05.09.2013

Jan Delay über Werder und den HSV

»Tim Wiese ist der King!«

Jan Delay gilt als einer der wichtigsten deutschen Musiker. Wir trafen uns einst mit ihm zum Interview, sprachen ein wenig über Musik – und ganz viel über Fußball. Passend zum neuen Spezial-Heft »Fußball und Pop« möchten wir euch das Interview noch einmal ans Herz legen.

Interview: Andreas Bock und Benjamin Apitius Bild: 11FREUNDE


Früher im Volksparkstadion interessierten Sie sich nur für die Stars der gegnerischen Mannschaften. Was hat Sie damals an Spielern wie Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler so fasziniert? Als Siebenjähriger waren das für mich die Leistungsträger. Ist doch klar, man sieht beim Fußball immer zuerst den, der die Tore schießt, wie ihm die Leute zujubeln, was da abgeht. Erst später lernt man auch einen Hans-Peter Briegel oder einen Jürgen Kohler zu schätzen. Man muss halt immer mehr in die Materie eintauchen, das ist genauso wie in der Musik. Erst begeistert man sich nur für diesen einen geilen Song von Michael Jackson – und irgendwann lernt man auch, wieso man den so geil findet und was dem eigentlich zugrunde liegt, welcher Musik sich da bedient und wie das produziert wurde, dass das Quincy Jones war, und was da noch alles zugehört. Und so ist es beim Fußball auch.

Dieser Prozess musste bei Ihnen erst einmal warten.
Bis zur 4. Klasse war Fußball für mich das absolute Ding, neben Prince und Madonna. Irgendwann, 5., 6. Klasse, waren es dann HipHop und Graffiti, und bald nur noch Rap, Rap, Rap, Rap. Fußball war kartoffelig und deutsch – und alles was deutsch ist, fand ich damals komplett uncool. Am Ende der Saisons habe ich nur noch kurz geguckt, wie Werder Bremen abgeschnitten hat.

Wann wurde Fußball für Sie wieder cool?
Mit dem Alter wurde man natürlich selbstständiger, reflektierter. Cool war in dem Sinne nicht mehr nur, was andere denken. Und dann, auf einmal, war das wie ein Ruck, es hat mich wieder gekriegt. Da ging es dann los mit Dortmund und der Champions League, alles bekam so einen gewissen Glam, auch der Bundesligafußball, krasse Einkäufe, derbe Spieler. Und in meiner Abi-Zeit wurde Werder Bremen dann endlich wieder Deutscher Meister, das hat natürlich sein Übriges dazu beigetragen.

Wie kommt es Ihnen heute vor, wenn Real Madrid einen Spieler für fast 100 Millionen Euro kauft?

Cristiano Ronaldo ist sowieso scheiße. Ich finde es auch extrem uninspirierend und langweilig und bescheuert, wenn sich alle darüber aufregen, dass das nichts mehr mit Fußball zu tun hat. Wenn da jemand ist, der die Eier hat, soviel Kohle auf den Tisch zu legen, dann ist das doch okay. Der Typ könnte auch Düsenjäger kaufen und Länder platt machen, soll er doch Fußballer kaufen. Auf der anderen Seite wäre es schön, wenn es zum Beispiel den Zusatz gebe, ey, ihr könnt soviel Geld ausgeben wie ihr wollt, aber für jeden Euro müsst ihr auch einen Brunnen bauen. Und zwar alle in Hamburg-Blankenese (lacht).

Wären Sie auch gerne Profifußballer geworden?
Ich war ein schlaues Kind und habe schon früh gemerkt, dass ich kein Rudi Völler bin, allein schon von der Statur her.

Stattdessen wollten Sie Börsenmakler werden und Kohle scheffeln.
Meine Mutter hat einen richtigen Schock bekommen und mir einen Vogel gezeigt, aber genau deswegen habe ich das ja auch nur gesagt, das war meine kleine Rebellion. Manche Kinder hören Gangstarap – und andere erzählen ihrer Mutter, dass sie Makler werden wollen. There are sixties ways to erschreck your eltern.

