Jan Furtok über Polen in der Bundesliga

»Lewandowski sollte in Dortmund bleiben«

Jan Furtok ging zwischen 1988 und 1995 für den Hamburger SV und Eintracht Frankfurt auf Torejagd – und stellte eine Bestmarke auf, die erst Robert Lewandowski knacken konnte. Ein Gespräch über Wechselgerüchte und Polen in der Bundesliga.

Herr Furtok, sind Sie traurig?
Warum?

Seit der Saison 1990/91 waren Sie mit 20 Toren in einer Saison immerhin der beste polnische Torschütze der Bundesliga. Robert Lewandowski hat Sie mit seinen 23 Treffern vom Thron gestoßen.
Ganz im Gegenteil. Ich freue mich sogar darüber. Ich freue mich aber nicht nur für Lewandowski, sondern auch für die anderen polnischen Profis in der Bundesliga. Mit ihren Leistungen machen die Jungs einfach gute Werbung für den polnischen Fußball.

Das kann man aber auch von Ihnen behaupten. Zu Ihrer Zeit spielten mit Andrzej Buncol oder Marek Lesniak noch weitere Polen in Deutschland.
Das stimmt, nur mit dem Unterschied, dass es damals ganz andere Zeiten waren. Da in Polen der Kommunismus herrschte, war es nicht einfach auszureisen. Als Sportler musste man schon Glück haben. Heute sind die Grenzen offen und es entscheiden allein die fußballerischen Fähigkeiten, ob man den Sprung in eine gute Liga schafft. Und, ob man sich in der auch durchsetzen kann. Lewandowski und die zwei anderen BVB-Polen Lukasz Piszczek und Jakub Blaszczykowski haben es jedenfalls getan.

Halten Sie Lewandowski auch für den Ausnahmestürmer, der die Begehrlichkeiten der europäischen Topklubs zurecht weckt? 
Auf jeden Fall. Lewandowski hat sich in den letzten Jahren zu einem wirklich sehr guten Stürmer entwickelt, zu einem Star. Und da er ehrgeizig ist und an sich arbeitet, wird er noch weitere Fortschritte machen.

Da die Gerüchteküche nach dem Champions-League-Halbfinale mehr denn je brodelt: Sollte er dies bei einem anderen Verein machen?
In solchen Fällen sage ich immer nur eins: bleibe da, wo es dir gut geht. Man weiß einfach nicht, wie es einem in einer neuen Mannschaft ergehen kann. Und da Borussia Dortmund eine junge, aufstrebende und sich weiterentwickelnde Mannschaft hat, würde ich persönlich Lewandowski zu einem Verbleib in Dortmund raten. 

Trotz seiner Tore in der Bundesliga und in der Champions League wird Lewandowski wegen seiner Leistungen in der Nationalelf in Polen kritisiert. Seit dem EM-Eröffnungsspiel gegen Griechenland hat Lewandowski fast über 900 Minuten gebraucht, um gegen San Marino mal wieder ins gegnerische Netz zu treffen. Wie erklären Sie sich als ehemaliger Stürmer diese Diskrepanz?
Bei der Kritik wird übersehen, dass sich Nationalmannschaft und Verein miteinander nicht vergleichen lassen. Schon die tägliche Trainingsarbeit macht sich auf das Zusammenspiel einer Mannschaft positiv bemerkbar. Und Nationalmannschaften trainieren bekanntlich nicht jeden Tag. Das Hauptproblem unserer Nationalmannschaft ist jedoch das Mittelfeld, von dem ein Stürmer abhängig ist. Dortmund hat da einfach die viel besseren Spieler als unsere Nationalmannschaft.

Beim ihrem ehemaligen Verein HSV spielt mit Artjoms Rudnevs seit dieser Saison ein weiterer Stürmer, der zuvor in Polen, so wie Lewandowski, für Lech Posen auf Torejagd ging. Er musste sich bereits einige Kritik anhören.
Man muss aber Bedenken, dass es seine erste Saison im Westen ist. Zwischen der polnischen »Ekstraklasa« und der Bundesliga ist ein gewaltiger Unterschied. Und vielleicht hat ihn dieser Unterschied am Anfang etwas verängstigt. Er wird aber noch groß rauskommen. Schon jetzt macht er seine Tore und man sieht auch, dass die Mannschaftskollegen ihm immer mehr vertrauen.

Und wie finden Sie die aktuelle HSV-Mannschaft?
Obwohl ich auch bei Eintracht Frankfurt gespielt habe, hängt mein Herz mehr am HSV. Und dabei bedauere ich, dass wir damals nicht in so einem tollen Stadion gespielt haben, wie es jetzt in Hamburg steht. Wer weiß, was für Erfolge wir hätten feiern können. Und das heutige Team? Dieses muss verstärkt werden, wenn es erfolgreich mitspielen soll.

Wie kam es eigentlich 1988 zu Ihrem Wechsel in die Bundesliga? Da waren sie 26. Damals durften Fußballer aber erst ab dem 27. Lebensjahr ihre kommunistische Heimat verlassen.
Das hat mein damaliger Präsident bei GKS Kattowitz geregelt. Da wir mit GKS im UEFA-Cup spielten hat mich der HSV schon länger beobachtet und wollte mich haben. Erich Ribbeck (von 1988 bis 1989 Sportdirektor beim HSV, d. Red.) ist sogar persönlich nach Polen gekommen, um mich zu holen. Doch der Präsident wollte eine zu hohe Ablöse. Kurz darauf spielten wir mit der Nationalmannschaft gegen die DDR. Ribbeck kam damals extra nach Cottbus und sah, wie ich in dem Spiel zwei Tore erzielte. Danach war der HSV sofort bereit die 1,7 Millionen Mark für mich zu bezahlen. Mein Präsident regelte darauf den Transfer in Warschau. Was ihm wohl nicht schwer fiel, da auch der Verband einiges von der Transfersumme bekam.

Sind Sie dem Fußball nach ihrem Karriereende erhalten geblieben?
Seit 2004 bin ich im Vorstand meines Heimatvereins GKS Kattowitz tätig, wo ich 1997 auch meine aktive Laufbahn beendete. Damals rutschte der Verein wegen finanzieller Probleme von der 1. in die 4. Liga ab, wo er einen Neuanfang starten musste. Heute spielen wir wieder in der zweiten Liga. Und ich denke, dass wir nächstes Jahr den Aufstieg in die Ekstraklasa schaffen könnten.

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