Ivan Klasnic über seinen Abschied aus Mainz

»Thomas Tuchel ist ein schwieriger Typ«

Im Sommer 2012 kehrte Ivan Klasnic überraschend in die Bundesliga zurück – doch in Mainz kam der Stürmer nicht zum Zug. Lag es an ihm oder an Thomas Tuchel? Ein Gespräch über Wertschätzung, Motivationskünste und ein Karriereende in Hamburg.

Ivan Klasnic, Ihr Vertrag beim FSV Mainz 05 ist in der vergangenen Woche ausgelaufen  - ein guter oder ein schlechter Tag?
Weder das eine noch das andere. Ich bin total gelassen.
 
Derart gelassen, dass Sie uns Ihren neuen Klub verraten?
Mein Berater und ich stehen in Kontakt mit einigen Vereinen, aber es gibt noch nichts zu vermelden. Einen Schnellschuss wird es definitiv nicht geben.
 
Wird der nächste Vertrag Ihr letzter sein?
Das weiß ich nicht. Ich bin mittlerweile 33 Jahre alt und es ist kein Geheimnis, dass meine Karriere sich dem Ende entgegen neigt.
 
Sie haben stets betont, Ihre Karriere beim FC St. Pauli beenden zu wollen. Wie ist der Stand?
Ich weiß nicht, ob Interesse besteht. Bislang hat sich niemand gemeldet. Die einzigen Leute, die ich noch von früher kenne, sind Joachim Philipkowski, der zurzeit im Jugendbereich arbeitet, und Thomas Meggle, der seit diesem Sommer die Amateure trainiert.Wenn ich die Zeit Revue passieren lasse, komme ich relativ schnell zu dem Schluss, dass im Klub beinahe nichts mehr ist wie früher.
 
Ein Beispiel?
St. Pauli ist professioneller aufgestellt, ich nenne nur die Stichworte: Internat und Trainingsplätze. Wir haben damals auf einem Schlackeplatz trainiert, direkt hinter dem Stadion in der Feldstraße. Inzwischen trainieren die Kinder und Jugendlichen unter besseren Bedingungen als damals die Profis. Außerdem hatte der Klub früher nicht so intensiv auf die Nachwuchsarbeit gesetzt. Zwar hatten wir eine gute A-Jugend, allerdings gab es kaum Spieler, die an den Profibereich herangeführt wurden. Das ist inzwischen glücklicherweise anders.
 
Ist St. Pauli mittlerweile ein ganz normaler Klub?
Nein, auf keinen Fall! Der FC Pauli ist und bleibt ein Kultklub. Ich sehe hier noch immer vieles, dass ich bei anderen Vereinen niemals finden werde. Nur so nebenbei: Ich habe schon vor geraumer Zeit zum Spaß zu Torsten Vierkant (Stadionchef, d. Red.) gesagt: »Wenn das Stadion fertig ist, bin ich wieder da.« (Pause) Noch fehlt ja ein Teil, oder? Schauen wir mal, was passiert. Mir gefällt das neue Stadion übrigens extrem gut, das Teil ist wunderschön, echt stilvoll. Früher haben wir ja eher in einer Art Freiluftarena gespielt! (lacht)
 
Der FC St. Pauli ist für Sie offensichtlich ein ganz besonderes Klub – weshalb?
Die Fans sind crazy. Müsste St. Pauli innerhalb der kommenden drei Wochen drei Millionen Euro aufbringen, würden die Anhänger sofort Aktionen starten und den Großteil der Summe zusammenkratzen. Da bin ich mir sicher!
 
Ivan Klasnic, ein Satz von Ihnen lautet: »Wenn ich gesund bin, kann ich alles erreichen«. Sind Sie zurzeit gesund?
Eindeutig: ja.
 
Ein weiteres Zitat: »Ich habe Rituale wie ein Drogensüchtiger - ich nehme morgens um neun und abends um neun immer meine Tabletten«. Das sei für Sie Routine. Hatten Sie eigentlich in den vergangenen Jahren, also nach der Nierentransplantation, den Eindruck, man wolle Sie in Watte packen?
Ja, manchmal. Einige sind offenbar nicht in der Lage, diese Geschichte komplett auszublenden. Ich denke allerdings, das ist normal. Vielleicht hat diese Sache auch zuletzt in Mainz eine Rolle gespielt, keine Ahnung. Fest steht: Ich habe nicht die Chance bekommen, den Leuten zu zeigen, was ich drauf habe. Das ist verdammt schade.
Und woran lag es?
Mir sind bis heute keine Gründe genannt worden. Leider. Einmal durfte ich von Anfang an ran – und was geschah? Ich habe prompt mein Tor gemacht (24. Spieltag, 1:1 gegen Düsseldorf, d. Red.). Ich kann daher immer nur den einen Satz wiederholen: Wenn ich spiele, mache ich meine Tore – das war schon immer so. Insgesamt war die Zeit in Mainz dennoch eine gute Erfahrung, ich habe neue Menschen kennengelernt und Situationen erlebt, die für mich zuvor nicht vorstellbar gewesen wären.
 
