Jan Delay über Werder und den HSV

»Tim Wiese ist der King!«

Jan Delay gilt als einer der wichtigsten deutschen Musiker. Wir trafen uns einst mit ihm zum Interview, sprachen ein wenig über Musik – und ganz viel über Fußball. Passend zum neuen Spezial-Heft »Fußball und Pop« möchten wir euch das Interview noch einmal ans Herz legen.

Jan Delay über Werder und den HSV11FREUNDE
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Spezial Nr. 4

Jan Delay, gelten Sie in Hamburg eigentlich als Nestbeschmutzer?
Am Tag nach dem UEFA-Cup-Rückspiel gegen Bremen bin ich in Hamburg mit meinem »100% Werder«-Shirt in den Neidklub gegangen. Als mich die ganzen Türsteher dann lauthals gedisst haben, habe ich nur die Becks-Flaschen hochgehalten und gesagt: »Dann kauft doch erstmal neues Bier für euren scheiß Club!« Bremer Bier am Start – kein Astra, kein Holsten – und mich beschimpfen, weil ich mit einem Werder-Shirt rumlaufe.

Kann man sich mit Ihnen über Fußball streiten?
Ja, definitiv. Ich halte nicht damit hinterm Haus, dass ich Werder-Fan bin, und ich habe natürlich meinen Spaß daran, alle Hardcore-HSV-Fans damit zu brüskieren. Manchmal trifft man aber auch Fans, die sich eingestehen, dass es beim HSV gewisse Mängel gibt, nicht nur sportlich, sondern auch im Verein und bei den Fans. Und dann sind wir auch schon an dem Punkt, warum ich Werder-Fan und nicht HSV-Fan geworden bin. Ich war ja früher im Volksparkstadion und wollte Fußball gucken – aber nicht zwischen Hitlergrüßen.

Hätte nicht eigentlich der FC St. Pauli ganz wunderbar zu Ihnen gepasst?
Ich finde den FC St. Pauli sympathisch, und ich kann auch jeden Fußballfan verstehen, der zu Altona 93 geht, aber ich persönlich bin nicht so. Ich bin auch kein DJ, der Wert darauf legt, irgendwelche C-Seiten aufzulegen, die noch niemand gehört hat. Ich bin ein Pop-Schwein. Die Leute wollen tanzen – und ich will guten Fußball sehen. Und deshalb kommt St. Pauli für mich nicht in Frage. Dann schon eher der HSV.

Wie bitte?
Das ist doch alles nur ein kleines Spielchen. Letztendlich bin ich doch Hamburger, und wenn die nicht gerade gegen Werder spielen, bin ich auch für den HSV, das ist doch klar.

Kann man von mehreren Vereinen Fan sein, wie zum Beispiel von verschiedenen Bands in der Musik?
Ja, natürlich. Aber auch in der Musik hat man jemanden, der einen das ganze Leben begleitet. Bei mir ist das Udo Lindenberg, der war und ist für mich immer der Shit gewesen, auch in Zeiten, in denen gar nichts ging und er die schlimmste Musik gemacht hat. Das ist einfach dieses Fan-Ding, Udo ist mein Klub! Und im Fußball ist das Werder Bremen, aber ich bin auch noch mal Fan pro Saison von gutem Fußball. Das ist dann der Erfolgsflasher in mir – ich bin Fan von dem, was rockt.

Welche Typen wollen Sie beim Fußball sehen?

Ich vermisse die Mario Baslers, aber zum Glück steht ja bei uns ein Tim Wiese im Tor. (Wer es noch nicht gemerkt hat: Dieses Interview wurde bereits vor einigen Jahren geführt, d. Red.) Alle hassen Wiese, aber für mich ist er der unglaublich Derbste! Was gibt es denn mehr, als jemanden mit einer großen Klappe, der auch etwas dahinter hat? Der steht in Hamburg mit einem Megaphon und schreit: »Scheiß HSV!« Und genau das wollen die Leute doch auch sehen, deshalb schalten sie ein, das ist Entertainment. Ich meine, der hat in dem Spiel drei Elfmeter gehalten, er ist einfach der King!

In Ihren Augen auch die Nummer 1 im Tor der Nationalmannschaft?
Wenn der Typ bei der WM im Tor steht, und es kommt zum Elfmeterschießen – jeder wird Schiss haben. Du brauchst doch genau so jemanden im Tor, vor dem die Leute einfach Angst haben, weil ihm ein bestimmter Ruf vorauseilt, und dann kommt auch noch das gewisse Äußere dazu. Den würden plötzlich alle lieben, und seine Sprüche wären auch okay. Oliver Kahns, Mario Baslers und Tim Wieses – davon sollte es viel mehr geben.

