Ivan Saenko im Interview

„Es ist einfach nur geil“

Nürnberg freut sich über die Wiedergeburt des „Clubs“. Einer, der mitten drin ist, kann sein Glück kaum fassen: Ivan Saenko. Der Mann, der von seinem Vater ausgebildet wurde und mit 17 den Gang in die Fremde wagte, ist endlich angekommen. Imago

Herr Saenko, Sie sind in dieser Saison mit 9 Toren bester Torschütze ihres Vereins und führen auch die interne Scorerliste mit 14 Punkten an. Sind sie der wahre Grund für den Höhenflug des 1.FC Nürnberg?

Nein. Ich spiele nur gut, weil die ganze Mannschaft gut spielt. Ich mag es auch nicht, wenn einzelne Spieler hervorgehoben werden.

Beim „Club“ haben Sie einen Vertrag bis 2010. Warum haben Sie sich so lange an den Verein gebunden?

In Nürnberg passt einfach alles für mich. Außerdem habe ich ja auch eine Ausstiegsklausel für 2008.

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Sie könnten dann also für eine festgeschriebene Ablösesumme den Verein verlassen.

Ja. Aber im Moment mache ich mir gar keine Gedanken über einen Wechsel. Ich denke kurzfristig, und so zählt für mich nur der 1. FC Nürnberg.

Jetzt haben sie mit dem „Club“ das Endspiel im DFB-Pokal erreicht.

Oh ja, das ist wirklich wunderbar. Die Stimmung im Stadion war unbeschreiblich, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Der Sieg im Halbfinale war der bisher größte Erfolg meiner Karriere.

In Berlin treffen Sie am 26. Mai auf den VfB Stuttgart. In der Bundesliga hat Nürnberg die Schwaben zweimal deutlich besiegt. Dann sind sie doch klarer Favorit.

Nein, nein. Die Chancen stehen 50:50. Das Finale ist ein ganz anderes Spiel.

Stimmt es, dass Sie in Ihrer Jugend nie bei einem Verein gespielt haben, sondern allein von Ihrem Vater trainiert wurden?

So ungefähr. Ich habe tatsächlich bis zur A-Jugend bei keinem Fußball-Klub gekickt. Aber mein Vater hat schon in meiner Kindheit die Mannschaft meiner Heimatstadt Woronesch trainiert. Da war ich dann immer dabei.

Wie kamen Sie nach Deutschland?


Die Mannschaft meines Vaters hat ein Trainingslager in Baden-Württemberg absolviert, und ich durfte mitreisen. Ein Freund meines Vaters, der in Deutschland lebt, sagte mir nach einem Training, ich müsse unbedingt zu einem großen Verein. Und so habe ich beim VfB Stuttgart vorgespielt, gemeinsam mit Alexander Hleb. Ich habe mich danach aber verletzt, und so gab mir der VfB keinen Vertrag. Kurze Zeit später habe ich in Karlsruhe unterschrieben.

Sie sind als 17-Jähriger nach Deutschland gewechselt...

Und das war eine brutal schwierige Zeit. Es ist sehr hart, sich an eine neue Sprache und eine neue Mentalität zu gewöhnen. Der KSC stellte mir eine Lehrerin, aber wenn ich am Tag zweimal trainierte, konnte ich mich nicht mehr auf das Lernen konzentrieren. In der ersten Zeit habe ich mich nur mit Englisch verständigt, denn im Internat waren dann noch zehn andere Leute, die auch nicht Deutsch sprechen konnten.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie sich beim KSC durchsetzen können?

Schon in meiner ersten Saison in der A-Jugend. Ich schoss neun Tore in zehn Spielen, und wir haben in der Liga mit den starken Jugendmannschaften von Stuttgart und München mitgespielt. Auch der Trainer hat mich immer ermutigt, dass ich es zu den Profis schaffen kann, und so gehörte ich bald zu den drei Junioren, die in der ersten Mannschaft mittrainieren durften.

In Karlsruhe haben sie groß aufgespielt. Aber wohl auch keine Party ausgelassen.

Dieses ganze Gerede „Saenko feiert gerne“ ging erst los, nachdem ich der Öffentlichkeit mitgeteilt habe, dass ich wechseln möchte. Viele Mitspieler hatten mir geraten, es erst später zu verkünden, aber das ist doch Quatsch. Dann waren jedenfalls alle gegen mich. Aber ich verstehe das nicht, in Nürnberg feuern die Fans Raphael Schäfer auch noch an, obwohl sie wissen, dass er den Verein am Saisonende verlässt. Das ist doch auch in Ordnung. Ich hatte in Karlsruhe eine super Zeit, und da gehören doch auch Parties dazu. Wir sind doch alle Menschen und da muss es doch erlaubt sein, auch mal zu feiern. Wenn es einen Grund zum Feiern gibt, muss man feiern. Fußballprofis kommen doch nicht von einem anderen Planeten.

Auch nach Ihrem Wechsel zum 1. FC Nürnberg haben sie nach einer guten Anfangsphase bald auf der Tribüne gesessen. Warum?

