Jean-Marie Pfaff über Michael Rensing

»Er muss locker werden«

Jean-Marie Pfaff über Michael Rensing

Herr Pfaff, haben Sie das Spiel zwischen dem FC Bayern und Manchester United gesehen?

Nein, aber ich habe das Spiel gegen den AC Mailand geschaut. Wie ist das Spiel denn ausgegangen?

Bayern hat im Elfmeterschießen gewonnen.

Und wie war das Ergebnis?

0:0 nach 90 Minuten.

Da hat Rensing die Kiste ja sauber gehalten. Das ist gut für ihn.

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Rensing hat im Elfmeterschießen sogar zwei Strafstöße gehalten...


Dann hat sich die ganze Torwartfrage ja wieder erledigt...

Denken Sie so? Hat Rensing sich damit die Nummer eins im Bayern-Tor zurückerobert?


Wenn man das Ganze mal nüchtern betrachtet und daran zurückdenkt, was in der letzten Saison alles geschrieben und erzählt wurde, ist es natürlich schwer für Rensing. Mit van Gaal ist ein neuer Trainer gekommen und beide Torhüter müssen sich neues Vertrauen erarbeiten, sie müssen sich wieder ganz neu beweisen. Zeigen, dass sie in Form sind und gut spielen. Das war schon zu meiner Zeit so und so wird es auch immer bleiben.

Okay, aber hat Rensing tatsächlich die Nase vorn?


Gegenfrage: Wie alt ist Hans-Jörg Butt?

35.

Aha, ich denke, Butt ist ein Junge, der einen guten Charakter hat. Aber für die Zukunft ist es keiner für den FC Bayern. Als Ersatztorhüter ist er in Ordnung. Denn die Bayern haben mit Rensing und Kraft zwei junge Torhüter, und da ist es gut, wenn ein Erfahrener daneben sitzt. Letztendlich liegt die Entscheidung aber bei van Gaal. Er kennt die Mannschaft, er sieht jeden Tag im Training, wie die Keeper trainieren. Aber durch die zwei gehaltenen Elfmeter von Rensing ist es für ihn wieder der erste Schritt nach oben.

Den Stammplatz hat er in der letzten Saison aber schnell wieder verloren.

Man sagt immer, jungen Spielern muss man auch mal Zeit geben. Das Problem ist nur: Zeit hat man beim FC Bayern nicht. Da muss jeder sofort Leistung bringen. Doch in diesem speziellen Fall muss Rensing mehr unterstützt werden. Er kommt nach Kahn. Und das ist das Schlimme für den Jungen, denn jeder denkt: Jetzt kommt ein zweiter Kahn. Aber Rensing hat nicht die gleiche Statur und nicht die gleiche Eleganz wie ein Oliver Kahn.

Ein Kahn hat auch mal klein angefangen...

Das ist richtig. Wie war Kahn vor 15 Jahren? Er war auch jung und auch nicht so weit wie später in seiner Karriere. Er musste auch zuerstmal beweisen, dass er ein Guter ist. Das hat er getan und wechselte zum FC Bayern. Michael Rensing kommt aus der eigenen Jugendabteilung und hat es dadurch schwerer. Und Rensing ist nicht der akrobatische Torwart wie Kahn, Maier und ich es waren. Aber er hat seine Figur, seine eigenen Ideen – Michael Rensing ist Michael Rensing. Er muss selbst ein Großer werden, sich das selbst erarbeiten.

Kann ihm dabei jemand helfen?

Die Abwehr kann ihm dabei behilflich sein. Er braucht eine gute Zusammenarbeit mit seinen Vorderleuten. Und da ist es für ihn gut, dass Lucio weg ist. Lucio hat eine zu enge Bindung mit Kahn gehabt, war zu eng mit ihm befreundet.

Rensing setzt sich also durch?

Man muss noch bis zur Winterpause Geduld haben. Vielleicht spielt er bis zum Winter ein paar Superspiele...

Was empfehlen Sie Rensing in der täglichen Trainingsarbeit?

Ich habe immer gesagt, Torhüter sollen weniger Krafttraining machen. Rensing muss mehr Gymnastik und mehr Schnellkrafttraining machen. Er muss locker, elegant und flexibler werden. Er ist ein junger Torhüter und kann stolz darauf sein, dass er beim FC Bayern spielen darf.

Was, wenn Rensing noch einmal patzt? Dann geht die ganze Diskussion wieder von vorne los...


Dann muss man so schnell wie möglich einen anderen Torwart nehmen. Bayern München kann es sich nicht erlauben, zehn gute Spieler auf dem Platz und einen schlechten Torwart zu haben. Der FC Bayern hätte sich aber auch im letzten Jahr bereits nach einem neuen Torwart umsehen müssen. Aber vielleicht setzt sich Rensing durch und wird zu einem internationalen Top-Torwart. Er muss beweisen, dass er es wert ist, die Nummer eins beim FC Bayern zu tragen.

War die Kahn-Nachfolge eine Nummer zu groß für ihn?

Ich denke ja. Im dem Jahr, als Kahn seinen Abschied angekündigt hat, haben die Bayern-Bosse zu Rensing gesagt, er werde die Nummer eins – eine große Herausforderung für ihn. Michael Rensing war nach der Ansage, er werde die Nummer eins nach Kahn glücklich und hat normal weitertrainiert, aber das reicht einfach nicht.

Das sind die einzigen Gründe, warum er in der letzten Saison gescheitert ist?