Mehr Sprücheklopfer?
Wenn beides stimmt, große Klappe und was dahinter, bin ich der größte Fan. Hans Meyer ist zum Beispiel der Derbste, finde ich. Und wenn Maik Franz auch sportlich mehr auf dem Kasten hätte, könnte er auch so eine Person werden, aber der geht dann von Frankfurt zu Offenbach und dann war es das. Ist jetzt böse, aber er hat einfach nicht die Leistung am Start, die jemand für eine solche Klappe haben sollte.

In Ihren Liedern geht es unter anderem um Politik, Depression und Disko. Warum so wenig um Fußball?
Ich habe doch immer mal wieder irgendwo eine Textzeile über Fußball drin. Für einen Text nur über Fußball mangelt es mir aber einfach an guten Vorbildern, ich mag mir kein Beispiel an Oliver Pocher nehmen. Fußballmusik ist immer sehr stumpf, und ich glaube, ich würde mir dabei doof vorkommen. Wenn ich einen Text schreibe, steckt da sehr viel überlegen und Arbeit drin.

Wären Sie 2006 gerne an der Stelle von Sportfreunde Stiller gewesen und mit der Nationalmannschaft vor dem Brandenburger Tor aufgetreten?
Ich hätte es geil gefunden, wenn es von selbst dazu gekommen wäre. Ich mag die Jungs von Sportfreunde Stiller, und der Song ist ja auch irgendwie okay, aber das ist alles schon sehr reduziert auf gewisse Fußballmechanismen. Vielleicht kann ich das ja auch irgendwann mal, und vielleicht wird die nächste Platte von mir, weil ich einfach Bock darauf habe, voll stumpf. Jetzt nicht so Kommerz-stumpf, sondern einfach stumpf, so wie Punkrock oder einfacher Rap. Und dann gibt es auch einen stumpfen Fußballsong.



Früher im Volksparkstadion interessierten Sie sich nur für die Stars der gegnerischen Mannschaften. Was hat Sie damals an Spielern wie Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler so fasziniert? Als Siebenjähriger waren das für mich die Leistungsträger. Ist doch klar, man sieht beim Fußball immer zuerst den, der die Tore schießt, wie ihm die Leute zujubeln, was da abgeht. Erst später lernt man auch einen Hans-Peter Briegel oder einen Jürgen Kohler zu schätzen. Man muss halt immer mehr in die Materie eintauchen, das ist genauso wie in der Musik. Erst begeistert man sich nur für diesen einen geilen Song von Michael Jackson – und irgendwann lernt man auch, wieso man den so geil findet und was dem eigentlich zugrunde liegt, welcher Musik sich da bedient und wie das produziert wurde, dass das Quincy Jones war, und was da noch alles zugehört. Und so ist es beim Fußball auch.

Dieser Prozess musste bei Ihnen erst einmal warten.
Bis zur 4. Klasse war Fußball für mich das absolute Ding, neben Prince und Madonna. Irgendwann, 5., 6. Klasse, waren es dann HipHop und Graffiti, und bald nur noch Rap, Rap, Rap, Rap. Fußball war kartoffelig und deutsch – und alles was deutsch ist, fand ich damals komplett uncool. Am Ende der Saisons habe ich nur noch kurz geguckt, wie Werder Bremen abgeschnitten hat.

Wann wurde Fußball für Sie wieder cool?
Mit dem Alter wurde man natürlich selbstständiger, reflektierter. Cool war in dem Sinne nicht mehr nur, was andere denken. Und dann, auf einmal, war das wie ein Ruck, es hat mich wieder gekriegt. Da ging es dann los mit Dortmund und der Champions League, alles bekam so einen gewissen Glam, auch der Bundesligafußball, krasse Einkäufe, derbe Spieler. Und in meiner Abi-Zeit wurde Werder Bremen dann endlich wieder Deutscher Meister, das hat natürlich sein Übriges dazu beigetragen.

Wie kommt es Ihnen heute vor, wenn Real Madrid einen Spieler für fast 100 Millionen Euro kauft?

Cristiano Ronaldo ist sowieso scheiße. Ich finde es auch extrem uninspirierend und langweilig und bescheuert, wenn sich alle darüber aufregen, dass das nichts mehr mit Fußball zu tun hat. Wenn da jemand ist, der die Eier hat, soviel Kohle auf den Tisch zu legen, dann ist das doch okay. Der Typ könnte auch Düsenjäger kaufen und Länder platt machen, soll er doch Fußballer kaufen. Auf der anderen Seite wäre es schön, wenn es zum Beispiel den Zusatz gebe, ey, ihr könnt soviel Geld ausgeben wie ihr wollt, aber für jeden Euro müsst ihr auch einen Brunnen bauen. Und zwar alle in Hamburg-Blankenese (lacht).

