams hat in der Rückrunde der abgelaufenen Bundesliga-Saison mehr Kritik einstecken müssen, als Schalkes Jens Keller. Im Interview spricht er über unfaire Berichterstattungen und die Neu-Verpflichtung Felipe Santana.

Jens Keller, nach Ihrer Entlassung in Stuttgart 2010 sagten Sie, die enorme Medienpräsenz beim VfB habe Sie überrascht, Ihr Fazit damals: »In Zukunft weiß ich, was mich erwartet und kann mich entsprechend vorbereiten.« Ein Irrtum?

Wenn ein U-17-Trainer plötzlich Cheftrainer einer Bundesligamannschaft wird, muss er damit rechnen, kritisch beäugt zu werden. Ich wäre überrascht gewesen, wenn hier auf Schalke alle prompt »super« geschrien hätten. Mit einer gewissen Skepsis musste ich rechnen.



Eine »gewisse Skepsis«? Sie selbst sprachen vor Kurzem von einem »brutalen Stahlbad«!

Ich hatte in der Tat nicht damit gerechnet, dass so viele Medien auf mich einprügeln würden. Viele dieser Leute haben mir vom ersten Tag an keine Chance gegeben, der Grundtenor lautete: Wann fliegt Keller? Das ging eindeutig zu weit. Dieses Misstrauen hat mich überrascht  – und auch getroffen.



Hat Ihre Familie Ihnen vom Cheftrainerposten abgeraten?

Dazu nur so viel: Öffentliche Häme treffen nicht nur den jeweiligen Trainer, sondern auch immer dessen Familie. Meine Frau hat die schwierige Zeit in Stuttgart damals hautnah miterlebt und wollte so was natürlich nicht noch einmal durchmachen. Sie spürte jedoch sofort, dass ich mich der Herausforderung Schalke 04 unbedingt stellen will. Deshalb hat Sie sich für mich gefreut.



Wie lange haben Sie überlegt, ob Sie das Angebot annehmen?  

Nicht lange. Mir hat die Arbeit mit der U17 große Freude bereitet. Als dann allerdings Horst Heldt zu mir kam und fragte »Jens, hilfst du uns?«, hat mich der Ehrgeiz gepackt. Ich wollte es noch mal wissen, die Chance beim Schopf packen, sie auf keinen Fall einfach so wegwerfen. Aber noch mal ganz deutlich: Ich habe zuvor nicht darauf hingearbeitet, Trainer der ersten Mannschaft zu werden. 



Haben Sie den Eindruck, der Respekt und die Wertschätzung Ihnen gegenüber ist mittlerweile gestiegen? 

Schon, ja. Ich habe aber von Beginn an nicht den Eindruck gehabt, die Fans seien grundsätzlich gegen mich. Natürlich gab es einige Gruppen, die die Entscheidung, mich als Trainer zu verpflichten, kritisch gesehen haben. Doch die Mehrheit hat mir ein gutes Gefühl gegeben, die wollte sich zunächst anschauen, wie ich überhaupt arbeite. Viele sagten damals »Der Keller hat bei uns im Nachwuchsbereich etwas bewegt, nun lasst ihn doch erst mal seinen Job machen«. Leider sind es dann einige Medien gewesen, die mich immer wieder unter der Gürtellinie attackiert haben. Das war eine beeindruckende Erfahrung.



Sie sagen häufig, man müsse sich in diesem Geschäft ein dickes Fell anlegen...

…auf jeden Fall! Anders würde es auch nicht funktionieren.



Legen Sie Ihr dickes Fell in der Sommerpause ab? Anders gefragt: Können Sie abschalten?

Na klar! Den Dauerdruck muss man auch mal beiseite schieben. Darauf freue ich mich riesig. Anschließend werde ich wieder motiviert an die Arbeit gehen. Aber die fünf Monate, die ich hier zuletzt mitgemacht habe, wünsche ich in dieser Form keinem meiner Trainerkollegen. Ich brauche die kommenden vier Wochen, um den Akku wieder aufzuladen. 



Wie sind Sie mit Ihrer Wut und Enttäuschung umgegangen? Haben Sie einen Ausgleich für den Job?

Auch wenn es komisch klingt: Dafür hatte ich keine Zeit. Meine Gedanken haben sich beinahe Tag und Nacht um die Frage gedreht »Wie können wir unsere Ziele erreichen?« Ich bin selbst überrascht, wie ich mit der Situation umgegangen bin, wie ruhig ich geblieben bin und dass ich niemandem auf die Mütze gegeben habe (lacht). Eigentlich unglaublich, oder? 



Hat sich inzwischen der eine oder andere Journalist bei Ihnen entschuldigt?

Entschuldigt nicht, nein, allerdings haben einige Journalisten ein paar Aussagen und Berichte relativiert. Aber einen Satz wie »Mensch, sorry, ich hab da wohl einen Fehler gemacht« habe ich bis heute nicht gehört.



Hat Sie das etwa überrascht?

(Pause) Es ist einfach schade. Ich halte es nämlich für selbstverständlich, dass derjenige, der einen Fehler gemacht hat, anschließend auch dazu steht. Wir Bundesligatrainer müssen ja auch für unsere Fehlentscheidungen geradestehen. Ich habe kein Problem mit Kritik, im Gegenteil. Wenn ein Journalist, der beim Training zuschaut, jenes anschließend kritisiert oder meine Aufstellung für falsch hält, soll er das gern schreiben – kein Thema! 



Aber?

Wer mich persönlich beleidigt, überschreitet eine Grenze. Wir haben aus den ersten zwei Rückrundenpartien vier Punkte geholt - ist das etwa eine Katastrophe? Diesen Eindruck hätte man beim Blick auf die Zeitungsartikel am Folgetag durchaus bekommen können. Das hatte mit seriöser Berichterstattung nicht viel zu tun. 





