29.05.2013

Jens Keller über Medienschelte und Neuzugang Santana

»Man muss nicht auf jeden Schwachsinn reagieren«

Kaum ein Trainer eines Spitzenteams hat in der Rückrunde der abgelaufenen Bundesliga-Saison mehr Kritik einstecken müssen, als Schalkes Jens Keller. Im Interview spricht er über unfaire Berichterstattungen und die Neu-Verpflichtung Felipe Santana.

Interview: Manuel Schumann Bild: Imago

Jens Keller, nach Ihrer Entlassung in Stuttgart 2010 sagten Sie, die enorme Medienpräsenz beim VfB habe Sie überrascht, Ihr Fazit damals: »In Zukunft weiß ich, was mich erwartet und kann mich entsprechend vorbereiten.« Ein Irrtum?

Wenn ein U-17-Trainer plötzlich Cheftrainer einer Bundesligamannschaft wird, muss er damit rechnen, kritisch beäugt zu werden. Ich wäre überrascht gewesen, wenn hier auf Schalke alle prompt »super« geschrien hätten. Mit einer gewissen Skepsis musste ich rechnen.



Eine »gewisse Skepsis«? Sie selbst sprachen vor Kurzem von einem »brutalen Stahlbad«!

Ich hatte in der Tat nicht damit gerechnet, dass so viele Medien auf mich einprügeln würden. Viele dieser Leute haben mir vom ersten Tag an keine Chance gegeben, der Grundtenor lautete: Wann fliegt Keller? Das ging eindeutig zu weit. Dieses Misstrauen hat mich überrascht  – und auch getroffen.



Hat Ihre Familie Ihnen vom Cheftrainerposten abgeraten?

Dazu nur so viel: Öffentliche Häme treffen nicht nur den jeweiligen Trainer, sondern auch immer dessen Familie. Meine Frau hat die schwierige Zeit in Stuttgart damals hautnah miterlebt und wollte so was natürlich nicht noch einmal durchmachen. Sie spürte jedoch sofort, dass ich mich der Herausforderung Schalke 04 unbedingt stellen will. Deshalb hat Sie sich für mich gefreut.



Wie lange haben Sie überlegt, ob Sie das Angebot annehmen?  

Nicht lange. Mir hat die Arbeit mit der U17 große Freude bereitet. Als dann allerdings Horst Heldt zu mir kam und fragte »Jens, hilfst du uns?«, hat mich der Ehrgeiz gepackt. Ich wollte es noch mal wissen, die Chance beim Schopf packen, sie auf keinen Fall einfach so wegwerfen. Aber noch mal ganz deutlich: Ich habe zuvor nicht darauf hingearbeitet, Trainer der ersten Mannschaft zu werden. 



Haben Sie den Eindruck, der Respekt und die Wertschätzung Ihnen gegenüber ist mittlerweile gestiegen? 

Schon, ja. Ich habe aber von Beginn an nicht den Eindruck gehabt, die Fans seien grundsätzlich gegen mich. Natürlich gab es einige Gruppen, die die Entscheidung, mich als Trainer zu verpflichten, kritisch gesehen haben. Doch die Mehrheit hat mir ein gutes Gefühl gegeben, die wollte sich zunächst anschauen, wie ich überhaupt arbeite. Viele sagten damals »Der Keller hat bei uns im Nachwuchsbereich etwas bewegt, nun lasst ihn doch erst mal seinen Job machen«. Leider sind es dann einige Medien gewesen, die mich immer wieder unter der Gürtellinie attackiert haben. Das war eine beeindruckende Erfahrung.



Sie sagen häufig, man müsse sich in diesem Geschäft ein dickes Fell anlegen...

…auf jeden Fall! Anders würde es auch nicht funktionieren.



Legen Sie Ihr dickes Fell in der Sommerpause ab? Anders gefragt: Können Sie abschalten?

Na klar! Den Dauerdruck muss man auch mal beiseite schieben. Darauf freue ich mich riesig. Anschließend werde ich wieder motiviert an die Arbeit gehen. Aber die fünf Monate, die ich hier zuletzt mitgemacht habe, wünsche ich in dieser Form keinem meiner Trainerkollegen. Ich brauche die kommenden vier Wochen, um den Akku wieder aufzuladen. 



Wie sind Sie mit Ihrer Wut und Enttäuschung umgegangen? Haben Sie einen Ausgleich für den Job?

Auch wenn es komisch klingt: Dafür hatte ich keine Zeit. Meine Gedanken haben sich beinahe Tag und Nacht um die Frage gedreht »Wie können wir unsere Ziele erreichen?« Ich bin selbst überrascht, wie ich mit der Situation umgegangen bin, wie ruhig ich geblieben bin und dass ich niemandem auf die Mütze gegeben habe (lacht). Eigentlich unglaublich, oder? 



Hat sich inzwischen der eine oder andere Journalist bei Ihnen entschuldigt?

Entschuldigt nicht, nein, allerdings haben einige Journalisten ein paar Aussagen und Berichte relativiert. Aber einen Satz wie »Mensch, sorry, ich hab da wohl einen Fehler gemacht« habe ich bis heute nicht gehört.



Hat Sie das etwa überrascht?

(Pause) Es ist einfach schade. Ich halte es nämlich für selbstverständlich, dass derjenige, der einen Fehler gemacht hat, anschließend auch dazu steht. Wir Bundesligatrainer müssen ja auch für unsere Fehlentscheidungen geradestehen. Ich habe kein Problem mit Kritik, im Gegenteil. Wenn ein Journalist, der beim Training zuschaut, jenes anschließend kritisiert oder meine Aufstellung für falsch hält, soll er das gern schreiben – kein Thema! 



Aber?

Wer mich persönlich beleidigt, überschreitet eine Grenze. Wir haben aus den ersten zwei Rückrundenpartien vier Punkte geholt - ist das etwa eine Katastrophe? Diesen Eindruck hätte man beim Blick auf die Zeitungsartikel am Folgetag durchaus bekommen können. Das hatte mit seriöser Berichterstattung nicht viel zu tun. 



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