Wären Sie auch gerne Profifußballer geworden?
Ich war ein schlaues Kind und habe schon früh gemerkt, dass ich kein Rudi Völler bin, allein schon von der Statur her.

Stattdessen wollten Sie Börsenmakler werden und Kohle scheffeln.
Meine Mutter hat einen richtigen Schock bekommen und mir einen Vogel gezeigt, aber genau deswegen habe ich das ja auch nur gesagt, das war meine kleine Rebellion. Manche Kinder hören Gangstarap – und andere erzählen ihrer Mutter, dass sie Makler werden wollen. There are sixties ways to erschreck your eltern.

Was halten Sie von Kindern, die heute den Berufswunsch »Lukas Podolski« haben?
Kinder sind die coolsten Menschen der Welt. Man sollte ihnen in ihrer eigenen Sprache erklären, was es bedeuten würde, ein Lukas Podolski zu sein, wie hart der Weg zum Fußballprofi wäre. Die ganze Kindheit bestände nur aus Fußball, Fußball, Fußball, keine Playstation, kein Internet und kein gar nichts. Mit zwölf Jahren ginge es dann ins Fußballinternat, kein Alkohol, keine Mädchen, Training, Training, Training. Ohne diese ganzen Entbehrungen wäre ein Lukas Podolski heute kein Lukas Podolski.

Sind solche Heldenfiguren denn hilfreich auf dem Weg nach oben?
Das ist doch gerade geil, es muss ja auch nicht immer ein Lukas Podolski daraus resultieren. Es ist eine super Motivation, wenn man da oben ein Poster hängen hat von seinem Vorbild, das sich den Arsch für etwas aufgerissen hat, das man selbst cool findet. Egal, ob das Podolski ist, Prince oder Madonna.

Oder Jan Delay?
Dann mal viel Spaß! Zieht Euch warm an (lacht)! Ich weigere mich zu glauben, dass es das gibt. Aber dann würde ich den Kindern genau das gleiche erzählen wie bei Podolski, mit der Arbeit und der Leidenschaft. Und im intellektuellen Bereich wird da ja auch noch sehr viel mehr gefordert als von einem Fußballer. Als Jan Delay bist du ja nicht ein Jeanette Biedermann-Interpret, der alles zugeschoben bekommt wie eine Sturmspitze und das Ding nur noch reinhauen muss. Als Jan Delay bist du – und das ist gar nicht großkotzig gemeint – eine komplette Mannschaft, du bist elf Leute auf dem Platz. Und dessen muss man sich bewusst sein. Und dann, warum nicht?

Wer hing an Ihrer Wand?
Meine ersten Fan-Dinger waren Udo, ein bisschen auch Nena, und, wie schon erwähnt, Prince und Madonna. Jetzt, mit 33, kann ich wohl sagen, dass ich die Leistung bewundert habe, die solche Menschen erbracht haben. Das klingt jetzt total unglammäßig, aber es war eine Art Ehrfurcht vor dieser krassen Musik, diesem krassen Konzept, der Show, dem Outfit, dem Style, vor diesem und jenem.

Sie wollten auch bewundert werden.
Meine ersten Auftritte hatte ich als Drummer im Schulorchester, und ich bin schon damals so sehr Realist gewesen, dass ich dachte, schön und gut, aber hier kann ich nicht wirklich glänzen. Und erst beim Rap habe ich gemerkt, dass ich Talent habe, auch wenn unsere Raps und Vocals schrecklich klangen, aber live waren wir einfach immer die krasseste Energie-Band, wir haben einfach das Haus gerockt. Und darauf versucht man dann natürlich aufzubauen, sich zu verbessern und zu trainieren.

Es ging für Sie immer Schritt für Schritt.
Gesund ist, wenn du jede Stufe nimmst und langsam bis ins oberste Stockwerk gehst, dann lernst du alles von Grund auf und kannst ganz natürlich wachsen. Solltest du dann doch mal fallen, fällst du nur einzelne Stufen zurück. Diese Vögel von DSDS (Deutschland sucht den Superstar, Anm. d. R.) werden mit dem Helikopter auf dem obersten Stockwerk rausgeschmissen und bei dem ersten kleinen Windstoß fallen sie keine Stufen herunter – (haut auf den Tisch) sondern vier Stockwerke tief. Und dann war es das.