Ich sehe noch einen anderen Grund: Rensing hat vielleicht in der Urlaubszeit nicht genug trainiert. Das darf man nämlich nicht. Man darf sich zwar ein wenig Urlaub nehmen, doch da muss man auch trainieren. Ich habe immer in meinem Urlaub trainiert, um nicht auf der Stelle zu treten, sondern immer einen Schritt nach vorne zu machen. Ich habe immer alles für den FC Bayern, den Klub, die Fans, das ganze Umfeld gegeben.

Und das tut Michael Rensing nicht?

Ich denke da liegt der Unterschied, ja. Er darf nicht faul auf der Couch liegen. Er muss sein Gewicht halten, fit sein. Denn seine Verantwortung ist riesengroß. Er spielt nicht bei einem kleinen Klub in der 3. Liga, sondern beim großen FC Bayern München. Er muss im Training immer alles geben, im Spiel immer zur Stelle sein und seine Mitspieler auch mal anschimpfen und dirigieren. Michael Rensing muss erwachsen werden und sich nicht nur darauf konzentrieren, nur die Bälle zu halten. Er muss der Mannschaft beweisen, dass sie sich voll und ganz auf ihn verlassen können. Das zeichnet einen großen Torwart aus.

Was ist, wenn Rensing es nicht schafft?


Dann müssen sofort zwei neue Torhüter geholt werden!

Warum sehen Sie Hans-Jörg Butt als Nummer zwei?

Butt hat einfach nicht die Ausstrahlung wie Kahn, Maier oder ich. Er ist schon 35 Jahre alt. Für Bayern stellt er einfach nicht die Zukunft dar.

Ist Manuel Neuer dann die Lösung?

Bei einem deutschen Torwart ist er die beste Lösung. Aber wenn Bayern ihn nicht bekommt, muss ein internationaler Top-Torhüter geholt werden, der sofort den Respekt der Nummer eins bekommt.

Stefan Effenberg sagt, dass Tim Wiese der geeignete Keeper für den FC Bayern sei.

Überhaupt nicht, überhaupt nicht! Keine Frage! Wenn ein Deutscher kommt, dann darf es nur Manuel Neuer sein.

Was halten Sie von ihrem Landsmann Logan Bailly von Borussia Mönchengladbach?

Ein Guter, aber noch keiner für die Bayern. Er soll zuerst noch zwei Jahre bei Gladbach spielen. Dann kann er weitersehen.

Was muss der perfekte Torhüter heutzutage mitbringen?

Er muss gelassen, fleißig und sicher sein, im Training immer top sein und im Spiel die Leistung abrufen, die man auch im Training zeigt. Der perfekte Keeper muss mit seinen Vorderleuten viel kommunizieren und sie dirigieren. Er muss schnell von Abwehr auf Angriff umschalten können, mitdenken und sich gut vorbereiten. Die professionelle Einstellung ist wichtig. Man darf sich abends nach getaner Arbeit nicht noch ein Bier trinken, sondern heimgehen und sich dann auch schlafen legen, um am nächsten Tag wieder topfit zu sein. Auch wenn dann andere über einen lachen – da muss man drüber stehen. Man muss immer der Beste sein wollen – das ist etwas Entscheidendes für einen Torhüter. Ein Freundschaftsspiel ist genauso wichtig wie jedes Pflichtspiel. Nur mit dieser Einstellung kann man ein großer Torwart werden.

Wer verkörpert diese Dinge Ihrer Meinung nach?

Nach mir? (lacht) Nein, im Ernst. Es gibt viele gute Torhüter. Aber ich finde, dass Sergio Romero vom AZ Alkmaar gut. Er ist Argentinier und ein sehr guter Keeper. Romero ist 22 Jahre jung und van Gaal kennt ihn. Er ist früh von Argentinien aus nach Holland gekommen und hat schon die Erfahrung gemacht, im Ausland zu spielen, was enorm wichtig ist.

Was kann der FC Bayern München unter der Regie von Louis van Gaal erreichen?

Louis van Gaal ist ein derart professioneller Trainer, dass er mit dem FC Bayern die deutsche Meisterschaft, den DFB-Pokal und auch die Champions League gewinnen kann. Er ist dafür bekannt, junge Spieler zu integrieren, die in einigen Jahren schon den FC Bayern mitprägen können. Van Gaal ist gut für den FC Bayern.

An wen denken Sie da im Besonderen?

Thomas Müller zum Beispiel. Der Junge hat gegen Milan zwei Tore geschossen. Er kann der zweite Gerd Müller werden. Das traue ich ihm zu. Er ist zwar nicht klein und dick, sonder schlank und groß, aber er ist genauso clever vor dem Tor. (lacht)

Sie prognostizieren Thomas Müller eine große Karriere?

Ja, er ist jetzt schon ein richtig Guter. Und er tut der ganzen Mannschaft gut. Er hat bereits viel gelernt und lernt bei jedem Einsatz immer mehr. Aber er darf nicht zu häufig auf der Bank sitzen – das war das Problem bei Michael Rensing. Er muss jetzt zeigen können, was er kann und den Durchbruch jetzt schaffen.

Sie trauen van Gaal also zu, die Champions League mit den Bayern zu gewinnen?

Bis dahin ist es ein weiter Weg. Aber ich denke, dass Bayern sehr gute Chancen hat, unter Louis van Gaal viel zu erreichen – darunter auch den Champions-League-Titel.

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