05.09.2013

Jan Delay über Werder und den HSV

»Tim Wiese ist der King!«

Jan Delay gilt als einer der wichtigsten deutschen Musiker. Wir trafen uns einst mit ihm zum Interview, sprachen ein wenig über Musik – und ganz viel über Fußball. Passend zum neuen Spezial-Heft »Fußball und Pop« möchten wir euch das Interview noch einmal ans Herz legen.

Interview: Andreas Bock und Benjamin Apitius Bild: 11FREUNDE

Jan Delay, gelten Sie in Hamburg eigentlich als Nestbeschmutzer?
Am Tag nach dem UEFA-Cup-Rückspiel gegen Bremen bin ich in Hamburg mit meinem »100% Werder«-Shirt in den Neidklub gegangen. Als mich die ganzen Türsteher dann lauthals gedisst haben, habe ich nur die Becks-Flaschen hochgehalten und gesagt: »Dann kauft doch erstmal neues Bier für euren scheiß Club!« Bremer Bier am Start – kein Astra, kein Holsten – und mich beschimpfen, weil ich mit einem Werder-Shirt rumlaufe.

Kann man sich mit Ihnen über Fußball streiten?
Ja, definitiv. Ich halte nicht damit hinterm Haus, dass ich Werder-Fan bin, und ich habe natürlich meinen Spaß daran, alle Hardcore-HSV-Fans damit zu brüskieren. Manchmal trifft man aber auch Fans, die sich eingestehen, dass es beim HSV gewisse Mängel gibt, nicht nur sportlich, sondern auch im Verein und bei den Fans. Und dann sind wir auch schon an dem Punkt, warum ich Werder-Fan und nicht HSV-Fan geworden bin. Ich war ja früher im Volksparkstadion und wollte Fußball gucken – aber nicht zwischen Hitlergrüßen.

Hätte nicht eigentlich der FC St. Pauli ganz wunderbar zu Ihnen gepasst?
Ich finde den FC St. Pauli sympathisch, und ich kann auch jeden Fußballfan verstehen, der zu Altona 93 geht, aber ich persönlich bin nicht so. Ich bin auch kein DJ, der Wert darauf legt, irgendwelche C-Seiten aufzulegen, die noch niemand gehört hat. Ich bin ein Pop-Schwein. Die Leute wollen tanzen – und ich will guten Fußball sehen. Und deshalb kommt St. Pauli für mich nicht in Frage. Dann schon eher der HSV.

Wie bitte?
Das ist doch alles nur ein kleines Spielchen. Letztendlich bin ich doch Hamburger, und wenn die nicht gerade gegen Werder spielen, bin ich auch für den HSV, das ist doch klar.

Kann man von mehreren Vereinen Fan sein, wie zum Beispiel von verschiedenen Bands in der Musik?
Ja, natürlich. Aber auch in der Musik hat man jemanden, der einen das ganze Leben begleitet. Bei mir ist das Udo Lindenberg, der war und ist für mich immer der Shit gewesen, auch in Zeiten, in denen gar nichts ging und er die schlimmste Musik gemacht hat. Das ist einfach dieses Fan-Ding, Udo ist mein Klub! Und im Fußball ist das Werder Bremen, aber ich bin auch noch mal Fan pro Saison von gutem Fußball. Das ist dann der Erfolgsflasher in mir – ich bin Fan von dem, was rockt.

Welche Typen wollen Sie beim Fußball sehen?

Ich vermisse die Mario Baslers, aber zum Glück steht ja bei uns ein Tim Wiese im Tor. (Wer es noch nicht gemerkt hat: Dieses Interview wurde bereits vor einigen Jahren geführt, d. Red.) Alle hassen Wiese, aber für mich ist er der unglaublich Derbste! Was gibt es denn mehr, als jemanden mit einer großen Klappe, der auch etwas dahinter hat? Der steht in Hamburg mit einem Megaphon und schreit: »Scheiß HSV!« Und genau das wollen die Leute doch auch sehen, deshalb schalten sie ein, das ist Entertainment. Ich meine, der hat in dem Spiel drei Elfmeter gehalten, er ist einfach der King!

In Ihren Augen auch die Nummer 1 im Tor der Nationalmannschaft?
Wenn der Typ bei der WM im Tor steht, und es kommt zum Elfmeterschießen – jeder wird Schiss haben. Du brauchst doch genau so jemanden im Tor, vor dem die Leute einfach Angst haben, weil ihm ein bestimmter Ruf vorauseilt, und dann kommt auch noch das gewisse Äußere dazu. Den würden plötzlich alle lieben, und seine Sprüche wären auch okay. Oliver Kahns, Mario Baslers und Tim Wieses – davon sollte es viel mehr geben.

Mehr Sprücheklopfer?
Wenn beides stimmt, große Klappe und was dahinter, bin ich der größte Fan. Hans Meyer ist zum Beispiel der Derbste, finde ich. Und wenn Maik Franz auch sportlich mehr auf dem Kasten hätte, könnte er auch so eine Person werden, aber der geht dann von Frankfurt zu Offenbach und dann war es das. Ist jetzt böse, aber er hat einfach nicht die Leistung am Start, die jemand für eine solche Klappe haben sollte.

In Ihren Liedern geht es unter anderem um Politik, Depression und Disko. Warum so wenig um Fußball?
Ich habe doch immer mal wieder irgendwo eine Textzeile über Fußball drin. Für einen Text nur über Fußball mangelt es mir aber einfach an guten Vorbildern, ich mag mir kein Beispiel an Oliver Pocher nehmen. Fußballmusik ist immer sehr stumpf, und ich glaube, ich würde mir dabei doof vorkommen. Wenn ich einen Text schreibe, steckt da sehr viel überlegen und Arbeit drin.

Wären Sie 2006 gerne an der Stelle von Sportfreunde Stiller gewesen und mit der Nationalmannschaft vor dem Brandenburger Tor aufgetreten?
Ich hätte es geil gefunden, wenn es von selbst dazu gekommen wäre. Ich mag die Jungs von Sportfreunde Stiller, und der Song ist ja auch irgendwie okay, aber das ist alles schon sehr reduziert auf gewisse Fußballmechanismen. Vielleicht kann ich das ja auch irgendwann mal, und vielleicht wird die nächste Platte von mir, weil ich einfach Bock darauf habe, voll stumpf. Jetzt nicht so Kommerz-stumpf, sondern einfach stumpf, so wie Punkrock oder einfacher Rap. Und dann gibt es auch einen stumpfen Fußballsong.

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