Italien-Legionär Alexander Merkel über Milan, Boateng und die Bundesliga

»Ich spiele ja nicht auf dem Mond«

Bereits mit 17 Jahren debütierte Alexander Merkel 2010 beim AC Mailand und gilt seitdem als größte deutsche Nachwuchshoffnung. Ein Gespräch über sein Leben in Italien, Kevin-Prince Boateng und die Bundesliga. Italien-Legionär Alexander Merkel über Milan, Boateng und die Bundesliga

Das Gespräch wurde bereits im September 2011 geführt und veröffentlicht. Zu dieser Zeit stand Merkel gerade frisch beim FC Genua unter Vertrag.

Alexander Merkel, entschuldigen Sie die Indiskretion gleich zu Beginn, aber wann war zuletzt der Abfluss Ihrer Dusche verstopft?


Alexander Merkel: Ähm, zum Glück noch nie. Wieso fragen Sie?

Es heißt, Sie seien nach Ihrem Wechsel vom AC Mailand zum FC Genua in die alte Wohnung von Ex-Bayern-Stürmer Luca Toni gezogen. Wer dessen wallende Mähne kennt, weiß, dass man da durchaus Sorgen haben könnte.

Alexander Merkel: Nein, nein, es ist alles in bester Ordnung. Hier stand nicht einmal mehr eine alte Tube Haargel von ihm herum (lacht). Ich habe auch erst im Nachhinein erfahren, dass ich die Wohnung von Luca Toni übernehme. Mich hat vor allem der Ausblick auf das Wasser überzeugt.

In der letzten Saison debütierten Sie als 17-Jähriger beim AC Mailand in der Champions League. Bereits bei Ihrem dritten Einsatz schossen Sie Ihr erstes Tor. Und gerade als man sich in Deutschland an den Gedanken gewöhnt hatte, dass sich ein deutsches Talent bei Milan durchsetzt, wechselten Sie überraschend zum FC Genua. Was ist passiert?

Alexander Merkel: Nichts. Ich wollte einfach nur regelmäßig spielen, denn nur so kann ich mich weiterentwickeln. Bei Milan hat man als junger Spieler anfangs eben nur wenige Einsatzzeiten. Um besser zu werden, muss man regelmäßig spielen. Deswegen habe ich mich entschieden, bei einem etwas kleineren Verein Spielpraxis zu sammeln. 

Um dann eines Tages wieder mir wehenden Fahnen in das Mittelfeld des AC Mailand zurückzukehren?

Alexander Merkel: Jetzt zählt erst einmal nur Genua. Aber Milan wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Ich bin mit 14 aus Stuttgart nach Mailand gezogen, habe von heute auf morgen allein im Milan-Internat gewohnt, ohne ein Wort italienisch zu sprechen. Heute spreche ich die Sprache fließend. Diese Zeit hat mich geprägt und wird mich immer an Milan binden. Ich habe dort wahnsinnig viel gelernt – über mich und über den Fußball.

Seedorf, Pirlo, Ronaldinho, Gattuso – wie gehen die Topstars beim AC Mailand mit einem 17-Jährigen Nachwuchstalent um?

Alexander Merkel: Respektvoll. Wie sich diese Spieler um mich gekümmert haben, war einmalig. Mit all ihren Erfolgen und ihrer Erfahrung hätte sie es nicht nötig gehabt, mir Tipps zu geben. Aber so denken diese Spieler nicht. Sie helfen einem, wo es nur geht.

Ach, kommen Sie, kein Schuhe putzen? Kein Hütchen einsammeln? Kein Bälle schleppen?

Alexander Merkel: Nein. Bei Milan war jeder gleich. Mein einziger Nachteil: Ich musste beim Aufwärmen immer als erstes in den Kreis. Aber damit kann man leben, wenn um einen herum ausschließlich Weltstars stehen.

Wie groß ist die Gefahr, dass man als junger Spieler in so einem Umfeld abhebt?

Alexander Merkel: Wer abhebt, hat schon verloren. Bei einem Weltklub wie Milan muss man sich jeden Tag zu 100 Prozent auf seine Leistung konzentrieren, sonst hat man keine Chance.

Nach Ihrem ersten Tor für Milan nannte Sie die Corrierre della Serra das »Baby-Genie«. So etwas lässt doch keinen kalt.

Alexander Merkel: Natürlich freut man sich, wenn man so etwas über sich liest, weil es die eigene Leistung wertschätzt. Aber ich bin ein junger Spieler, der noch sehr viel an sich arbeiten muss. Da habe ich keine Zeit, mich auf irgendwelchen Lobgesängen auszuruhen.


Aber Ihre Mutter sammelt zuhause schon alle Zeitungsartikel, die sich mit Ihnen beschäftigen?

Alexander Merkel: Das weiß ich gar nicht. Aber ich muss gestehen, dass ich mir den ein oder anderen Artikel aus der Zeitung gerissen habe. Als schöne Erinnerung.

