18.01.2012

Italien-Legionär Alexander Merkel über Milan, Boateng und die Bundesliga

»Ich spiele ja nicht auf dem Mond«

Bereits mit 17 Jahren debütierte Alexander Merkel 2010 beim AC Mailand und gilt seitdem als größte deutsche Nachwuchshoffnung. Ein Gespräch über sein Leben in Italien, Kevin-Prince Boateng und die Bundesliga.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

Das Gespräch wurde bereits im September 2011 geführt und veröffentlicht. Zu dieser Zeit stand Merkel gerade frisch beim FC Genua unter Vertrag.

Alexander Merkel, entschuldigen Sie die Indiskretion gleich zu Beginn, aber wann war zuletzt der Abfluss Ihrer Dusche verstopft?


Alexander Merkel: Ähm, zum Glück noch nie. Wieso fragen Sie?

Es heißt, Sie seien nach Ihrem Wechsel vom AC Mailand zum FC Genua in die alte Wohnung von Ex-Bayern-Stürmer Luca Toni gezogen. Wer dessen wallende Mähne kennt, weiß, dass man da durchaus Sorgen haben könnte.

Alexander Merkel: Nein, nein, es ist alles in bester Ordnung. Hier stand nicht einmal mehr eine alte Tube Haargel von ihm herum (lacht). Ich habe auch erst im Nachhinein erfahren, dass ich die Wohnung von Luca Toni übernehme. Mich hat vor allem der Ausblick auf das Wasser überzeugt.

In der letzten Saison debütierten Sie als 17-Jähriger beim AC Mailand in der Champions League. Bereits bei Ihrem dritten Einsatz schossen Sie Ihr erstes Tor. Und gerade als man sich in Deutschland an den Gedanken gewöhnt hatte, dass sich ein deutsches Talent bei Milan durchsetzt, wechselten Sie überraschend zum FC Genua. Was ist passiert?

Alexander Merkel: Nichts. Ich wollte einfach nur regelmäßig spielen, denn nur so kann ich mich weiterentwickeln. Bei Milan hat man als junger Spieler anfangs eben nur wenige Einsatzzeiten. Um besser zu werden, muss man regelmäßig spielen. Deswegen habe ich mich entschieden, bei einem etwas kleineren Verein Spielpraxis zu sammeln. 

Um dann eines Tages wieder mir wehenden Fahnen in das Mittelfeld des AC Mailand zurückzukehren?

Alexander Merkel: Jetzt zählt erst einmal nur Genua. Aber Milan wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Ich bin mit 14 aus Stuttgart nach Mailand gezogen, habe von heute auf morgen allein im Milan-Internat gewohnt, ohne ein Wort italienisch zu sprechen. Heute spreche ich die Sprache fließend. Diese Zeit hat mich geprägt und wird mich immer an Milan binden. Ich habe dort wahnsinnig viel gelernt – über mich und über den Fußball.

Seedorf, Pirlo, Ronaldinho, Gattuso – wie gehen die Topstars beim AC Mailand mit einem 17-Jährigen Nachwuchstalent um?

Alexander Merkel: Respektvoll. Wie sich diese Spieler um mich gekümmert haben, war einmalig. Mit all ihren Erfolgen und ihrer Erfahrung hätte sie es nicht nötig gehabt, mir Tipps zu geben. Aber so denken diese Spieler nicht. Sie helfen einem, wo es nur geht.

Ach, kommen Sie, kein Schuhe putzen? Kein Hütchen einsammeln? Kein Bälle schleppen?

Alexander Merkel: Nein. Bei Milan war jeder gleich. Mein einziger Nachteil: Ich musste beim Aufwärmen immer als erstes in den Kreis. Aber damit kann man leben, wenn um einen herum ausschließlich Weltstars stehen.

Wie groß ist die Gefahr, dass man als junger Spieler in so einem Umfeld abhebt?

Alexander Merkel: Wer abhebt, hat schon verloren. Bei einem Weltklub wie Milan muss man sich jeden Tag zu 100 Prozent auf seine Leistung konzentrieren, sonst hat man keine Chance.

Nach Ihrem ersten Tor für Milan nannte Sie die Corrierre della Serra das »Baby-Genie«. So etwas lässt doch keinen kalt.

Alexander Merkel: Natürlich freut man sich, wenn man so etwas über sich liest, weil es die eigene Leistung wertschätzt. Aber ich bin ein junger Spieler, der noch sehr viel an sich arbeiten muss. Da habe ich keine Zeit, mich auf irgendwelchen Lobgesängen auszuruhen.

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