Auch Fußballer können ihren Aufstieg nur schwer regulieren. Es reicht oftmals ein gutes Spiel – und sie stehen im totalen Rampenlicht.
Und bei Fußballern geht es mit 30 ja auch schon wieder bergab, die müssen das Maximalste in einer viel kleineren Zeitspanne herausholen, wie eine Frau mit der biologischen Uhr. Und das macht es zusätzlich zu dem Erfolgsdruck und dem ganzen Scheiß, den Musiker ja auch haben, noch viel härter. Ich kann auch noch mit 80 Jahren auf Heroin in irgendeinem Knast ein Akustikalbum aufnehmen – das kann ein Fußballer nicht. Und deshalb kann ich diese tragischen Geschichten von Lars Ricken oder Sebastian Deisler sehr, sehr gut nachvollziehen.

Wissen Sie noch, was Sie am 27. April 2009 gemacht haben?
Nein. Wieso?

Jürgen Klinsmann ist an jenem Morgen als Trainer von Bayern München entlassen worden, um 20.15 Uhr gab es eine Sondersendung im ZDF.
Wäre Hans Meyer entlassen worden, hätte es keine Sondersendung gegeben.

Warum hat Fußball in unserer Gesellschaft einen solch hohen Stellenwert?
Wir leben in einem Fußball-Land und wollen Weltmeister werden, das ist uns allen wichtig und das interessiert hier auch jeden. Ich finde es viel schlimmer, wenn in den Nachrichten erzählt wird, dass Prad Pitt seinen Kollegen am Set gesagt hat, dass man sich mit Baby-Tüchern unter den Achseln waschen soll, wenn man keine Zeit zum Duschen hat, so wie bei den »RTL2 News«. Fußball darf das, solange keine Sondersendung kommt, wenn Verena Kerth und Oliver Kahn zusammen oder nicht zusammen sind.

Angela Merkel sitzt heutzutage auf der Tribüne in Cottbus.
Das ist doch klar, warum sie das macht. Gerhard Schröder hat sich doch auch immer inszeniert als alten Buffer. Und bei jeder Rede kam er mit seinen Metaphern aus der Fußballwelt, immer und immer wieder.

Was denken Sie, geht der Bundeskanzlerin während eines Fußballspiels durch den Kopf?
Da sprechen die Bilder mehr als tausend Worte, das sieht man ihr doch an (lacht). Nein. Ich will ihr das gar nicht absprechen, es muss ja auch nicht immer alles so berechnend sein. Als Angela Merkel Kanzlerin geworden ist, habe ich die Welt nicht mehr verstanden, ich dachte, Gott oh Gott, und heute muss ich mir ganz ehrlich eingestehen, dass sie krass in meinem Ansehen gestiegen ist. Und vielleicht flasht sie ja wirklich auf Fußball.

Sie bezeichnen sich selbst als Fan der deutschen Nationalmannschaft und sagten einmal, man könne ›Klinsmann und Klose lieben, ohne ein CSU-Parteibuch und ein Bild-Abo zu besitzen‹. Trotzdem wurden Sie 2006 nach einem Auftritt im Deutschland-Trikot als Rassist beschimpft.
Ja, das war auf der Fusion (Festival in Neustrelitz, Anm. d. R.). Vor unserem Auftritt wollten wir unbedingt das WM-Viertelfinale gegen Argentinien sehen, doch auf dem Festivalgelände herrschte allgemeines Fernsehverbot – und Flaggenverbot. Also mussten wir in irgend einem Glatzendorf anhalten und in so einer braunen Gaststätte »Zum Deutschen Adler« das Spiel gucken. Ich habe mir dann extra noch ein Deutschland-Trikot gekauft, das erste in meinem Leben, nur um darin aufzutreten, weil ich solche Verbote einfach nicht einsehe.

Was symbolisiert für Sie eine schwarz-rot-goldene Fahne?
Für mich ist das im Falle der Nationalmannschaft einfach nur ein Logo. Das Schwarz, Rot und Gold auf den Trikots hat für mich nichts mit einer Fahne vor dem Reichstag zu tun. Und wenn die Leute das nicht auseinanderhalten können, dass das nicht für eine politische Ausrichtung steht, sondern einfach nur ein Logo ist wie die Raute von Werder Bremen, dann tut es mir leid.

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Im neuen 11FREUNDE-Spezial »Fußball und Pop«: Werders Stadion-DJ Arnd Zeigler erklärt die Sorgen und Nöte seines Berufsstandes

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