Beim AC Mailand trafen Sie auch auf Kevin-Prince Boateng, den man hierzulande lange unterschätzt hat. Mittlerweile ist er ein zentraler Bestandteil im Spiel des AC Mailand. Hat seine Entwicklung Vorbildcharakter für Sie?

Alexander Merkel: Natürlich. Als Kevin hier herkam, haben nicht Wenige gedacht, er würde nur auf der Bank sitzen. Aber er ist ein überragender Fußballer – und ein positiver Mensch. Einer der ohne Pause an sich arbeitet, weil er den Willen hat, sich in allen Bereichen zu verbessern. An dieser Einstellung orientiere ich mich.

Wenn wir Ihnen einen Tipp geben dürfen: Außerhalb des Platzes sollten Sie sich nicht so sehr an Kevin-Prince Boateng halten. Sein Image als Rüpel hält sich hierzulande sehr beständig.

Alexander Merkel: Ich kenne Kevin sehr gut. Wir sind Freunde. Und ich kann ihnen sagen, dass ich selten einen cooleren Typen getroffen habe wie ihn. Haben Sie seinen Moonwalk im ausverkauften San Siro gesehen? Welcher Fußballer traut sich so etwas schon? Kevin ist einfach verrückt –  aber im positiven Sinne. Sein Image haben ihm Menschen verpasst, die ihn gar nicht kennen. Und wer ihn kennt, der weiß, dass dieses Bild nicht der Realität entspricht.

Was ist der größte Unterschied zwischen dem AC Mailand und dem FC Genua?

Alexander Merkel: Bei uns ist momentan nicht jede Position doppelt mit einem Weltklassespieler besetzt. Aber diesen Luxus haben nur die wenigsten Klubs. Ich glaube dennoch, dass wir eine starke Mannschaft haben, mit der wir die großen Vereine ärgern können.

Ärgern ist gut. Am dritten Spieltag war Genau sogar Tabellenführer, derzeit rangiert der Klub auf Platz drei. Das klingt nach einem Höhenflug.

Alexander Merkel: Wir sind richtig gut gestartet. Am letzten Spieltag haben wir dann unglücklich verloren. Aber hier hebt keiner ab. Im Verein herrscht genug Erfahrung, um zu wissen, dass die momentane Situation nur eine Momentaufnahme ist. Wir wollen oben dabei sein, aber dafür müssen wir auch hart arbeiten.

In Genua konnten Sie nach der Vorbereitung bisher leider nur ein Spiel machen. Derzeit arbeiten Sie an Ihrem Comeback. Reicht es für einen Einsatz am Wochenende gegen den FC Parma?


Alexander Merkel: Ich habe mir im ersten Pokalspiel einen vier Zentimeter langen Riss in der Oberschenkelmuskulatur zugezogen. Das braucht seine Zeit, bis es verheilt ist. Aber in dieser Woche konnte ich erstmals komplett an allen Trainingseinheiten der Mannschaft teilnehmen. Ich fühle mich gut und bin heiß auf mein erstes Ligaspiel. Am Ende entscheidet aber der Trainer, ob ich spielen werde.

Durch Ihre Verletzung hatten Sie zuletzt etwas mehr Zeit. Schaut man dann auch mal mit einem Auge in Richtung Bundesliga?

Alexander Merkel: Natürlich. Wenn ich die Zeit dazu habe, schaue ich mir viele Spiele live an. Mir gefällt die Bundesliga. Volle Stadien, tolle Fans, toller Fußball. Das macht Spaß.

So viel Spaß, dass Sie sich selber einmal vorstellen können wieder in Deutschland zu spielen? Als junger Spieler würden Sie doch toll zu Borussia Dortmund passen.

Alexander Merkel: Dortmund ist ein super Klub, aber das ist mein Heimatverein, der VfB Stuttgart, auch. Genauso der FC Bayern, Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach. Aber ich spiele derzeit beim FC Genua. Hier möchte ich durch meine Leistung überzeugen und ein besserer Fußballer werden. Was in der Zukunft passiert, kann man heute noch niemand sagen. Deswegen mache ich mir darüber auch keine Gedanken.

Sie haben bisher nahezu alle Jugend-Auswahlmannschaften des DFB durchlaufen, Haben Sie keine Angst, dass Sie durch Ihr Engagement in Italien ein wenig außerhalb des Radars des Bundestrainers liegen, wenn zeitgleich Spieler wie Mario Götze, Marco Reus oder Julian Draxler in der Bundesliga für Furore sorgen?

Alexander Merkel: Ich spiele ja nicht auf dem Mond. Aber erst einmal geht es für mich darum, mich bei einem Serie-A-Klub durchzusetzen. Ich muss mich verbessern, um konstant gute Leistungen zu bringen. Und wer weiß, vielleicht wird dann auch die Nationalmannschaft irgendwann mal ein Thema. Aber bis dahin ist es noch ein sehr, sehr langer Weg.

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