Was genau meinen Sie?
Ich bin plötzlich der große Motivator gewesen. Das war meine Aufgabe. Wenn man sieht, wie viele, besser: wie wenige Spiele ich gemacht habe, fällt mir spontan nur ein Satz ein: Ich war zu jener Zeit wahrscheinlich der beste Psychologe und Motivator der Welt (lacht). Ich habe diese Aufgabe sofort angenommen und alles getan, um den Jungs einen Zusatzschub zu verpassen. Von mir gab es keine Spitzen Richtung Trainerteam – kein einziges Mal.
 
Und weshalb waren Sie derart gelassen? Mit 25 wären Sie doch vermutlich geplatzt, wenn Sie außen vor gestanden hätten, oder?
Es lag ja nicht an mir. Wenn der Trainer meint, ich sei nicht gut genug, dann ist das verbindlich. Ich hätte rumpöbeln können wie ein beleidigtes Kind – es hätte nichts geändert. Ich musste die Situation akzeptieren, sie annehmen.
 
Wie schwierig war das?
Ich habe mir an vielen Abenden die Frage gestellt: Was machst Du falsch, Ivan?
 
Und?
Ich weiß es nicht. Fakt ist: Ich habe eine gute Stimmung ins Team gebracht. Ich war für Mainz eine Art Glücksbringer. Dass die Jungs eine super Hinrunde gespielt haben, steht ohnehin außer Frage.
 
Wie kann man Mitspieler motivieren, wenn man selbst auf dem Platz keine Rolle spielt?
Das hat viel mit Kommunikation zu tun, mit Wertschätzung und so. Mainz hatte die ersten drei Partien nicht gewonnen, während des Trainings kam Thomas Tuchel zu mir und sagte: »Ivan, du bist genau der richtige Mann, ich brauche dich hier, du bist wie ein zweiter Trainer, ich will, dass du die Mannschaft gemeinsam mit mir motivierst.«
 
Sie fühlten sich also geschmeichelt?
Na klar! Ich bin überzeugt davon, dass jeder Spieler, der so etwas von seinem Trainer hört, zunächst mal stolz ist. Ich habe mich über dieses Statement sehr gefreut.
 
Sie hatten  immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen, im September: eine Lebensmittelvergiftung, anschließend Wadenprobleme, im März dann ein Muskelbündelriss.
Das war sicherlich alles andere als optimal. Trotzdem hat es viele Wochen gegeben, in denen ich topfit war. Aber jeder weiß: Spielt die Mannschaft gut, gibt es für den Trainer kaum Gründe, etwas zu ändern. Dennoch hätte ich mir gewünscht, wenigstens ab und zu eine echte Chance zu bekommen, wenigstens ein paar Mal eine halbe Stunde Spielzeit. Schließlich lief nicht immer alles rund auf dem Platz, in schwierigen Phasen hätte ich der Mannschaft sicherlich helfen können.
 
Ist Thomas Tuchel ein überdurchschnittlich guter Trainer?
(Lange Pause) Das ist schwierig zu beantworten.
 
Bitte versuchen Sie es.
Thomas Tuchel hat sehr, sehr viel Ahnung von Fußball. Er will von seinen Spielern schönen und dominanten Fußball sehen.
 
Aber?
Ich denke, er hat er dieses hohe Niveau noch nicht erreicht, um es mal vorsichtig zu formulieren. Er ist ein schwieriger Typ. Und mit dieser Meinung stehe ich definitiv nicht alleine da.
 
Es heißt, Thomas Tuchel rede nur sehr wenig mit den Ersatzspielern – stimmt das?
Es wäre nicht richtig, wenn ich das mit »Nein« beantworten würde. Er hat seine elf Spieler, mit denen er intensiv arbeitet. Wer immer »Ja« sagt, bekommt mit ihm keine Probleme. Er mag keine Spieler, die Dinge in Frage stellen oder ihre Meinung sagen. Er hat seine Lieblingsspieler, die sich gut angepasst haben, so ist es bei mir jedenfalls rübergekommen.
 
