Jan Weiler über die Bayern-Krise

»Eine Portion Dämlichkeit«

Der Journalist und Schriftsteller Jan Weiler hatte schon mal mehr Spaß an seinem Hobby, dem FC Bayern. Wir sprachen mit ihm über die Bayern- und die Bankenkrise, Klinsmanns Feinde und das Fehlen des Kahn. Jan Weiler über die Bayern-KriseImago

Herr Weiler, was quält Sie mehr: die Banken-Krise oder die Bayern-Krise?

Die Banken-Krise. Die verunsichert mich stark. Ich frage mich die ganze Zeit: Was soll ich tun? Bei der Bayern-Krise kann ich ja eh nichts machen.

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Aber ist nicht noch schlimmer: ohnmächtig zu sein?


Ja, schon. Aber das haben Fans anderer Vereine doch ständig. Erdgeschichtlich ist es nicht ungerecht, dass der FC Bayern mal nicht so erfolgreich ist.

Gilt denn für die Bayern-Krise, was über die Banken-Krise gesagt wird: Nichts wird mehr sein, wie es mal war?

Nein, um Gottes Willen! Das einzige Problem ist doch, dass die Stürmer keine Tore schießen. In der letzten Saison hat die Mannschaft auch nicht besonders gut gespielt, denken Sie nur an die Spiele gegen Zenit Sankt Petersburg im Halbfinale des UEFA-Cups. Doch damals hat Toni noch wie am Fließband getroffen und die Defizite weitestgehend übertüncht. Wenn Toni, Klose und Podolski wieder treffen, kommen wir zurück. Das ist überhaupt keine Frage!

Schön, dass Sie so gelassen sind, Herr Weiler. Ich habe aber den Verdacht, dass Jürgen Klinsmann ein, zwei Probleme mehr hat, als Sie zugeben wollen. Das größte: Ihm läuft die Zeit davon.

Was beim FC Bayern momentan geschieht, ist eine Operation am offenen Herzen. Erschwerend kommt hinzu: Klinsmann hat sich in der Münchner Medienlandschaft auf Anhieb viele Feinde gemacht, die es nun alle wahnsinnig geil finden, wenn er verliert, und denken: »Weihnachten ist der weg!«. Zum Beispiel hat er die Hälfte der Fotografen aus der Pressekonferenz geschmissen - mit dem Hinweis, er habe eine »Blitzlicht-Allergie«. Das war dämlich.

Dämlich oder mutig?

Beides. Zu einem aktionistischen Mut, wie er Klinsmann zu Eigen ist, gehört auch eine Portion Dämlichkeit.

Die Mannschaft hat derzeit keine erkennbare Hierarchie, Kapitän Mark van Bommel spielt unregelmäßig. Ein Kollateralschaden der Rotation? Oder Klinsmanns Kalkül?

Wie es dazu kommt, kann ich von außen nicht beurteilen. Es könnte durchaus sein, dass Klinsmann die Hierarchie bewusst flach hält. Aber das zu behaupten, wäre jetzt Kaffeesatzleserei. Fest steht: Es ist nicht gut, dass es keinen Effe und keinen Kahn mehr gibt, die ihre Nebenleute runterputzen, wenn es schlecht läuft. Stattdessen gehen sie sich gegenseitig an den Kragen, wie bei der Rauferei zwischen Lucio und Demichelis im Spiel gegen Olympique Lyon. Das war symptomatisch für die gravierenden Kommunikationsprobleme in der Mannschaft.

Dabei hatte Klinsmann sich doch gerade die Verbesserung der Kommunikation auf die Fahne geschrieben: Acht-Stunden-Arbeitstag, gemeinsames Mittagessen, Sprachunterricht für Toni und Ribéry etc.

Klinsmann selbst hat kein Kommunikationsproblem. Er redet viel und gern. Mir kommt er oftmals vor wie der Marketingdirektor einer Kachelofenfabrik. Aber wenn die Spieler ihn nicht verstehen können oder verstehen wollen, dann dauert es lange, bis sich seine Philosophie entfalten kann.

Klinsmann ist ein fanatischer Optimist. Hat er in Zeiten, in denen er den Spielern den Abgrund vor Augen führen müsste, ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Wahrscheinlich können Thomas Schaaf und Ralf Rangnick besser drohen. Klinsmann hat noch nicht den Gestus, den es dafür braucht. Aber das kann er ja noch lernen.
 
Nun scheint beim FC Bayern tatsächlich mehr im Argen zu liegen, als dass die Stürmer nicht treffen. Wenn Sie sich anstrengen, Herr Weiler: Können Sie sich vorstellen, dass der FC Bayern langfristig seine Vormachtstellung verliert?

Nein! Solange Uli Hoeneß, der meiner Meinung nach der beste Fußball-Manager überhaupt ist, das Sagen hat, ist das ausgeschlossen. Und selbst wenn er nicht mehr da ist: Der Verein ist so tief verwurzelt in der Wirtschaft und in der Tradition des Bundeslandes Bayern - der geht niemals unter.  

In der Saison 1991/92, als der FC Bayern zuletzt in eine größere Krise geriet, Heynckes Lerby und Ribbeck verschliss und am Ende nur Zehnter wurde, lieferten sich Stuttgart, Frankfurt und Dortmund das wohl dramatischste Saisonfinale der Geschichte. Und auch jetzt scheint wieder ein spannendes Massen-Finish möglich. Ist eine Bayern-Krise gut für die Bundesliga?

Rein logisch können die Bayern-Ergebnisse keine Auswirkung auf die anderen Ergebnisse haben. Dennoch scheint es so zu sein. Aber Ihr dürft Euch da jetzt nicht soviel Hoffnung machen: Im November sind wir wieder da, und Ralf Rangnick sagt im »Aktuellen Sportstudio«: »Ich weiß auch nicht, warum es nicht läuft.«

Ich rufe Sie dann im November noch einmal an.

Wir können ja wetten.

Sie sagen aber jetzt nicht, dass die Bayern doch noch Meister werden.

Auf die Meisterschaft würde ich mich nicht festlegen, nein. Aber ich sage: Wir erreichen die Champions-League. Ein Kasten Bier!

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Jan Weiler, Jahrgang 1967, war u. a. Chefredakteur des »SZ-Magazin«, bevor er sich mit dem Roman »Maria, ihm schmeckt's nicht« als Buchautor etablierte. Seit März 2007 ist er auch Kolumnist beim »Stern«. Weiler lebt und arbeitet in Bayern.

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