07.02.2011

Italiens Teambetreuer Nello di Martino über die WM 2006

»Unser Geheimnis war Espresso!«

Er war dabei, als Filippo Inzaghi Deutschlands Teiche leer angelte: Italiens Teambetreuer Nello di Martino über den WM-Triumph von 2006, die Geheimwaffe namens Espresso und ein Gespräch über Angst mit Gennaro Gattuso.

Interview: Stefan Hermanns und Michael Rosentritt Bild: Imago
Nello di Martino, in »Deutschland, ein Sommermärchen« spielen Sie eine kleine, aber feine Nebenrolle.


Nello die Martino: Ja, stimmt. Das war vor dem Halbfinale in Dortmund. Die Mannschaften waren gerade aus den Kabinen gekommen und standen vor der Treppe, die zum Spielfeld führt. Da hat Bernd Schneider durch den Gang gerufen: »Die haben Angst, Männer!« Und ich habe eben zurückgebrüllt: »Wir haben keine Angst!« Das gab eine schöne Verwirrung.



Sie waren bei der WM 2006 Betreuer der italienischen Mannschaft, der Mann im Hintergrund, der sich um alles kümmert. Auch im Film kommt Ihre Stimme aus dem Off, und dann ist Bernd Schneider zu sehen, der mit großen Augen in Ihre Richtung schaut.

Nello die Martino: Der hatte nun mal nicht erwartet, dass er einen Konter bekommt. Sie müssen sich das vorstellen: Es ist das Halbfinale der Weltmeisterschaft, fünf Minuten vor Spielbeginn – da ist das Adrenalin auf 350. Und dann kommt dieser Spruch. Gattuso hat mich gefragt: »Was hat der gesagt?« – »Er hat gesagt, dass du Angst hast.« (lacht) Das war eine schöne Sache.

Haben Sie den Film im Kino gesehen?

Nello die Martino: Nein, ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass ich darin vorkomme. Ich glaube, es war Sascha Burchert…

…der Torhüter von Hertha BSC…

Nello die Martino: … der mir erzählt hat, dass er meine Stimme gehört hat. In Italien war das eine große Sache. Die Zeitungen haben darüber berichtet. Non abbiamo paura. Das ist legendär. Wir haben keine Angst.

War das denn wirklich so? Die Deutschen hatten bis dahin ein starkes Turnier gespielt – und sie hatten den Heimvorteil.

Nello die Martino: Mir war von Anfang an klar: Wenn wir ins Finale wollen, müssen wir Deutschland ausschalten. Innerlich hätte ich das natürlich gerne vermieden, weil ich seit 1971 hier lebe. Aber leider ist es so gekommen, und ich wusste, dass es nicht gut für Deutschland ausgeht.

Wieso?

Nello die Martino: Nelo die Martino: In entscheidenden Spielen hat Deutschland gegen Italien immer verloren. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht habt ihr einen Komplex.

Wie war die Stimmung vor dem Spiel?

Nello die Martino: Da gab es schon ein bisschen Gift. Die Atmosphäre war sehr gereizt. Vor unserem Hotel in Duisburg haben deutsche Fans nachts Feuerwerkskörper abgeschossen. Dann mussten wir zum Halbfinale nach Bochum umziehen, weil die Fifa darauf bestanden hat. So ein Blödsinn. In Bochum war es noch schlimmer. Unser Hotel am Stadion lag direkt neben der Fanmeile. Und am Spieltag, bei der Fahrt ins Westfalenstadion, musste der Mannschaftsbus an jeder roten Ampel halten, weil die Polizeieskorte das Blaulicht nicht eingeschaltet hatte. Das sind nur Kleinigkeiten, aber die lenken dich ab – und das ausgerechnet vor so einem Spiel. Unter Fairplay verstehe ich etwas anderes.

Und was ist mit Torsten Frings und seiner nachträglichen Sperre für das Halbfinale?

Nello die Martino: Moment! Italien hat sich nie bemüht, dass Frings gesperrt wird. Warum hätten wir das tun sollen? Ich kann mich noch genau an die Pressekonferenz erinnern, als unser Nationaltrainer Marcello Lippi gesagt hat: »Egal ob Frings spielt oder nicht – wir sind stark genug.« Aber die Stimmung war nach der Sperre für Frings sehr aufgeheizt. Auf dem Weg ins Stadion standen die Leute an der Straße und haben uns den Stinkefinger gezeigt oder mit dem Zeigefinger über den Hals gestrichen. Was von draußen in das Spiel reingetragen wurde, das war nicht gut. Die Boulevardpresse hat Leute, die seit 40 Jahren hier arbeiten, als Spaghettifresser und Pizzabäcker verhöhnt. Das ist grausam. Ein bisschen Respekt muss schon sein.

Die Deutschen waren vor dem Halbfinale sehr zuversichtlich, dass sie auch ohne Frings gewinnen. Sie hatten noch nie ein Länderspiel in Dortmund verloren.

Nello die Martino: Das haben wir auch mitbekommen, das stand ja in jeder Zeitung. Aber wissen Sie was: Man sollte nicht so viel reden. Die Spiele werden auf dem Platz entschieden. Lippi hat mich immer gefragt, was die deutschen Zeitungen schreiben. Er hat dann gesagt: »Es steht immer noch null zu null.« Dass Deutschland die WM gewinnen soll, das war längst geplant. Aber wenn du so denkst, musst du aufpassen.

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