Weshalb haben Sie sich denn nicht gewehrt? Sie hätten doch ein Zeichen setzen können.

Ich habe irgendwann abgeschaltet, habe mir die Kommentare einiger Medien nicht mehr durchgelesen. Fängt man an, sich öffentlich für blödsinnige Vorwürfe zu rechtfertigen, wird man schnell in eine gefährliche Spirale hineingezogen. Man muss nicht auf jeden Schwachsinn reagieren. Ich will aber nicht leugnen, dass es Momente gab, in denen ich die Faust in der Tasche geballt habe. Das waren meist die Momente, in denen Lügengeschichten über mich verbreitet wurden.



Zum Beispiel?

Das Thema ist erledigt. 



Wofür würden Sie sich denn selbst loben, Herr Keller?

Ich habe Ruhe bewahrt in einer Zeit, in der der Gegenwind heftig war. Ich habe mich nicht abschrecken lassen, sondern bin stets konsequent meinen Weg gegangen. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich mich verstellt hätte. Wir haben alles ausgeblendet und konzentriert mit der Mannschaft gearbeitet. Die Spieler haben vom ersten Tag an positiv auf uns reagiert – intern gab es keinerlei Probleme. Die Stimmung im Team ist vorbildlich, darauf  können wir alle gemeinsam ein wenig stolz sein.



Wie lange haben Sie eigentlich vor dem Champions-League-Achtelfinale gegen Galatasaray Istanbul darüber nachgedacht, ob Sie den 19-jährigen Sead Kolasinac von Beginn an bringen? 

Ein paar Tage. Wir hatten auf dieser Position Probleme, uns fehlte die Sicherheit. Da Sead im Training so richtig auftrumpfte, war es für mich nur die logische Folge, ihn auch aufzustellen. Der Junge hat Herz.



Hätte er ein, zwei spielentscheidende Fehler gemacht, hätten Sie – mal wieder - im Regen gestanden. 

Das war mir klar. Wäre das schief gegangen, hätte ich wahrscheinlich ordentlich was abgekriegt. Ich war allerdings überzeugt, dass Sead stabil ist – das Risiko hielt sich somit in Grenzen. Ein Trainer muss auch mutige Entscheidungen treffen. Wer stets darauf aus ist, bloß keine Angriffspunkte zuzulassen, kommt nicht weit. Ich habe mich riesig gefreut, dass der Junge das Vertrauen zurückgezahlt hat. 



Wie viele Talente wollen Sie in der kommende Runde an das Profiteam heranführen?

Lassen Sie sich überraschen. Ich denke, Max Meyer (ein 17-jähriges Mittelfeld-Talent mit bislang fünf Einsätzen für Schalke, d. Red.) ist auf einem guten Weg. Wenn er weiter hart an sich arbeitet, hat er die Chance, eine gute Karriere hinzulegen. Fakt ist: Unsere Nachwuchsteams sind zurzeit extrem erfolgreich, ich sehe hier großes Potenzial. Selbstverständlich ist es mein Ziel, den einen oder anderen Jungen hochzuziehen. 



Sie haben Max Meyer angesprochen: Ist er schon bereit für das harte Tagesgeschäft in der Bundesliga?

Er hat einige Male gut gespielt und gezeigt, dass er mehr will. Ich muss ihn definitiv nicht schützen. Für Max geht es nun vorrangig darum, an seiner Konstanz zu arbeiten und den nächsten Schritt zu machen. Gelingt ihm das, könnte er mittelfristig auf den einen oder anderen Startelf-Einsatz hoffen. Und genau das muss sein Ziel sein. Er hat Talent, keine Frage, trotzdem muss er im Training eine Schippe drauflegen. 



Und worin muss sich Ihr Aushängeschild Julian Draxler verbessern?

Julian ist kein typischer 19-Jähriger. Welcher Spieler hat in in diesem Alter bereits 110 Pflichtspiele absolviert? Julian ist sehr reif für sein Alter. Ich bin froh, mit ihm in diesem Team zusammenzuarbeiten. Dass er sich in einigen Punkten verbessern will, steht außer Frage. Ich werde Ihnen jetzt aber keine Beispiele nennen.



Mit wie vielen neuen Spielern wollen Sie in die neue Runde gehen?

Zurzeit wird viel spekuliert. Ich mache aber nicht den Fehler und nenne ihnen irgendwelche Namen. Wir haben eine sehr gute Mannschaft beisammen, eine Truppe, die wir lediglich punktuell verstärken werden. Hinter den Kulissen sind zuletzt einige Dinge sehr, sehr konkret geworden. Genaueres geben wir aber erst bekannt, wenn die Tinte trocken ist. 



Ein Transfer steht inzwischen fest: Felipe Santana kommt vom Erzrivalen Borussia Dortmund – ein mutiger Schritt?

Felipe ist nicht der erste Spieler, der von Dortmund zu Schalke wechselt. Ich erwarte daher keine Probleme. Unsere Fans werden ihn gut aufnehmen.



Weshalb haben Sie sich für Santana entschieden?

Wir sahen in der Innenverteidigung dringenden Handlungsbedarf – Christoph Metzelder beendet seine Karriere und Papadopoulos war lange verletzt. Santana hat sowohl national als auch international gezeigt, was er drauf hat. Er hat in einer bärenstarken Truppe eine gute Rolle gespielt, ist jung, kopfballstark und auch noch schnell. Zudem ist es kein Geheimnis, dass der Bursche preiswert zu haben war (Santana kostete Schalke eine Million Euro, d. Red.). Ich bin überzeugt davon, dass er hervorragend in unsere Mannschaft passt.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!