Was halten Sie von Kindern, die heute den Berufswunsch »Lukas Podolski« haben?
Kinder sind die coolsten Menschen der Welt. Man sollte ihnen in ihrer eigenen Sprache erklären, was es bedeuten würde, ein Lukas Podolski zu sein, wie hart der Weg zum Fußballprofi wäre. Die ganze Kindheit bestände nur aus Fußball, Fußball, Fußball, keine Playstation, kein Internet und kein gar nichts. Mit zwölf Jahren ginge es dann ins Fußballinternat, kein Alkohol, keine Mädchen, Training, Training, Training. Ohne diese ganzen Entbehrungen wäre ein Lukas Podolski heute kein Lukas Podolski.

Sind solche Heldenfiguren denn hilfreich auf dem Weg nach oben?
Das ist doch gerade geil, es muss ja auch nicht immer ein Lukas Podolski daraus resultieren. Es ist eine super Motivation, wenn man da oben ein Poster hängen hat von seinem Vorbild, das sich den Arsch für etwas aufgerissen hat, das man selbst cool findet. Egal, ob das Podolski ist, Prince oder Madonna.

Oder Jan Delay?
Dann mal viel Spaß! Zieht Euch warm an (lacht)! Ich weigere mich zu glauben, dass es das gibt. Aber dann würde ich den Kindern genau das gleiche erzählen wie bei Podolski, mit der Arbeit und der Leidenschaft. Und im intellektuellen Bereich wird da ja auch noch sehr viel mehr gefordert als von einem Fußballer. Als Jan Delay bist du ja nicht ein Jeanette Biedermann-Interpret, der alles zugeschoben bekommt wie eine Sturmspitze und das Ding nur noch reinhauen muss. Als Jan Delay bist du – und das ist gar nicht großkotzig gemeint – eine komplette Mannschaft, du bist elf Leute auf dem Platz. Und dessen muss man sich bewusst sein. Und dann, warum nicht?

Wer hing an Ihrer Wand?
Meine ersten Fan-Dinger waren Udo, ein bisschen auch Nena, und, wie schon erwähnt, Prince und Madonna. Jetzt, mit 33, kann ich wohl sagen, dass ich die Leistung bewundert habe, die solche Menschen erbracht haben. Das klingt jetzt total unglammäßig, aber es war eine Art Ehrfurcht vor dieser krassen Musik, diesem krassen Konzept, der Show, dem Outfit, dem Style, vor diesem und jenem.

Sie wollten auch bewundert werden.
Meine ersten Auftritte hatte ich als Drummer im Schulorchester, und ich bin schon damals so sehr Realist gewesen, dass ich dachte, schön und gut, aber hier kann ich nicht wirklich glänzen. Und erst beim Rap habe ich gemerkt, dass ich Talent habe, auch wenn unsere Raps und Vocals schrecklich klangen, aber live waren wir einfach immer die krasseste Energie-Band, wir haben einfach das Haus gerockt. Und darauf versucht man dann natürlich aufzubauen, sich zu verbessern und zu trainieren.

Es ging für Sie immer Schritt für Schritt.
Gesund ist, wenn du jede Stufe nimmst und langsam bis ins oberste Stockwerk gehst, dann lernst du alles von Grund auf und kannst ganz natürlich wachsen. Solltest du dann doch mal fallen, fällst du nur einzelne Stufen zurück. Diese Vögel von DSDS (Deutschland sucht den Superstar, Anm. d. R.) werden mit dem Helikopter auf dem obersten Stockwerk rausgeschmissen und bei dem ersten kleinen Windstoß fallen sie keine Stufen herunter – (haut auf den Tisch) sondern vier Stockwerke tief. Und dann war es das.

Auch Fußballer können ihren Aufstieg nur schwer regulieren. Es reicht oftmals ein gutes Spiel – und sie stehen im totalen Rampenlicht.
Und bei Fußballern geht es mit 30 ja auch schon wieder bergab, die müssen das Maximalste in einer viel kleineren Zeitspanne herausholen, wie eine Frau mit der biologischen Uhr. Und das macht es zusätzlich zu dem Erfolgsdruck und dem ganzen Scheiß, den Musiker ja auch haben, noch viel härter. Ich kann auch noch mit 80 Jahren auf Heroin in irgendeinem Knast ein Akustikalbum aufnehmen – das kann ein Fußballer nicht. Und deshalb kann ich diese tragischen Geschichten von Lars Ricken oder Sebastian Deisler sehr, sehr gut nachvollziehen.

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