Ist eine solch klare Linie nicht eher positiv und in diesem Geschäft dringend erforderlich, um Erfolg zu haben?
Ich denke: nein. Ich habe in meiner Karriere bereits viele Trainer erlebt. Auch bei Werder stand ich bekanntlich nicht immer in der Startelf, trotzdem war der Umgang miteinander immer von Respekt geprägt.
 
Sie schwärmen stets von Thomas Schaaf, ihrem Ex-Trainer in Bremen...
Thomas Schaaf ist der beste Trainer, den ich jemals hatte!  Und das sage ich, obwohl er mich im Training immer gequält hat! (lacht) Ich bedaure es sehr, dass er nicht mehr Werder-Trainer ist. Aber bevor ein falscher Eindruck entsteht, noch mal ganz deutlich: Thomas Tuchel ist ein absoluter Fußball-Experte. Ich habe mich in der vergangenen Runde nicht ein einziges Mal negativ geäußert. Dass ich Ihre Fragen jetzt, nach Ablauf meines Vertrages, ehrlich beantworte und eben nicht, wie üblich, die Geschichte der heilen Fußball-Welt Mainz 05 abspule, sollte man mir zugestehen.
 
Noch mal nachgefragt: Worauf legt Thomas Tuchel besonders großen Wert?
Für ihn ist es wichtig, dass die Mannschaft viel läuft, dass sie die vorgegebene Kilometerzahl erreicht. Gelingt ihr das, ist er zufrieden, dann lobt er sie.
 
Ist derlei nicht üblich in der Bundesliga?
Laut Statistik haben die Bayern-Spieler weniger Kilometer gerissen als viele andere Bundesligaklubs. Na und? Trotzdem haben die Bayern drei Titel geholt und die beste Runde der Bundesligageschichte hingelegt. Die Kilometerzahl ist offensichtlich nicht entscheidend, vielmehr geht es darum, wie oft man aufs Tor schießt und wie stark Offensive und Defensive miteinander harmonieren.

 
Was trauen Sie Mainz in dieser Saison zu?
Sie werden es sehr, sehr schwer haben. Dass Adam (Szalai, d. Red.) zu Schalke gewechselt ist, trifft die Mainzer knüppelhart. Ihn adäquat zu ersetzen, ist praktisch unmöglich. Das ist eine gefährliche Situation.
 
Bitte ergänzen Sie den Satz: Wer sich über das Fußballgeschäft beklagt, der...
...verschwendet seine Zeit. Überall, wo viel Geld im Spiel ist, gibt es auch große Schattenseiten.
 
Das heißt?
Der Druck für die jungen Spieler wird beinahe von Jahr zu Jahr größer. Derjenige, der alles für den Sport tut, kann es schaffen. Derjenige allerdings, der gelegentlich aus der Reihe tanzt, scheitert. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das passiert. Die Medien haben enorm viel Macht. Ich weiß, wovon ich spreche. Angefangen von überschwänglichen Lobeshymnen bis hin zu unverschämten Lügengeschichten – ich kenne die Mechanismen.
 
Wie sind Sie damit umgegangen? Hat es jemals einen Moment gegeben, in dem Sie darüber nachgedacht haben, Ihre Karriere vorzeitig zu beenden?
Nein. Ich kann allerdings nachvollziehen, dass einige Spieler daran zerbrechen. Man fühlt sich manchmal hilflos, weil man nicht weiß, in welche Richtung die Berichterstattung sich entwickelt. Wenn jemand eine Lügengeschichte über mich verbreitet, kann ich ihn lediglich ignorieren, mehr nicht.
 
Haben Sie ein Beispiel parat?
Der Vergewaltigungsvorwurf, gegen den ich mich stets vehement gewehrt hatte. Diese Berichterstattung traf mich unheimlich hart. Noch bevor ich mich äußern konnte, drehte eine große deutsche Zeitung so richtig auf, sie vermittelte den Eindruck, es seien keine Vorwürfe, sondern Fakten. Obwohl herauskam, dass es sich um eine Lüge handelte, blieb etwas hängen, denn die Nachricht, dass ich unschuldig bin, joa, wo landete die? In einer klitzekleinen Spalte unten rechts, irgendwo neben dem Wetterbericht! (Pause) Ich glaube aber nicht, dass man das ändern kann. Genau deshalb halte ich mich in der Öffentlichkeit auch zurück, wenn es um mein Privatleben geht.

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