Es war einfach eine schwierige Zeit. Ich war unter der Woche oft mit der russischen U21-Nationalmannschaft unterwegs, konnte dann in Nürnberg nur wenig trainieren, und dann bin ich auf der Tribüne gelandet. Es lief insgesamt nicht gut, aber ich will mich da auch nicht rausnehmen und das auf andere oder andere Umstände schieben. Aber nicht nur ich, Robert Vittek saß oft neben mir.


Dann kam jedoch der neue Trainer Hans Meyer, und für Sie lief es schlagartig besser.

Er hatte mich schon in Karlsruhe beobachtet, als er Scout bei Hertha BSC war. Nach seinem Amtsantritt haben wir ein sehr gutes, offenes Gespräch geführt, in dem er mir viel Hoffnung gegeben hat.

Dann ist es Ihnen also sehr wichtig, dass der Trainer viel mit Ihnen redet.

Das ist brutal wichtig. Ich habe schon mit vielen Trainern zusammengearbeitet (Kuntz, Köstner, Fanz, Becker (KSC), Wolf, Meyer – Anm. d. Red.) und bei den Übungseinheiten unterscheiden sie sich alle nicht so sehr, so viel Verschiedenes kann man auch nicht trainieren. Aber das Wichtigste, was ein Trainer tun kann, ist mit dem Spieler zu reden und ihm zu erklären, warum er auflaufen wird oder warum er auf der Tribüne sitzen wird. Es ist jetzt auch nicht so, dass wir in Nürnberg nur deshalb Erfolg haben, weil Hans Meyer oft mit uns spricht. Aber seine Eigenschaft, offen mit den Spielern umzugehen, erleichtert die gemeinsame Arbeit ungemein. Man wird verrückt, wenn der Trainer seine Entscheidungen nicht erklärt und manche Spieler kommentarlos auf die Tribüne setzt. Bei Hans Meyer weiß einfach jeder im Kader, dass er immer zu ihm kommen kann – bei einem sportlichen Problem, aber auch bei einem familiärem.

Dann ist also Hans Meyer der Hauptgrund für den Nürnberger Erfolg.

Auf jeden Fall ein bedeutender. Er hat einfach das richtige Gespür, wie er uns auf den nächsten Gegner einstellen muss, er erkennt oft schwierige Situationen schon im Voraus und findet immer den richtigen Ton, um uns zu motivieren.

Wie wichtig ist Schnelligkeit für ihr Spiel?

Ich mag es eigentlich nicht so sehr, darüber zu sprechen, was ich supergeil kann oder was ich nicht so gut kann. Das müssen andere beurteilen. Ich kann mich auch nicht gut loben. Ich höre auf meinen Vater, meine Familie und Hans Meyer. Es ist nicht einfach, wenn die Leute mir als 23-Jährigem immer wieder sagen: Du bist supergeil. Darum versuche ich, einfach auf dem Boden zu bleiben.

Stimmt es, dass ihr Vater alle Entscheidungen für sie trifft?

Nein, wir entscheiden gemeinsam im Kreise unserer Familie. Da zählt auch die Stimme meines Bruders und meiner Mutter – das ist normal bei uns. Ich bin stolz, den Namen Saenko zu tragen. In Russland sagt man nicht: Das ist mein Haus und mein Auto. Wir sagen: Das ist ein Saenko-Haus und ein Saenko-Auto. Wir sind eine Familie und treffen all unsere Entscheidungen gemeinsam.

In Karlsruhe haben Sie Ihrem Vater als Trainer der Frauenmannschaft von Fackel Woronosch auch die 17-jähriges Sabrina Rastetter als Spielerin vermittelt.

Stimmt, das war natürlich geschäftlich und ich habe eine dicke Provision kassiert (lacht.) Spaß beiseite. Ich wusste, dass Sabrina eine sehr gute Fußballer-Spielerin ist und auch von vielen Vereinen umworben wurde. Ich konnte ihr Russland schmackhaft machen, weil dort im Frauenfußball absolute Profibedingungen herrschen. Die Mädchen bekommen ein gutes Gehalt und können sich nur auf den Sport konzentrieren. Mittlerweile spielt sie wieder in Deutschland (Saarbrücken – Anm. d. Red.), aber unsere Familie und die Rastetters haben immer noch sehr engen Kontakt.

Im Februar haben Sie ihr erstes Länderspiel für Russland über 90 Minuten absolviert. Wird der neue Nationaltrainer Guus Hiddink den schlafenden Fußballriesen aufwecken können?

Eine neue Generation von jungen Spielern drängt in die Nationalelf. Guus Hiddink ist genau der Trainer, den wir brauchen, um etwas aufzubauen. Da möchte ich natürlich dabei sein. Für sein Heimatland aufzulaufen, ist einfach nur geil.


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Hier findet Ihr ein Interview mit Ivan Saenkos Sturmpartner Markus Schroth www.11freunde.de/bundesligen/19522 .

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